Guido Schürenberg

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Was ist schon gerecht?

Gerechtigkeit ist mein Thema, seit wir uns in einer Jugendgruppe mit der Frage auseinandergesetzt haben, warum die Länder des Südens als Entwicklungsländer bezeichnet und dies Armut, Hunger, Krankheit, Ausbeutung und Krieg bedeutet. Und was ihre “Entwicklung” be- oder sogar verhindert.
Heute, 45 Jahre später, hat sich an den Lebensverhältnissen der Menschen im Süden wenig verändert. Zwar ist der Hunger trotz steigender Bevölkerungszahlen zurückgegangen, ist die Entwicklung im technischen Bereich fortgeschritten, Krankheiten können wirksamer bekämpft werden, aber die innergesellschaftliche Ungerechtigkeit ist geblieben und so klafft die Schere zwische Arm und Reich immer weiter auseinander. Und eine ungerechte Weltwirtschafts”ordnung” verschärft diese Situation.
Gerechtigkeit in meinem Umfeld, in unserer Gesellschaft, weltweit denke ich immer im Zusammenhang mit Frieden; ja Gerechtigkeit ist die Bedingung für Frieden in Familie, Gesellschaft und Welt.

    Die ARD-Themenwoche GERECHTIGKEIT dokumentiert und inszeniert vom 11.-17. November unterschiedliche Aspekte dieses Themas:
Ist es gerecht, dass Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger verdienen? Dass Bildungschancen von der sozialen Herkunft abhängen? Dass Soziale Berufe verhältnismäßig schlecht bezahlt werden? Und dass manche Kinder arbeiten müssen, anstatt zu spielen?
Das Thema wird hautnah (Textilproduktion), wirft Schatten auf unseren Arbeitsmarkt (Lohngerechtigkeit) und unser Wohnen (Mietgerechtigkeit). Befragt die Justizpraxis und die Religionen, …
Die große Vision der Botschaft Jesu ist das Reich Gottes der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Diese Vision ist denke ich für alle Religionen offen.
Mich als Christen verpflichtet sie, denn sie wird nur Wirklichkeit mit mir, mit meinem Tun, meinem Gebet – und Gottes Segen.              GS 13. Nov 2018

Es stärke dich Gott
das Richtige zu tun
gegen alle Stimmen
von rechts und von links
säuselnd oder drohend

aufzurichten
was zerstoßen ward
von dunklen Mächten
gegen das Lachen
der Spötter

Neues zu wagen
trotz blutender Hände
auszusprechen
was gefährlich ist
und schweigend zu warten
wo die Menge drängt

gegen das Verzagen
das Trotzdem zu setzen
und unbeirrt
das Rechte zu tun
das Er dir zeigt

Wilma Klevinghaus (Jeden Augenblick segnen, Verlag am Eschbach 2005, S.226)

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Den Tanker umbauen?

Ich hab’ es schon wieder getan: Auf Anfrage der Koordinatoren des synodalen Bistumsprozesses HEUTE BEI DIR habe ich zugesagt eine Teilprozessgruppe zu moderieren. Ich unterstütze damit den angestrebten Erneuerungsprozess im Bistum Aachen – als Bistumsangestellter. Bereits seit 5 Jahren bin ich in der Steuerungsgruppe eines Innovationsprozesses in unserer Pfarre – ehrenamtlich.
Auf alten Bildern wurde die Kirche als Schiff dargestellt mit vielen Menschen darauf und Jesus mitten unter Ihnen. Und in den siebziger Jahren haben wir begeistert das -evangelische- Lied vom Schiff, das sich Gemeinde nennt und durch die Zeit fährt gesungen. Die Begeisterung ist mir im Laufe meines Engagements für und meines Leben in und mit dieser Katholischen Kirche abhanden gekommen. Denn aus dem Schiff ist ein schwerfälliger Tanker geworden, auf dem nur noch wenige Menschen leben und arbeiten und der Ballast der Tradition, der Hierarchie, der Skandale und des Klerikalismus von oben und unten hat die frohe und befreiende Botschaft Jesu überdeckt. Hin und wieder gibt es Suchende, die unter all dem Ballast nachschauen und das Evangelium wieder neu für sich und ihr Leben entdecken, aber Treibstoff für das schwerfällige Kirchenschiff scheint diese Botschaft Jesu nicht mehr zu sein.
Als 2007 die Sinus Milieu-Studie U27 vorgestellt wurde, traf ein markanter Ausspruch einer 16 Jährigen: “Mit Kirche sieht man einfach Scheisse aus” den Nerv nicht nur vieler (noch) engagierter Jugendlicher, sondern auch den vieler ehrenamtlicher Erwachsenen, die sich im beruflichen, wie privaten Umfeld bis heute für dieses Engagement rechtfertigen müssen. Kirchenerneuerung “Ist das nicht eine Leiche schminken oder ein totes Pferd reiten? Du hälst ein überholtes, patriarchalisches und antidemokratisches System am Leben!”
Ja, ich habe ein Interesse an einer lebendigen Kirche , die sich der Botschaft Jesu verpflichtet weiss , diese Botschaft lebendig und zeitgemäß verkündet und die sich einsetzt für ein Gutes Leben für alle Menschen auf dieser Welt. Dafür arbeite ich hauptamtlich in dieser konkreten Kirche und ehrenamtlich mit und für Menschen, die mit mir auf der Suche sind nach fresh expressions of church, dieser Kirche.
Norbert Lüdecke -ein Kirchenrechtler- hat bei einem Vortrag zu den Ergebnissen der Mißbrauchsstudie gesagt, dass wer wirklich systemisch die Kirche verändern wolle, müsse den Druck auf sie erhöhen und die ehrenamtliche Mitarbeit verweigern. dagegen setzt Norbert Bauer, Leiter der Karl-Rahner-Akademie, in einem Kommentar, dass es den Druck von innen braucht, das Engagement für Veränderung, damit sich das System ändert.
Ich habe diese Kirche und ihren Auftrag für die Welt noch nicht aufgegeben. Beim Erneuerungsprozess kann es nicht darum gehen, den Tanker umzubauen zu einer Fregatte, sondern eher zu einer Fähre, die Welten verbindet und Menschen mitnimmt auf ihrer Lebensreise. Und warum nicht den Schrott recyclen und einen Leuchturm daraus bauen, ” dessen Licht vor den Menschen leuchtet ” und ihnen Orientierung gibt: “Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.” (Matthäus 5, 16)                    GS 6. Nov 2018

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Zuflucht und Kraft

In diesen Tagen scheint es an allen Ecken und Enden der Welt zu brennen:

Gewaltsame Ausschreitungen im Hambacher Forst, … Gruppenvergewaltigungen in Freiburg, … ein rechtsradikaler Militär gewinnt mit der Forderung Privatpersonen zu bewaffnen und der Ankündigung Brasilien von Schwarzen, Homosexuellen und Abtreibungsbefürwortern zu reinigen die Mehrheit der Brasilianer, … die EU macht die Grenzen für Flüchtende aus Afrika, dem Nahen und Fernen Osten dicht und kann sich nicht auf eine gerechte Verteilung einigen, … mit nationalistischen Egoismen gewinnen Politiker Wahlen, … die Folgen des Klimawandels sind überall auf der Welt hautnah erlebbar – dennoch bestreiten immer noch Politiker und Industrie den Einfluß der Menschen darauf und die Entcarbonisierung schreitet nur langsam und halbherzig voran, … die Plastikvermüllung der Welt nimmt katastrophale Ausmaße an und die Nachfrage ist ungebrochen, …

Und ich? Ich möchte mich am liebsten in meine kleine, heile Welt verkriechen, den Kopf in den Sand stecken und warten bis alles vorüber ist.
Wie Zukunftsperspektiven entwickeln und gestalten, damit Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt erhalten bleibt, wenn ich mich ohnmächtig und perspektivlos fühle?
Glaubende und suchende Menschen aller Zeiten haben ihre Hoffnung auf Gott gesetzt, auf den Gott, der sich in der Bibel als der Immer-da-seiende und Mitgehende bezeichnet hat (Exodus 3). In ihrer Not und Perspektivlosigkeit haben sie zu diesem Gott gebetet.
“Beten heißt mit Gott zu sprechen – ob es darum geht, Sorgen und Ängste zu teilen, um Vergebung zu bitten oder zu danken. So ist jeder Mensch nur ein Gebet weit von Gott entfernt. … Beim Beten geht es darum, Gott mitzuteilen, was einen bewegt. Das kann man mit fertigen Texten tun, mit eigenen Worten oder auch im Schweigen. Für Christinnen und Christen ist Gott ein Gegenüber, mit dem man genauso sprechen kann wie mit einem Menschen.” (Beten – EKD.de)
Eine besondere Form des Gebetes ist das Psalm-Gebet, dessen 2500 Jahre alte Sprache uns heute fremd vorkommt. Dabei bringen die Psalmen die Ängste und Hoffnungen, aber auch das Vertrauen auf Gott durch die Beter zum Ausdruck, in einer Welt zugwandten Sprache. Deshalb haben immer wieder Gott Suchende versucht die Psalmen mit den Bedrohungen und Ängsten, aber auch mit den Hoffnungen unserer Zeit zu verbinden.
Der holländische Priester und Dichter Huub Osterhuis hat alle Psalmen in unsere Zeit und in unsere Sprache übertragen und verdichtet.
Psalm 46 gibt mir Zuflucht und Kraft in diesen Tagen.           GS 30. Oktober 2018

Gott unsere Zuflucht und Kraft.

Die Erde verändert sich. Er nicht.
Berge stürzen ins Meer,
Meere rasen und toben.

Doch Er ist eine feste Burg,
eine Stadt auf Felsen gegründet,
in Gärten angelegt –
glitzernde Ströme durchfluten Ihn
quer durch seine Mitte.

Gott unsere Zuflucht und Kraft.

Er wird etwas tun.
Er ist als Morgenlicht
mit einem großen Vorhaben auf den Weg gegangen:

Ende Krieg.

Er hat dem Sturmwind befohlen,
alles Waffenzeug zusammenzufegen
von überall auf der Erde –
gigantische Müllkippen.

Dann facht Er den Brand an:
Freudenfeuer, wild lodert es auf,
tief löscht es aus.

Ende Krieg.

Gott unsere Zuflucht und Kraft.

Huub Osterhuis, Psalmen – Verlag Herder 2014, S. 100f

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Bei Euch nicht!

Macht und ihre Demonstration spielt in diesen Tagen in unserer Gesellschaft eine immer wirkmächtigere Rolle:
Sei es die “Macht der Strasse” bei den Demonstrationen am Hambacher Forst, die unteilbar-Demo in Berlin, die Anti-Brexit Demonstrationen in London oder im Osten unserer Republik die immer noch stattfindenden Pegida-Demonstrationen und ihre Geschwister.
Oder das Thema “Macht und Sex” (Die Zeit Nr. 43/2018), wie wir es in dieser Kombination immer wieder nicht nur aus amerikanischen Regierungskreisen präsentiert bekommen. Und nicht zuletzt als Machtmissbrauch, in vielen Bereichen unserer Gesellschaft bis hin zu den weltkirchenweiten Mißbrauchsskandalen mit einer Ursache im Klerikalismus.
Da trifft das Markusevangelium des vergangenen Sonntags angesichts des Machtgebahrens und Neids unter den engsten Freunden Jesu auf den Punkt, hält uns den Spiegel vor und fordert uns Christen (und auch die Parteien und Politiker, die sich so nennen)heraus :
»Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. Aber so soll es bei euch nicht sein! Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, und wer der Erste sein will, der soll sich allen unterordnen.<< In diesem christlichen Anspruch ist kein Platz für Alpha-Tiere und Machtgehabe, erst recht nicht unter dem Zeichen des Kreuzes. Der Auftrag der Christen und ihrer Kirchen ist der Dienst an den Menschen und die Solidarität mit den Armen: “Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, insbesondere der Armen und Unterdrückten aller Art , sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi”(2. Vatikanisches Konzil, 1965).
Macht und Einfluß haben dem Wohle aller Menschen auf diesem Planeten zu dienen – so soll es bei uns sein.        GS 23. Okt. 2018

Gott lasse dein Leben gelingen

Der mütterlich-väterliche Gott sei dir nahe
in allem, was dir begegnet auf dem Weg deines Lebens.

Er umarme dich in Freude und Schmerz
und lasse aus beidem Gutes wachsen.

Ein offenes Herz schenke er dir für alle,
die deiner bedürftig sind.

Selbstvertrauen und den Mut, dich verwunden
und heilen zu lassen.

In aller Gefährdung bewahre er dir Seele und Leib
und lasse dein Leben gelingen.

ANTJE SABINE NAEGELI (Deine Güte umsorgt uns, Verlag am Eschbach 2001, S.30)

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Gelassen bleiben

In dieser Zeit der Krisen (Entscheidungsnotwendigkeiten), Katastrophen (Umwendungen zum Schlechten) und politischen und religiösen Radikalisierungen fällt es mir schwer gelassen zu bleiben, nicht in Panik oder gar Depression zu fallen. Eine erste, spontane Reaktion ist dann oft eine Überreaktion. Dabei wäre eher nachdenken angesagt, strukturieren, differenzieren und dann erst Aktion.
“Es gehört zur Tragik von Menschen, dass wir in Situationen, in denen wir besonders gefordert sind, uns auf eine Weise in Aufgaben stürzen, die die Gefahr mit sich bringt, dass wir uns darin immer mehr verlieren. So leben wir immer weniger im Einklang mit uns selber” und unserem sozialen Umfeld. (Pierre Stutz)
Ich habe das Gefühl dass ich, dass diese Gesellschaft, in der ich lebe ihre Mitte verloren hat, ihre innere Kraft, ihre (Selbst-)Sicherheit. Ja, dass sie Gott verloren hat.
Aber ich, wir, diese Gesellschaft braucht diese innere Mitte, diese Selbstsicherheit und Orientierung, um gelassen die Herausforderungen unseres Lebens und der Zukunft dieser Welt anzunehmen und mit zu gestalten.            GS 16. Okt. 2018

Meine Sehnsucht ist groß
ich selber zu werden
nicht gelebt zu werden
sondern aus meiner Mitte heraus
mich entfalten zu können

Meine Sehnsucht ist groß
mich lassen zu können
Idealbilder von mir loszulassen
damit ich immer mehr so werde
wie Gott mich von Anfang gemeint hat:
als sein Abbild

Meine Sehnsucht ist groß
mich zu finden
weil ich nur so Gott finden kann
im tiefsten Seelengrund,
wo ich sein darf vor aller Leistung

Meine Sehnsucht ist groß
mich lassen zu können
um in meinen Gaben
meine Lebensaufgabe zu entdecken
im Entfalten und Aufgeben meiner Gaben

Pierre Stutz (Einfach leben, Verlag am Eschbach 2004, S.39)
Foto: Moritz Deschamps

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