Guido Schürenberg

Beiträge des Autors

Freiheit zum Verzicht

Die Bekämpfung des Klimawandels braucht weltsolidarische Einschränkung der persönlichen Freiheit und freiwilligen Verzicht – für eine lebenswerte Zukunft für alle.
Eine Populistische Verteidigung der individuellen Freiheit gegen Selbstbeschränkungen und Verzicht auf CO2-Scleudern ist die Diffamierungskampagne gegen die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin des arbeitgebernahen INSM zu den 10 Verboten: Annalena Baerbock präsentiert zwei steinerne Verbotstafeln dem (Wahl-)Volk in Anlehnung an die biblischen 10 Gebote auf zwei Steintafeln von Moses am Berg Sinai in göttlichem Auftrag präsentiert.

Der biblische Dekalog = 10 Worte beschreibt die Grundsätze der jüdisch-christlichen Ethik und hat seit Jahrtausenden daraus resultierende soziale und religiöse Regeln für das menschliche Zusammenleben entwickelt, die die Gesetzgebung auch in säkularen Staaten und Gesellschaften bis heute prägen. Diese 10 Worte stellen Haltungen vor, die sich aus dem Grundsatz »Ich bin dein G*tt, der dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat.“ (Ex 20,2) ergeben. Sie sind Verhaltensregeln als Antwort auf die Befreiung.Was mit dem Gebotswort „Du sollst …“ übersetzt wird und die aus dieser Befreiung sich ergebende Haltung der Dankbarkeit und der Auftrag, es nie wieder zu solcher Versklavung kommen zu lassen, ausdrückt, kann und wird auch treffender mit „deshalb wirst Du …“ übersetzt. Dieser Zusammenhang ist im Laufe der Geschichte immer mehr ausgeblendet worden und da es einfacher ist sich an Geboten und Verboten zu orientieren, wurden und werden diese aus dem Begründungszusammenhang gerissen und haltungslos simplifiziert.

Die ökologisch konsequenten schöpfungsbewahrenden Forderungen der Grünen fordern Einschränkung und Verzicht – für eine lebenswerte Zukunft in Freiheit für alle.

Der marktradikale Liberalismus des INSM ignoriert die überlebensnotwendige internationale Solidarität durch Selbstbeschränkung und Verzicht – er ideologisiert die individualistische Freiheit.

GS 15. Juni 2021

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Familien-Entmythologisierung

An diesem langen Wochenende ins heimatliche Ruhrgebiet gereist, um an einem neuen Zuhause für unsere Tochter zu bauen, mit Kindern und Enkelkindern Zeit zu verbringen und nach einem Verwandten-Geburtstagsbesuch wieder nach Hause gekommen.
Zuhause, Heimat, Familie : Worte, Werte , Orte und Menschen, die auch in unserer individualistischen Gesellschaft einen guten Klang haben. Dieses tragende und prägende Narrativ gibt Sicherheit, ist Rückzugsort und Ankerpunkt in bewegten und bewegenden Krisenzeiten, ist Grundlage für Sozial-Leben seit Jahrtausenden. Wohlfühlort und nachdenklich machende Begegnungen, gelebte Solidarität: Familienbindungen, die gut tun.

Das Sonntagsevangelium stellt diesen gesellschaftlichen und kirchlichen Mythos infrage, rückt zurecht und weitet:

Ja, auch Jesus geht nach Hause, zusammen mit den Menschen, die ihm wichtig sind! Aber er kann dort noch nicht einmal in Ruhe essen, denn die Volksmenge akzeptiert seine Privatsphäre nicht. Er lehrt und lebt öffentlich und seine Verwandten erklären ihn deswegen für verrückt und wollen ihn sogar mit Gewalt dort wegholen (Markus 3,20-21) – um ihn vor sich selbst zu schützen, oder aus Sorge auch an die Öffentlichkeit gezogen zu werden?

Als dann die Mischpoke (RuhrgebietsHeimatWort aus dem jiddischen für Verwandtschaft im weiteren Sinne) bei ihm zuhause vor der Tür steht und ihn aus seiner Lehr- und Verkündigungsarbeit herausholen will, brüskiert und konfrontiert er sie öffentlich mit seiner Neudefinition von Familie:
„Dann sah er seine Zuhörer an, die rings um ihn saßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Geschwister. Denn wer Gottes Willen tut, der ist für mich Bruder, Schwester und Mutter!« (Markus 3, 34-35) Damit wird das Familien-Biotop zum GlaubenLebensNetzwerk nicht nur lokal oder familial, sondern in weltweiter Verbundenheit und Solidarität. – Statt Blutsverwandtschaft Glaubensgemeinschaft. Wie hat wohl seine Mutter Maria das empfunden? Mich als Vater jedenfalls macht es sehr nachdenklich.

GS 8. Juni 2021

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Sehnsuchtsvoll

In den letzten Mai-Tagen, dem Sommer-Öffnungs-Wochenende war viel von der Sehnsucht nach Normalität und Freiheit zu hören.
Wonach sehne ich mich nach fast eineinhalb Jahren Pandemie und weitgehenden Einschränkungen von Freiheiten und Infektionsängsten?

Ich sehne mich nach ein paar Tagen Urlaub am Meer, den Blick in die Weite zu haben, Sonne und Seeluft zu genießen. Sonne, Meer und Wind sind für mich Elemente der Freiheit und des Wohlfühlen – die Seele baumeln lassen..

In Sehnsucht steckt aber auch das Wort Sucht, also ein krankmachendes Sehnen:
Sehnsucht (von mittelhochdeutsch sensuht, als „krankheit des schmerzlichen verlangens“[Wörterbuch der Gebr. Grimm] ist ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen. Sie ist mit dem Gefühl verbunden, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. (Wikipedia)

Verlangen nach Zuständen, verbunden mit dem Gefühl dies nicht erreichen zu können, weil die derzeitigen Umstände dies nicht zulassen. Also erreichbare, kleinere Ziele/ Freiheiten? Oder andere Prioritäten für mein Leben, für meine Sorgen, für mein Sehnen?

Jesus nimmt in der radikalisieren, provozierenden Bergpredigt unsere menschlich verständlichen Sorgen und auch Sehnsüchte wahr, er entlastet, weitet den Horizont unseres Sehnens, damit wir vom Kreisen um uns selbst und unsere naheliegenden Sorgen loskommen und frei werden für die menschheitsverbindenden Notwendigkeiten, für ein gutes Leben für alle auf diesem Planeten:

Macht das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen, lebt in Gottes Gerechtigkeit, und er wird euch all das geben, was ihr braucht. (Mt 6,33)

Übertragen auf unser Sehnen und unser Handeln in der Pandemie könnte das heißen:

Befreien wir uns vom Impfnationalismus und verteilen wir die Impfressourcen weltweit. Halten wir die Beschränkungen noch eine Zeit aus. Vielleicht entdecken wir, dass diese Solidarität in unser aller Interesse ist und wir uns sorgenfreier wieder international und begegnen können. Die Folgen des Klimawandels und das Ziel einer lebenswerten Zukunft für alle braucht diese, unsere Solidarität auf diesem Planeten und für das „gemeinsame Haus“ (Papst Franziskus), unsere Welt.

GS 2. Juni 2021

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Geistestrunken

Ein begeisterndes Erlebnis, wie es die Apostelgeschichte erzählt, habe ich an Pfingsten nicht erlebt. Der Feierabend+ Gottesdienst zum Thema GeistMachtSinn hat mir den biblischen Ruach (hebräisch für Geist) näher gebracht und zum Nachdenken angeregt, wo ich in meinem Leben diese Ruach erfahre.

Dann am Pfingstsonntag die Nachricht, dass eine Düsseldorfer Gemeinde Kardinal Woelki als Firmbischof auslädt. Das Sakrament der Firmung könne nur jemand vollziehen, “der als Christ in seinem Amt und in seinem Handeln glaubwürdig ist. Sie sind das leider für uns nicht mehr!” Sie lehnen nicht den Geist der Firmung ab, sondern den, der diesen vermitteln und zusagen soll aufgrund des Glaubensbekenntnisses der Gemeinde. firmare ‚festmachen, kräftigen, bestätigen, beglaubigen

Ganz anders, eben begeistert, werden die Jünger Jesu an Pfingsten von den Bürgern und Gästen in der Stadt Jerusalem erlebt:

„Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, jeder und jede, wie es ihnen der Geist Gottes eingab.“ Apg 2,4

Und sie verkünden die Gottesbotschaft in einer Sprache, die jeder versteht.

Soviel Begeisterung, Verständigung, Hierarchielosigkeit und Klarheit ist verdächtig: »Die sind nur betrunken, das ist alles.« Apg 2,13

Wir Kirchenmenschen, die sich gerne als Jünger Jesu bezeichnen, hocken in unseren leeren Kirchen, kreisen um unsere hausgemachten Probleme, versuchen immer noch eine heilige Ordnung -Hierarchie- als Gott gewollt zu verteidigen, zelebrieren eine leblose Liturgie, die niemanden vom Hocker reißt und predigen in einer verschwurbelten Sprache am Leben und an den Fragen der Menschen vorbei …

Das wäre mal ein Pfingstereignis, wenn wir alle mit so viel Begeisterung das Evangelium verkünden und leben würden, glaubwürdig im Handeln, in der Sprache unserer Zeit, die jede und jeder verstehen kann, selbst wenn unsere Begeisterung wie Geistestrunken überkommt! Aufmerksamkeit und Relevanz hätten wir damit allemal erreicht.

Aber dazu müssten wir offen sein für ruach, die Zeichen der Zeit erkennen und die befreiende Botschaft nach draußen in die Welt bringen, in verständlicher Sprache und glaubwürdigem Handeln.

GS 26. Mai 2021

Komm Ruach komm!

ruach, komm auf unsere Zungen
löse Furcht und banges Schweigen
gib uns Mut zum Unmut ein
niemals mehr
wollen wir sprachlos sein

ruach, komm ins unsere Augen
löse Film und blindes Glauben
gib uns Mut zum Sehen ein
niemals mehr
wollen wir lichtlos sein

ruach, treibe unseren Willen
wecke Zorn und schenke Atem
gib uns Mut zum Werden ein
niemals mehr
wollen wir harmlos sein

ruach, küsse unsere Hände
stärke Kraft und Zärtlichkeiten
gib uns Mut zum Handeln ein
niemals mehr
wollen wir machtlos sein

ruach, heile allen Mangel
eine Körper, Geist und Seele
gib uns Mut zur Freundschaft ein
niemals mehr
wollen wir gottlos sein

(Christa Peikert-Flaspöhler)

Quelle: https://feministische-theologinnen.ch/komm-ruach-komm/

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GeistSinn

Zeichen werden gesetzt in diesen Tagen vor dem christlichen Pfingstfest. Zeichen für Liebe und Versöhnungswillen: durch Segnungsfeiern für Liebende, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung oder ihres gesetzlichen Status, durch die Teilnahme leitender Kirchenvertreter*innen an der Mahlfeier/ Eucharistie der jeweils anderen Konfession beim Ökumenischen Kirchentag, durch die Wahl einer 25 Jährigen Philosophie-Studentin zur Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, …

Während die Wahl der Regensburger Studentin Anna-Nicole Heinrich vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz als „Mut machendes Zeichen“ gewertet wird, werden Interkommunion und Segnungsfeiern als entgegen der katholischen Lehre, Gehorsam verweigernd und spaltend abgekanzelt.

Als Zeichen sind diese kirchlichen Handlungen provokant, weil sie zentrale Inhalte des christlichen Glaubens praktizieren und so die Glaubenden herausfordern sich zu Liebe und Treue, zu ökumenischem Versöhnungswillen und zu demokratischer Beteiligung an der Kirchenleitung zu stellen.

Was von den Hütern der Tradition als spaltend bezeichnet wird, kann auch als erneuerndes Wirken des heiligen Geistes in den Kirchen gesehen werden.

Die Apostelgeschichte beschreibt die Geistsendung als bewegendes, ja elementares Ereignis: Stürmisches Rauschen im Saal, in dem 120 Männer und Frauen (Apg 1,15) versammelt waren, die gerade Matthias per Gebet und Losentscheid als apostolischen Rat eingesetzt hatten (Apg 1, 24-26). Dazu das Feuer der Begeisterung und eine Sprache, die alle verstanden (Apg 2, 2-4)! Sie wissen sich von Gott berufen und begeistert: „Allen Männern und Frauen, die mir dienen, will ich in jenen Tagen meinen Geist geben, und sie werden in meinem Auftrag prophetisch reden.“ (Apg 2,18) Und in ihrem begeisterten und begeisternden Erzählen der befreienden Botschaft Jesu vom Gottesreich der Liebe, Versöhnung und des Friedens für alle Menschen sind sie nicht zu bremsen, erst recht nicht von den Glaubenswächtern: „Ist es vor Gott recht, euch mehr zu gehorchen als Gott? Wir können unmöglich schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben!“ (Apg 4, 19f)

Kirchenleitungen und Glaubenshüter sollten sich an diese bewegenden Anfänge des Christentums erinnern und die Zeichen des Geisteswirkens und des Aufbruchs, des immer wieder die Kirchen erneuernden Pfingsten, anerkennen und fördern, damit der Geist der Erneuerung wirken kann.

GS 18. Mai 2021

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