Unterbrechung-Mittendrin August-November 2014

Nachgedanken zum  Christkönigfest (23.November)

… Die spannende Frage bleibt: Was mache ich aus einer solchen Zusage, dass Gott mir seine Würde schenkt?
Ist die Art und Weise, wie ich lebe, einer solchen Würde würdig?
Lebe ich als Tochter/ Sohn dieses Gottes, als Tochter/ Sohn des Königs, der das Leben will?
Sind wir Königstöchter und Königssöhne?
Das ist die Einladung:

Foto: Guido Schürenberg

Foto: Guido Schürenberg

Mir meiner Würde als Mensch bewusst sein, sie nicht verkaufen, sie nicht hergeben, mich nicht entwürdigen lassen
– aus dem Vertrauen heraus, dass Gott mich trägt und hält.
Königstochter, Königssohn zu sein, weil Christus, der König, uns liebt.
Eigentlich ist das gar kein schlechter Abschluss für ein Kirchenjahr, dass in dieser Woche endet- nach allem Auf und Ab des Lebens heimkommen dürfen zu dem, der ausdrücklich sagt, dass er für mich sorgt,
mich in seinen Schutz hineinbegeben, bestätigt und angenommen zu sein in meiner Würde als Mensch. Heimkommen zu dem, der uns selbst zu Königen und Königinnen macht, weil er uns liebt- und weil uns seine Liebe diese Würde verleiht.
Die Einladung steht!

in deinen Toren werd ich stehen

nicht sesshaft werden
nicht in die Geborgenheit fliehen
keine Mauern um mich herum errichten

erwartend bleiben
fremd in der Fremde sein
leben in aller Vorläufigkeit

der Zusage vertrauen
die Heimat suchen
das himmlische Jerusalem

glauben

Andrea Schwarz, Und jeden Tag mehr leben, Herder 2003, S.394f


 In stürmischen Zeiten

Gehe dem Sturm immer wieder entgegen,

vielleicht auf anderen Pfaden

und in neuen Schuhen

Irland

 

Foto: Ralf Pauli

Foto: Ralf Pauli

Hoffnung lebt in mir:
Dass sich Hass in Versöhnung
Ohnmacht in Zuversicht
Gier in Teilen
Verkrampftheit in Zärtlichkeit
Verwandeln mögen

Aus dem Entdecken
der göttlichen Quelle in mir
erwachse mein Vertrauen
in Deine Verheißung

Verwandle mich, Gott
rühre mich an mit Deiner Segenskraft
Sprich mir alltäglich Gutes zu
damit Du in mir weiterträumen kannst
wie verhärtete Beziehungen
ausweglose Momente
in Hoffnungsschritte münden

Pierre Stutz


 

Lichtgestalten

Der November ist nicht mein Monat: meist trist und grau, ungemütlich, nass und kalt. Morgens geh ich im Dunkel aus dem Haus und abends kehre ich im Dunkel zurück. Ich reagiere phlegmatischer auf die Welt um mich herum mit ihren Kriegen und Seuchen, Katastrophen und dem täglichen Elend. Ich werde antriebsarm. Es fehlen die Lichtpunkte, die Wegweiser durch die dunklen Stunden, die Hoffnung machen, die Perspektiven geben.

Foto: Silvava Kathöfer

Foto: Silvava Kathöfer

Da fahre ich abends auf dem Nachhauseweg mit dem Fahrrad an einem Laternenzug vorbei , einem Martinszug und erinnere mich der Geschichte des Hl. Martin, zu dessen Erinnerung jedes Jahr Kinder mit ihren Laternen auf die Straße gehen und Martinsfackeln und Martinsfeuer zu Lichtzeichen, Richtungsweiser in dieser dunklen Welt und Jahreszeit werden.

Martin, der römische Offizier aus der Leibgarde des Kaisers, interessiert sich im Alter von 10 Jahren für das Christentum, muss aber als Sohn eines Offiziers ebenfalls das Kriegshandwerk lernen und die Soldatenlaufbahn einschlagen. Mitten im Krieg gegen die Alemannen im heutigen Frankreich bekommt er erneut Kontakt zur christlichen (Friedens-)Botschaft und will den Dienst für den Kaiser aufgeben und Soldat Christi werden. Aber erst nach 25 Jahren Militärdienst wird er entlassen und wird Einsiedler. Da sich ihm viele Anhänger aufgrund seines authentischen und provozierend einfachen Lebensstils anschlossen, gründet er an mehreren Orten Klöster und wurde schließlich -gegen eigene Bedenken, ein kirchliches Leitungsamt und damit Macht zu haben-zum Bischof von Tour geweiht. Er setzte sich Zeit seines Lebens gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung und für die Armen und Benachteiligten ein. So die Legende vom geteilten Mantel und seine Flucht vor der Bischofsweihe, bei der er sich in einem Gänsestall versteckte, wo ihn das Geschnatter der Gänse verriet (Martinsgans).

Von daher ist der Hl. Martin bis heute eine Lichtgestalt und steht für Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und tätige Nächstenliebe. Werte, wie sie gerade in unserer Weltsituation und Zeit, Menschlichkeit und Hoffnung bringen können in den uns umgebenden Kriegen, hasserfüllten Auseinandersetzungen und menschenverachtenden Brutalitäten.

Damit passt Martin auch zum Internationalen Männertag am 19.November, dessen Ziel es ist Jungen positive Vorbilder zu geben für ihr Mann sein.

Aber auch für die derzeitige Attraktivitätsoffensive der Bundeswehr kann der heilige Martin Vorbild sein in dem Sinne, wie die Schriftstellerin Thea Dorn in einem Essay Soldat-Sein in unserer Weltsituation beschreibt: „ …Und wenn es ihnen gelingt, trotz der Gräuel, die sie im Krieg erleben, und trotz der Tötungen, die sie im Ernstfall selbst zu verantworten haben, sich vom Sog der Gewalt nicht erfassen zu lassen, sondern im Herzen jene Zivilität zu wahren, die zu verteidigen sie aufgebrochen sind, dann dürfen wir sie getrost als das bezeichnen, was sie sind: Helden.“ (Thea Dorn in Die Zeit 46/3)                                                               Guido Schürenberg

Es wachse in dir der Mut,
dich einzulassen
auf dieses Leben
mit all seinen Widersprüchen,
mit all seiner Unvollkommenheit,
dass du beides vermagst:
kämpfen und geschehen lassen,
ausharren und aufbrechen,
nehmen und entbehren.

Es wachse in dir der Mut,
dich liebevoll wahrzunehmen,
dich einzulassen
auf andere Menschen
und ihnen teilzugeben
an dem, was du bist und hast.

Sei gesegnet, du,
und mit dir die Menschen,
die zu dir gehören,
dass ihr
inmitten dieser unbegreiflichen Welt
den Reichtum des Lebens erfahrt.
Antje Sabine Naegeli (Jeden Augenblick segnen, Verlag am Eschbach 2005, S.118)


 

Wandelt Euch und erneuert euer Denken …

Römerbrief 12

1 Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder und Schwestern …

2 Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.

Paulus hat aufgrund seiner Informationen und aufgrund von Berichten seiner Mitarbeiter den Eindruck, dass trotz der göttlichen Offenbarung, die allen Menschen zu kommt und die für alle in der Schöpfung erkennbar ist, nämlich, dass sich die Größe Gottes in seiner unbedingten Liebe zu den Menschen zeigt, die Antwort der Römer und der meisten Völker darauf weitgehend Ablehnung dieses Liebesgottes, Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist.

Diese Haltung ist, so stellt er in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, in dem er sein Kommen ankündigt, fest, Handeln gegen den Willen Gottes und gegen die eigene Erkenntnis des richtigen Handelns. Das ist Sünde (von Absonderung – von Gott und den Menschen)

Dieser Haltung, dieser Welt, dieser Umwelt sollen sich die Christen damals , wie heute , nicht anpassen, sondern sie sollen umkehren, sich wandeln, den Hebel im Kopf umstellen, … und ihr Denken erneuern, damit sie prüfen und erkennen können, was der Wille Gottes ist, was Ihm gefällt, was gut ist und vollkommen.

Und danach sollen sie leben. Das ist Gottes Gebot, das Gute zu tun und wie Gott die Menschen zu lieben. … und den Sündern verzeihen und sie wieder in die Gemeinschaft der Gott glaubenden zurückzuholen.

Das sollte auch nach dem Willen des Papstes der Weg der Synode und der Kirche sein. Sich ein Bild von der Wirklichkeit zu machen und zu prüfen, ob in dieser Wirklichkeit der Geist Gottes am Werk ist, wie Liebe heute gelebt wird. Es ging also in Rom um das Gebot der Liebe und wie es von den Katholiken und in und von der Kirchlichen Gemeinschaft gelebt wird.

Umso mehr ist das Gezänk und die Intrigen vor und während der Synode, die ja nur die Grundlage für die beschließende Synode im kommenden Jahr sein sollte, zu einem Machtkampf geworden der selbstgerechten Fundamentalisten, die die reine dogmatische Tradition um jeden Preis durchsetzen, bzw. aufrechterhalten wollten und keine Gnade und Vergebung gelten lassen wollten auf der einen Seite und den eher weltzugewandten und für die Nöte der Menschen offenen Reformern. Diese polarisierten Parteien sahen keinen Weg zueinander, geschweige denn für die Kirche.

Dabei, wie das gehen kann und aussieht hätten die Konzilsväter nur wenige Fußminuten von der Konzilsaula in Richtung Trastevere im Palazzo Corsini feststellen können. Dort hängt, in einem menschenleeren Saal voller goldgerahmter Bibelszenen, die Lösung.

Jesus und die Ehebrecherin von Rocco Marconi

Jesus und die Ehebrecherin
von Rocco Marconi

„Sie ist fast 500 Jahre alt: Christus und die Ehebrecherin heißt das Gemälde von Rocco Marconi, das zeigt, wohin Papst Franziskus will: zurück zu der schlichten Erkenntnis des Evangeliums, dass es unchristlich ist, die Sünder zu verdammen. Weil die Kirche eben nicht für den perfekten, den idealen Menschen, sondern für den realen Menschen in seiner Unvollkommenheit sorgen soll.

Deshalb ist die Ehebrecherin so schön. Marconi hat sie üppig und demütig gemalt. Eine blonde Madonna, wie sie die Männer wohl mögen. Jesus mag sie offensichtlich auch. Freundlich neigt er der Sünderin den Kopf zu, sie neigt sich reuevoll zu ihm, und er hebt die rechte Hand zur Absolution. Im Johannesevangelium kann man nachschlagen, was er sagt: »Ich verurteile dich nicht.« Mehr noch. Marconi illustriert, dass die Milde des Heilands keine herablassende Nachsicht ist, sondern eine moralische Haltung. Denn hinter ihm stehen die Pharisäer, die die Ehebrecherin steinigen wollten, und so sehen sie auch aus. Unbarmherzig, rachsüchtig, insgeheim lüstern drängen sie sich von hinten dicht an die beiden Hauptfiguren. Aus der Bibel wissen wir, was Jesus zu ihnen sagte, der Vers ist heute ein geflügeltes Wort, das auch außerhalb des Christentums gilt, als Formel gegen frömmlerischen Tugendterror: »Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.«

„Darum ging es auch jetzt in Rom, um das Gebot der Liebe. Franziskus sagte zum Schluss: Ja, es gebe noch immer die Versuchung der Feindseligkeit, der Gewissenhaftigkeit, des Rigorismus, der Angst. Es gebe die Versuchung, »Brot in Stein zu verwandeln«. Doch das dulde er nicht. Kleriker seien keine Herrscher des Glaubens, sondern Diener. Und er selbst sei der mächtigste Diener. »Ich verteidige das Evangelium. Betet für mich!« ( Evelyn Finger, Zeit 44/64)

Und damit ist er ganz nah beim Apostel Paulus, der sein Leben in den Dienst des befreienden Evangeliums von der Liebe gestellt hat und dafür den Märtyrer-Tod in Rom erleiden musste.

Irgendwann werde ich spüren,

guido_schuerenberg_ile_de_re_182dass die äußeren Stimmen nicht das >>Eigene« sind, dem ich mich da unterwerfe, sondern die Interessen anderer.
Und dann kann zu Recht ein Gefühl entstehen, dass ich gelebt werde statt zu leben, dass ich unter Zwang und Druck stehe.
>>Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen«, so hat es, glaube ich, schon Goethe gesagt. Eine >>innere Stimme«, die sich nur aus dem speist, was eigentlich >>äußere Stimmen« von mir wollen, kann kein Leben hindurch tragen. Ich muss mich eines Tages hinsetzen und mir anschauen, was mir da in mein Gepäck eingepackt wurde und ob ich das wirklich weiterhin mittragen will.
Es gibt Ordnungen, die mich schon meine Eltern gelehrt haben und die ich heute genauso lebe. Aber ich lebe sie, weil ich mich dafür entschieden habe, weil mir ihr Sinn einleuchtet- und nicht, weil ich so gelernt habe.
Von anderen Ordnungen und Erwartungen habe ich mich durchaus gelöst, weil ich meine Entscheidung für mein Leben anders getroffen habe. Das Chaos in meinem Auto und in meinem Arbeitszimmer darf leben- auch wenn andere das unmöglich finden.

Andrea Schwarz, Und jeden Tag mehr leben, Herder 2010, S.360                                                                                                              21.Okt. 2014


 

Satt werden reicht nicht!

Angesichts der Krisen, Konflikte und Kriege, die uns täglich in den Nachrichten nahegebracht werden und die uns in der Flüchtlingsproblematik an den europäischen Grenzen und in teils unhaltbaren Zuständen in Asylbewerberheimen immer näher gerückt ist, hätte der Welthungerindex, den die Welthungerhilfe gestern veröffentlichte, eine gute Nachricht werden können: “Die Zahl der hungernden Menschen ist in den vergangenen Jahren in den meisten Ländern der Welt stetig gesunken.”

Aber bei mir wirkt diese Nachricht beim näheren Hinsehen eher noch als zusätzliche Belastung in meiner Hilflosigkeit angesichts der katastrophalen Weltlage: Die UN kürzt die Hilfe für Flüchtlinge in Syrien und der Türkei drastisch (also Hunger und in einigen Wochen Wintereinbruch); Sierra Leone ist z.Zt. nach jahrelangem Bürgerkrieg Zentrum der Ebola-Seuche und ist verzeichnet als “sehr ernst” im Hungerindex. Bedingt durch Isolation und Angst ist die Nahrungsproduktion gefährdet und die Lebensmittelversorgung liegt brach, weil die Menschen sich nicht mehr auf die Märkte trauen aus Angst vor Infektion (also Verschärfung der Hungersituation und Mangelernährung).

Foto: Lena Thiebes

Foto: Lena Thiebes

“Zwei Milliarden Menschen (von 7,3 Milliarden insgesamt), so die Schätzungen, haben einen Mangel an Mikronährstoffen. Es fehlt ihnen an Mineralien und Vitaminen, weil ihre Ernährung einseitig ist. Das liegt zum Teil am fehlenden Zugang zu nährstoffreichen Lebensmitteln. … Alle zehn Sekunden stirbt auf der Erde ein Kind an den direkten oder indirekten Folgen versteckten Hungers, heißt es bei der FAO.”(Zeit-Online 13.Okt. 14)

Hunger muss nicht sein, denn die derzeitige Lebensmittelproduktion ist ausreichend für die doppelte Weltbevölkerung, sagt Jean Ziegler, der engagierte schweizer Publizist

Die Industriestaaten setzen auf Nahrungsergänzungsmittel und die Konzerne verdienen daran, während wir verlernen uns gesund und bewusst zu ernähren.

Also ein Verteilproblem und ein Qualitätsproblem! – Und auch, wie der Film “Taste the waste ” eindrücklich zeigt, ein Problem unseres Umgangs mit dem Lebensmittelüberfluss in den Industriestaaten.

Damit bin ich wieder bei mir und meinem Konsum, unserem Konsum und meinem, unserem Umgang mit Lebensmitteln …

… und bei meiner Sensibilität, bei meinem Engagement für Gerechtigkeit – und bei meiner Verzagtheit, meinem Versagen.

 

Es stärke dich Gott
das Richtige zu tun
gegen alle Stimmen
von rechts und von links
säuselnd oder drohend

aufzurichten
was zerstoßen ward
von dunklen Mächten
gegen das Lachen
der Spötter

Neues zu wagen
trotz blutender Hände
auszusprechen
was gefährlich ist
und schweigend zu warten
wo die Menge drängt

gegen das Verzagen
das Trotzdem zu setzen
und unbeirrt
das Rechte zu tun
das Er dir zeigt

Wilma Klevinghaus (Jeden Augenblick segnen, Verlag am Eschbach 2005, S.226)

 14.Okt. 2014


 Wenn drinnen Selbstverständlichkeiten erinnert werden müssen und draußen Seelen sorgenvoll Welt gestalten wollen …

… dann ist Synode, Bischofssynode, außerordentlich, wie der Weg dahin: Papst Franziskus hatte die Katholiken aufgefordert in einer Umfrage Ehe, Familie und die damit einhergehende Lebenspraxis und das Verhältnis zur kirchlichen Ehe- und Sexuallehre zu beschreiben.  Eine außerordentliche Bischofssynode zum Thema Familie.(Wir haben auf besinnzeit.de dazu eigens eine spezifische Umfrage unter Studierenden gemacht und das Ergebnis Bischof Mussinghoff übermittelt)
Bereits im Vorfeld trafen die Positionen und Lager aufeinander, sodass Papst Franziskus bei der Eröffnung der Synode daran erinnern musste und dazu aufforderte “offen und ehrlich zu sein und einander zuzuhören”.
Die Erwartungen sind groß: ” als weltweite Glaubensgemeinschaft, wie als moralische Instanz. Und auch als gesellschaftspolitische Kraft … soll die Kirche ihre Konflikte nicht länger unter den Teppich kehren … sondern soll Glaubwürdigkeit zurückgewinnen durch das offenlegen ihrer Konflikte.” Zeit 41, S.1 ”
” Die Synode setzt nun ein Zeichen gegen innerbetriebliche Heuchelei. Was heißt Heuchelei? So tun, als ob. Moralische Ansprüche verteidigen, an deren Erfüllung man selbst nicht glaubt.”(ebd.)
Die Bischöfe müssten mit Gott den „Schrei des Volkes“ hören, sagte Franziskus. Bei seiner Ansprache äußerte er auch die Hoffnung, dass die Weltbischofssynode eine „gottgewollte Gelegenheit“ sei, um die „Kirche und Gesellschaft zu erneuern“…. Um zu erkennen, was Gott von seiner Kirche wolle, müssten sich die Bischöfe mit den „Freuden, Hoffnungen, Traurigkeiten und Ängste“ der Menschen von heute „imprägnieren“.(religion@orf.at)

Es geht um die Liebe, als Ideal, das uns antreibt – innerhalb wie außerhalb der Kirche. Es geht um die Liebe als Basis menschlichen Zusammenlebens, ungeachtet der geschlechtlichen Ausrichtung und der vertraglichen Grundlage und es geht um Bindung -zwischen Menschen und der Menschen an die Kirche(nlehre). Die Synode steht damit in der Konsequenz des Konzils vor 50 Jahren, mit der der damalige Papst Johannes XXIII das aggiornamento – das auf den Tag bringen, in etwa also: Anpassung an heutige Verhältnisse – der katholischen Kirche einläuten wollte.

Und was machen die draußen (die “Seelen”), die mit Sorge auf die Welt sehen, die denen drinnen (“den Hirten”) so oft aus dem Blick gerät oder gar als “böse” etikettiert ist? Sie konnten im Vorfeld ihre Erfahrungen und Meinungen einbringen und -wenn der Papst weiterhin seine Linie fortsetzt- das Abschlussdokument ausführlich diskutieren und somit die Fortsetzung der Synode im kommenden Herbst 2015 beeinflussen versuchen.
Oder/und beten! Für den Papst: “Franziskus scheint um die Herkulesaufgabe zu wissen, die darin besteht, zwischen den unterschiedlichen Lagern zu vermitteln. Immer wieder spricht er vom Heiligen Geist, bittet die Gläubigen um ihr Gebet, schließt auch seinen Mittagssegen mit einem “Betet für mich”.(DW 5.10.14)
Aber auch für die Freiheit und Kreativität die der Geist der Kirchenversammlung schenken soll: “Die kirchliche Lehre sei nicht das alleinige Kriterium, denn der Geist Gottes schenke Weisheit, “die über das Wissen hinausgeht, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten”.(ebd.)

Spürt es doch, Freunde,

der gute Geist weht.

Ich fange an.

Ich befreie – wie Gott.

Ich wende mich den Ängstlichen zu:

Kommt aus euch heraus – seid frei!

lch wende mich den Blinden zu:

Seht doch, ihr seid hier wichtig,

damit es gut wird!

Ich wende mich den Traurigen zu:

Fühlt es doch, ihr seid nicht allein!

Ich wende mich allen zu, jetzt, hier:

Spürt doch den guten Geist,

fangt einfach an

und befreit einander – wie Gott.

Nach einem hebräischen Gedicht (Jeden Augenblick segnen, Eschbach S.143)

 

Es segne uns der Geist,

der war und ist,

dass wir

als Gewordene werden,

wozu wir gemacht sind,

als Geliebte lieben,

die ungeliebt sind,

als Beschenkte beschenken,

die gabenlos sind,

als Gerufene rufen,

die keiner sonst ruft,

als Entfachte entfachen

das Feuer der Liebe,

entzündet aus ihm.

Wilma Klevinghaus(Jeden Augenblick segnen, Eschbach S.112)

8.Okt. 2014


Respekt vor der Suche nach der Wahrheit

Im 25. Jahr nach dem Mauerfall und damit der Trennung zwischen den Systemen West und Ost (in Europa) und dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges -der mit Wirtschaftsmitteln weitergeführt wurde- stehen nach wie vor an vielen Orten der Welt Menschen, Systeme, Religionen, Machtansprüche sich unversöhnlich gegenüber und trennen die Kulturen und die Menschheit.
Doch es macht Hoffnung, wenn sich an einigen Orten in Deutschland Initiativen zusammentun und mit dem Projekt “Engel der Kulturen” (in Düren am vergangenen Wochenende und in Aachen am 29.November) versuchen erneut Grenzen zu überwinden und zu versöhnen durch eine Haltung des Respektes vor der Suche nach Wahrheit, die alle Religionen verbindet.
Mich hat in diesem Zusammenhang nochmal die Rezitation der Ringparabel aus Nathan der Weise von G.E. Lessing und die Umsetzung eines Gedichtes des persischen Mystikers und Dichter Dschalal-ed-din Rumi (t 1273) als Lied unter dem Titel Essence of Love berührt.
Die Initiative macht Hoffnung und kann helfen auch international Grenzen zu überwinden und Kulturen miteinander zu versöhnen auf der Suche nach dem Gemeinsamen. “Was ist zu tun, o Moslems?
Denn ich erkenne mich selber nicht.
Ich bin nicht Christ, nicht Jude, nicht Parse, nicht Muselmann.
Ich bin nicht vom Osten, nicht vom Westen, nicht vom Land, nicht von der See.
Mein Ort ist das Ortlose, meine Spur ist das Spurlose;
es ist weder Leib noch Seele,
denn ich gehöre der Seele des Geliebten.”
Dschalal-ed-din Rumi Schirin Partowi & AVRAM ( Live in der Alten Synogage in Essen, Oktober 2013)

1.Okt. 2014


In und mit Routinen leben – jeden Tag neu

Wir alle begeben uns täglich und routiniert in Arbeitsabläufe und -strukturen. Vieles scheint vorhersehbar, das schafft Sicherheit. Anderes ist aufgrund der Routine eher langweilig.
Dennoch jeder Tag ist eine Herausforderung und eine neue Chance:

Man fängt nicht da an, wo man gestern angefangen hat, sondern man fängt da an, wo man gestern aufgehört hat.
Die Erfahrung dessen, was man getan hat, verändert mich und die Art und Weise, wie ich es tue- auch wenn es scheinbar das Gleiche ist wie das, was ich gestern getan habe.
Man könnte sich eigentlich auch gleich mit dem »Vorläufigen<< befreunden – um eben »nicht fertig<< zu sein mit Gott und der Welt und den Menschen- mich selbst eingeschlossen.

Foto: Thomas Richter-Alender

Foto: Thomas Richter-Alender

immer wieder
anfangen

und doch
anders anfangen

immer wieder
sein

und doch
anders

sein

( Andrea Schwarz, Und jeden Tag mehr leben, Herder 2010, S.327)


Unter Kreuz und Halbmond – Religionen werden missbraucht

Noch ganz unter dem Eindruck des Films “Kreuzweg”, den ich in der Filmhochschule Babelsberg sehen durfte und der nicht nur mich vor die Frage führte, wo und wie ich im Namen des Gottes und meiner Religion Menschen subtil unter Druck setze, las ich auf der Seite 2 der Zeit Nr.38 einen Artikel von Özlem Topcu “Ist das unser Islam? Warum so viele Muslime schweigen, wenn ihre Religion missbraucht wird“. Eine sehr persönliche Reflektion der Autorin, die ich sehr schätze, und die ich in einem ähnlichen Dilemma erlebte wie mich nach dem Film:
“… Islam bedeutet Frieden, ja. Aber er bedeutet auch Gewalt. Das auszusprechen macht einen nicht zu einem schlechten Muslim. Man braucht dafür auch keinen Gelehrten, der es einem erlaubt.Es bringt einen vielleicht auf weitere Fragen.
Warum fallt es so leicht, für ein totes Kind in Gaza zu Tausenden auf die Straße zu gehen – und so schwer, dasselbe für ein jesidisches oder christliches Kind zu tun? Geht nicht beides? Kann es so etwas wie die »reine« Lehre, wie der IS und seine Ideologen propagieren, überhaupt in einer so heterogenen Gruppe von mehr als einer Milliarde Menschen geben – und wollen die Muslime das überhaupt? Warum sind wir nicht erschüttert?
Nun, etwa zwei Monate nachdem Terroristen des IS in Mossul die Häuser irakischer Christen mit dem >nün< beschmiert haben, rufen die vier größten deutschen Islam-Verbände für die kommende Woche zu bundesweiten Demonstrationen auf. Das ist gut und wichtig.
In der Ankündigung heißt es: »Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht.« Man erhoffe sich »eine positive Signalwirkung auch auf die Konfliktherde im Nahen Osten«.*
Nach Berührtsein klingt das noch nicht.”

Mich hat der Film Kreuzweg berührt, obwohl er in einer anderen kirchlichen Gemeinschaft spielt, als ich versuche sie zu leben und erlebe (schön diese Möglichkeit der Distanzierung!). Frau Özlan Topcu die barbarische Gewalt der Gotteskämpfer und das Leid der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, in Syrien und Irak offensichtlich auch.
Unser (gemeinsamer) Gott hat sich dem Moses (der als Prophet auch im Islam verehrt wird) geoffenbart mit den Worten: “Ich bin der Ich-bin-da …das ist meine Name für alle Zeiten. Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, ich kenne ihr Leid … Ich werde sie herausführen aus dem Elend …” Exodus 3
Darauf hoffe ich und daran glaube ich , dass dieser mitgehende und mitleidende Gott befreit und in die Freiheit führt – und ein friedliches Zusammenleben möglich ist.
Dabei möchte ich mitmachen – im Zeichen des Kreuzes!

Guido Schürenberg

* Unter dem Motto „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“ wollen die vier im Koordinationsrat der Muslime (KRM) vertretenen Religionsgemeinschaften (DITIB, Islamrat, VIKZ und ZMD) und ihre angeschlossenen Landes- und Regionalverbände am 19.09.2014 in ihren über 2000 Moscheen eine bundesweite Aktion durchführen, welche in sieben ausgewählten Städten im Anschluss des muslimischen Freitagsgebetes mit einer Mahnwache und Friedenskundgebung gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort begleitet wird.
„Wir rufen alle dazu auf, sich friedliebend zu verhalten, die Stimme gegen Rassismus zu erheben, gemeinsam einzustehen für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und Extremismus jeglicher Couleur eine Absage zu erteilen. Wir erhoffen uns durch das Vorleben eines friedvollen Miteinanders in Deutschland auch eine positive Signalwirkung auch auf die Konfliktherde im Nahen Osten“.


urlaub – ein kostbares wort
zu ps 31,16

urlaub

ein altes wort
vom zeitwort erlauben
eigentlich erlaubnis wegzugehen

urlaub

grundsätzliche erlaubnis also:
einmal alles hinter sich lassen
aus dem gesunden abstand heraus
das gewohnte alte neu sehen können

ferien

aus dem lateinischen feriae
bei den alten römern die tage
an denen zu ehren bestimmter götter
die arbeit
besonders die rechtspflege ruhte
mit dem wort feier verwandt

ferien

feier-tage also:
freie tage
ruhe-tage
fest-tage
kostbare atempause
leib und seele spüren

vacances

leere tage
sagen die franzosen
auch aus dem lateinischen
leer, ledig, frei sein

vacances

muße-tage also:
langsam leer werden können
die tage einmal frei halten von allem
was sonst bedrängt und umtreibt

 holidays

heilige tage, gottgefällige tage
sagen die engländer

holidays

geweihte tage also:
innehalten und nachspüren
im fließen und zerrinnen der zeit
neu entdecken können:
„in DEINER hand ist meine lebenszeit
sind meine gezeiten“
(vgl. ps 31,16 nach der übersetzung von alfons deissler und martin buber)

 manfred langner (inspiriert durch eine idee von matthias hagenhoff)

In diesem Sinne:

Schönen URLAUB!
Schöne FERIEN!
Bonnes VACANCES!
Beautiful HOLIDAYS!

Wann immer und wo immer und zwischendurch!

Foto: Guido Schürenberg – Bretagne


1. September war Weltfriedenstag

… und wir sind “von Kriegen umzingelt” (Die Zeit 36/14)
Vom Weltfrieden sind wir meilenweit entfernt und auch das erinnernde Gedenken dieser Tage an den Beginn zweier Weltkriege ändert an unserer Hilflosigkeit angesichts barbarischer Gewalt gegen Andersgläubige, Andersüberzeugte, Andersdenkende, Andersgeschlechtliche, … nichts!
“Dieser Tage geht die Mode um, sich für den guten Zweck Eiswasser über den Kopf zu gießen, vorher wurmte der Song Happy unsere Ohren, im Fernsehen gilt Promi Big Brother als Ereignis, und mittendrin in diesem Allotria treten freundliche Nachrichtensprecher auf und sagen etwas zur jüngsten Ausgeburt der Hölle namens IS. Oder über den Schrecken von Gaza. Oder über den Krieg mit den Russen am Ostrand Europas. Während dessen erfreuen die großen Wochenblätter das Publikum mit Titeln wie Wann bin ich wirklich ich? (Zeit) Liebe auf Rezept (Spiegel) Wahnsinn Pubertät (stern) und Fahrrad (Focus). Ist das noch normal?”(Zeit 36/2014)
Die globalisierte, vernetzte Welt bringt uns das alles unheimlich nah; aber lassen wir es auch an uns heran?

“Sowohl das orthodox geführte Russland als auch die islamisch geprägten Staaten haben ein Jahrhundertproblem mit der Globalisierung, die ihre Kultur relativiert und ihre Ökonomie bloßstellt, sie haben auch, auf ganz unterschiedliche Weise, ein Kardinalproblem mit der Säkularisierung, der fehlenden Trennung von Kirche und Staaat oder von Glaube und Politik. Opfermythos und heilige Mission -eigentlich religiöse Topoi und auch nur darin erträglich- werden politisiert und dadurch gewissermaßen scharf gemacht. Lösen lässt sich das nur durch innere Entwicklungen in Russland und in Arabien, die der Westen nicht erzwingen kann.” Bernd Ulrich in Die Zeit 36/2014)

Wie reagieren wir? Erschrecken, Hass, Nicht wahr haben wollen, Flucht, … Beten?
Ja, beten! Aber dann mit anderen zusammen, eine Gebetsgemeinschaft bilden wie am kommenden Donnerstag, 4.September in St.Foillan neben dem Dom in Aachen – 17.30 Uhr
Ich möchte daran glauben, dass Gewalt nur durch Liebe überwunden werden kann und das Weltfrieden möglich ist. Aber wir als Menschen können dies nur als weltumspannende Gemeinschaft leben, indem wir mitleiden und solidarisch sind. Und unermüdlich zum Frieden aufrufen

Wie Charlie Chaplin im genialen Film “Der große Diktator” (1940 als sich die Welt im großen Krieg befand)


 

Die Ohnmacht angesichts des Grauens

” Das Entsetzen geht um die Welt” … “Systematische Verfolgung von Minderheiten” … “eine beispiellose Scharia-Schreckensherrschaft. Männer werden exekutiert oder gekreuzigt, Frauen gesteinigt, Dieben die Hände abgehackt.” “weil er lieber sterben wollte als seinen Glauben zu verleugnen, zeigten ihm die ‘Rechtgläubigen’, was sterben heißt, und begruben ihn bei lebendigem Leib.”
Diese Schlaglichter nur aus der Zeit auf die Situation im Irak und Syrien erschrecken  mich, weil sie mir als Christen die Verfolgung von Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern, die in einer sehr alten christlichen Tradition leben, vor Augen führt, wo ich in Deutschland doch als hauptamtlicher Theologe und Christ anerkannt und durch Konkordate gesichert mein Christentum leben kann.
Sie machen mich wütend, weil mal wieder im Namen Gottes Menschen unterdrückt, gefoltert, terrorisiert und mißhandelt werden.
Meine Ohnmacht erfüllt mich mit Trauer. Und der fast hilflose Solidaritätserweis über das Nun-Zeichen in meinem Facebook-Profil spiegelt nochmal mehr meine Hilflosigkeit.
Was passiert da gerade im Zweistromland, der Wiege uralter Kulturen und religiöser Bewegungen, von denen der Islam (“völlige Hingabe an Gott) die Jüngste ist? Es liegt vielleicht eine Wurzel der brutalen Vorgehensweise der selbsternannten Führer des Islamischen Staates (ISdarin), dass der Prophet Mohammed vor seinem Tod versprochen hat: “Ich werde die Juden und Christen von der Arabischen Halbinsel vertreiben und niemanden außer Muslimen dort leben lassen”(zitiert nach Die Zeit 32/14, S.46) In einer Welt, die trotz aller Globalisierung sich auf gemeinsame Werte wie Die allgemeinen Menschenrechte verständigt hat, ist das die Zerstörung jeglicher Kultur und Zivilisation. Das kann nicht im Namen Gottes geschehen!
Mit den Vertriebenen, Gewaltopfern und Unterdrückten kann ich mich solidarisch erklären, vielleicht ihre Ohnmacht teilen, und hoffen, dass nach der Wut die Trauer kommt, die hilft das Leben wieder neu zu wagen im Vertrauen auf einen Gott, der in Jesus Christus all das auch durchlitten hat und der will, dass wir Leben – in Fülle.

Zeichen, mit dem IS christlicher Häuser brandmarkt

Zeichen, mit dem IS christlicher Häuser brandmarkt

Ich wünsche dir,
dass du beweinen kannst,
was du entbehrt
und verloren hast,
ohne in der Trauer
Wurzel zu schlagen.

Ich wünsche dir,
dass du Zorn fühlen kannst
auf das, was Menschen
dir angetan haben,
ohne im Unversöhnlichen
zu erstarren.

Heilender Friede
wachse dir zu,
dass Vergangenes
dich nicht mehr quäle
und böse Erinnerung
dir nicht mehr
zur Fessel werde.

Zuversicht ziehe ein,
wo die Ohnmacht haust,
dass du aufstehst,
dein Leben zu wagen.

Antje Sabine Naegeli (Jeden Augenblick segnen, Verlag am Eschbach 2005, S.230)

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