Januar-Februar 2015

… und Jesus ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. … (MK 1,31)

© Albrecht E. Arnold / www.pixelio.de

© Albrecht E. Arnold / www.pixelio.de

als ich diesen Satz am Sonntag im Markus-Evangelium hörte, gingen mir die „Handreichungen“ oder auch „Nichthandreichungen“ der letzten Tage durch den Kopf. Insbesondere die Krisenbegegnungen von Merkel/ Hollande mit Putin.
Beim ersten Treffen war anschließend das Händereichen nicht mehr möglich.
Der Knigge -das deutsche Handbuch für gesellschaftliche Verhaltensregeln- nennt 6 Anlässe die Hände zu reichen:
“    Begrüßungen: Sie begrüßen Ihr Gegenüber und signalisieren dadurch Aufmerksamkeit und Interesse. Sie nehmen die Anwesenheit des anderen wahr und schaffen eine gute Voraussetzung für den anschließenden Small Talk und/oder ein weiterführendes Gespräch.
    Vorstellen und Bekanntmachen: Wenn Sie einer anderen Person vorgestellt werden, ist es ebenfalls üblich, sich die Hände zu reichen.
    Verabschieden: Machen Sie sich auf den Heimweg, ist das Händereichen oft ein angemessenes Abschiedsritual.
    Gratulation: Beglückwünschen Sie Ihr Gegenüber anlässlich einer Beförderung oder eines Geburtstags, verleihen Sie Ihrer Gratulation mit einem Händedruck Nachdruck.
    Versprechen: Eine wichtige Zusage manifestieren Sie ebenfalls durch den Handschlag. Sie geben „die Hand darauf“.
    Verzeihen: Das Handreichen ist auch ein Symbol der Versöhnung: „Verzeiht einander und reicht euch die Hände” bekommen streitende Kinder manchmal zu hören.
Das Handreichen ist also eine Geste des Wohlwollens, des Vertrauens und der Freundschaft.

… und Jesus ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf.

Das ist viel mehr als ein Begrüssungsritual, da wird eine Beziehung „handgreiflich“ von beiden Seiten aus. Da geschieht Berührung und sich berühren lassen.
Solche Momente in einer Beziehung schaffen eine in unserer Kultur seltene Nähe und sie „richtet auf“ die Kranken, die Niedergeschlagenen, die Trauernden, die Mutlosen, … und sie machen diese fähig sich -wie es bei Markus als Wirkung dieser Berührung heisst- sich „für sie zu sorgen“.
Wie oft werden wir von anderen Menschen berührt, wie oft reicht man uns die Hand, manchmal auch als unbeholfene, ja hilflose Geste. Diese Nähe lässt uns leben, ist lebensnotwendig.

Fot: Benjamin Fuhrt

Foto: Benjamin Fuhrt

Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist,
dass sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht,
wie gut es tut,
sie nur zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht,
wie tröstlich
ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen nicht,
wie wohltuend
ihre Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht,
wie viel ärmer
wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht,
dass sie ein Geschenk
des Himmels sind.

Sie wüssten es,
würden wir es ihnen sagen!

Petrus Ceelen, in: Claudia Peters, Einander Segen sein, Verlag am Escbach 2010


Selbstoptimierungswahn

Psychoanalytikerin Petra Holler über den Selbstoptimierungswahn, mit dem sich viele Studenten quälen:
Allein die Vorstellung, in einer Prüfung durchzufallen, macht manchen sehr schwer zu schaffen.
Steckt dahinter die Angst, nicht zu genügen?
Die Studenten denken: Nur wenn ich immer dranbleibe, bringe ich Leistung. Aber ich kann nicht den ganzen Tag im Kontakt mit anderen Menschen sein. Ich kann nicht den ganzen Tag lernen und etwas vorbereiten. Ich brauche Zeit dazwischen, Pausen, Ruhe, in der sich Gedächtnisstrukturen bilden…. Einer der Studenten in meiner Praxis setzte sich vor der Zwischenprüfung so unter Druck, dass er schließlich absagte: Er könne nicht schreiben, er fühle sich nicht ausreichend vorbereitet. Er schob die Prüfung auf das nächste Semester, und wir redeten. Es ging darum, sein Lernverhalten anders zu gestalten. Er schaffte es nicht, Pausen auszuhalten. Er musste lernen, mit den eigenen Ressourcen umzugehen – und die Erwartungen an sich selbst zu senken.
Zeit.de – 31.Januar 2015

Foto: Hanna Dreisow

Foto: Hanna Dreisow

Der Herr segne dich;
er mache dich frei
von allen inneren und äußeren Zwängen,
von allem „du musst „, „du sollst „,
von allen Erwartungshaltungen anderer:
„man tut“, „es wäre gut, wenn …“

Er gebe dir Mut und Kraft,
deinen eigenen Weg zu gehen,
den für dich bestimmten Weg
zu suchen und zu finden.

Er behüte dich –
und schütze dich vor allem Unheil.
Nie sollst du dich verlassen fühlen
und widrigen Umständen hilflos ausgesetzt sein.
Er stelle dir jederzeit einen guten Menschen zur Seite.

Er lasse sein Antlitz über dich leuchten,
sei dir gnädig
und schenke dir reichlich sein Erbarmen.
Er schenke dir offene Augen und Ohren,
auf dass du allezeit seine Taten und Wunder erkennst
in den unscheinbaren Dingen des Alltags.

Er schenke dir Frieden und Heil.
Lob und Tadel anderer sollen dich
weder beirren noch verwirren.
Er schenke dir innere Sicherheit und Zuversicht.
Ablehnung soll dich nicht erschrecken oder gar betäuben.
Angst soll nicht dein ständiger Begleiter sein.

Er schenke dir jeden Tag ein fröhliches Herz,
ein Lächeln auf deinen Lippen,
ein Lachen, das andere mitreißt und frei macht,
und die Gabe, dich selbst nicht zu ernst zu nehmen
und auch über dich selbst lachen zu können.
In dunklen Stunden sende er dir einen Stern,
der dich leitet;
in Traurigkeit einen Menschen, der dich tröstet.

Er schenke dir genügend Ruhe und Schlaf;
Herausforderungen sollen auch nicht fehlen,
zündende Ideen und funkelnde Überraschungen
gebe er dir als Zutaten.

Mit seinem Segen sei er dir alle Zeit nahe,
umgebe dich mit seinem Beistand,
auf dass du wachsen und reifen kannst
und deinen Weg findest.

So bewahre dich der Herr, dein Gott,
der dich ins Leben rief und will,
dass du lebst und glücklich bist.

Heinz Pangels (nach 4. Mosel Numeri 6,24-26) – Gesegneter Weg, Verlag am Eschbach 1997, S.94f


Ich habe dich bei deinem Namen gerufen…

Ich habe Zahlen vor mir liegen, Studierenden-Zahlen, sortiert nach ihren Herkünften, für einen statistischen Vergleich.
Mir fallen Gesichter dazu ein, Menschen, von denen ich etwas mehr weiß, Menschen die einen Namen tragen, Studierende deren Hoffnungen, deren Ängste und deren Scheitern ich kenne, mit denen ich im Gespräch -und manchmal auch im Gebet- bin.
Manche haben Angst vor der jetzt anstehenden Lern- und Prüfungsphase, trauen sich nichts zu, befürchten zu versagen, fürchten um ihren Studienabschluss, um ihre berufliche Zukunft …
Beim Aufräumen meines Schreibtisches stieß ich in einem Adventskalender auf einen Brief von Bundespräsident Joachim Gauck an seine Enkelin, der Mut und Hoffnung ausdrückt  – vielleicht auch für Prüfungszeiten und bei Versagensängsten:

Foto: Nastja Doha

Foto: Nastja Doha

Liebe Josefine,
es ist ein großes Geheimnis, dass, wenn wir selber verzagt sind, oft Menschen da sind, die
einen stabileren Grund unter den Füßen haben oder einen Kern in sich, dem sie trauen. Die
Menschen, denen ich nachlebe, hatten ihn aus ihrem Glauben. Sie vertrauten darauf, dass
dieses Bibelwort stimmt: »Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei
deinem Namen gerufen. Du bist mein.« Der Prophet Jesaja hat diese Worte seinen Zeitgenossen als Worte Gottes gesagt.
Zu hören, zu glauben, sich darauf zu verlassen, dass wir ganz zuletzt, vielleicht ganz am Ende (oder auch ganz plötzlich) nicht mehr unserer Angst gehören, sondern Gott, dass eine
stärkere Liebe existiert als die, die wir Menschen zustande bringen, das, Josefine, lässt manche Menschen Hoffnung finden, wenn andere aufgeben. Es lässt sie Schritte machen,
wenn andere schon liegen geblieben sind. Wir können Angst nicht aus der Welt vertreiben.
Aber Gott und Menschen sei Dank- sie bleibt nicht unsere Herrin. Das wollte ich Dir heute
sagen, liebe Josefine. Und wahrscheinlich sage ich es auch mir selber noch einmal. Weit wird das Land, wenn Menschen das glauben, und ruhig unser ängstliches Herz.
Das meint, darauf hofft und das glaubt
Dein Großvater
JOACHIM GAUCK, in einem Brief an seine Enkelin (Der Andere Advent, Blatt 19.12., Hamburg 2013)


Engel der Kulturen, St.Jakob -Aachen

Engel der Kulturen, St.Jakob -Aachen

Um Gottes Willen …

geht es beim täglichen Gebet der Christen, dem Vater unser, überall auf der Welt. Damit beten sie auch „Dein Wille geschehe“.
Auf den Willen Gottes berufen sich auch radikale Fundamentalisten.

Der Wille Gottes hat aber nichts mit Hass, Ichsucht und Unrecht zu tun, sondern im Gegenteil, in allen abrahamitischen Religionen mit Liebe,Versöhnung und Frieden:

DEIN WILLE GESCHEHE, WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden, sagen wir und fragen heimlich: Wo in aller Welt geschieht denn dein Wille? In der ganzen Menschheitsgeschichte ist er so selten geschehen wie das Wunder, dass Steine zum Himmel fliegen. Er ist immer missachtet worden, immer verletzt und mit Füßen getreten, solange es Menschen gibt.
Lass deinen Willen endlich einmal irgendwo geschehen mitten in all dem Unrecht und in der brutalen Selbstbehauptung, die diese Erde beherrschen.
Wir wollen ja glauben, dass du uns irgendwann erlösen wirst, aber bitte, sprich nicht nur immer davon, sondern tu es.

Setze deinen Willen durch! Dass dein Wille im Himmel geschieht, also dort, wo du unzugänglich und ungreifbar für dich allein bist, das wollen wir glauben, aber bitte, lass ihn auch auf unserer gequälten Erde und in deiner in Streit und Hass und Ichsucht zerrissenen Menschheit geschehen. Und zwar bald! Wir bitten darum.
Jörg Zink, Atem für die Seele – Verlag am Eschbach 2010, S.92f


Für eine freie Gesellschaft

Als ich am 7.Januar die Nachrichten von den Attentaten islamistischer Terroristen hörte, war ich entsetzt und fühlte mich hilflos. Der Terror ist nähergerückt und  spaltet unsere Gesellschaften.
Dann -„Gott sei Dank!“- die deutliche und lang erwartete Klarstellung und Distanzierung des Zentralrat der Muslime in Deutschland: “ … Es gibt in keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten. Dies ist ein feindlicher und menschenverachtender Akt gegen unsere freie Gesellschaft. Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen … „.
Darum geht’s, um unsere freie Gesellschaft! Um eine Gesellschaft, die Andersdenkende respektiert, die offen ist für die Vielfalt der Kulturen und Religionen, die eintritt für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen, für weltweite Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.
Die religions- und weltanschauungsübergreifende Solidarität mit den Opfern ist für mich ein Zeichen, das eine überwältigende Mehrheit in der Zivilgesellschaft bereit ist sich für diese Werte einzusetzen.

Foto: Christoph Simonsen

Foto: Christoph Simonsen

Als Gottgläubige haben wir dafür und dazu den göttlichen Segen.

Gott segne uns
und behüte uns,
daß wir bewahrt bleiben
vor der Macht dunkler Kräfte in uns
und vor der Versuchung,
mit ihnen herrschen zu wollen
in der Welt.
Gott segne uns
und stärke uns,
daß wir die Angst überwinden
vor allem, was unser Leben bedroht,
und was zerstörcrisch wirkt
in der Welt.
Gott segne uns
und erfülle uns mit Frieden,
daß wir mit uns selbst zur Ruhe kommen
und die gesammelten Kräfte einsetzen können
für den Frieden
in der Welt.

Christa Spilling-Nöker (Gesegneter Weg, Verlag am Eschbach 1997, S.77)


Astronomische Uhr im Strasburger Münster Foto: Guido Schürenberg

Astronomische Uhr im Strasburger Münster
Foto: Guido Schürenberg

Zum Neuen Jahr

Möge dir ein jeder Tag
in all seinen Stunden,
einen Minuten und seinen
unzählbar scheinenden Sekunden
von Augenblick zu Augenblick
gesegnet sein.
Möge dir die Zeit, die dich erwartet,
immer wieder neue Ideen
ins Herz buchstabieren,
damit sich dein Leben
spannungsvoll fortschreibt
wie ein lesenswertes Buch

Christa Spilling-Nöker, Jeden Augenblick segnen, Eschbach 2005 – S.261

 

 

 

 

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