Unterbrechung-Mittendrin

5 Minuten Zeit für Besinnung, Meditation, Impulse
mitten am Tag, in der Mitte der Woche

Idee und Gestaltung: GUIDO SCHÜRENBERG – 0176-57756953 – guido.schuerenberg@besinnzeit.de

Foto: Phillipp Becke

Kapitalismus ist für Christen ausgeschlossen,

wenn man der Mahnung Jesu im Lukasevangelium traut: »Niemand kann zwei Herren gleichzeitig dienen. Wer dem einen richtig dienen will, wird sich um die Wünsche des anderen nicht kümmern können. Er wird sich für den einen einsetzen und den anderen vernachlässigen. Auch ihr könnt nicht gleichzeitig für Gott und das Geld leben.«(Lk 16,13)

Radikal fordert er diese Priorisierung von denen, die sich als Gottes Volk bezeichnen und im Tempel, angesichts der Geldwechsler und Händler, die mit dem Glauben und den Opferriten ihr Geschäft machen, wird der sonst so sanfte Jesus sogar handgreiflich und stürzt Wechselstuben und Auslagen um und klagt die Religionsführer und Priester in Gottes Namen an: »In den Heiligen Schriften steht, dass Gott erklärt hat: ›Mein Tempel soll eine Stätte sein, an der die Menschen zu mir beten können!‹ Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!« (Mt 21,13)

Wieviel Räuberhöhle steckt in unserem (Kirchen-) Leben?

Geld ist Macht und schafft Abhängigkeiten. Und „wes’ Brot ich ess’ des’ Lied ich sing“,

Jesus will eine eindeutige Lebens-Entscheidung für das, was er das Reich Gottes nennt oder in der Tradition der indigenen Völker Lateinamerikas das Buen Vivir, das gute Leben für alle.

Diese Priorisierung wird dagegen von evangelikalen Christen geradezu umgekehrt, wenn es um Geldanlagen geht:

„Nicht um Rendite zu erzielen, nein, »zum Ruhme Gottes« solle man sein Geld investieren! Und das am besten beim US-amerikanischen Fondsanbieter Inspire und bei seinen nach christlichen Grundsätzen gestalteten Indexfonds. Eine »biblisch verantwortungsvolle Geldanlage« sei damit möglich, heißt es auf der Website von Inspire.“ (zeit.de)

Investitionen in nachhaltige, ökologisch und sozial orientierte Projekte und Fonds sind eine bessere, gerechtere und vielleicht auch „christlichere“ Alternative für eine lebenswerte Zukunft – für alle Menschen auf diesem Planeten.

GS 22. Sept 2022


Spaltende Pharisäer

Seit den öffentlich sicht- und hörbaren Flügelkämpfen in der deutschen Bischofskonferenz in der 4. Vollversammlung des Synodalen Weges, erinnert mich die Gruppe der auf die unveränderbare Lehre der Kirche zur menschlichen Sexualität verweisenden und ihren Amtseid betonenden Bischöfe nochmal mehr an die Pharisäer im Lukasevangelium. Eine kleine Gruppe von Bischöfen, verhindert die Annahme des Grundtextes zur Sexuallehre der Kirche „Leben in gelingenden Beziehungen“ mit ihrer Sperrminorität, trotz 82% Zustimmung der Versammlung.
Diese „rechtgläubigen Pharisäer“ versuchen die menschenzugewandte Botschaft Jesu und seine Praxis der Nähe zu den von den Religionshütern ausgegrenzten „Zöllnern und Sündern“ zu diskreditieren, als gegen das göttliche Gesetz. Jesus hält ihnen entgegen, dass gerade diese „Sünder“ oft ehrlicher Gott suchen als die Gesetzesfixierten, die jede Barmherzigkeit und Liebe Gottes negieren und Gott auf das Gesetz reduzieren.

Genau wie in der Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern seiner Zeit geht es offensichtlich im Synodalen Weg einigen einflussreichen Bischöfen bei den katholischen Reformbemühungen um die Deutehoheit in Glaubensfragen und um den klerikalistischen Machterhalt – Spaltung in Kauf nehmend.

Diese Exklusivität macht auch Bischöfe fassungslos: „Wir haben das Evangelium zu bezeugen. … Tradition darf uns nicht fesseln, sondern muss uns stark machen. Aussagen, dass sich jemand überhaupt nicht ändern will, dazulernen will, helfen überhaupt nicht weiter.” (Helmut Dieser, Aachen)

Im Buch Exodus 32 berichtetdie Geschichte vom Goldenen Kalb ebenfalls über einen Machtkampf um die Deutehoheit des Willens Gottes zwischen Moses, dem charismatischen Führer und seinem Bruder Aaron, dem Vertreter der wortgewaltigen Priesterschaft.

Hier wird das „Früher und Besser“ in Gold gegossen und götzengleich verehrt, was den Zorn Jahwes provoziert.

Um dem Anspruch „das Evangelium in der Lebenswelt heute zu bezeugen“ nachzukommen muss eine Weiterentwicklung der christlichen Lehre möglich sein, um Lebensfragen der Menschen eine glaubwürdige und lebbare Antwort anbieten zu können.

GS 14. Sept 2022


Ganz oder gar nicht,

take it or leave it, keine halben Sachen machen, don’t be a maybe, … wir kennen diese Sprüche, die uns zur Entscheidung für etwas Existenzielles auffordern: Ausbildung, Arbeitsstelle, Engagement im sozialen, ökologischen, politischen Feld, …  – eine Lebensentscheidung
Wir sehen die Folgen von Halbherzigkeit und Lustlosigkeit, Vorbehalten, Zögern, Selbstüberschätzung, Abhängigkeit von Interessengruppen und Ideologien … z.B. in den existenziellen Krisen unserer Zeit, wie der Erderwärmung.

Auch Jesus fordert im Lukasevangelium zum radikalen „Reifetest“ auf: »Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein. … Niemand von euch kann mein Jünger sein, wenn er nicht zuvor alles aufgibt, was er hat.« (Lk 14)

Es geht um die Bereitschaft sich von familiären und materiellen Abhängigkeiten zu lösen, um Selbsterkenntnis und Selbstannahme. Jesus macht diese Bereitschaft zur ultimativen Voraussetzung sich auf den Weg mit ihm einzulassen. Sein Weg ist der Kreuzweg, ein Weg der Selbstlosigkeit, des Engagements für die Benachteiligten und Ausgegrenzten, der Solidarität, der Anfeindungen, des Leidens, … Es geht um Konsequenz aus einer Entscheidung für…!

Schon z. Zt. Jesu und der ersten christlichen Gemeinden, für die dies Evangelium geschrieben wurde, war das kein attraktives Angebot, mit dem man eine große Reichweite und viele Mitglieder gewann. Es war elitär, extrem. Entsprechend waren die ersten mönchischen Gemeinschaften. Die diesen Weg konsequent gingen, wurden Heilige genannt.
Auch in unserer Jetzt-Zeit gibt es Menschen, die diese Radikalität in unserer Wohlstandsgesellschaft leben, wie den Jesuiten Jörg Alt, „Schon lange quält mich die Frage, wie man wachsender Armut, Ungleichheit, Klimakatastrophe usw. begegnen kann. Denn die guten Ideen sind ja alle da – warum kommt man nicht ins Handeln? …“ – Vorbild auch für uns „good will“-Christen?

GS 6. Sept 22

Foto: Bayu Hartanto

Mangelndes Selbstbewusstsein

findet sich im politischen Geschäft und in Wirtschaftskreisen eher selten. Selbstbewusstes Auftreten scheint der Schlüssel zum Erfolg zu sein – in einer von Männern geprägten Gesellschaft.

Dieses Verhalten ist sprichwörtlich: Sich in den Vordergrund spielen, Aus der Reihe tanzen, Immer das erste Wort haben wollen, Die Debatte bestimmen, …

Machtbewusstes Verhalten sichert mediale Aufmerksamkeit, auch wenn man nur geringen politischen Rückhalt hat oder Fakten ignoriert.- Hauptsache ICH.

Solche Rang-eleien können wir wieder in diesen Tagen auf der politischen Show-Bühne sehen., wo es angesichts zunehmender sozialer Spannungen um effektive und gerechte Entlastungspakete geht,

Zur Zeit Jesu scheint es auch schon so in gesellschaftlichen und politischen Kreisen gewesen zu sein. Jedenfalls wird von Jesus im Lukas-Evangelium erzählt, dass er bei einer Tischgesellschaft, zu der er von einem angesehenen religiösen und politischen Funktionär eingeladen wurde, weil er mit seinen Predigten, seiner Botschaft und seinem Handeln viel Aufmerksamkeit im Volk erhielt, er dieses Verhalten beobachtet, genau wie auch er im Fokus der Aufmerksamkeit ist (“… und die dort versammelten Männer beobachteten ihn genau”) Jesus kommentiert die gesellschaftlichen Hahnenkämpfe, das Gieren nach Aufmerksamkeit, das unberechtigte Vordrängen in der Tischordnung, die Rangeleien um die besten Plätze, nah bei den Mächtigen und Einflussreichen und provoziert so die Tischgesellschaft und den Gastgeber:

»Jeder, der sich selbst ehrt, wird gedemütigt werden; aber wer sich selbst erniedrigt, wird geehrt werden.« (Lk 14,11)

Umkehrung der gesellschaftlichen Zu- und Unterordnungen? Selbsterniedrigung als christliche Demut?

Nein, es geht um den zwischenmenschlichen Umgang, um Achtung und Selbstachtung und darum, einander wahrzunehmen und nicht nur zu beobachten oder gar zu belauern.

Selbstbewusstes Positionieren mit eigener Meinung, fundiertem Wissen und Mut zum Dienst an der Gemeinschaft.

GS 31. Aug 2022


Wer zu spät kommt

… den bestraft das Leben! Reaktion des russischen Diplomaten Gerassimow, irrtümlich dem damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow zugeschrieben, angesichts der Entwicklungen in der DDR kurz vor dem Mauerfall 1989.
Chance auf Entwicklung, auf Veränderung nicht genutzt, weil die politische Kaste nur auf Machterhalt ausgerichtet war und das Wohl des Volkes und die ökologischen und sozialen Entwicklungen ignorierte. Politisch notwendige Reformen und Entscheidungen wurden vertagt, verschoben, abgetan.

Chance vertan an einer besseren Zukunft teilzuhaben und diese mitzugestalten zum Wohle aller. – Oder sich bewusst dagegen entschieden; nach mir die Sinflut. Hauptsache jetzt es mir gut gehen lassen.

Angesichts unserer bedrohten Zukunft auf diesem Planeten reagieren auch heute viele mit Verweigerung. Veränderung, insbesondere meines Verhaltens, meiner Gewohnheiten und Vorlieben macht unsicher, Angst, handlungsunfähig, … Sich entscheiden für das Richtige, das Gute bedeutet möglicherweise Verzicht, braucht Mut, ist unbequem, verlangt die eigene Komfortzone zu verlassen.

Die Hoffnung auf ein Gutes Leben für alle motiviert und trägt.

Den Verweigerern, den Unentschlossenen, den „zu spät kommenden“ prophezeit das Lukas-Evangelium mit den Worten Jesu: „Da werdet ihr dann jammern und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr die Visionäre und Mahner, die Propheten in Gottes neuer Welt seht, doch ihr selbst seid ausgeschlossen.“ (Lk 13,28)

Also jetzt sich entscheiden für eine lebenswerte Zukunft, für das Leben, für Gottes neue Welt und diese mitgestalten.

GS 23. Aug 2022

Foto: Ruth Möller

Frieden schaffen ohne Waffen

war der Berliner Appell von DDR-Oppositionellen im Januar 1982 überschrieben, der auch in der Friedensbewegung der Bundesrepublik übernommen wurde und zum Widerstand gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen aufrief, um eine dauerhafte europäische Friedensordnung zu ermöglichen. Dahinter standen pazifistische Grundhaltungen, die sich auf die Bergpredigt bezogen, den Kern der Botschaft Jesu vom Gottesreich der Gerechtigkeit und des Friedens.

„ … Frieden schaffen ohne Waffen – das bedeutet nicht nur: Sicherheit zu schaffen für unser eigenes Überleben. Es bedeutet auch das Ende der sinnlosen Verschwendung von Arbeitskraft und Reichtum unseres Volkes für die Produktion von Kriegswerkzeug und die Aufrüstung riesiger Armeen junger Menschen, die dadurch der produktiven Arbeit entzogen werden. Sollten wir nicht lieber den Hungernden in aller Welt helfen, statt fortzufahren, unseren Tod vorzubereiten?
‘Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen’ (Jesus von Nazareth in der Bergpredigt) …“

Karrikierend wurde Jesus in den 80ern als softer Hippie dargestellt und konservative, christliche Politiker bestritten, dass man mit der Bergpredigt realistische Politik machen könne.

Immerhin wurden Abrüstungsverhandlungen möglich und „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“ war auch im Mainstream akzeptabel. Parallel orientierten sich die Bürgerrechts- und Ökologie-Bewegungen am gewaltfreien Widerstand Mahatma Gandhis.
Christlich inspirierte Pazifisten werden immer wieder irritiert, wenn sie mit der Aussage Jesu, nur wenige Kapitel nach der Bergpredigt konfrontiert werden „Meint nur nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Nein, ich bringe Auseinandersetzung!“(Lk 12,51)

Die Botschaft Jesu provoziert, fordert heraus sich auf eine Lebensweise einzulassen, die quer steht zu den gängigen gesellschaftlichen Vorstellungen vom Recht des Stärkeren, von Macht und Erfolg, … Jesus sagt, dass das Reich Gottes da gelebt wird, wo die Sanftmütigen und Friedenstiftenden, die für Gerechtigkeit Kämpfenden und politisch Verfolgten Gottes Willen tun und sich für ein Gutes Leben für alle einsetzen.
GS 16. Aug. 2022

Foto: Nastja Drofa

Roadsongs

sind mir das erste Mal begegnet im Film Easy Rider (1969), dem Road-Movie schlechthin. Roadmovies beschreiben immer auch eine Entwicklung der Charaktere und Akteure über einen längeren Zeitraum, die lebensentscheidenden Begegnungen, Er-Fahrungen, Ereignisse, …. In diesen Lebensentwicklungsgeschichten finden wir uns wieder mit unseren eigenen Fragen, Er-Fahrungen und Entwicklungen. Roadmovies wie Easy Rider, Into the wild, Little Miss Sunshine, Nomadland, … sind Ausdruck des Lebensgefühls ganzer Generationen und die Filmmusik unterstreicht dies.
Im Film Vaya con Dios(dt. 2002) markiert ein altes Kirchenlied den Wendepunkt: Wer nur den lieben Gott lässt walten. Beeindruckend -auch für Nicht-Religiöse- und genial interpretiert hat es mir wieder Zugang eröffnet zu den Roadsongs meines Lebensweges auch in anderen wegweisenden religiösen Liedern, die mich geprägt und begleitet haben.

Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt, titelt der große spirituelle Denker Johannes Bours. Und immer wieder kommen wir an Weggabelungen und Abzweigen, kreuzen sich unsere Wege mit anderen, müssen wir uns entscheiden, wie es weitergehen soll mit uns und der Welt, die wir beleben. Die Wegwahl braucht Klarheit, die erbetet werden will, um als Weg mit Gott -vaya con dios- erkannt zu werden. Das Lukasevangelium (9,28b-36) erzählt von einer solchen lebensentscheidenden und klärenden Gebetserfahrung Jesu und seiner auserwählten Jünger auf einem Berg, dem biblischen Ort der Gottesbegegnung.

Gerne höre ich die Roadsongs meines Lebens in mir nachklingen und entdecke neue Möglichkeiten und impulsierende Songs:
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, Verricht das Deine nur getreu Und trau des Himmels reichem Segen, So wird er bei dir werden neu; Denn welcher seine Zuversicht, Auf Gott setzt, den verlässt er nicht. (Gotteslob 424)

GS 8. August 2022


Zuviel haben und immer noch mehr wollen

Seit 5 Monaten sieht CDU Chef Friedrich Merz den Höhepunkt der Wohlstandsrepublik Deutschland überschritten. Im Klartext: Er rechnet mit Einschränkungen unseres gewohnten Lebensstandards in starkem Umfang. Verzicht hört sich nach Einschränkungen, Opfer bringen, Armut, … an. Wir lassen es uns gerne gut gehen, zu unserem Wohlstand gehört Konsum, „uns etwas leisten können!“ Daran haben wir uns gewöhnt – und nun das, wegen eines Krieges, den wir nicht gewollt haben, aber von dessen Ausgang unsere wertebasierte, freiheitliche Gesellschaft unmittelbar betroffen ist.

Einer der Gründe für diesen Angriff auf die Freiheit und Selbstbestimmung der Völker ist die Habgier, die Gier immer mehr haben zu wollen, Geld, Ressourccen, Macht, …

Dieser weitverbreiteten Sucht entgegen steht die Selbstgenügsamkeit, sich zufrieden geben mit dem was man hat, aufgrund eigener Leistung oder als Geschenk, mit biblischen Worten: als unverdiente Gnade.

Von der Sucht immer mehr haben zu wollen, ja zu müssen scheint unsere Wachstums-Wirtschaft abhängig zu sein. Die Folge ist die Spaltung der Gesellschaft in die, die haben und die „Habenichtse“, in Gewinner und Verlierer. In seinen Lebensdeutungen warnt Jesus im Lukasevangelium: »Gebt Acht! Hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn der Mensch gewinnt sein Leben nicht aus seinem Besitz, auch wenn der noch so groß ist.«

Mich frei machen von der Sucht des immer mehr haben wollen schenkt Freiheit, Lebensqualität, ermöglicht Sekundenglück, … – ein Gutes Leben für alle. Vielleicht hilft diese Selbstbescheidung auch die Spaltung zwischen Arm und Reich zu überwinden.

Der Weise Kohelet kommt zu dem Schluss: „Genieße jeden Tag mit den Menschen, die du liebst, solange das Leben dauert, das Gott dir unter der Sonne geschenkt hat, dieses vergängliche und vergebliche Leben. Denn das ist der Lohn für die Mühsal und Plage, die du hast unter der Sonne.
Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz. Denn du bist unterwegs zu dem Ort, von dem kein Mensch wiederkehrt.“ (Koh 9)

GS 2. August 2022


Wenn et Bedde sich lohne däät (zu Lukas 11, 1-13)

sangen BAP mit Wolfgang Niedecken 1982 und brachten die Anfrage der Gottes-Skeptiker auf den

Punkt: Was bewirkt die Hinwendung zu Gott*, zu einem höheren Wesen. Ist Beten ein Geschäft mit Gott*, dass er/ sie etwas zu meinen Gunsten bewirkt, „es lohnt sich zu beten“ Oder ist Gebet Ausdruck von Hoffnung, Anvertrauen an den, der sich als ICH-BIN-DA offenbart?
Der intensive Gebetskontakt Jesu mit seinem GOTT*, den er als „Vater“ bezeichnet, hat attraktiv auf seine Jünger*innen gewirkt, denn sie bitten ihn: »Herr, sag uns doch, wie wir beten sollen.« (Lk 11)
Beten als Ausdruck der Gottesbeziehung ist in allen Religionen vertraut, aber wie beten? Welche Gebetshaltung und -Inhalte, wie ist Beten authentisch?

Beten ist kein Smalltalk mit GOTT* und keine Show: »Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich, damit sie von allen gesehen werden.« (Mt 6) Was er-beten wird ist eine verändernde inspirierende Haltung, ein Empowerment sich einzusetzen für Gerechtigkeit und Frieden, für SCHALOM. „Darum sage ich euch: Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet!“
Wolfgang Niedecken ist dem auf der Spur: „… Vielleicht beneide ich auch die, die glauben können. Gott, wäre Beten doch bloß nicht so sinnlos, denn oft denke ich, wir wären bald schon an dem Punkt, wo egal wird, wer Recht hat, … Wir sind alle zusammen auf dem Kreuzweg, etwa da, wo man das dritte Mal fällt, … Ja, wenn das Beten sich lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde, beten würde?“

Was beten und er-beten wir heute, 40 Jahre später in dieser weltweiten Krisenzeit? Wirkt ein Netzwerk von Betenden?
„Lasset uns beten“, im Vertrauen auf den mitgehenden ICH-BIN-DA-Gott*:
„Ohne Prioritäten, einfach so, wie es käme, finge ich an, … trotzdem: Jeder und jedes käme dran. Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält, für all das, was sich wohl niemals ändert, klar, und auch für das, was mir gefällt. … Ja, wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät, bedde däät.”

GS 26. Juli 2022


Gute Wahl!

Da war sie wieder zu hören, die alte Leier von den 3 K: Kinder, Küche, Kirche als Bestimmung für das Frau sein. Diesmal vermeindlich aus dem Munde Jesu, respektive seines Evangelisten Lukas im 10ten Kapitel:. Die voreheliche Wahlfreiheit von Marta und Maria zwischen Küche und Kirche, wobei die kirchlichen Übersetzer natürlich Maria das „bessere“ wählen lassen.
Wenn man die ideologie-getönte Brille ablegt und genauer hinsieht, liest und hört geht es in dieser Begegnungsgeschichte um zwei Berufungen für Frauen zu kirchen- und gesellschaftsnotwendigen Diensten. Jesus sieht und erlebt eine sich als Älteste verantwortlich fühlende Marta in ihrer Sorge um das Wohlergehen ihrer Gäste und spürt ihre innere dahinter liegende Zerissenheit und Sorge um die ungerechte Gesellschaftsordnung, im täglichen Erleben von Armut, Hunger und Ausbeutung.

Und er sieht die jüngere Schwester Maria unbekümmert, hörend, nachdenkend, achtsam, …, die seine befreiende Botschaft von Gerechtigkeit und Liebe verinnerlicht. Er spricht Marta Wahlmöglichkeit der Lebensgestaltung zu. Maria, sagt er habe das Gute gewählt und das könne ihr niemand mehr nehmen. Marta dagegen ist in sich Zerrissen in Sorge um die Welt und die Menschen, die ihr nahe sind. Sie meint keine Wahlfreiheit zu haben, die gesellschaftliche Ordnung stehe dem entgegen mit ihrer Rollenzuweisung als ältere Schwester und Kümmerin. Jesus fordert Marta auf sich von dieser inneren Zerissenheit, Sorge und Fixierung zu lösen und das für sie Gute und Wichtige zu wählen.

Grundvollzüge des Christseins sind „Kampf und Kontemplation“ (Roger Schutz). Kampf für eine bessere, gerechte Welt und die Erschließung der befreienden Botschaft Jesu im Hören, Nachdenken, Deuten auf unsere Zeit hin und sie glaubwürdig zu leben.

Ermöglichen und fördern wir in Kirche und Gesellschaft Wahlmöglichkeiten für einen gut tuenden Lebensweg für alle Menschen, uneingeschränkt durch Geschlecht, Herkunft und gesellschaftliche, religiöse Normierungen.

GS 19. Juli 2022

Foto: Kristin Langen

Motivation: Gutes Leben für alle

Lebensbedrohlich ist das, was wir derzeit weltweit an kriegs- und klimawandelbedingten, menschenverursachten Katastrophen erleben. Hoffnung auf eine bessere Zukunft oder gar ein Gutes Leben für alle? – Überlassen wir besser den Phantasten und esoterischen Utopien!
Da wirkt die Erzählung vom Barmherzigen Samariter im Lukasevangelium irreal, fast surreal. Sie gibt Antwort auf die Frage eines Theologen an Jesus, wer denn der Mitmensch sei, den es zu lieben gilt:

Ein ausländischer Reisender hilft einem Opfer von Strassenräuberei, dessen Not und Leid sowohl von einem vorbeieilenden Seelsorger als auch einem Kultangestellten ignoriert wird. Er versorgt die Wunden und bringt ihn ins nächstlgelegene Gasthaus und übernimmt auch noch die Kosten für die weitere Behandlung durch Profis.

Soviel selbstlose Nächstenliebe war schon zur Zeit Jesu nicht selbstverständlich und wird nun zum motivierenden Beispiel für christliche Nächstenliebe und humanitäre Organisationen weltweit bis heute. (z.B. Arbeiter-Samariter-Bund)

Angesichts weltweiter Krisen und Konflikte, die die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten existenziell bedrohen, brauchen wir uneigenützige, barmherzige Samariter*innen, inspiriert und motiviert von der (urchristlichen) Idee des GUTEN LEBENS für alle, des Buen Vivir. Diese zielt vereinfacht dargestellt auf materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit für alle Mitglieder der Gemeinschaft, jedoch nicht auf Kosten anderer Mitglieder und nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen, und kann als „Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur“ verstanden werden. Seit 2010 wird dies als internationales Ziel menschlichen Zusammenlebens diskutiert. In vielen humanitären Organisationen wird diese Idee von freiwilligen und engagierten Menschen jeden Alters gelebt, damit die Menscheit eine lebenswerte Zukunft auf dieser Erde hat.

Zum Abschluss der Geschichte fordert Jesus den und die Fragenden auf: „Dann geh und mach es ebenso!“

GS 12. Juli 2022

Foto: Guido Schürenberg – Texel2022

Survival of the Fattest

heißt dieses Mahnmal von Jens Galschiøt im Hafen von Koopenhagen, aufgestellt 2009 zur UN-Klimakonferenz. Die 3,5 Meter hohe Bronze-Skulptur zeigt eine riesige dicke Frau aus der westlichen Welt, die auf den Schultern eines verhungernden afrikanischen Jungen sitzt: Die Frau hält eine Waage, das Symbol der Gerechtigkeit, ihre Augen sind jedoch geschlossen. Hierdurch soll dargestellt werden, dass die Gerechtigkeit in Selbstgerechtigkeit degeneriert ist. Zudem stellt es die mangelnde Bereitschaft dar, die offensichtliche Ungerechtigkeit zu sehen.

Inzwischen steht das Wasser den armen Ländern des globalen Südens bis zur Unterlippe und die Selbstgerechtigkeit der Reichen hat eher zugenommen.

Die Organisationen des Sozialen Dienst für Frieden und Versöhnung (SDFV) im Bistum Aachen entsenden in diesem Jahr 18 junge Menschen als Freiwillige in Länder des globalen Südens. Ihr entwicklungspolitischer Lerndienst soll sie für diese weltweite Ungerechtigkeit sensibilisieren. Sie werden mit Armut und Hunger, ungerechter Ressourcenverteilung und Ausbeutung, den fatalen Folgen des Klimawandels, mit Überschwemmungen und Dürre konfrontiert werden.

Im Lukasevangelium hören wir von der Aussendung Freiwilliger. Diese brennen für Jesu Botschaft von Gottes Friedensreich:

Geht nun und denkt daran: Ich schicke euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe.
Nehmt kein Geld, keine Tasche und keine Schuhe mit. …
Wenn ihr in ein Haus kommt, dann sagt: ›Friede sei mit euch allen!‹
Wenn dort jemand Gottes Frieden bereitwillig annimmt, so soll der Friede, den ihr bringt, bei ihm bleiben.

Die Botschaft Jesu, die die Jünger*innen verkünden ist ein Friedens- und Versöhnungsangebot an Menschen, die dafür offen sind. Sie begegnen sich auf Augenhöhe und mit Respekt vor den anderen, ihren Lebensumständen, ihren Werten, ihrer Kultur. Für eine Zeit lang teilen sie Wohnung, Essen, Arbeit und Erfahrungen, um dann wieder zu Jesus und ihren Freund*innen zurückzukehren, über ihr Lernen zu berichten und ihre Erfahrungen auszutauschen.

Diese motivierenden Erfahrungen wünschen wir auch den Freiwilligen für ein nachhaltiges und glaubwürdiges Engagement für eine gerechtere Welt.

GS 5. Juli 2022

Survival of the Fattest im Hafen von Kopenhagen zur Klimaschutzkonferenz Foto: Jesse Walker 2010

Auf dem Balkon

Anlässlich einer Erstkommunion habe ich mal wieder an einer Messfeier teilgenommen, wobei „teilnehmen“ der falsche Begriff ist für mein dabei sein. Teilnahme hat für mich mit sich angesprochen fühlen, sich beteiligen können, kommunizieren, in Beziehung zu den Mitfeiernden treten, … zu tun – und letztlich auch eine Ahnung von der Anwesenheit Gottes zu bekommen.

Ich fühlte mich wie die beiden zynischen Alten auf dem Balkon der Muppet-Show: Zum Konsum eines Spektakels veranlasst, das nichts mit mir, wenig mit den Kommunionkindern und ihren Familien und irgendwie auch nicht spürbar mit Gott zu tun hatte: Der liturgische Dress-Code der Zelebrierenden und ihrer „Assistent_innen“ ist aus der Zeit gefallen und bei 32° Feiertemperatur ohnehin auch für gutwillige, leichtbekleidete Gäst_innen nicht nachvollziehbar. Die sprachliche Anmutung hätte eines katechetischen Simultandolmetsches bedurft und die mit drei Kameras hochgerüstete Fotografin bewegte sich auf der Suche nach dem Instagram-tauglichen Snapshot wie ein Elefant im liturgischen Porzellanladen. Anlass und Inhalt – nebensächlich!

Im Unterschied zu den nörgelnden Alten war mir auch das Nörgeln genommen, außer geflüsterten Randbemerkungen zu meinem ohnehin kirchendistanzierten Schwiegersohn.

Kirche war mein (Glaubens-) Biotop seit Geburt, später berufliche Existenzgrundlage und ehrenamtliches Engagement-Feld in unterschiedlichen Formen und Formaten. „… aus Gnad in seine Kirch“ berufen.

Das Biotop ist zur Showbühne geworden – und vielleicht schon lange gewesen. Ich, der Mitspieler und Akteur ging in den Ruhestand auf den Balkon, kopfschüttelnd, die eigenen Erfahrungen im Kirchen-Biotop retrograd euphemisierend.

Jesus sagt im Lukasevangelium zu mir als Berufenem: „Folge mir nach … und … Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“

Der Balkon wird zum Verkündigungsort. Das Glaubens-Biotop entsteht im Austausch über die biblische Botschaft und ihre Wirkung in meinem / unseren Leben. Neue Kirche leben und werden im Vertrauen auf den „Ich-Bin-Da-bei Euch“ alle Tage -und Nächte- meines Lebens.

GS 28. Juni 2022

Foto: Guido Schürenberg

Wenn die Begeisterung fehlt

„Rot-Weiss Essen steigt auf – und die ganze Stadt bebt“ so titelt die WAZ am 15. Mai und als Herkunfts- und Gefühls-Essener kann ich das gut nachvollziehen und Erinnerungen kommen hoch. Genau wie beim „Absturz und Aufstieg. Schalke 04 lebt wieder auf“ (LigaLive).

Treue und Begeisterung, zeichnen Fußball Fans aus . Bei den beiden genannten Vereinen kommt hinzu die enge Verwurzelung mit der Stadt und das Ruhrpott-Milieu.

Synodale Prozesse auf Orts-, Deutschland- und Weltebene wollen und sollen nach dem Absturz der Katholischen Kirche weltweit durch Macht- und Sexuellem Missbrauch diese Kirche erneuern und so aus der Krise führen. Geistliche Besinnung, Systemanalyse, Themengruppen, Synodalkreise, Changemenagement, … sollen das Aggiornamento der Kirche in der Welt von heute bewirken.
Wenn es diesmal gelänge, wäre das zukunftsfähig oder nur ein System-Update ohne wirkliche Veränderung und Neubesinnung? Wein in alten Schläuchen? (Lk 5,38). Kirchlichen Reformprozessen steht die Tradition, die als Unverrückbar gilt, im Weg. In den Anfängen des Christentums standen synodale Wege vor hierarchischen Entscheidungen (Apg 15). Die damaligen Entscheider verwiesen auf Grundentscheidungen Gottes – in dem Fall bei den Bedingungen zur Mitgliedschaft der neuen Glaubensgemeinschaft: „Er hat ihnen genauso wie uns den Heiligen Geist geschenkt. … wir sollten den Menschen aus den anderen Völkern, die sich Gott zuwenden, nicht eine unnötige Last auferlegen“. Methode und Autorität dieser Grundsatz-Entscheidung zur Kirchengliedschaft wird dabei deutlich gemacht: „Vom Heiligen Geist geleitet, haben wir nämlich beschlossen …“ – Das sollte stilbildend für wirkliche und wirksame synodale Prozesse auch in unserer heutigen Kirche sein.

Der Aufstieg in den Fußball-Ligen bedeutet auch, Strategien zu überdenken, Taktiken zu verändern, Trainer*innen und Funktionär*innen zu entlassen, neue Spieler*innen zu verpflichten, um sich den Herausforderungen der Zukunft stellen zu können.
Der Treue der Fans kann man meist gewiss sein, wenn der Spirit überkommt und mitgetragen wird. Eine begeisternde Kirche mit Zukunft, weil sie am Leben der Menschen teilhat!

GS 24. Mai 2022


Hakuna Matata

aufgestickt auf dem Rangerhut, den eine sambische Freundin mir aus ihrer afrikanischen Heimat mitbrachte als Sonnenschutz für meinen nur spärlich behaarten Kopf.
Hakuna Matata „es gibt keine Probleme“ war 2013 Platz 5 der Jugendwörter in Deutschland und steht für eine Lebenseinstellung, die eher beschwichtigend wirkt, statt lösungsorientiert. … unpolitisch : take it easy, no rules, no responsibility, … wie die problem-free Philosophen Timbo und Pumba in König der Löwen singen.

Auch in der Bergpredigt des Matthäusevangeliums (6,24-34) scheint Jesus diese Sorglosigkeits-Philosophie zu predigen: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt, und um euren Leib, ob ihr etwas anzuziehen habt! … Können all eure Sorgen euer Leben auch nur um einen einzigen Augenblick verlängern?“
Das klingt zynisch in unserer Krisenzeit: Lebe den Augenblick und mach Dir keinen Kopf über das Danach, die Zukunft und die Deiner Kinder? Nein, Jesus weitet die individualistisch-libertäre Perspektive hin zur gemeinsamen Zukunft der Menschheit:
„Macht das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen, lebt in Gottes Gerechtigkeit, und er wird euch all das geben, was ihr braucht. … Deshalb sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug.“
Jesu redet unsere Sorgen nicht weg, sie sind menschlich, existenziell. Er fordert vielmehr zur Veränderung der Verhältnisse und der Einstellungen auf. Er fordert auf, sich auf seine Botschaft von Gottes gerechter Weltordnung einzulassen und diese zu leben, den Willen Gottes zu tun (Vater unser). Unsere täglichen Sorgen werden sich dann von selbst erledigen.

Unser Sorgen soll dem Zustand der Welt, dem „gemeinsamen Haus“ gelten, dem guten Leben für alle und nicht der individualistischen Freiheit auf Kosten der anderen und der Natur. Dann leben wir Gottes Weltordnung, politisch und lösungsorientiert, im Vertrauen darauf, dass Gott es gut mit uns und seiner Schöpfung meint.

Hakuna Matata, in der Hoffnung auf einen baldigen Frieden in Gerechtigkeit und Freiheit.
„Hakuna Matata! It means no worries for the rest of your days“

GS 17. Mai 2022


Verdrängt, aber wirksam

Wenig Beachtung und häufig ignoriert werden in diesen Kriegstagen Nachrichten rund um die Klimakrise unseres Planeten. So am 4. Mai der Earth Overshoot Day 2022 an dem Deutschland die anteiligen natürlichen Ressourcen für dieses Jahr bereits verbraucht hat und wir so den Rest des Jahres auf Kosten der Weltgemeinschaft leben.

„Der Earth Overshoot Day ist statistisches Rechenspiel mit bitterbösem Ergebnis, mit dem The Global Footprint Network zeigen will, wie groß unser Raubbau an der Natur ist. Dazu wird die Biokapazität unseres Planeten – die Fähigkeit der Natur, Rohstoffe jeder Art zu produzieren oder wieder herzustellen – mit dem ökologischen Fußabdruck der Menschheit verrechnet: Seit den frühen 1970er-Jahren ist unser jährlicher Verbrauch an natürlichen Ressourcen größer als die Regenerationsfähigkeit der Natur.“ (BR Wissen 4.5.22)

Oder die erschreckende Meldung vom 10. Mai: „Die UN sehen ein 50-prozentiges Risiko, dass sich die Erde temporär in den kommenden Jahren um 1,5 Grad erwärmt. Fast sicher sei bis dahin ein Hitzerekordjahr.“ (Zeit-Online, 10.5.22)

Vielleicht nehmen wir diese Warnzeichen nicht wahr, weil wir unser Verhalten ändern müssten. Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine merken wir finanziell an den Energiekosten und an den Lebensmittelpreisen. Die Übernutzung der natürlichen Resourcen und die Klimaveränderung merken wir allenfalls an zunehmender Trockenheit. Der Genuss des „schönen Wetters“ hinterlässt manchmal einen faden Beigeschmack, ist aber kein Anlass zu wirklicher Verhaltensänderung.

Flucht in die Ohnmacht, hoffnungslos?

Uns ist die Aufgabe gegeben diese Welt „gut“ zu erhalten, d.h. menschenwürdig und zukunftsfähig zu gestalten als Lebensgrundlage für die nachkommenden Generationen (1 Mose1,28f).

Wenn wir uns den Herausforderungen des Klimawandels stellen, unseren Lebensstil durch Verzicht ökologischer gestalten, können wir schon viel bewirken und trotz Krieg und Pandemie Ideen und Energien in die sozial-ökologische Transformation unserer Gesellschaft einbringen – Hoffnung schöpfen!

GS 11. Mai 2022

#weltretten #overshootday #sozialoekologischetransformation #unterbrechungmittendrin


Den Umständen entsprechend

Am Sonntag nach dem internationalen Gottesdienst der KHG sprach mich eine junge Frau aus Sambia an mit der üblichen Begrüßungsfloskel „How are you?“ Statt -wie üblich- zu antworten „Thank you , I’m fine“ entwich meinem Mund spontan und unüberlegt: „according to circumstances“. Sie schaute mich fragend an und bald waren wir im Gespräch über unsere Lebensumstände, die trotz schönem frühsommerlichem Wetter und „eigentlich müssten wir doch zufrieden sein“ vom Krieg in der Ukraine und von den Folgen des Klimawandels in ihrer Heimat geprägt waren.

„Das kommt auf die Umstände an“ ist mittlerweile in meinem Leben mehr als eine Gesprächs-Einstiegs-Floskel. Es ist ein Ausdruck der Abhängigkeit meines Wohlbefindens von der geopolitischen Situation und ihren Auswirkungen auf meine Umgebung, insbesondere meiner psychischen Verfassung.

Der weise, lebenszugewandte Prediger Kohelet schreibt ca. 250 vor unserer Zeitrechnung. Er schaut auf sein Leben und das der Menschen in seiner Umgebung, er sucht einen Sinn in all dem Chaos, der Ungerechtigkeit und dem Leid und fragt, wie wir uns demgegenüber als Gott Glaubende verhalten sollen, um glücklich zu sein:

„Alles hat seine Zeit, und für jede Situation gibt es ein entsprechendes Verhalten. Doch auf dem Menschen lastet eine schwere Not: Er weiß nicht, was auf ihn zukommt, und niemand kann ihm sagen, was die Zukunft bringt.

…. Dies alles habe ich begriffen, als ich beobachtete, was auf dieser Welt geschieht – einer Welt, in der einige Menschen Macht besitzen und die anderen darunter leiden müssen. … Das kommt mir alles so sinnlos vor!
Darum empfehle ich allen, das Leben zu genießen, denn es gibt für den Menschen nichts Besseres auf der Welt, als zu essen und zu trinken und fröhlich zu sein. Das wird ihn bei seiner Mühe begleiten das kurze Leben hindurch, das Gott ihm gegeben hat.“ (Koh 8,6-15)

Für mich heisst das: Einen wachen Blick auf die Welt und ihren Zustand zu haben, die Möglichkeiten meines Handelns zu nutzen und mich nicht der Ohnmacht hingeben, sondern mich freuen an den kleinen alltäglichen Dingen – und das Leben geniessen, trotz aller Mühe und oft widrigen Umständen.

GS 3. Mai 2022


Das Dilemma von eigentlich und offensichtlich

Ich bin Pazifist aus familiärer Prägung und christlich gereifter Überzeugung. Aber der nahegerückte, menschenverachtende und dasVölkerrecht auf Selbstbestimmung und Freiheit sabotierende Krieg in der Ukraine lässt meine Überzeugungen bröckeln und meine Gewissheiten schwinden.

So komme ich gerade jetzt angesichts der ukrainischen Forderungen nach schweren Waffen in das Dilemma des „eigentlich …, aber“, da ja meine/ unsere Werte und Grundüberzeugungen „offensichtlich“ nicht von Kriegstreibern und freiheitsfeindlichen Mächten mitgetragen bzw. ignoriert werden.

Der Konsens jüdisch-christlicher Werte in und für Europa, der mehr als 50 Jahre Frieden hier ermöglicht hat und den Beitritt zu dieser EU-Wertegemeinschaft auch für die sich nach dem Ende des Kalten Krieges neu orientierenden Staaten Ost-Europas attraktiv machte, ist offensichtlich nicht mehr tragfähig. Anders kann ich mir den „Erfolg“ nationalistischer Parteien in nahezu allen Ländern der EU nicht erklären.

In der orthodox-christlich gefeierten Karwoche bombardieren russische Soldaten mit dem Segen des orthodoxen, Moskauer Patriarchats schutzlose Zivilisten, während der katholische Papst Franziskus in seiner Osteransprache „ein Ende des Ukraine-Kriegs fordert und an Krisen weltweit erinnert. Der Frieden sei möglich, eine Pflicht und die vorrangige Verantwortung aller. … Jeder Krieg habe Auswirkungen für die gesamte Menschheit: von den Todesfällen über das Flüchtlingsdrama bis hin zur Wirtschafts- und Ernährungskrise, deren Vorboten derzeit bereits erkennbar seien“.
Und der, an dessen Leid und Tod sich die Christen der ganzen Welt-und auch Herr Putin- in diesen Tagen erinnern, fordert uns auf zu Nächsten- und Feindesliebe und zum Friedenstiften.

Vielleicht ist es ja ein Gebot der Nächstenliebe oder zumindest das kleinere Übel, die Ukrainer mit schweren Waffen zu unterstützen, damit sie ihre und unsere Freiheit verteidigen können gegen die nationalistische Aggression und für den Erhalt der freiheitlichen Werte.
Unsere Welt braucht Frieden, um gemeinsam die Folgen des Klimawandels bekämpfen zu können und eine lebenswerte Zukunft für alle zu sichern.

GS 19. April 2022


Feindesliebe und Vergebung

Papst Franziskus hat am Palmsonntag zu Vergebung und “Feindesliebe” gerade in Kriegszeiten aufgerufen.

“Ja, Christus wird in den Müttern, die über den ungerechten Tod ihrer Männer und Kinder weinen, nochmals ans Kreuz genagelt. Er wird gekreuzigt in den Flüchtlingen, die mit den Kindern im Arm vor den Bomben fliehen. Er wird gekreuzigt in den alten Menschen, die zurückgelassen werden und einsam sterben müssen, in den jungen Menschen, die ihrer Zukunft beraubt werden, in den Soldaten, die ausgesandt werden, um ihre Geschwister zu töten.”

Franziskus wandte sich angesichts globaler Probleme entschieden gegen eine egoistische Haltung: “sich selbst retten, sich um sich selbst kümmern, an sich selbst denken; nicht an andere, sondern nur an die eigene Gesundheit, den eigenen Erfolg, die eigenen Interessen denken”. Gottes Denkweise sei einer solchen Einstellung entgegengesetzt.

Es gehe darum, den Teufelskreis des Bösen und des Bedauerns zu durchbrechen: “auf die Nägel des Lebens mit Liebe zu antworten, auf die Schläge des Hasses mit der Zärtlichkeit der Vergebung”, so der Aufruf des Papstes. Die Vergebung Jesus gelte für alle und für jede Sünde. Keiner sei davon ausgeschlossen, “es ist nie zu spät”. (KNA)

12.April 2022


Realitätsfremd!

bezeichnete der Nach-Auszeit-immer-noch-residierende-Kardinal Woelki Papst Franziskus vor dem wichtigsten Beratergremium seines Bistums.

Welche Realität = Wirklichkeit ist gemeint, die dem Papst fremd sein soll?
Die immer massiver wirkenden Folgen des menschengemachten Klimawandels und unsere offensichtliche Unwilligkeit einschneidende Massnahmen dagegen mitzutragen?
Die nun schon 2 Jahre weltweit grassierende Pandemie und die Entsolidarisierung mit den Schutzbedürftigsten unserer Gesellschaft (Kinder, Alte, Immungeschwächte … )?
Den Menschen- und Völkerrecht verachtenden Krieg im Herzen Europas und unsere Angst vor Wirtschafts-, Konsum- und Energie-Einschränkungen?

Krisen-Realitäten, denen wir uns täglich als Menschen, als Christen und auch als kirchliche Gemeinschaften stellen müssen. Realtäten, die von uns verantwortliches Handeln auf Basis unserer christlichen Werte fordern. Dieser Realität ist sich Papst Franziskus sicher bewusst.

Unser Glaube verkündet die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle:

Der Glaube, dass Gott ein mitgehender und mitleidender Gott ist

Der Glaube, dass dieser Gott das Gute für die Menschen will

Der Glaube, dass Gott in und durch uns wirkt und Wirklichkeit gestaltet

An diese Wirklichkeit und Wirksamkeit des Guten, die die biblische Sprache Reich Gottes nennt, glaube ich trotz der wahrnehmbaren und nicht zu verleugnenden Krisenrealitäten. Denn dieser Glaube gibt Hoffnung auf Zukunft, so wie die jugendliche Maria visionär im MAGNIFICAT des Lukasevangeliums betet.
Ich hoffe und bete deshalb angesichts der grauenhaften Kriegsverbrechen in der Ukraine:

 »… Ihr Erbarmen schenkt sie von Generation zu Generation
denen, die Ehrfurcht vor ihr haben.
Gott hat Gewaltiges bewirkt.
Mit seinem Arm hat er die auseinander getrieben,
die ihr Herz darauf gerichtet haben,
sich über andere zu erheben.
Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt
und Erniedrigte erhöht,
Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt
und Reiche leer weggeschickt.
…. und sich an seine Barmherzigkeit erinnert,
… für alle Zeit.«

Lk 1, 46-55 die bibel-in-gerechter-sprache.de

GS 5. April 2022


Verzichtserklärung

Die sieben Wochen vor Ostern, dem Fest des Lebens, sind für Christen schon immer eine Fastenzeit gewesen, also eine Zeit der bewussten Enthaltsamkeit, des Verzichtes.
Fasten kommt in nahezu allen Kulturen vor und soll verschiedenen Zwecken dienen, u.a. „ …einer Förderung der Wahrnehmung, einer Erhöhung der Willenskraft und Vorbereitung auf spezielle Herausforderungen, dem Zuwachs an psychischer und sozialer Kontrolle …“ (Wikipedia).

Die diesjährige Fastenzeit ist eine dreifache Krisenzeit: Klimawandel, Pandemie und Krieg. Alle diese Krisen muten uns Verzicht zu: Reduktion der Klimagase, Infektionsschutzmassnahmen und Gas und Öl einsparen. Die vorgeschlagenen Verzichtsmassnahmen werden als staatlicher Eingriff in die Freiheit diffamiert bzw. als sozialunverträglich diskreditiert. Die diesbezüglichen Umfragen unter der Bevölkerung offenbaren ein anderes Bild: Offenheit, Solidarität, Verzichtsbereitschaft und Bereitschaft zum Engagement bei einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung.
Der Prophet Jesaja schreibt als „Spruch Gottes“ vor 2500 Jahren : “Fasten, wie ich es liebe, sieht so aus: … Entferne die Unterdrückung aus deiner Mitte. Lass die höhnischen Fingerzeichen und das trügerische Reden! Öffne dem Hungrigen dein Herz und hilf dem, der in Not ist. Dann wird dein Licht in der Dunkelheit aufleuchten und das, was dein Leben dunkel macht, wird hell wie der Mittag sein. ” (Jesaja 58, 6-10)

Wenn ich durch Reduktion meines Gasverbrauchs durch Absenken auf 18°C Raumtemperatur, durch Stromsparen, durch Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 kmh, durch prioritäre Nutzung von Fahrrad und ÖPNV den CO2 Ausstoß reduziere, durch Gesichtsmasken tragen und Kontaktbeschränkungen das Infektionsrisiko minimiere, durch solidarisches Inkaufnehmen höherer Energiepreise und mich im Rahmen meiner räumlichen, zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten für Flüchtlinge engagiere, … dann wäre das ein Fasten im Sinne des Fastenaufrufes von Jesaja.
Ein notwendiger Schritt heraus aus meiner Komfortzone, zur solidarischen Krisenbewältigung allemal – und hoffentlich auch über diese Fastenzeit hinaus.

GS 29. März 2022

Wenn Unwichtiges sich aufbläht

und das, was wirklich zählt, verdeckt,

dann wünsche ich dir den Mut,

innezuhalten

und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Wenn Menschen hungrig, heimatlos

und unterdrückt bleiben,

während andere sich bereichern

und nur an ihren Vorteil denken,

dann wünsche ich dir den Mut,

dich für das Reich Gottes zu entscheiden.

Wenn du dich im Gewirr der Angebote

und Meinungen verlaufen

und eine falsche Richtung eingeschlagen hast,

dann wünsche ich dir den Mut,

umzukehren

und aufzubrechen in ein neues Leben.

Angela Lohausen/ Guido Schürenberg – MISEREOR Fastenaktion 2017


Vielleicht geht da doch noch was

könnte das Fazit des biblischen Gleichnisses über den fruchtlosen Feigenbaum (Lk 13,6-9) sein, der für seine letzte Chance noch viel Zuwendung vom Gärtner braucht. Dem Anschein nach abgeschrieben, erfolglos, nicht lebenswert, versagt, …

Wie schnell bin auch ich versucht, dem Anschein nach zu urteilen, Menschen das Potential zum Nutzen der Gesellschaft und in sozialen Organisationen abzusprechen und „der Kirche“ den Willen zur synodalen Reform und einer glaubwürdigen Seelsorge nicht zuzutrauen.

Schublade auf, Schublade zu, abgehakt!

Viele solcher von mir so Abgeschriebenen und von ihrer Kirche Enttäuschten brauchen vielleicht nur vorurteilsfreie Zuwendung, Menschlichkeitsdünger, um ihr Potential zu entdecken und einzusetzen. 

In der Kirchenbildersprachwelt sind Begriffe aus der Landwirtschaft wie Hirten, Schafe, Acker, Weinberg, Rebstock, … gern gebraucht um Beziehungen, Arbeitsfelder und Situationen zu beschreiben. Sie stecken auch in der Denke derjenigen, die den Feigenbaum Katholische Kirche reformieren möchten, weil sie feststellen müssen, dass Machtmissbrauch und Fehlverhalten das Vertrauen des Kirchenvolkes zerstört und Relevanz und Glaubwürdigkeit verloren ging. Deshalb kann das biblische Gleichnis auch in der derzeitigen Kirchenkrisensituation und in den anstehenden notwendigen Veränderungsprozessen hilfreich sein.

Eine Richtung in der systemischen Organisationsentwicklung überträgt jesuanische Menschensicht als Prinzipien für Veränderungsprozesse unter breiter Beteiligung der Betroffenen: FACILITATION (Ermöglichen).

Dabei geht sie von drei Grundannahmen aus:

  • Das Wissen ist in der Welt
  • Menschen möchten Verantwortung übernehmen und etwas Sinnvollles tun
  • Jede*r gibt sein Bestes – immer!

Wobei sicherlich Letztere die Herausfordernste ist.

Früchte können nach Blüte, Selbstbefruchtung und Reifezeit geerntet werden. 

So brauchen auch meine gärtnerischen Bemühungen im mich umgebenden Biotop Geduld und Pflege, um Früchte zu tragen.

Mein Kleingärtner Tipp für den kirchlichen Feigenbaum: Zuwendung, Ermöglichen, Glaubensbiotope fördern … und viel aufrichtige Liebe zu den Menschen.

GS 21. März 2022


Betend aus der Ohnmacht

Die stündlichen Aktualisierungen des Kriegs-Live-Tickers verstärken meine Ohnmacht und lassen die Friedensideale meiner Generation schlagartig zerbröseln. Die menschliche Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und ein Gutes Leben für alle Menschen auf diesem Planeten wird durch den Wahnsinn dieses -und aller Kriege- sabotiert und wahrscheinlich nachhaltig zerstört.

Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht lähmen mich, während eine Tagereise entfernt das Weltkulturerbe Lemberg bombadiert wird, Millionen Frauen und Kinder auf der Flucht sind während die Männer, Söhne und Väter sich verzweifelt dem Aggressor entgegenstellen, um die Freiheit zu verteidigen.

Auf der Suche meiner Sprachlosigkeit und Ohnmacht einen Ausdruck geben zu können im Gebet, traf mich ein Psalm des Trierer Diozesanpriesters Stephan Wahl, der in Jerusalem lebt.

Psalmen spiegeln in besonderer Weise die Gefühle von Menschen in extremen Lebenssituationen wieder. Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Enttäuschung wie auch Hoffnung und die Sehnsucht nach Trost und der Nähe Gottes kommen in Psalmen eindrucksvoll zur Sprache.

GS 15. März 2022

Es ist Krieg. Ein ratloser Psalm.

Aufgeschreckt bin ich, Ewiger, reibe mir zitternd die Augen,
ein Traum muss es sein, ein schrecklicher, ein Alptraum.
Entsetzt höre ich die Nachrichten, kann es nicht fassen.
Soldaten marschieren, kämpfen und sterben. Es ist Krieg.
Der Wahn eines Mächtigen treibt sie zu schändlichem Tun,
mit Lügen hat er sie aufgehetzt, mit dem Gift seiner Hassreden.
In den Kampf wirft er sie, missbraucht ihre Jugend, missbraucht ihre Kraft,
erobern sollen sie, töten sollen sie, sein Befehl ist eiskalt.
Seine Nachbarn hat er zu Feinden erklärt, ein Zerrbild gemalt,
in den dunkelsten Farben seiner wirren Machtphantasien.
Niemand wagt ihm zu widersprechen, seine Claqueure halten still,
ein Marionettentheater umgibt ihn, das er höhnisch bespielt.
Seine Bosheit hat Raffinesse, listig und schamlos geht er voran,
die Versuche, ihn umzustimmen, ließ er ins Leere laufen,
umsonst sind sie angereist aus besorgten Ländern,
Friedensappelle und Warnungen ließen ihn kalt.

Angst und Schrecken verbreiten sich, blankes Entsetzen,
wie viele Verletzte wird es geben, wieviel Tote?
Wann wird die gefräßige Gier des Tyrannen gesättigt sein,
wann der Blutstrom versiegen, wann die Waffen schweigen?
Hilflos starre ich auf die Bilder und Meldungen,
meine Fäuste voll Wut, in meinen Augen regnet es.

Fahr den Kriegstreibern in die Parade, Ewiger. Allen!
Leg ihnen das Handwerk, lass sie straucheln und fallen.
Wecke den Mut und den Widerstand der Rückgrat-Starken,
lass das Volk sich erheben und die Verbrecher entlarven.
Nicht entmutigen lassen sollen sich alle, die an den Frieden glauben,
die unverdrossen ihre Stimme erheben, gegen Verführer immun sind.
Sei unter denen, die nicht schweigen, die nicht wegschauen,
die nicht achselzuckend sagen, was kann ich schon bewirken.
Höre unser Beten, unser Schreien, es töne in Deinen Ohren,
unsere Angst um die Welt unsrer Kinder und Kindeskinder.
Sie hast Du uns in die Hände gegeben, Deine Welt ist die unsrige.
In die Hände fallen soll sie nicht den Machthungrigen ohne Gewissen.

Nie werde ich verstehen, warum Du dem allen nur zusiehst,
Deine Hand nicht eingreift und die Tyrannen zerschmettert.
Mach Dich gefasst auf meine zornigen Fragen, wenn wir uns sehen werden,
später, in diesem rätselhaften Danach, Deinem geheimnisumwobenen Himmel.
Dann will ich Antworten, will Erlösung und endgültigen Frieden,
jetzt aber will ich nicht aufgeben, zu tun, was ich tun kann,
damit wir jetzt und auch künftig den Namen verdienen,
den wir so selbstverständlich als unseren eigenen tragen,
und ehrlich und glaubwürdig und unverhärtet berührbar,
als menschlicher Mensch unter menschlichen Menschen leben.

sw (Stephan Wahl, Jerusalem)


Solidaritäts-Zumutungen

Seit fast zwei Wochen erleben wir aus der Ferne den Wahnsinn eines Bruderkrieges im Osten Europas, 2000 Kilometer entfernt und gefühlt direkt vor unserer Haustür. Friedensdemos und -Gebete, Solidaritätsbekundungen und Spenden für die Freiheits- und Landes-Verteidigenden verbindet die Menschen in der „Werte-Union“ Europa. Dies drückt sich auch in der Aufnahmebereitschaft für geflüchtete Frauen und Kinder aus.

Bisher wurde unsere Mitleidens-Bereitschaft nur an der Tanksäule und beim Blick auf die Gasrechnung auf die Probe gestellt. Wenn die Wirtschaftssanktionen greifen sollen, werden wir unsere Komfortzone verlassen müssen, unsere Heizungen herunterfahren, Strom sparen, Mobilität einschränken, höhere Lebensmittelpreise in Kauf nehmen müssen, … ein solidarisches Fasten, allerdings bisher eher notgedrungen.

Freiwilliger Verzicht im privaten Konsum war in allen Kulturen und Religionen schon immer ein Ausdruck des Fastens, der Enthaltsamkeit, der geistigen und körperlichen Reinigung.

Fasten im christlichen Sinne sollte einen geistigen Änderungsprozess unterstützen. Jesus ruft auf zu metanoia, „Ändert Euer Denken“ um die Sünde, die Absonderung von den Menschen und von Gott, zu überwinden.

Wirksames Fasten stärkt zum Nein-Sagen zu jeder Form von Egoismus, Machtanspruch und Überheblichkeit (Lk 4,1-13). Es bewirkt Sensibilität für die Not der anderen und führt zu Solidarität mit den Armen, Unterdrückten und Verfolgten.

Wenn wir uns den Zumutungen stellen und sie aus Solidarität mit den leidenden und fliehenden Menschen in der Ukraineannehmen -je nach unseren Möglichkeiten-, kann die siebenwöchige Fastenzeit vor Ostern, dem Fest des Lebens zu einem wirksamen und ermutigenden Zeichen für ein friedliebendes und freiheitliches Zusammenleben der Völker in Europa werden.

Den despotischen Aggressor im Kreml wird es vielleicht nicht beeindrucken, aber möglicherweise die friedliebenden Menschen in Russland und der Ukraine stärken in ihrem Nein zu Unterdrückung und Gewalt.

GS 8. März 2022


Es passt nicht und fühlt sich auch nicht gut an

in diesen dramatischen Tagen, in denen die Welt dem wahnsinnigen Kriegs-Drehbuch Wladimir Putins ausgeliefert scheint: Frühlinghaftes Wetter und die Bilder des Winterkrieges in der Ukraine, Menschen in Karnevalskostümen und Ukrainer*innen auf der Flucht vor dem Krieg, meine pazifistisch, naive Sehnsucht nach weltweiter Abrüstung und der Beschluss zur Aufrüstung der Bundeswehr. Meine Erinnerungen an die Friedensdemos der 80er und die drohende atomare Eskalation, der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung und die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl, die existenziell bedrohliche Entwicklung des Weltklimas im Bericht des IPCC und die Entschuldigung russischer Wissenschaftler für ihre kriegstreibende Regierung, Das Mitleid des Patriarchen von Moskau für die leidende Zivilbevölkerung und seine Verweigerung zum sofortigen Stop der Militärinvasion in das Bruderland aufzurufen …
Angesichts all dessen noch hoffen auf Deeskalation, Respekt vor nationaler Integrität, Freiheit und Menschenrechte … und vielleicht doch Frieden zwischen Brüdervölkern?

Ich finde keine Hoffnungsworte, die in diese Situation passen würden, denn ich fühle mich ohnmächtig!

Das Lukasevangelium des vergangenen Sonntags verweist darauf, dass die innere Haltung unser Reden und Handeln bestimmt: „Ein guter Mensch bringt aus einem guten Herzen gute Taten hervor, und ein böser Mensch bringt aus einem bösen Herzen böse Taten hervor. Was immer in deinem Herzen ist, das bestimmt auch dein Reden.“ (Lk 6,45)

Ich möchte das Gute in mir und im Anderen wieder neu entdecken, wieder an das Gute glauben können, mich mit Menschen zusammenschließen, die für das Gute einstehen und Gutes tun, .. um wieder hoffen zu können trotz der hoffnungslosen Weltsituation auf eine Wende zum Guten und eine Vereinigung der Guten, die die Welt und die Menschheit noch retten kann. – Darum möchte ich beten zu Gott, der das Gute ist und der nur Gutes für uns will.

„… Stell dir vor, es gäbe keine Länder, es ist nicht schwer, das zu tun. Nichts, wofür es sich lohnt zu töten oder zu sterben und auch keine Religion. …“John Lennon

GS 2. März 2022


Grund genug

für mich in den 70ern den Kriegsdienst zu verweigern fand ich damals während des Kalten Krieges zwischen den Blockstaaten in der Friedensbotschaft Jesu in der Bergpredigt. Wir waren eine hochmotivierte christlich inspirierte Minderheit, die sich dem Wehrdienst verweigerten. Meine Begründung zur Verweigerung lag in den provozierenden Worten Jesu im Lukas-Evangelium: »Euch aber, die ihr mir wirklich zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde und tut denen Gutes, die euch hassen. Bittet Gott um seinen Segen für die Menschen, die euch Böses tun, und betet für alle, die euch beleidigen.“(Lk 6,27f) – und im gewaltlosen Widerstand von Mahatma Gandhi.

Die Gewissensüberprüfung vor einem Schöffengericht war abstruß und im wahrsten Sinne des Wortes peinlich für demokratisch denkende Menschen. Vielleicht war ich ja pazifistisch naiv mit meinem friedlichen Menschenbild und meinem Glauben an Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Feindesliebe.
In unseren spannungsaufgeladenen Zeiten aktuell mit diesem Jesus-Wort konfrontiert, fällt mir diese Zumutung schwer in meinem Alltag zu leben und wieviel mehr mit Blick auf eine eskalierende Kriegsbedrohung.
Die Einleitung: „Euch aber, die ihr mir wirklich zuhört, sage ich ….“ macht deutlich, dass es um eine Haltung des sich Einlassens auf die Botschaft Jesu und auf mein Gegenüber, den Menschen geht.
Feindesliebe ist eine Haltungsfrage. Feinde sind Personen, mit denen ich in einer negativen Beziehung stehe (Wiktionary). Lieben und Gutes tun überwindet diese Abneigung und Ablehnung und eröffnet Chancen zur Versöhnung, oder mindestens für Toleranz.

Der erste Schritt auf diesem haltungsverändernden Weg ist der Respekt vor dem/ der Anderen, die Offenheit ihm/ ihr zuzuhören und die Bereitschaft diese Beziehung zu verändern. Feindesliebe trotz schlechter Erfahrungen, Vorurteilen, Traditionen, toxischer Männlichkeit, Beleidigungen, …

Ein zweiter Schritt ist das Gebet für den Menschen im Feind und um Gottes Segen.

Unsere gemeinsame Zukunft in dieser „wonderful world“ ist Grund genug diese Schritte zum Frieden zu wagen.

GS 22.Febr 2022


Nur 10% !

Diese Ungerechtigkeit schreit zum Himmel: Bei uns in den reicheren Ländern des globalen Nordens wird bereits die 4. COVID-Impfung verabreicht, um die vulnerablen Gruppen -wozu die Kinder unter 12 Jahren, die wir ja oft als „unsere Zukunft“ bezeichnen, offenbar nicht gehören,- zu schützen. Während dessen sind in den ärmeren Ländern des Südens gerade mal 10% grundgeimpft. Und das nach mehr als einem Jahr und trotz Verteil-Zusagen über die UNICEF-Initiative COVAX.
Aber was kann „der Himmel“ für unseren (Impf-)Egoismus?

Jesus nennt im Matthäusevangelium den Zustand der Welt „Himmelreich“, wenn der Wille Gottes nach Gerechtigkeit und Liebe gelebt wird. Und er macht deutlich, wie dann die Verhältnisse auf den Kopf gestellt sind: Die Armen, Hungernden, Trauernden, Gehassten und Verfolgten werden „Glückselig sein“ und die Reichen, Satten, Erfolgsverwöhnten werden am Himmelreich keinen Anteil haben, den sie haben ja jetzt schon alles (Lk 6, 20-26).
Also „der Himmel wird’s schon richten“? – Sicher nicht, denn die Vision vom Gottes Reich oder dem Buen Vivir, dem Guten Leben für alle im gemeinsamen Haus basiert auf TEILEN aus bedingungsloser Liebe und aus Verantwortung für die geschenkte Welt.

Die 10% Impf-Ungerechtigkeit, wie überhaupt Unrecht kann uns nicht egal, also gleich sein. Denn das hat die Pandemie eindrücklich gezeigt, in unserer globalisierten Welt gibt es für Viren genau wie für den Klimawandel keine territorialen, gesellschaftlichen oder ideologischen Grenzen.
Auf die Impfstoff-Verteilung haben wir allenfalls über Politik und Wirtschaft indirekt Einfluss, aber das grenzüberschreitende Teilen ist auch in anderen Unrechtsfeldern möglich, durch Unterstützung von Bildungsprojekten, Wiederaufforstungs- und Artenschutzprojekten, Wasserwirtschaft, … die #SustainableDevelopmentGoals (SDG) der Vereinten Nationen bieten genügend Handlungsfelder auf dem Weg zum #GutesLebenfüralle im gemeinsamen Haus. – Nur 10% unseres Nettoeinkommens und/ oder unseres Engagements für nachhaltige Gerechtigkeit würde diese wundervolle Welt zu einem betterplace machen.

GS 14. Febr 2022


In Fahrt gekommen und ausgebremst

Der synodale Weg der Reform der Katholischen Kirche Deutschlands hat mit der 3. Vollversammlung endlich Fahrt aufgenommen. Dazu beigetragen hat sicherlich die konfrontativen Ergebnisse der Münchner Missbrauchsstudie und in der Folge die Unfähigkeit amtierender, wie emeritierter Hierarchen Verantwortung zu übernehmen für Ignoranz des Missbrauchs durch Amtsträger, Vertuschung der Taten in den Ordinariaten und Herabwürdigung des Opferleids, bis hin zu offensichtlichem Leugnen der Verantwortlichkeit für Personalentscheidungen.

Durch #outinchurch wurden zeitgleich Geschlechter-Diversität, Lebensformen und kirchliches Arbeitsrecht thematisiert.

So waren die mit großer Mehrheit von den Synodalen auf den Weg gebrachten „Empfehlungen“ zur Öffnung von Weiheämtern für Frauen, eine größere Beteiligung des Kirchenvolkes an der Bischofswahl und die Anpassung des kirchlichen (Sonder-) Arbeitsrechts an EU Standards wichtige öffentliche Signale des Reformwillens von mehr als 2/3 der Versammelten inklusive Bischöfe
Die Euphoriebremse kam schon während der Versammlung in einer Mahn-Botschaft des päpstlichen Nuntius: In einer Erklärung vor den Delegierten betonte er die Einheit der katholischen Kirche, die weltweit dieselbe Botschaft verkünde. Dabei sei entscheidend, was der “Heilige Vater” in Rom sage. … Eine wahre Synode sei vom Heiligen Geist erfüllt “und nicht ein Parlament oder eine Befragung von Meinungen …“

Am Tag danach hörten die Sonntagsgottesdienstbesucher aus dem Korintherbrief des Paulus: „Ich erinnere euch an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. … Durch diese Botschaft werdet ihr gerettet, wenn ihr sie unverfälscht festhaltet.“ Die Essenz dieser Botschaft war am Sonntag vor dieser dritten Versammlung des Synodalen Weges zu hören und gab damit den Synoden-Ton vor: Der Weg der Liebe ist das Handlungskonzept für die kirchliche Lebenspraxis: „Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht. Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe.“ (1 Kor 13)
Diese Wegweisung ist geistbewegender als die Vereinheitlichungsbremse.

GS 8. Febr 2022


Ablehnung und Zuwendung

Unbequeme Wahrheiten lassen wir uns ungern aus unserer näheren sozialen Umgebung, unserem Biotop, unserer Bubble sagen. Ja sie erreichen uns erst gar nicht, erst recht nicht, wenn sie von Menschen kommt, denen wir uns mehr als ebenbürtig sehen, weil wir mit ihnen aufgewachsen sind oder wenn sie unsere Kinder oder Schüler*innen sind. „Was kann der schon wissen, was wir nicht wissen, was bildet die sich eigentlich ein …?
Wir können nur schlecht aushalten, wenn uns der Spiegel vorgehalten wird und erst recht, wenn wir belehrt werden oder sogar zur Verhaltensänderung aufgefordert werden. Im Gegenteil eher schliessen wir uns fester zusammen und polemisieren gegen solche Zumutungen – gerade auch in Krisenzeiten.
Im Lukasevangelium (4,16-30) macht Jesus diese Erfahrung. Er erzählt in seiner Heimatgemeinde von seiner Vision des Gottesreiches für alle, von seiner Berufung den Armen die gute Nachricht zu verkünden, den Gefangenen die Freiheit zuzusprechen, den Blinden, dass sie sehen werden und den Unterdrückten die Freiheit zu bringen. Und, das alles nicht erst später, sondern jetzt. Jetzt und mit ihm beginnt eine neue Wirklichkeit, die verändert … wenn die Betreffenden sich darauf einlassen. Aber seine Zuhörer wollen sich nicht darauf einlassen, weil sie ihm die Kompetenz absprechen und weil er ihnen den Exklusivitätsanspruch verweigert. Er fühlt und weiss sich zu denen gesandt, die von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt werden, zu den Loosern.
Er macht die Erfahrung, dass „kein Prophet in seiner Heimatstadt anerkannt“ wird (Lk 4,24). Er provoziert damit Hass und der aufgebrachte Mob versucht ihn zu töten.

Diese Erfahrung Jesu machen auch die Mahner und Reformwilligen unserer Tage in Kirche, Gesellschaft und Politik. „Bloss keine Veränderung! Alles soll so bleiben wie es ist und immer schon war!“ Sicherheit statt Reform. Tradition statt Veränderungskultur. Klientelpolitik statt Soziale Gerechtigkeit. Wirtschaftswachstum statt Energiewende. Freiheit statt Solidarität mit den Ungeschützten …

Und Jesus? Er durchbricht die menschliche Wand aus Hass und Ignoranz, folgt seiner Berufung und „wendet sich den Menschen in Liebe zu“ (Lk 2,14)

GS 1. Feb 2022


alles Menschenmögliche getan

Im ZDF Spielfilm über die Wannseekonferenz „zur Endlösung der Judenfrage“ vor 80 Jahren steht dieser Satz aus dem Protokoll von Adolf Eichmann am Ende der technischen Schilderung der geplanten Ausrottung der Juden in Europa. Er soll die Anwesenden beruhigen, dass der „deutsche Volkskörper“ von der Vergasung nichts mitbekommen wird, es also eine technisch „saubere“ Lösung sei, auch ohne psychische Belastung der ausführenden Deutschen.

“alles Menschen mögliche…“: perfekt in der Unmenschlichkeit des technischen Massenmordens, geplant für 11 Millionen Juden und menschenverachtend verabredet auf einer Konferenz mit Frühstück und Cognac innerhalb von 3 Stunden in einer Luxus-Villa am idyllischen Wannsee. Wir machen es möglich – alles!

Mir kam die Zusage Jesu aus dem Matthäus-Evengelium (Mt 19,26) in den Sinn als Entgegnung auf die resignierte Aussage der Jünger*innen, dass Selbstlosigkeit, Teilen, Verzicht um Gerechtigkeit zu ermöglichen eine Menschen unmögliche Zumutung sei, um gerettet zu werden.

„Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.“

Für Gott ist alles möglich! Auch eine gerechte und friedliche Welt? Auch die Überwindung von Hass und Neid und all dem, wozu Menschen an Unrecht, Unheil und Zerstörung in Gesellschaft und auch in der Kirche fähig sind?

Jesus stellt die Zumutung vor: wenn wir verzeihen und lieben, wie wir es im Vater Unser erbeten, kann Gott das „Himmelreich“ für alle Menschen guten Willens ermöglichen.

80 Jahre nach der technokratischen Verabredung zum Massenmord an den Juden treibt antisemitischer Hass und Fremdenfeindlichkeit immer noch die selbsternannten Erben der Täter dazu den „deutschen Volkskörper“ rein zu halten und alles Menschenmögliche dazu aufzubieten. Die Auforderung Jesu: Lieben und um Erbarmen bitten – das sollte uns um der Menschlichkeit und des Reiches der Gerechtigkeit der Liebe und des Friedens möglich sein.

GS 24. Jan 2022

Für den Bäcker, der den Ofen nicht mehr anmacht

für die Bauern, deren Pflüge stehn

für den Maurer, der die Kelle hinlegt

für die Hirten, die nicht mehr weitergehn

Kyrie Eleison

Für den Lehrer ohne Chance, zu unterrichten

für den Priester, der sein Gebet vergisst

für den Doktor, der viel könnte, wenn er dürfte

und für den Richter, dem nicht zu helfen ist

Kyrie Eleison

Für die Großmutter in der Abstellkammer,

für den Opa, der schon vergessen ist

für die Ängste und schlaflosen Nächte

für den Kummer, der nicht zu ermessen ist

Für die Lover, die nicht mehr singen

für die Liebste, die für immer geht

für all das sinnlose Leid hier auf Erden

für unsre Seele, die zum Teufel geht

Kyrie Eleison

Für die in Kellern gefangenen Kinder

soviel Unschuld und Leben zerstört

für die politischen Herrscher

durch Geld und Macht entehrt

für unsere bissigen, beißenden Worte

für unsre Lügen und unsren schlechten Stil

für das Paradies, das wir verloren

für unser lebenslängliches Exil

Für Knastwärter und Advokaten

für Präsidenten und Inspekteure

für Adjudanten und Kommandanten

für Kommissare und Kontrolleure

Für Fabrikanten und für Kommerzgiganten

und Händler mit großem Gewinn

durch Hormone, Drogen und Waffen

für all das Böse zwischendrin

Auch für die Fischer und für Matrosen

und für die Bauern in unsrer Näh’

für’s Zigeunervolk an den Strassen

für den Fahrer vom LKW

Für den Nachbarn und den Mechaniker

für den Schmied und für den Zimmermann

für das Kerlchen hinterm Schalter

für den Sänger, für den Orgelman

Für die Mutter des gelähmten Kindes

für den Schatz von dem toten Soldat

für das Mädchen, das keinen abkriegt

für all den Schmerz, den ihr niemals saht

Für wen soll ich hier jetzt noch singen

für diejenigen, die ich hier vergaß

ohne Frieden kann keiner leben

ob reicher Knacker oder armes Aas

Source: https://muzikum.eu/en/herman-van-veen/kyrie-eleison-deutsch-lyrics


Sei mutig und stark!

…Über dieses Buch der Weisung sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, genauso zu handeln, wie darin geschrieben steht. (Josua 1,6-8)

Während ich dies niederschreibe wird in München der Untersuchungsbericht zum innerkirchlichen Umgang mit Missbrauchstaten unter der Verantwortung der Münchener Erzbischöfe überreicht.

Die Kirchen-Personal-Verantwortlichen und an ihrer hierarchischen Spitze die Erzbischöfe haben weggesehen, weggehört und vertuscht, anstatt konsequent kirchliche und rechtliche Schritte gegen die Täter einzuleiten. Unter ihnen auch Kardinal Ratzinger als Erzbischof von München, als Präfekt der römischen Glaubenskongregation und als Papst Benedikt

Dieser Skandal hat System in der Weltkirche, in Gemeinden, Pfarreien, Ordensgemeinschaften und kirchliche Einrichtungen.

Wer sich dem erschütternden Gespräch zwischen zwei Missbrauchs-Opfern und dem Augsburger Bischof (ARD Report München 11. Januar 2022) ausgesetzt hat, kann die Grausamkeit der Täter und das entsetzliche Leid der Missbrauchten nur fassungslos erahnen.

Die deutsche und die römische Kirche versucht nun eher halbherzig in synodalen Prozessen das System zu reformieren. Sie scheitert an den selbstgebauten Hürden, dass wesentliche Strukturen und Ordnungen unverfügbar, sakrosankt seien, da sie vermeindlich göttlichem Willen entspringen oder der kirchlichen Tradition, also schon immer so geglaubt wurden.
Im „Buch der Weisung“, wie es dem Moses-Nachfolger Josua vorgehalten wird, und in den folgenden alt- und neutestamentlichen Schriften findet sich als Handlungsanweisung für Leitende – also auch für die „Hirten“- die Aufforderung zur DienMUT und zur Nächsten- und Feindesliebe um Gerechtigkeit und allumfassenden Frieden zu ermöglichen.

Wenn diese Kirche wirklich umkehren und den Weg der Erneuerung gehen will, um sexuellen und geistlichen Missbrauch zu verhindern und damit Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, braucht sie den MUT den Opfern vorbehaltlos zuzuhören, Fehler und Machtmissbrauch einzugestehen, bis in ihre hierarchische Spitze hinein die Verantwortung zu übernehmen und personelle Konsequenzen zu ziehen. Machtverzicht zugunsten von Synodalität und DienMUT der Amtsträger wären ihre Stärke in einer erneuerten Glaubensgemeinschaft in der Nachfolge Jesu.

GS 20. Jan 2022


Einatmen – Ausatmen

Bei der morgendlichen Lektüre der Schlagzeilen meiner Online-Zeitung verschlägt es mir oft den Atem. Auch die intensivere Lektüre und die Nebenher-Nachrichten verstärken eher dieses Hilflosigkeits-Gefühl gemischt mit Empörung und Resignation.

Zum Ensemble unseres großen Esstisches gehören zwei Postkarten EINATMEN – AUSATMEN. Sie helfen mir in solchen Momenten, lassen mich innehalten, nachdenken, beruhigen und nach einiger Zeit auch Kraft schöpfen, … leben.
EINATMEN – AUSATMEN, mein Lebensrhytmus

Richard Rohr, Franziskaner und spiritueller Lehrer, erzählt von jüdischen Gelehrten, die die Konsonanten des Gottesnamen JHWH deuten als „Versuch, das Atmen des Menschen wiederzugeben: mit JH den Zug des Einatmens und mit WH den Zug des Ausatmens!“ (R.Rohr, Ins Herz geschrieben, Herder 2008, S.189). Gott* ICH-BIN-DA-BEI-EUCH „ist uns verfügbar und zugänglich, wie unser Atem“ (ebd.), ist lebensbegleitend – ja ist das Leben selbst!

Auch, wenn es mir mal den Atem verschlägt,kann ich zurückfinden zum EINATMEN – AUSATMEN, meinen Lebensrhytmus wiederfinden im Vertrauen darauf, dass Gott* mich atmen lässt.

Der mich atmen läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich leben läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich schweigen läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich reden läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich warten läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich handeln läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich wachsen läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich Mensch sein läßt
     bist Du, lebendiger Gott

Der mich atmen läßt
     bist Du, lebendiger Gott

(Anton Rotzetter, “Gott, der mich atmen lässt”, Herder-Verlag Freiburg, 2000, S. 98)

GS 11.Januar 2022


Besser-Wünsche-Zeit

Im Ritual des Jahreswechsels ist der Gut-Wunsch fester Bestand. Wobei den Bewünschten das subjektive „Gut“ zu füllen bleibt. Letztlich wird sich erst im Jahresrückblick zeigen, ob es wirklich ein gutes Jahr war für mich.

Aber bei allen Wunsch-Individualismen gibt es dennoch eine gemeinsame Sehnsucht nach Frieden für die Welt, sprachlich für mich am schönsten und umfassensten ausgedrückt im hebräischen Segens-Gruß SCHALOM. שלום bedeutet zunächst Unversehrtheit und Heil. Doch mit dem Begriff ist nicht nur Befreiung von jedem Unheil und Unglück gemeint, sondern auch Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit, Frieden und Ruhe (Wikipedia)

Schalom ist aber anders als SEKUNDENGLÜCK (Herbert Grönemeyer) eine Aufgabe, ein Vorsatz, eine Perspektive zur Gestaltung unserer Gesellschaft. Schalom beginnt mit mir und meinem Handeln in der Hoffnung auf Anschlussfähigkeit mit Gleichgesinnten, sozusagen eine Friedensbewegung.
In der Weihnachtsbotschaft der Bot*innen Gottes heisst es: „Gottes Frieden kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet!“ (Lukas 2,14)
Friede als Gottes-Geschenk an Menschen, die versuchen in Liebe miteinander zu leben.

Am Anfang dieses neuen Jahres eine bleibende Zumutung nicht nur in Krisenzeiten.

„ … Let it begin with me… „ singen Isley Brothers & Santana in einem Gospel (Good Spell – Gute Botschaft) „ The peace that was meant to be |With God as our Father | Brothers all are we | … In perfect harmony | Let peace begin with me | Let this be the moment now | With ev’ry step I take | … To take each moment and live | Each moment in peace eternally

SCHALOM ist mein Besser-Wunsch für das eben begonnene Jahr!

GS 3. Januar 2022


Gedanken in der Zwischenzeit

Schon wieder und Gott-sei-Dank ist es Herbert Grönemeyer, der meine Zeilen in diesen Tagen der Zwischenzeit füllt:

Gerade in dieser Zeit und am Ende dieses krisengeschüttelten Jahres bin ich eher resigniert, manchmal zynisch, wenig wende-erwartungsfroh, aber doch an manchen Tagen auch wieder gegen-allen-Anschein-hoffend. Insbesondere, wenn wie heute morgen der Regenbogen am Himmel steht, das biblische Zeichen für den Friedensbund Gottes mit den Menschen.

Herbert Grönemeyer gibt mir mit „Mut“ einen Impuls zum Aufstand, dem ich mich nicht entziehen kann und will. „ Der Funke glimmt für einen Aufbruch, der gegen alle Ströme schwimmt“

Ja, ich möchte in das neue Jahr aufbrechen mit MUT und eintreten für eine“weite Zeit“, die unsere engen Sicht- und Denkweisen, unsere Egoismen weitet und offen ist für die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit für alle Menschen.
Als Glaubender hoffe ich, dass der mitgehende und sorgende ICH-BIN-DA-Gott* uns Mut und Kraft dazu gibt.

Für ein mutiges und friedenstiftendes neues Jahr unter dem Regenbogen

GS 28. Dez 2021

Mut

Es richten die Augen sich in die Stille
Es verfliegt die Unrast im Firmament
Da ist das zarte Blau im Schnee
Zuversicht zwischen Zeilen
Gedanken in der Zwischenzeit
An alle und die schon sehr fehln

Ich rede einmal nicht
Und lass mir erzählen von einer ganz anderen Sicht

Rund um den geweihten Abend
Zieht das Jahr Bilanz
Entlässt die Fehler und lehrt verzeihn
Das Leben ist ein Seiltanz
Ein hauchzartes Porzellan
Versuchung und Unwägbarkeit

Doch der Funke glimmt
für einen Aufbruch
der gegen alle Ströme schwimmt

Wie verbreitet sich der Mut des Herzens
Wie enteilt man der Raserei
Und bring ich Ruhe in die Bewegung
und steh ich auf für eine weite Zeit

Es gibt kein Süd
es gibt kein Nord
es gibt kein West, kein Osten
Es eint der Wunsch nach Heim und Hort
Nach sichrem Halt und Unterstand

Wie verbreitet sich der Mut des Herzens
Wie enteilt man der Raserei
Und bring ich Ruhe in die Bewegung
und steh ich auf für eine weite Zeit

Herbert Grönemeyer – Tumult 2018


Ihr Hirten erwacht!

Von meinen Pastoren (Hirten) erhielt ich, wie viele andere ehrenamtlich in der Pfarrei (paroikia = umzäunter Bereich am Haus, Nachbarschaft – oder: das Wohnen eines Fremden in einem Orte ohne Bürgerrecht ) Tätigen, einen weihnachtlichen Hirtenbrief mit dem Text des Liedes „Ihr Hirten erwacht“ Dem Brief beigelegt war eine dunkelblaue Tragetasche mit dem Aufdruck einer Karrikatur von Tiki Küstenmacher – eine Schafsherde mit einem herausragenden Schaf mit Kreuz um den Hals und einer Sprechblase „Ich gehöre dazu.“ Unterschrift, von anderen Schafen gehalten: „Gott sei Dank!“

Ein gut gemeinter, schmunzelnder Weihnachtsgruss?

Am Anfang meines hauptamtlichen Dienstes in der katholischen Kirche vor 41 Jahren verfasste ich, damals Zivildienstleistender mit frischem theologischen Diplom, einen Schäfchenbrief in der Zeitschrift für katholische Jugendarbeit in der Stadt Essen. Eine Reaktion auf einen Hirtenbrief der deutschen Bischöfe zum Entzug der Lehrerlaubnis des Kirchenkritikers Hans Küng (Januar 1980) und der bischöflichen Wahlempfehlung anlässlich der Bundestagswahl 1980 die CDU/ CSU zu wählen. Tenor meines Schäfchenbriefes: Bevormundung und Unterdrückung kritischer Lehre widerspricht dem mündigen Christsein und einer synodalen Kirchenordnung. Die Strafe: Ein Monat Altkleider sortieren im Keller einer stillgelegten Zechenanlage.

An der klerikalen Selbstsicht -Hirten und zu beseelsorgende Herde- hat sich anscheinend bis heute nichts geändert.

Als Kirchenschaf frage ich mich allerdings, wie hat Jesus, der gute Hirt eigentlich diese Hirtensorge gemeint?
Johannesevangelium: Der Hirte kennt jedes seiner Schafe mit Namen. Die Schafe kennen seine Stimme und folgen ihm. Jesus, der gute Hirt will das gute Leben für seine, ihm folgenden Schafe (Joh 10, 1-11).
Die Amtsanmassung der kirchlichen Hirten beruft sich auf das Liebesbekenntnis des Petrus: „Liebst du mich mehr, als die hier mich lieben? Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Jesus sagte zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!« (Joh 21,15) Das ist der Auftrag des auferstandenen Christus, der seine Nachfolge regelt, die begründet ist in einer charismatischen Liebe und nicht in einer heiligen Kirchenordnung und Standesgesellschaft.

Botschaft und Auftrag Jesu ist auf einen Liebesdienst ausgerichtet und nicht auf fürsorgende Unmündig- und Abhängigkeit.

„Ihr Hirten erwacht!“ Wendet Euch denen zu, die in „Armut und Not“ sind und erkennt in ihnen Gott, der sich der ganzen Menschheit zugewandt hat und für alle „Leben in Fülle“ will. „Betet ihn an“, verkündet diese frohe Botschaft, dass Gott da ist und mit uns geht. Lebt das, glaubwürdig! Seit „Boten des Friedens“ in dieser friedlosen Welt, damit unsere „Nacht erhellt“ wird. Entsagt eurem Machtgehabe und -gebaren, denn „Der Herr ist zugegen mit himmlischer Macht.“ Er bringt Gerechtigkeit und Frieden in die Welt, wenn wir alle seine Liebesbotschaft glaubwürdig und geschwisterlich leben.

Frohe Menschwerdung!

GS 21.Dez 2021


Was sollen wir tun?

In diesen Wochen nach der Regierungsübernahme warten wir darauf, „dass die Regierung liefert“ . Das, was wir erwarten sind Maßnahmen, die wirkungsvoll die Pandemie bekämpfen mit dem Ziel sie zu beenden, damit wir wieder normal leben können. Gleichzeitig erwarten wir von den Regierenden eine Wende in der Klimakrise, die das Ziel der Erderwärmung auf beherrschbare maximal 1,5° C ermöglicht. – Wir warten, Ihr liefert, denn das habt ihr vor Eurer Wahl versprochen!

Führende Politiker wie Söder und Spahn haben in der Pandemiebekämpfung von Erwartungsmanagement gesprochen.

Die Notwendigkeiten zum Handeln in dieser Krisen-Zeit sind aber gesamtgesellschaftliche Herausforderungen, d.h. jede*r ist zur Verhaltensänderung aufgefordert. Die dazu notwendigen Maßnahmen sind hinlänglich bekannt und werden nahezu täglich propagiert und von besonders Betroffenen appellhaft bis verzweifelt auch in den verschiedenen Socialmedia-Plattformen, in Print- und Digitalmedien und auf der Straße eingefordert.

Verhalten ändern ist schwer, insbesondere wenn sie radikal anmuten, unvorstellbar sind; auch wenn prophetische Wissenschaftler*innen und charismatische junge Menschen sie uns gebetsmühlenartig immer wieder vorstellen.

Das war auch vor 2000 Jahren schon so, als der Wendeprophet Johannes auftrat „ein einsamer Rufer in der Wüste“ und dazu aufrief die eigene Schuld einzusehen, sich Gott wieder zuzuwenden und seine Lebensweise zu ändern. „Zeigt durch euer Verhalten, dass Ihr Euer Leben wirklich ändern wollt!“ (Lk 3,8) Nur dann könne sich Wesentliches gesellschaftlich, wie religiös ändern, könnte die Wende zu Gerechtigkeit und Frieden vollzogen werden.

Die Menschen, Staatsbedienstete und Soldaten, die er mit seiner Botschaft erreicht sind zur Wende bereit und fragen: “Was sollen wir denn tun?“ Die Antwort des Johannes verlangt nichts Unmögliches. Die von ihm im Namen Gottes geforderte Verhaltensänderung ist in gewisser Weise sogar leicht: Teilen, wenn man mehr hat, als man braucht. Sich an die gesetzlichen Regeln halten und niemanden über den Tisch ziehen. Die eigene Macht nicht missbrauchen. –

Zumutungen, die auch in unseren Krisen die Wende bringen würden.

GS 14. Dez 2021


Changemaker


`Schafft Raum für das Kommen des Herrn! Ebnet ihm den Weg! Die Täler sollen aufgeschüttet, die Berge und Hügel eingeebnet werden! Das Krumme soll gerade und das Raue glatt werden!‘
Der Prophet Johannes markiert mit seiner Mahnung und Botschaft einen Wendepunkt:
Nicht der Tempel-Opfer-Kult und die Einhaltung der Gesetze sind das Zentrum einer geistig-geistlichen Erneuerung, wie Gott sie seinem Volk zumutet, sondern die Beseitigung dessen, was seinem Kommen im Wege steht – in uns und unserer Art zu leben, unseren Wiederstände gegen ein Leben in der göttlichen Ordnung, in der Liebe und Gerechtigkeit die Leitkriterien sind.
In seinen Reden vor den Neugierigen, die zu ihm in die Wüste kommen, um durch eine Taufe im Jordan ein Zeichen für ihre Umkehrwilligkeit zu setzen, wird Johannes radikal deutlich:
„Beweist durch euren Lebenswandel, dass ihr euch wirklich von euren Sünden abgekehrt und Gott zugewandt habt.“
Johannes bereitet die religiöse und soziale Wende vor. Er weist hin auf seinen Cousin Jesus, der von Gott berufen ist das Programm der neuen göttlichen Weltordnung, die Regierungserklärung des Reiches Gottes in der Bergpredigt zu verkünden. Er hat diese Botschaft konsequent gelebt – bis zur Selbstaufgabe im Dienst Gottes an den von ihm geliebten Menschen.

GS 5. Dezember 2021


Ich bete!

Ich bete, weil … ist eine Plakataktion des konservativ-fundamentalistischen, überkonfessionellen Fernsehsenders bibel.tv

Sie dokumentiert Gebets-Motivationen und -Traditionen von Menschen, die überwiegend freikirchlichen oder charimatischen Gruppierungen nahestehen.

Meine erste Reaktion -den Spruch: Not lehrt beten im Kopf- war im Vorbeifahren, welche Not steht als Intention dahinter? Mein zweiter Gedankenstrang nach einem Kilometer: Toll, das Gebet wird zum Bekenntnis! Der dritte Kilometer/ Gedankenstrang: Was stört Dich eigentlich an der Aktion ( hinter der viel Geld steckt!)?

Ich bete! Nicht zu festen Zeiten oder regulierten Ritualen -obwohl mir solcher Rhythmus gut tut- sondern situativ.Wenn mich etwas bewegt und ich es Gott mit-teile. Ja, vielleicht ein Selbstgespräch im Vertrauen darauf, das Gott meine Sorge teilt, meine Not sieht, weil er ein Interesse an uns Menschen und dieser seiner Schöpfung, in und von der wir leben, hat.

Manchmal bete ich auch öffentlich, ich „fürbitte“, ich lobe und danke, ich klage und zweifle.

In manchen Situationen finde ich Gebetsvorlagen in der reichen Gebetstradition meiner Religion, in den Psalmen oder in der Gebetsliteratur unserer Tage. Mein Gebet muss zu mir, in meine Situation und die der Menschen, denen ich verbunden bin, passen.
Ich bete, weil … plakativ an die Wände zu kleben widerspricht meiner Meinung der Gebetsempfehlung Jesu: »Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen, an den Straßenecken (und Kirchen), damit sie von allen gesehen werden. … Wenn du betest, geh an einen Ort, wo du allein bist, schließ die Tür hinter dir und bete in der Stille zu deinem Vater. Denn er ist auch da, wo niemand zuschaut. Dann wird dich dein Vater, der alle Geheimnisse kennt, belohnen. …Wenn ihr betet, dann leiert nicht Gebetsworte herunter wie die Ungläubigen. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie viele Worte machen. Euer Vater weiß, was Ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet!“ (Mt 6)

Mit diesem Vertrauen auf den sorgenden und liebenden Gott kann ich beten: Vater und Mutter unser, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe …

GS 9. Nov 2021

Foto: Guido Schürenberg

Mit Aller Liebe für die Welt

In dieser Woche feiern die Katholiken Allerheiligen und die Protestanten Allerseelen. Das Sonntagsevangelium verweist für ein gelungenes Leben auf die Gottes- und Nächstenliebe (MK 12, 28-34) und die internationale Politik hat nichts geringeres als die Welten(Klima)Rettung auf dem Programm (COP 26).

Ergibt dieser Themenmix einen Sinn? Oder trenne ich -wie so oft- besser Glaube und Welt, Religion und Politik.

Zu meiner Welt-Anschauung und meiner politischen Praxis gehört Glaube und Handeln zusammen oder wie der Gründer von Taizé, Roger Schütz es formuliert hat „Kampf und Kontemplation“.

Der Anspruch dieses Wochen-Themen-Mix steckt für mich im Begriff ALLE.

Heilig bezeichnet etwas Besonderes, Verehrungswürdiges und stammt wortgeschichtlich von Heil ab.
Heilige sind also im christlichen Sprachgebrauch besondere Menschen, die sich auszeichnen durch ihren Glauben an Gott und ihren Einsatz für eine bessere Welt der Gerechtigkeit und Liebe. Manche haben einen Namen und ihre Geschichte ist bekannt, andere bleiben unerwähnt, ihre Wirkungsgeschichte wurde nicht dokumentiert und deshalb nicht mit einem eigenen Namensfest gefeiert. Paulus bezeichnet alle an Jesus Glaubenden als Heilige und so wird an Allerheiligen und an Allerseelen der lebenden und verstorbenen Christen und ihrem Wirken in der Welt gedacht.

Zwei heilige Märtyrer unserer Tage waren Dietrich Bonhoeffer und Max Joseph Metzger, beide Pfarrer und für ihren Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden von den Nationalsozialisten hingerichtet. Beide riefen die christlichen Kirchen schon in den 1930er Jahren auf Verantwortung für das Überleben der Menschheit zu übernehmen, indem sie ein ökumenisches Konzil für Gerechtigkeit und Frieden forderten. In den 1980er Jahren wurde dieser Aufruf aufgegriffen und um die Verantwortung für die bedrohte Schöpfung erweitert. Manche, die sich heute bei Christians for Future engagieren sehen sich in der Tradition dieses Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Für mich gründet dieses Engagement in Jesu Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, das auch die gottgeschenkte Schöpfung als Lebensgrundlage einschließt.

GS 3. Nov 2021


Mission irrelevant?

Am Sonntag beging die katholische Kirche den Weltmissionssonntag.

Die historischen Assoziationen kommen sofort: Zwangsmissionierung der Völker Mittel- und Südamerikas durch die Spanier und Portugiesen mit Kreuz und Schwert seit dem 15ten Jahrhundert bis zum Hungertod von Inuit-Kindern in Katholischen Internaten Kanadas im 20ten(!) Jahrhundert.

Mission heisst Sendung, Christen fühlten sich von Jesus gesandt die frohe Botschaft vom liebenden, barmherzigen Gott der Gerechtigkeit, das Evangelium allen Völkern, allen Menschen zu verkünden.

Es ging um Nächstenliebe, Befreiung, Gerechtigkeit. Die Kolonisatoren bemächtigten sich dieses Auftrags und brachten Unterdrückung, Krankheiten, Ausbeutung, Sklaverei, Tod – die Perversion dessen, was Jesus verkündet hatte, mit dem Segen der Kirche. Die Missionare wollten die Heiden bekehren, sie retten vor der Verdamnis. Inkulturation ist eine Haltung des späten 20ten Jahrhunderts und in kirchlichen Kreisen auch immer noch nicht allgemeine Überzeugung.

Aber was wäre denn unsere zukunftsfähige Mission als Christen heute? Welche Botschaft haben wir zu verkünden dem Abendland, das schon längst nicht mehr durch christliche Werte geprägt ist.

Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit lohnt sich das Wiederaufgreifen der Ideen und der Spiritualität des konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, an die Theologie der Befreiung und das indigene Lebensprinzip des Buen Vivir.

Mit einer solchen überzeugend gelebten Botschaft wären Christen wieder relevant und das Christentum zukunftsfähig.

GS 26. Okt. 2021


Jesus-Lizenz

Es scheint ein Urheberrecht für Segenshandlungen zu geben. Das Etikett „im Namen Jesu“ wollten die Christen von Anfang an monopolisiert wissen und gebunden an die von der Gemeinschaft Beauftragten (Männer).
So jedenfalls spiegelt es sich im Markusevangelium, gerichtet an die Christengemeinde und deren Nachfolgende:

»Lehrer, wir haben da einen Mann gesehen, der hat deinen Namen dazu benutzt, böse Geister auszutreiben. Wir haben versucht, ihn daran zu hindern, weil er nicht zu uns gehört.« (Mk 9, 38)
Überraschend, wie Jesus mit dieser vermeintlichen Urheberrechtsverletzung umgeht:
»Lass ihn doch!«, sagte Jesus. »Wer meinen Namen gebraucht, um Wunder zu tun, kann nicht im nächsten Augenblick schlecht von mir reden. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns!« (Mk 9, 39f)

Das Verhaltensmuster der Jünger ist uns auch heute noch wohl vertraut und mal ehrlich, reagieren wir nicht ähnlich?
Wer darf im Namen Jesu die „die Messe halten“, Sünden vergeben, segnen? „Natürlich“ nur geweihte (männliche) Priester und „gültig“ sowieso nur bei Einhaltung der vorgeschriebenen Form.

Und was ist schlecht daran, wenn jemand christlich handelt ohne sich als Christ zu bezeichnen?
Eher ist es fatal, wenn das C missbraucht wird, um der Lehre Jesu entgegenstehendes Handeln zu Labeln.

„Böse Geister aus (der Welt) zu treiben“ ist auch für uns eine bleibende Herausforderung. Am besten gelingt dies, wenn wir Gutes zusagen (bene dicere = segnen), im Vertrauen darauf, dass es wirkt.
Den Segen Jesu, des Christus dazu haben wir allemal. Diese Lizenz ist nicht an ein Amt oder an eine Kirche gebunden, sondern Allgemeingut für ein Gutes Leben für alle Menschen auf dieser Gott geschenkten Erde.

Foto: Greenpeace-Aktion 2019 – ©spiegel.de

GS 28. Sept 2021


Richtungswahl

In diesen Wochen vor der „Richtungswahl“ ist das Popularitätsranking anscheinend das Wichtigste und so werden wir täglich statt über klare Positionierungen der Parteien zu den Zukunfts-, Lebens- und Überlebensfragen mit Parteien- und K-Kandidat*innen-Ranking hingehalten und beschäftigt. Für manche von uns interessierten Bürger*innen ist die Entscheidung -mehr oder weniger zufriedenstellend- ohnehin schon per Briefwahl gefallen. Aber die noch Unentschiedenen erwarten noch parteiliche und personelle Hinweise, was Priorität der Politik für die Zukunft haben wird und wie dies ab wann bewirkt werden soll.

Jesus hat dem Ranking-Geplänkel seiner Nachfolger eine klare Position und Richtung gewiesen: Den glaubwürdigen Einsatz für eine lebenswerte Zukunft der Kinder und Enkel und den Einsatz für die „Kleinen“:

Sie schwiegen, denn sie hatten sich gestritten, wer von ihnen wohl der Größte wäre.
Da setzte Jesus sich hin, rief die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: »Wer der Erste sein will, der muss der Letzte von allen werden und allen anderen dienen!«
Und er winkte ein Kind heran, stellte es in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
»Wer in meinem Namen solch ein Kind aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht nur mich auf, sondern gleichzeitig den, der mich gesandt hat.«
(Mk 9,33-37)

Stellen wir die Zukunft der Kinder und Enkel in die Mitte unseres (politischen) Handelns? Verstehen wir uns als Diener am Wohl der menschlichen Gemeinschaft?
Fragen, die sich nicht nur Politiker*innen stellen müssen, sondern genauso ich und jede*r einzelne von uns.

Das Kindes- und Enkel-Wohl bestimmt die Richtung und nicht das Konservieren des Bestehenden.
Jedenfalls definiert Jesus so christlich-parteiisches Handeln entsprechend dem Willen Gottes.

Wir haben die Richtungswahl!

GS 21.Sept 2021


Für wen hälst Du mich – eigentlich?

Jetzt präsentieren sie sich wieder, die Parteien, ihre Positionen zu den Themen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und vor allem die „Volksparteien“ ihre Kanzlerkandidat*innen und deren „Kompetenz-Teams“. Angesichts unserer Welt-Zukunft überzeugen sie alle nicht mit klaren Perspektiven und Maßnahmen. Denn das, was da auf uns zukommt, auch als Konsequenz von Ignoranz und nationalen, persönlichen, wie wirtschaftlichen Egoismen, ist existenzbedrohend für die Menschheit.

Von daher sind alle erforderlichen Massnahmen Zumutungen. Entsprechend diffus und unklar bleiben die konkreten Forderungen und Handlungsperspektiven.

Den Wähler*innen wird unterstellt, dass ihnen nichts zuzuMUTen ist, da sie sich ja in ihrem „Wohlstand“ eingerichtet haben.

Wenn wir in dieser zukunftsbedrohlichen Situation Politiker*innen wählen wollen, die die Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft gestalten und mutig handeln sollen zum Wohle des Volkes, müssen wir wissen, wofür sie stehen, für welche Werte und welche Sichtweisen auf diese Welt. Es entstehen Bilder und Erwartungen, von den Kandidat*innen geweckt. Passen oder gar biedern sie sich diesen Bildern und Erwartungen an oder sind sie ehrlich und glaubwürdig und stehen zu den Zumutungen?

Im sehr „volksnahen“ Evangelium des Markus fragt Jesus seine Anhänger: „Für wen halten mich eigentlich die Leute?“ und nachdem diese ihm die Ergebnisse der kleinen Meinungsumfrage präsentiert haben, hakt er nach und fragt: „Und Ihr, für wen haltet Ihr mich?“ (Mk 8,27-29)

Er will wissen, auf wen er sich angesichts der Zumutungen seiner Zukunftsbotschaft verlassen kann, wer zu ihm stehen wird und mit ihm dieses Reich Gottes der Gerechtigkeit und Liebe gestalten und leben will. Und natürlich steht auch seine Glaubwürdigkeit in Frage, erkennbar in seinem Lebensstil, seinen Handlungen und seiner Bereitschaft, dafür alles zu geben.

Wenn wir Politiker glaubwürdig und nicht populistisch anbiedernd und indifferent erleben würden, wäre die Wahl einfacher und motivierender. Und es bestünde eine realisierbare Chance lebenswerte Zukunft gemeinsam zu gestalten und das Leben auf diesem Planeten zu retten.

GS 14. Sept 2021


Mitteilungsbedürfnis

Manche*r kann ja seine Klappe nicht halten, postet und kommentiert eigene Meinung und Erfahrungen, Beobachtungen und Analysen zu „Gott und die Welt“. Wobei der Anteil WELTERFAHRUNGEN in meiner sozialen Blase deutlich im Vordergrund steht. Und wenn von Gott mal die Rede ist, dann meist verbunden mit negativen Kirchenerfahrungen. Diese erzählen allerdings weniger von Gott, als von Ohnmachtserfahrungen angesichts menschlich-hierarchischem Machtgebahren.

Wenn dann mal ein gegenläufiges und mich bestätigendes oder aufbauendes Narrativ die Runde macht, das deutlich macht, dass GOTT* mit dieser, seiner Welt noch nicht am Ende ist, dass wir Menschen mit ihm eine Zukunft haben, dann sollen es alle erfahren.
Irritierend ist da für mich die Aufforderung Jesu bloß nichts von seinen Heilungen und Heilstaten zu erzählen: „Jesus verbot den Anwesenden, es irgendjemand weiterzusagen“ (Mk 7,36)
Offensichtlich wollte er keinen Personenkult, die Titel Heiland und Messias schon gar nicht, denn sie wecken Erwartungen. Ihm ging es darum durch sein Handeln die Menschen in ihrem Glauben an GOTT* zu bestärken und so sollte die gute Nachricht – good spell, gute Erzählung, Evangelium, Gospel- fühl- und erfahrbar werden.

Anscheinend ist auch in meiner Bubble diese Erfahrung, diese Gute Nachricht nur sehr selten, sonst müssten wir doch mehr davon erzählen, wie es ein Lied des Schriftstellers Josef Reding aus den 80ern singt: „Die gute Nachricht singt hinaus, Gott sendet seine Menschen aus, so Dich und mich und sie und ihn …“

Ja, es wäre uns ein inneres Bedürfnis, wir könnten gar nicht anders „Wir können nicht schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben“ auch wenn man uns auffordert die Klappe zu halten, wie Petrus und Jakobus vor dem jüdischen Religionsgericht, nachdem sie im Namen Jesu Heilungen bewirkten. (Apg 4,20).

Damit unser Mitteilungsbedürfnis aber nicht in unserer kleinen Kirchen-Bubble bleibt, sondern die Menschen erreicht, sollten wir die Gute Nachricht auf allen uns zur Vefügung stehenden SocialMedia-Kanälen immer wieder posten – mit glaubwürdigen Geschichten, wie wir sie als uns gut tuend erfahren haben.

GS 7. Sept 2021


Innere Hygiene

Hygieneregeln bestimmten schon immer unseren Alltag, manche wurden zum täglichen Ritual von klein auf angelernt: „Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen“

Unhinterfragt, hilfreich, evident. In Krisenzeiten Leben schützend und von der Mehrheitsgesellschaft, dem Mainstream fraglos gelebt.

Manche dieser Reinigungs- oder Schutzrituale werden lieb gewordene und Sicherheit gebende Tradition, von der Zivilgesellschaft oder auch nur vom näheren sozialen Umfeld, der Bubble als vorgegeben akeptiert.

Regelbrecher*innen und Ritualverweiger*innen werden diskreditiert, ohne nach den dahinterstehenden Gründen zu fragen.

Die jüdische Religion kennt eine Vielzahl überlieferter Gesetze und Regeln, die peinlichst genau beachtet werden und deren kollektive Einhaltung Voraussetzung für die Ankunft des Messias ist.

Umso mehr provoziert die Schriftgelehrten und Gesetzeshüter der laxe Umgang der Jünger Jesu, der ja als Messias (ein Titel, den er nie in Anspruch genommen hat) verkündet wird, mit den Hygieneregeln insbesondere bei den Mahlzeiten. Es geht um rein oder unrein – koscher oder treife.

Jesus bezeichnet sie als Heuchler und verweist auf ein Wort des Propheten Jesaja: ›Dieses Volk ehrt mich nur mit Worten, sagt Gott, aber mit dem Herzen ist es weit weg von mir.
Ihr ganzer Gottesdienst ist sinnlos, denn sie lehren nur Gebote, die sich Menschen ausgedacht haben.‹
Das Gebot Gottes schiebt ihr zur Seite und haltet euch stattdessen an Vorschriften, die von Menschen stammen.« (Mk 7)

Jesus fordert die innere Hygiene, die Achtsamkeit auf gute Gedanken und eine offene, versöhnliche Haltung, das was wir als innere Werte bezeichnen.

Diese werden nicht als Gesetz verordnet, sondern aus dem Hören auf Gottes Wort entwickelt.

Wort-Gottes-Dienste statt Reinigungsrituale und verbotene Speisen.

Die Einhaltung der geltenden Hygiene-Regeln in der Pandemie schützen nicht nur mich,sondern auch die vielen Ungeschützten, insbesondere Kinder, mit denen ich Kontakt habe.

Für die richtige Händedesinfektion werden 20-30 Sekunden empfohlen – Zeit genug für ein Gebet, das von innen heraus kommt.

GS 31. Aug 2021

Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft
diesen kleinen Tag zu bestehen,
um auf dem großen Wege zu dir
einen kleinen Schritt weiterzugehen.

Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft
diesen kleinen Tag zu bestehen

Morgengebet von Ernst Ginsberg


Glaubenskrise

„Wollt nicht auch Ihr gehen?“ seit ich diese Frage Jesu an seine seine engsten Freunde im Sonntags-Johannes-Evangelium las, klingt sie immer wieder in mir nach, beschäftigt mich und stellt auch meine Kirchenerfahrungen infrage.
Der Anlass für die Frage waren aber die Glaubenszumutungen die Jesus predigte: Er allein sei der von Gott bevollmächtigte Verkünder des Willens Gottes. Dieser von Jesus verkündete Wille Gottes bezog sich auf den persönlichen Lebensstil, wie auf den sozialen Umgang miteinander, also das, was in der „Bergpredigt“ als Grundsätze des Reiches Gottes beschrieben wird: Nächsten- und Feindesliebe, Versöhnungsbereitschaft, Gewaltverzicht, Gerechtigkeit und Frieden schaffen und halten, Verzicht auf Luxus und Ausbeutung, sich mit dem zum Leben notwendigen begnügen, Ehrlichkeit und das Vertrauen darauf, dass Gott den Menschen Gutes will, weshalb sie ihn allein als Gott verehren.
Den geistlichen Volksführern und Theologen wirft er Heuchelei und Verrat am Willen Gottes vor, weil sie vom Volk fordern, was sie selbst nicht leben und nur ihre Macht sichern wollen.

Die Reaktion der Zuhörer:

»Was er da redet, geht zu weit! So etwas kann man nicht mit anhören!« (Joh 6,60)

Ähnliche Reaktionen kennen wir auch heute auf polarisierende Reden und Statements von Politikern und Kirchenmännern. Zumutungen, insbesondere, wenn sie unseren Lebensstil, unseren Konsum oder unsere Freiheiten betreffen, sind nur schwer zu ertragen und das Zukunftsversprechen muss schon sehr attraktiv sein, wenn wir uns darauf einlassen.

Das diese Zukunfts-Lebens-Botschaft Jesu lebbar und erlebbar ist, habe ich auch in kirchlichen Gemeinschaften erfahren, in die ich hineingewachsen bin und denen ich z.T. meine heutigen Überzeugungen und Hoffnungen verdanke.

Aber Jesu Anfrage an seine Vertrauten und auch an mich geht tiefer: Wollt Ihr euch von mir, meiner Botschaft, und damit eurer Beziehung zu Gott, der euch Vater und Mutter ist, trennen? Oder anders gesagt, ist Gott und sein Wille noch relevant für euer Leben?

Das ist eine Glaubenszumutung!

Die Antwort der Jünger damals: „Wohin sollen wir gehen, nur Du hast Worte, die uns Leben lassen!“

GS 24. Aug 2021


Vorhersehbar

Wenn ich auf die sich überschlagenden Ereignisse in Afghanistan schaue, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Menschen dort sehe, die mit und für die Natoeinsatztruppen gearbeitet haben, die für ihre Kinder und insbesondere für die Mädchen auf Bildung setzten und für die Frauen auf ein selbst bestimmtes Leben hofften, so überkommt mich Wut angesichts des völligen Versagens der Regierungen der Schutzmächte. Ich schäme mich der hysterischen Angst, die in Europa vor den zu erwartenden Flüchtlingen geschürt wird. „Wir dürfen nicht wieder in eine Situation wie 2015 kommen“. Und ich bin fassungslos angesichts der wegschauenden Politiker in einem Bundestags-Wahlkampf, der meint ohne Zumutungen angesichts der Krisen auf der Welt auskommen zu können.

Dabei war die unverzügliche Machtübernahme durch die islamistischen Taliban und die Rücknahme aller Freiheits- und Menschenrechte durch die Scharia absehbar.

Für Europäer, die sich doch den jüdisch-christlichen Werten verpflichtet fühlen, gibt es in dieser Bedrohungssituation nur die Option der Solidarität mit denen, denen „man sich vertraut gemacht hat“ und denen man Schutz versprochen hatte. Und für uns Christen das Gebot der Nächsten- und Fernstenliebe, d.h. den zu uns fliehenden Schutz, Unterkunft, Lebensmittel und medizinische Versorgung anzubieten und wenn sie bei uns bleiben wollen, für Integration, Bildung und für ein menschenwürdiges Leben Sorge zu tragen.

Andernfalls gilt für uns der Vorwurf Jesu der Heuchelei:

„Ihr Heuchler! Aus den Zeichen am Himmel oder auf der Erde könnt ihr das Wetter vorhersagen. Warum könnt ihr dann nicht beurteilen, was heute vor euren Augen geschieht? Warum weigert ihr euch zu erkennen, was gut und richtig ist?“ (Lk 12,56f) und die Anfrage:

„ … Herzensbarrikaden, wer kämpft noch für wen?
Wir meiden die richtigen Fragen, wir streunen ums Problem.
Du traust dem Impuls und bleibst immer kühl
Du erlaubst dir nicht, dich zu entziehn
Und deine Fassung ringt
Weil Fassung nichts mehr bringt, nichts mehr bringt
Bist du da, wenn Seelen verwaisen?
Bist du da, wenn zu viel Gestern droht?
Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen?
Bist du da? …“ – (Herbert Grönemeyer, Tumult 2018)

GS 17. Aug 2021


Apocalypse Now

gilt als einer der größten Klassiker des Anti-Kriegs-Films. Der 1979 erschienene psychedelische Vietnam-Albtraum zeigt den Wahnsinn, die Perversion und die Sinnlosigkeit von Kriegen.

Zeitgleich wurde für den amerikanischen Kongress die Studie GLOBAL 2000 entwickelt (1980 in Deutschland veröffentlich). Deren Szenarien muteten schon damals apokalyptisch an und forderten zu weltweitem, vernetzten Handeln auf, um die sich abzeichnende ökologische Katastrophe zu verhindern.
Unterschiedlich motivierte Bewegungen in den Zivilgesellschaften und Religionsgemeinschaften und nicht zuletzt #fridaysforfuture versuchen die drohende Umwelt-Apokalyse durch Aktionen und politisch-ökonomische Forderungen zu verhindern. Der UN-Klimagipfel von Paris 2015 mit seinen von 175 Staaten unterzeichneten Klimazielen war ein politisches Hoffnungszeichen für weltweites Handeln – die Konkretionen der erforderlichen Massnahmen stehen bis heute aus. In seiner Enzyklika LAUDATO SI (2015) ruft Papst Franziskus alle Menschen auf Verantwortung für das „gemeinsame Haus“ zu übernehmen und gemeinsam die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen.

Der WELTKLIMA-Bericht des IPCC (Weltklimarat der UNO) zeigt unmissverständlich die Folgen des von uns allen verursachten Klimawandels auf und die Bilder aus Griechenland, Grönland, Kalifornien, dem Ahrtal, Erftstadt, Eschweiler, Schleiden, Stolberg, … illustrieren dies. Sie dokumentieren Versagen, Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit, aber auch Solidarität und Zusammenhalt inmitten der Katastrophe.

Es gibt kein „weiter so“!

In den Religionen weisen apokalyptische Schriften und Zustände auf eine Zeitenwende hin und der religiöse Mensch besinnt sich auf die göttliche Zusage ICH BIN DA – immer.

So gibt der Psalmvers: „Doch gerade an Tagen, an denen ich mich fürchte, vertraue ich auf Dich“ (Ps 56,4) den gläubigen Beter_innen Halt in apokalyptischen Zeiten. Er entbindet uns nicht davon durch persönlichen Verzicht und einen ökologisch angepassten und verantwortlichen Lebenstil unseren Teil zur Erreichung der UN-Klimaziele beizutragen.

Das wäre ein Beitrag für eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder und Enkel und eine wirkliche ZEITENWENDE.

GS 11. August 2021


Ausgesandt sein: zwischen Gehen und Bleiben

Ich bin hin- und hergerissen zwischen gehen oder bleiben angesichts des Zustands und Verhaltens meiner Kirche auf allen ihren Ebenen, Da trifft mich die Botschaft des Markus-Evangeliums von der Aussendung der Jünger (6,6-13):
Ich sei ein Ausgesandter und Bevollmächtigter. Ausgesandt die Botschaft vom Gottes Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens mitten hinein in die Krisen dieser Welt zu verkünden und damit die zerstörerischen Geister zu vertreiben. Ich soll das ohne Budget und Ausstattung tun, darauf vertrauend, dass man mich schon anhören wird. Sonst, weiterziehen und die Ignorant*innen spüren lassen, dass ihre Ignoranz Folgen haben wird.

„Die Zwölf machten sich auf den Weg und forderten die Menschen auf, ihr Leben zu ändern. Sie befreiten Menschen, die von bösen Geistern beherrscht waren, salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ (Mk 6,12-13)

Also einfach gehen? Nein, sondern zu zweit und einfach wird’s sicher nicht! Denn gehen heisst auch sich verabschieden, von dem, was bisher Heimat, Sicherheit und Geborgenheit war. Die Verbindung zu den Mitaufbrechenden bleibt und führt immer wieder zusammen zum Austausch und zu neuen Impulsen.

Die Kirchengeschichte erzählt von solchen Aufbruchsbewegungen in Krisenzeiten, in denen das Kirchenleben um sich selbst kreiste und die radikale Botschaft relativiert oder zur moralisierenden Drohbotschaft wurde, um die Freiheit der Kinder Gottes zu beschneiden: Charismatische Prophet*innen radikalisierten sich durch das Evangelium und gingen in die Welt, zu den Menschen, an die Ränder der Gesellschaft und verkündeten die befreiende Botschaft Jesu vom Gottesreich, das hier und jetzt gelebt werden will. Manchmal wirkten sie reformierend nach innen.
Heilung kommt von denen, die glaubwürdig die befreiende Botschaft verkünden und leben, in seinem Namen, begeisternd. Vor den Kirchentüren, an den Rändern der Gesellschaft, Heilung in Krisenzeiten.

Aufgabe der kirchlichen Gemeinschaft: Ort für Austausch, Kraft- und Quellpunkt, Heimat geistgewirkten, weltzugewandten Lebens.

Also Gehen – und immer wieder zurückkommen können.

GS 13. Juli 2021


„Damit zu leben lernen“

Ein euphemisierendes Etikett für eine handlungsunfähige Politik angesichts der derzeitigen existenziellen Weltkrisen: „Wir werden lernen müssen mit dem Virus zu leben.“ Wir werden mit den Auswirkungen des Klimawandels leben lernen“ …

Die #fridaysforfuture Bewegung weist darauf hin, dass der Klimawandel und seine Folgen seit 50 Jahren bekannt sind und in Szenarien wissenschaftlich berechenbar sei, aber die Menschheit offensichtlich nicht bereit ist die erforderlichen Massnahmen zu ergreifen, um auch kommenden Generationen eine lebenswerte Zukunft zu erhalten.
Verhaltensänderung bedeutet Verzicht auf internalisierte Verhaltensmuster und lieb gewordene Konsumgewohnheiten.Verzicht und Einschränkungen lassen sich nur schwer als Bereicherung kommunizieren. Und man weiss ja nicht, ob diese Einschränkungen, dieser Verzicht nicht überflüssig ist, da ja vielleicht schon eine „Reparatur-Lösung“ in der Schublade liegt und überhaupt alles schon nicht so schlimm kommen wird.

Brauchen wir erst das Lernen aus Erfahrung im eigenen Leben, um zur Veränderung bereit zu sein?

Paulus schreibt in seinem Brief an die Hebräer, dass Jesus durch Leiden Gehorsam gelernt hat.(Hebr 5,8)

„Gehorsam ist das Befolgen von Geboten oder Verboten durch entsprechende Handlungen oder Unterlassungen. Gehorsam bedeutet die Unterordnung unter den Willen einer Autorität …“ (Wikipedia). Für den erwachsenen Jesus war diese Autorität Gott*, weil er darauf vertraute, dass diese*r es gut mit ihm und mit allen Menschen meint.

Offensichtlich trauen wir, insbesondere in Krisenzeiten, wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht und politische Entscheidungsträger*innen verzögern entsprechend zukunftsorientiertes Handeln, da dies mit vermeindlich unzumutbaren Einschränkungen der Wähler*innen verbunden ist.

„Er lernte durch Leiden Gehorsam! – „Wer nicht hören will, muss fühlen“ hat die Volkserziehung daraus gemacht. Wir und die entscheidenden Autoritäten werden unser versagendes Handeln nicht (mehr) fühlen, wohl aber die jetzt noch Wahl-Unmündigen und ihre Kinder.

GS 6. Juli 2021


April-Juni 2021

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Sept -Dez 2020

April – August 2020

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Januar – April 2019

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Mai/ Juni 2018

Januar – Ostern 2018


Juli – Dezember 2017

Karneval – Juni 2017

Dezember 2016 – Februar 2017


September – November 2016

Mai – August 2016

Fastenzeit – Pfingsten 2016

Dezember 2015 – Februar 2016


Mai -November 2015

Fastenzeit und Ostern 2015

Januar und Februar 2015


Advent+Weihnachten 2014

August-November 2014

Juni – August 2014

Ostern – Pfingsten 2014

Fastenzeit + Ostern 2014

Januar+Februar 2014


Oktober – Dezember 2013

Juli – September 2013

Pfingsten bis Semesterschluss 2013

Karfreitag – Pfingsten 2013

Januar- April 2013 

Oktober bis Dezember 2012

Ein anderes Vater Unser
Im Nachgang zur Sommerschule mit sambischen und deutschen Studenten, bei der unter anderem das Thema “Globalisierung und privater Konsum” diskutiert wurde
Hagen Rether – Vater Unser

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