Unterbrechung-Mittendrin – Fastenzeit-Pfingsten 2016

Eine Bewegung kann die Welt verändern

Pfingsten, wo so viel vom Geist die Rede ist, der die Kirche antreibt, der Veränderung bewirkt, …haben mich 2 Facebookposts nachhaltig beeindruckt:
Konstantin Wecker, der bekannte Liedermacher, dessen Verdichtungen des Weltgeschehens mich immer wieder inspirieren, schreibt im Nachgang zum Eurovision Song Contest:
„Vielleicht waren ja bei dem gestrigen paneuropäischen Dilettantenstadel auch viele begabte Sängerinnen und Sänger dabei – aber warum beugen sie sich alle dieser musikalischen Durchschnittssauce?
… Es gibt so wundervolle SängerInnen, die singen, weil sie ein Lied haben. Warum hört man von ihnen nichts?
Deshalb. Weil sie ein Lied haben. … Wie schrieb doch der gute alte Brecht: „Kultur ist das Vergnügen, die Welt zu verändern.“
Lasst uns diese Welt verändern!“

Ein Videopost hat mich dann wirklich begeistert: Was eine kleine Kugel – in Schwung gebracht alles auslösen und bewegen kann.
So stelle ich mir die erneuerte begeisterte Kirche vor: durch geistliche Impulse und glaubwürdiges Leben Menschen begeistern und in kreative Bewegung bringen, den Glauben in der Welt zu leben, trotz Hindernissen und Umwegen und so diese zu verändern zu einem gerechten, friedvollen, lebensbejahenden Raum – ohne Ende.


Europa – zwischen Gerede und Gespräch

papst_karlspreisEuropa, diese visionäre Idee von Frieden, Freiheit, Solidarität und Menschenwürde, die sich institutionalisierte ist, nicht zum ersten Mal ins (Krisen-)Gerede gekommen: Griechenlandkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, …-krise, …

Und dann kam die Papstrede gegen das Gerede ….

Papst Franziskus erinnert bei der Verleihung des Karlspreises am 6.Mai in Rom an diese kraftvolle Vision der Gründerväter und fordert uns Europäer heraus:

„Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Resignation und die Müdigkeit nicht zur Seele Europas gehören und dass auch die „Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können“.

Dafür ist DIALOG und der Wille dazu not-wendig:

„Auf diese Weise wird die Gemeinschaft der europäischen Völker die Versuchung überwinden können, sich auf einseitige Paradigmen zurückzuziehen und sich auf „ideologische Kolonialisierungen“ einzulassen. So wird sie vielmehr die Größe der europäischen Seele wiederentdecken, die aus der Begegnung von Zivilisationen und Völkern entstanden ist, die viel weiter als die gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union geht und berufen ist, zum Vorbild für neue Synthesen und des Dialogs zu werden.“

Erst dann hat die europäische Idee nicht nur eine Nachdenkens werte Vergangenheit, sondern eine wert-volle Zukunft:

„Wenn wir eine menschenwürdige Zukunft anstreben wollen, wenn wir eine friedliche Zukunft für unsere Gesellschaft wünschen, können wir sie nur erreichen, indem wir auf die wahre Inklusion setzen: „die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt“. Dieser Übergang … eröffnet uns von neuem die Fähigkeit von jenem Humanismus zu träumen, dessen Wiege und Quelle Europa einst war.“

Am 9. Mai feierten wir Europatag – mehr als Gedenken vergangener Ideen, sondern Chance diese Ideale und Werte neu und nachhaltig in europäische Praxis umzusetzen.

GS 10.Mai 2016


„Sie fanden sich in Situationen, mit denen sie niemals gerechnet hätten.“

Überfordert? Fixiert auf Deine eigene Planung? Plötzlich musst Du Dich auf eine neue Situation einstellen.

Was machst Du? Erzählst es deinen Freunden? Diese beraten Dich? Du hörst zu? Ihr entscheidet gemeinsam, wie Du Dich der neuen Situation stellen sollst? –oder machst Du es mit Dir selbst ab und reagierst in „bewährten Mustern“?

Papst Franziskus (Radio Vatikan 28.6.16) hat für die Katholische Kirche festgestellt, dass sie, wenn etwas, das neu scheint oder noch nie so gemacht wurde und Widerstände von Mitgliedern und Amtsträgern das Klima bestimmen, dass dies der Weg der Kirche sein soll: Beratung, Zuhören, Diskutieren, Gebet und dann „eine abschließende Entschhttp://besinnzeit.de/wp-admin/post.php?post=12&action=editeidung“, die sogenannte Synodalität, in der sich die Gemeinschaft der Kirche ausdrückt.

Mich macht nachdenklich, dass ich, dass wir das Gebet beim Umgang mit neuen Herausforderungen selten als Element in unseren Entscheidungsprozessen nutzen. – Kein Vertrauen, dass gemeinsames Gebet neue Wege eröffnet?

Mir fällt die Schlüsselszene aus dem Roadmovie „Vaya con dios“ (Deutschland 2002), wo ein gesungenes Gebet den Durchbruch in einer Krisensituation brachte, eine zerbrochene Gemeinschaft wieder zusammenbrachte und sie ihren Auftrag erfüllen konnte.


NEUES ENTWICKELN –mit Begeisterung

Heute Morgen bei der Lektüre des Wirtschaftsteils der Zeit bin ich erneut über den Begriff CROWDSOURCING gestolpert: Unternehmen und Organisationen beschreiben eine Aufgabe oder eine geplante Kampagne und fordern über eine Crowdsourcing-Plattform Ideen und Vorschläge für die Gestaltung an. Die passenden Vorschläge werden dann umgesetzt … und vergütet.

Die Bewertung dieser neuen Form von Arbeitsverhältnis ist zwiespältig, für die Lösung von Aufgaben oder die Entwicklung innovativer Projekte ist Crowdsourcing (zusammengesetzt aus Crowd -Menge der Nutzer und Interessenten- und Source –Quelle) aber eine Bereicherung, denn es beteiligt kreative Menschen, die sich mit ihren Ideen einbringen – und davon profitieren.
Oft entwickeln sie Ideen besser als Beauftragte, weil sie oft auch Nutzer sind.

Das Einbringen und gemeinsame Entwickeln von Ideen und Projekten wird auch und gerade in Non-Profit-Organisationen, wie sozialen Einrichtungen und Kirchen, als Chance der Weiterentwicklung gesehen, unabhängig von Hauptamtlichen und mit geringem Budget. Was dazu kommen muss, ist zum einen der Austausch unter den Ideenbringern und den Organisationen und die Entdeckung oder Entwicklung eines gemeinsamen Spirits. Nur dann können Ideen und Projekte begeistern, sonst sind sie wieder abhängig von einzelnen Machern.

Es segne uns der Geist,

Foto: Guido Schürenberg

Foto: Guido Schürenberg

der war und ist,

dass wir

als Gewordene werden,

wozu wir gemacht sind,

als Geliebte lieben,

die ungeliebt sind,

als Beschenkte beschenken,

die gabenlos sind,

als Gerufene rufen,

die keiner sonst ruft,

als Entfachte entfachen

das Feuer der Liebe,

entzündet aus ihm.

Wilma Klevinghaus


Erbarmen und Verantwortung

Auf seiner Reise nach Lesbos hat Papst Franziskus ein Gebet gesprochen, das all jene die ihre Heimat verloren, unter Gottes Erbarmen, aber bezeichnenderweise auch in unsere Verantwortung stellt. Klarer kann man es eigentlich nicht sagen, was Aufgabe Europas ist, und was, insbesondere wenn wir unser christliches Erbe verkörpern wollen, zu tun ist. Es würdigt gleichermaßen die unzähligen Flüchtlinge, die auf ihrer Reise starben, wie auch jene, die sich Hilfe von Europa erhoffen. Man muss sich dieses Gebet mal auf der Zunge zergehen lassen – ich möchte es daher hier ungekürzt teilen.

Foto: Jonas Höhmann

Foto: Jonas Höhmann

„Barmherziger Gott,
wir bitten dich für alle Männer, Frauen und Kinder, die nach dem Verlassen ihrer Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben gestorben sind.
Auch wenn viele ihrer Gräber keinen Namen tragen, ist doch jeder von ihnen dir bekannt, von dir geliebt und erwählt. Mögen wir sie nie vergessen, sondern ihr Opfer ehren, mit Taten mehr als mit Worten.

Wir vertrauen dir alle an, die diese Reise gemacht und Angst, Unsicherheit und Demütigung ertragen haben, um zu einem Ort der Sicherheit und der Hoffnung zu gelangen. Wie du deinen Sohn nicht verlassen hast, als er von Maria und Josef an einen sicheren Ort gebracht wurde, so sei nun diesen deinen Söhnen und Töchtern nahe durch unsere liebevolle Zuneigung und unseren Schutz.
Indem wir für sie sorgen, lass uns zugleich eine Welt anstreben, in der niemand gezwungen ist, seine Heimat zu verlassen, und wo alle in Freiheit, Würde und Frieden leben können.

Barmherziger Gott und Vater aller, wecke uns auf aus dem Schlaf der Gleichgültigkeit, öffne unsere Augen für ihre Leiden und befreie uns von der Gefühllosigkeit, die der weltliche Wohlstand und die Selbstbezogenheit in uns erzeugen. Verhilf uns – Nationen, Gemeinschaften und Einzelnen – zu der Erkenntnis, dass sie, die an unseren Küsten landen, unsere Brüder und Schwestern sind. Lass uns den Segen mit ihnen teilen, den wir aus deiner Hand empfangen haben,und begreifen, dass wir als eine einzige Menschheitsfamilie alle miteinander Wanderer sind, in der Hoffnung unterwegs zu Dir, unserer wahren Heimat, wo alle Tränen abgewischt werden und wir alle Frieden und Sicherheit in deiner Umarmung finden.“

(Papst Franziskus)

(© Giannina Wedde/KLANGGEBET, Leben aus der Kraft inneren Betens:https://www.facebook.com/pages/Klanggebet/185240691513819)


Die Gnadengaben der Liebe

Es gibt Zeiten, da trifft uns die Liebe wie ein Donnerschlag, der alles Steinerne in uns erschüttert und bricht. Als unbezähmbare Kraft, der wir noch jeden unserer Atemzüge verdanken, erinnert sie uns an die Dringlichkeit, unsere Lebensspanne mit dem reich anzufüllen, was des Wortes Leben würdig ist.

Es gibt Zeiten, da bestiehlt uns die Liebe wie ein Dieb in der Nacht unserer Gewissheiten, und arm an Sicherheit geworden wachen wir auf wie aus einem Traum, von dem wir nicht wussten, wie klein er war und wie klein er uns machte.

LiebeEs gibt Zeiten, da erweicht uns die Liebe mit einem Verstehen, das noch den Menschen umarmt, der uns verletzte, der uns verkannte, und den wir nur betrachten konnten unter dem Blick einer dunklen Angst vor Vernichtung. Fremde ruft uns, uns tastend suchen wir sie mit Händen der Brüderlichkeit.

Es gibt Zeiten, da reift die Liebe an Fragen, die niemand zu beantworten imstande ist. An Tränen, mit denen wir alleine bleiben. An Kämpfen, die zu vermeiden uns nicht gelang.

Es gibt Zeiten, da reift die Liebe an der Arglosigkeit des Anderen, an der Hoffnung eines Menschen, dessen Schultern das Leben noch nicht beugte, an der Kühnheit weniger, sich selbst zu vergessen.

Es gibt Zeiten, da trifft uns die Liebe als das Schweigen eines Menschen, in dessen Beten alles was wir wurden, aufgehoben ist. Jenes Beten lehrt uns die Liebe, das ein Raum ist für alle Wege, Irrwege, Träume und Versäumnisse unserer selbst und unseres Nächsten, für alles Gesagte, Ungesagte und Unsagbare, an dem der Mensch krankt und an dem er auch gesundet.

Oh viele Wege findet die Liebe, uns zu erschüttern, zu erweichen, zu bestehlen und mit Überfluss zu beschenken, viele Wege, sich unserer zu bemächtigen, während wir das schwinden sehen, was wir noch gestern für unseren unverrückbaren Kern hielten. Sich der Liebe in den Weg zu stellen ist zwecklos, denn dort wo sie auf ein Meer trifft, teilt sie es, und dort wo sie auf eine verbrannte Wüste trifft, fließt sie als lebendiges Wasser – sie hat ihre Wege, von denen wir nichts wissen, doch als Gnade gießt sie sich aus über uns Unwissende, deren Herzen wie ruhelose Vögel einen nicht enden wollenden Himmel bereisen.

(© Giannina Wedde/KLANGGEBET, Leben aus der Kraft inneren Betens:https://www.facebook.com/pages/Klanggebet/185240691513819)


BEGEGNUNG

Foto+Montage: Andreas Fuhrmann, Hildesheim

Foto+Montage: Andreas Fuhrmann, Hildesheim

Es gibt Menschen, die bringen unsere Liebe hervor, von der wir nicht einmal wussten. Es gibt Menschen, die bringen unsere alten Wunden hervor, von denen wir dachten sie seien längst geschlossen. Es gibt Begegnungen, die unser ganzes Leben verändern, und oft merken wir es erst lange nachdem sie verklungen sind. Grund genug, einmal zu betrachten, was die Menschen in unserem Umfeld in uns auslösen, und was ihre An- oder Abwesenheit in unserem Leben bedeutet. Grund genug auch, DANKE zu sagen. Tiefe Begegnungen, so lieblich oder schmerzvoll sie sind, sind Räume der Reifung, Heilung und Erkenntnis – kostbare Geschenke an uns, deren Werden immer ein Werden am Du ist.

(Tägliche Inspirationen von Klanggebet:https://www.facebook.com/pages/Klanggebet/185240691513819 – Teilen erwünscht und erlaubt)


OSTERWÄRTS
aufstehen und mich dem leben in die arme werfen –

nicht erst am jüngsten tag,

nicht erst, wenn es nichts mehr kostet

und niemandem mehr wehtut.
luzia sutter rehmann

Foto: Christoph Simonsen

Foto: Christoph Simonsen

jesus
jüdischer bruder
herz gottes1
liebhaber des lebens

du weist uns den weg zum leben
du hast uns nicht zum zu-kreuze-kriechen berufen
du willst
dass wir uns am kreuz aufrichten
du liebst den aufrechten gang
du hast uns zugesagt
dass wir alle kreuze überleben und
dass wir unter den kreuzen unseres lebens
den kleinen und den großen
nicht zusammenbrechen werden

jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

seit deinem gewaltsamen tod und deiner auferstehung
seit dem ostermorgen
bricht an den enden jedes kreuzes
den kleinen und den großen
so dürfen wir glauben und vertrauen
der lebensbaum durch
bricht sich das leben bahn
unaufhaltsam
in ein neues leben
in unaufhörliches
unverbrüchliches glück
für alle
auf immer
frühlingstrunken

jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

so auf dich vertrauend und glaubend
so auf dich setzend und hoffend
so dir nachfolgend
mit unseren möglichkeiten und
den deinen darin
wollen wir unser leben wagen
tag für tag
stufe für stufe
schritt für schritt
unser leben vor dem tod

jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

uns ist das heil durch dich gegeben
denn du warst ganz für andre da
an dir muss ich mein leben messen
2
du setzt das maß
deine unbändige lebensfreude
deine lebenslust
gegen allen todesfrust

jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

ja
jeden tag aufs neue
wollen wir uns
dem leben
in die arme werfen
durch alle karfreitage hindurch
die kleinen und die großen
osterwärts

© manfred langner

(1Klaus Hemmerle; 2diethard zils: gotteslob 165,2)


Misereor - Bausteine Früh-/Spätschicht 2016

Misereor – Bausteine Früh-/Spätschicht 2016


Mit Gott NEIN sagen

Am 1.März dieses Jahres ist der Kapuziner-Pater Anton Rotzetter in der Schweiz gestorben. Er war ein Meister der klaren Sprache und hat in seinen Büchern eine franziskanisch geprägte, alltagstaugliche Spiritualität vorgestellt.

Aus seinem bekanntesten „Gebetbuch“ ein unmissverständlicher Impuls nicht nur für die Fastenzeit:

Nein möchte ich sagen mit dir:

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No! – (C) Geralt Altmann via Pixabay

Nein

möchte ich sagen mit dir, mein Gott
zu allem, was lähmt
zu allem, was krank und depressiv macht
Gib mir Kraft, mein Gott, daß ich nein sage
zu allem, was blind macht
zu allem, was die Sprache verschlägtNein
möchte ich sagen mit dir, mein Gott
zu allem , was zerstört
zu allem, was Angst machtGib mir Kraft, mein Gott, daß ich nein sage
zu allem, was trennt
zu allem, was schwächtNein
möchte ich sagen mit dir, mein Gott
zu allem, was blendet
zu allem, was knechtetGib mir Kraft, mein Gott, daß ich nein sage
zu allem, was tödlich ist
zu allem, was verwundetÜbersetze
mein Gott
dein Nein in die Sprache meiner Tat
und laß durch dieses Nein dein Ja hörbar werden
mir und aller WeltAnton Rotzetter, Gott der mich atmen lässt, Herder-Verlag 2012, S.125GS 15.März 2016


Berührbar werden in einer Welt der Selbstbezogenheit

All jene, die gebetsmühlenartig wiederholen, dass sie nicht auf das Drama blicken, nicht auf die Angst, nicht auf das Leiden, nicht auf den Mangel, nicht auf den Kampf, nicht auf die Gefahr, weil sie ihre Energie lieber in schöne Dinge fliessen lassen möchten, sollten sich daran erinnern, dass nirgends auf der Welt das Leid je endete, wenn nicht Menschen, einige wenige oft nur, bereit waren, sehr genau hinzusehen, wie schrecklich das was sie sahen auch war. Das Leiden endete, wenn Menschen bereit waren, sich mutig dem Elend, der Not, der Grausamkeit zu stellen und es tatkräftig zu ändern, auch wenn es sie nachhaltig um ihren inneren Frieden brachte, um ihre Ruhe, möglicherweise um ihre Gesundheit oder ihre Freiheit.

Wir brauchten und brauchen immer noch Menschen, die bereit sind, nicht nur das Schmerzliche zu sehen, sondern es auch zu empfinden, bis in die Tiefe ihres Seins, mitfühlend Anteil zu nehmen am Leben jener, die in Angst und Schrecken leben. Wir brauchten und brauchen Menschen, die die Stimme erheben für jene, die mundtot gemacht werden, die Rechte einklagen für jene die entrechtet sind. Wir brauchten und brauchen Menschen, die bereit sind, sich das Herz brechen zu lassen am Leiden der Welt, das nicht sein müsste, füllten wir alle das Wort „Mensch“ mit dem Glanz unserer Herkunft.

© Albrecht E. Arnold / www.pixelio.de

© Albrecht E. Arnold / www.pixelio.de

Die esoterische Wohlfühltyrannei ist nicht nur ein Affront gegen jeden denkenden Geist und jedes empfindsame Herz, sondern auch ein Angriff auf die Rechte jener, die zu schützen wir verpflichtet sind. Ein Land im Wohlstand trägt Verantwortung für Menschen in Armut. Ein Mensch mit gesunder Lebenskraft trägt Verantwortung für die Kranken. Ein Mensch mit wachem Geist trägt Verantwortung für jene, denen das Denken verboten wird. Es kann nicht unsere oberste Priorität sein, auf einer Wolke seliger Unberührbarkeit zu schweben, während Menschen vereinsamen, kapitulieren, sich verlieren. Und zwar nicht erst auf dem nächsten Kontinent, sondern bereits hier, in unseren Gemeinden, in unseren Familien, unserem engsten Umfeld, hinter glatten Fassaden.

Wenn wir glauben, dass das eingelullte Gefühl, das wir in unseren Wohnzimmern empfinden, der Welt dient, dann haben wir etwas grundlegend missverstanden: wir haben den tiefen Seelenfrieden, von dem alle großen spirituellen Lehren als Frucht der Meditation und des Gebets sprechen, und der den Frieden der Welt nährt, mit dem vordergründigen Wohlgefühl verwechselt, das in uns durch hübsche Affirmationen, durch Selbstbezogenheit und Scheuklappen im Alltag entstanden ist. Tiefer Seelenfrieden ist keine Frucht separatistischer Glückssuche, keine Frucht der Unberührbarkeit und erst recht kein Resultat der Suche nach der eigenen Größe oder Bedeutsamkeit. Tiefer Seelenfrieden leuchtet da, wo der Mensch seiner göttlichen Herkunft und Beheimatung begegnet.

Dem Göttlichen in sich Raum zu geben heisst aber immer, berührbar zu sein, bis zu dem Punkt an dem jeder Schmerz der Welt der Deine wird. Vielen wird da bange – wie auch nicht? Es sollte uns eher beunruhigen, ängstigte uns diese Empfindung nicht. Aber es gibt etwas über jedes Verstehen hinausgehendes Heiliges, das uns begegnet, in dem Maße in dem wir diese Erfahrung zulassen, und wir torpedieren diese Begegnung, wenn wir jeden Tag wie trotzige Kinder darauf beharren, dass uns Glück und Wohlgefühl rund um die Uhr zustünden, dass Dinge immerzu leicht sein müssten oder dass alles ja schon in uns ist und wir uns nur noch mehr mit uns selbst beschäftigen müssten. Tiefe Freude ist ohnehin etwas anderes – sie wächst als Erfahrung gleichermaßen, wenn wir die Tiefe des Mitgefühls zulassen.

Manch einem dämmert es, während er unerfreuliche Arbeit tut, sich abmüht, den Zweifel und Konflikt im Innen wie im Außen zulässt und austrägt, die Spannung der Dinge aushält und austrägt, dem Leid und dem Leidenden begegnet und sich selbst all die blutvollen Wendungen des Lebens nicht länger untersagt anstatt sie in selige Harmonie glattbügeln zu wollen, dass es eine Erfüllung und eine so unkorrumpierbare Schönheit des Lebens gibt, in der wir reifen, wachsen, erwachen und Mensch werden – und das ist ein Wunder, das uns nicht entrückt, sondern entzerrt. Und was Verzerrung war, das begreifen wir dann, wenn wir aufhören zu vermeiden.

Natürlich können wir weiterhin das weiche Bett des immer positiven Gefühls suchen und darauf liegen wie lächelnde Tote – oder wir gehen dieses riesige Wagnis des Lebens ein, zu beten, wieder und wieder:

„Gott, ich will berührbar sein.“

Und nichts wird bleiben wie es war.

(Giannina Wedde/KLANGGEBET,https://www.facebook.com/pages/Klanggebet/185240691513819)

Wenn ich ganz still werde,
in mich hineinhöre,
mit dem Unendlichen in Berührung komme,
schwinden alle Zweifel.

Ich spüre mich all-eins,
verbunden und verbindend,
geborgen und bergend,
getragen und tragend,
gehalten und haltend.

Mein leben hat Sinn,
ich will Sorge zu mir tragen,
leben und Leben ermöglichen.

Max Feigenwinter (Jeden Augenblick segnen, Verlag am Eschbach 2/2008, S.51)


 BEGRIFFSSCHUBLADEN

Ich habe in der Zeit 10/2016, Seite 9 ein Interview mit Elisabeth Wehling über political framing gelesen:
Worte und Begriffe, die (von Politikern u.a.) benutzt werden, docken bei den Adressaten, den Bürgern und Konsumenten an Deutungsrahmen (Frames) an, „die durch unsere Erfahrungen mit der Welt entstanden sind, und die uns helfen, Fakten zu bewerten und einzuordnen“.  Aktiviert werden sie durch Wörter und Wortschöpfungen:
„FLÜCHTLING ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet. Die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an „Schreiberling“ oder „Schönling“. Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie „schön“ wird durch die Endung ins Negative verkehrt. Außerdem ist „der“ Flüchtling männlich -und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: „Der“ Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich. Besser ist es von den Flüchtenden zu sprechen“ (Elisabeth Wehling)
LiebeMich führt dieses Phänomen der Kommunikationsforschung vor die Frage, welche Worte ich gebrauche und auf welche Frames sie bei den Menschen treffen, die diese Worte hören oder lesen.
Gibt es auch ein religious framing? Inwieweit ist dies von wem geprägt?
Und, wenn die christliche Botschaft eine frohe, eine befreiende sein soll, bedient sie sich nicht eher negativ besetzter Begrifflichkeiten wie z.B. Opfer, Busse, Fasten, … um nur einige derzeit verwendete zu nennen.
Ohne die christliche Botschaft schön reden zu müssen, finde ich auf Anhieb Kernaussagen der biblischen Botschaft, die unmissverständlich positiv besetzt sind:
– ich bin der Ich bin da (Exodus 4)
– Selig sind, … (Matthäus 5)
– Ich bin bei Euch alle Tage (Matthäus 28)
– Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben (Johannes 10)
– Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14)

Solche ERMUTIGUNGEN (dieser gelungene Begriff wurde bei der Misereor-Fastenaktion 2012 für eine Reihe von Impulsen verwandt) sind dem Kern der christlichen Botschaft entsprechender als alle Buß- und Höllenpredigten.Solidaritätsbeitrag statt Fastenopfer wird sicherlich besser verstanden und angenommen.
Christliche Verkündigung muss menschlich und barmherzig sein, damit sie auf den richtigen Frame trifft.

– GS 1.März 2016 –

Ermutigung zur LIEBE
Wenn du dich selbst kaum noch spürst
und du dich unfähig oder überflüssig fühlst,
dann wünsche ich dir den Mut,
dich selbst anzunehmen,
so wie du bist.

Wenn dich die Bedürfnisse deiner Mitmwnschen
überfordern
und du nicht weisst,
wie dein eigener Beitrag aussehen könnte
dann wünsche ich dir den Mut,
deine Formen
von Solidarität und Nächstenliebe zu entdecken.

Wenn Gott in deinem Leben kaum noch vorkommt
und du befürchtest, dass er dich vergessen hat,
dann wünsche ich dir den Mut,
einen Neuanfang zu wagen
und ihm dein Herz zu schenken.

Misereor-Fastenaktion 2012 Früh-/ Spätschichten