Category: Predigten

Es braucht eine andere Kirche

Wozu braucht es Glaubensgemeinschaften? Welchen Zugewinn an Lebenssinn und Lebensqualität hat ein Mensch, der sich einer Gemeinschaft von Glaubenden anschließt? Als erstes würde man vielleicht sagen: Ein solcher Mensch ist nicht allein; er darf sich aufgehoben wissen in einer solidarischen, einander tragenden Gemeinschaft. Als zweites wäre wohl der Gedanke da: Jeder und jedem ist der Zuspruch gewiss: da ist ein Gott, der ihr und ihm vorbehaltlos zugetan ist.
„Schön wär’s“, sagen allerdings heute viele andere, die sich enttäuscht, entsetzt, angewidert abwenden, weil sie genau gegenteilige Erfahrungen gemacht haben oder leidend immer noch machen. Gründe dafür gibt es genügend: Eine Minderheit von mehr oder weniger im Leben stehenden Männern sieht sich von Gottes Gnaden her berechtigt, über Privatestes der Menschen urteilen zu können. Das Gebaren der Hirten, die ihr Dien-Amt in einer Weise verstehen, dass hinter dem Amt der Mensch total verschwindet, trägt auch nicht gerade dazu bei zu erkennen, dass sich das Göttliche gerade im Menschlichen offenbart. Was im Augenblick in unserer Kirche passiert, ist mit Worten eigentlich gar nicht mehr zu beschreiben. In Rom entscheiden 280, die Lebensmitte zumeist schon längst überschrittene Männer – und nur Männer – über das, was Jugendliche und junge Erwachsene zu interessieren hat; eine päpstliche Behörde, die sich „Bildungskongregation“ nennt, verweigert ein offenes und verantwortetes Forschen in der Theologie und bezeugt damit eindringlich, dass ihr die Bildung von Menschen schnurzpiep egal ist; ein deutscher Bischof setzt private Beziehungen zur Landesregierung ein, um einen Mann – wieder also ein Mann – seines Vertrauens (der auch noch aus seinem Bistum kommt) in einer theologischen Fakultät einzuschleusen und diskreditiert damit nicht nur einen anderen Wissenschaftler sondern auch das Entscheidungsgremium einer ganzen theologischen Fakultät. Das alles wird dann zugekleistert mit Sonntagssprüchen wie, man müsse sich vom Klerikalismus verabschieden und weltoffener den Lebenswirklichkeiten der Menschen entgegenschauen.
Ihr seht, ich rege mich maßlos auf und ehrlich gesagt, macht mir diese Kirche, die doch eine einfühlsame und auf Gott vertrauende Religionsgemeinschaft sein möchte, heute nicht nur Bauchschmerzen, sie bereitet mir geradezu Magengeschwüre. Da wundert man sich, dass die katholische Kirche immer überflüssiger wird in einer Gesellschaft, die so viele existentielle Fragen umtreibt und jede Unterstützung gebrauchen könnte, in der Sorge, das Menschliche nicht zu verlieren. Eine Religionsgemeinschaft: offen, einladend, zur Suche einladend, was Leben lebenswert macht, ist heute notwendiger denn je. Menschen zu verbinden, sie zu stärken in ihrer Persönlichkeit, ihnen in der Sinnsuche begleitend, nicht bevormundend zur Seite zu stehen. Auch in der Wissenschaft ist die Kirche alles andere als überflüssig. Sie könnte ermutigen, frei zu fragen und zu suchen, was dem Menschen wohl tut, was die Schöpfung Gottes lebendig hält; sie könnte vorangehen in der Gewissheit, dass wir keine Angst zu haben bräuchten im Blick auf die Zusage Gottes, mit uns zu gehen. Aber was macht unser Verein? immer genau das Gegenteil von dem, was ihre Stärken sein könnten. Sie isoliert sich selbst, bevormundet Gott und die Welt und kreist selbstverliebt um die, die sich Hirten nennen.
Ich erlaube mir heute, so impulsiv zu schnauzen und zu kritisieren, weil mich Bartimäus dazu ermutigt. Er schreit hinter Jesus her, und dabei ist ihm die wohlfeine Gemeinschaft der Jünger völlig egal. Was die von ihm denken, wird schnell klar; ruhig soll er bleiben, seiner Rolle gemäß am Rand stehen bleiben. Aber Bartimäus ist sich sicher, dass er dazu gehört, zur Gemeinschaft der von Gott Geliebten. Da mögen die etablierten Jünger sich noch so sehr darüber aufregen und versuchen, ihn mundtot zu machen. Bartimäus lässt sich nicht rauskicken. Blind, wie er ist, weist er die Gemeinschaft der Getreuen zielstrebig darauf hin, woran es ihnen mangelt: An dem Selbstverständlichsten, was Gott dieser Welt geschenkt hat, dass nämlich alle in gleicher Weise teilhaben an seiner Gnade und dass diese Teilhabe verpflichtet zu einer von jeglicher Rangordnung befreiten menschlichen Gemeinschaft. Sehvermögen, Hörvermögen, Mobilität ist wesentlicher Bestandteil dafür, teilhaben zu können am Ganzen. Und Bartimäus ist sich gewiss, als einzelner zur Gesamtheit dazuzugehören. Die Jünger Jesu bezweifeln das. Sie wollen ihn mundtot machen; erst durch die Intervention Jesu lassen sie sich eines Besseren belehren. Das muss man ihnen immerhin lassen: sie sind lernfähig. Jesus macht den Jüngern unmissverständlich klar: Der Schreihals gehört dazu, ohne ihn ist die Gemeinschaft nicht komplett. Der Aufschrei des Bartimäus: „Ich will wieder sehen können“ und der darin beinhaltende Wunsch, teilhaben zu können an der Gemeinschaft, verhallt nicht ins Leere. Jesus hört ihn und die Jünger müssen ihn respektieren.
Diese Glaubensbotschaft ermutigt mich, aufzuschreien. Aber einer allein genügt nicht. All die bisher still-Gestellten, die Abgewandten, die außen-vor-Stehenden, die von der Gemeinschaft Ausgesonderten: Sie müssen aufschreien, damit die zur Jüngerschar gehörenden aufmerken und umdenken, umschwenken. „Hab Mut, steh auf, er ruft dich“. Die Glaubensgemeinschaft muss erkennen, dass genau die auch dazu gehören, die von ihnen bisher links liegen gelassen wurden. Ansonsten… Aber das will ich mir gar nicht vorstellen. Irgendwie vertraue ich dann doch auf den, dessen Frage mich bis heute bewegt und berührt: „Was willst du, das ich dir tun soll,“ und geb die Hoffnung nicht auf, dass die inzwischen so blind gewordene Kirche den Mut hat, die Bitte auszusprechen: „Herr, ich will wieder sehen können“.
Christoph Simonsen

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Gebt dem Tod seine Würde zurück

Es kommt nicht oft vor, dass man von einem Theaterregisseur zu einer Premiere eingeladen wird. Deshalb kann ich mich auch bis heute noch so gut an diesen grandiosen Abend im Bochumer Schauspielhaus erinnern. Heiner Müller’s Drama „Germania Tod: Berlin“ wurde aufgeführt. Ich hab mich an diesen unvergesslichen Abend diese Woche auch deshalb erinnert, weil ja gerade im Fernsehen die große Serie „Babylon Berlin“ gezeigt wird. Die Fernsehserie wie auch das Theaterstück ermöglichen einen düsteren Blick in die deutsche Geschichte.
in dem Drama von Müller sind einzelne aufeinanderfolgende Szenen aufgereiht, die jeweils unabhängig voneinander sind und Augenblicke der deutschen Geschichte interpretieren. Und in all diesen unterschiedlichen Szenen gibt es eine verbindende Persönlichkeit, die immer wieder in Erscheinung tritt – manchmal ganz leise, unauffällig, dann wieder plötzlich unerwartet mit großem Getöse, aber auch heiter und spielerlisch, dann wieder sarkastisch und plump. Immer wieder betritt er die Bühne, mal von vorn, mal von hinten, von rechts oder links, einmal sogar mit einem Seil von oben: der Sensemann. Der Tod ist ständig präsent auf der Bühne. Die politische Botschaft des Schriftstellers, der ja der linken Szene der ehemaligen DDR entstammte, war eindeutig: Deutschland hat immer wieder den Tod in die Welt hinausgetragen, angefangen beim tödlichen Streit der Nibelungen über die Kleinstaatenkriege hin zu den beiden Weltkriegen, ja sogar bis zu den politischen Auseinandersetzungen während des Nato-Doppelbeschlusses in den siebziger und achtziger Jahren. Der Tod spielt immer mit.

Und der Schriftsteller hat Recht damit. Der Tod ist nicht nur biologisch unausweichlich, er ist nicht nur schicksalhaft, viel zu oft ist er auch schuldbeladen. Es ist wie in dem Schauspiel: Irgendwie spielt er immer eine Rolle; man mag ihn in die Ecke stellen, man mag ich durch Siegesgeschrei überbrüllen wollen, man mag ihn sich zuweilen wegtrinken, man mag ihn aufs Mittelmeer verbannen, wo keine Kameras ihn dokumentieren können, man mag ihn an den Rand der Großstädte verbannen in noble Seniorenresidenzen, man mag ihn umbenennen dadurch, dass die Krankenkasse jetzt Gesundheitskasse heißt: Das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen den Tod anderer zu verantworten haben. Er mag noch so schnell wieder vergessen sein, wir können sicher sein, dass er uns wieder einholt.

Jonas, der Student, der sich Anfang dieses Jahres das Leben genommen hat: ich hab seiner im März hier im Gottesdienst gedacht. Wenn auch konkret kein anderer seinen Tod zu verantworten hat, so ist doch unzweifelhaft, dass er gestorben ist, weil ihm das Leben in dieser konkreten Welt zu schwer geworden ist. Wer erinnert sich heute noch an ihn? Der Journalist, der im Hambacher Forst ums Leben gekommen ist: auch seiner wurde hier im Gottesdienst bedacht. Gar nicht lange her, ein paar Wochen erst, aber wer hätte ihn heute noch im Gedächtnis? Zwei junge Iraner, die im Winter letzten Jahres in ihrer Heimat gehängt wurden wegen ihrer Homosexualität. Längst vergessen! Die ermordeten Männer, Frauen und Kinder der muslimischen Minderheit der Rohingya in Bangladesch. Weiß jemand heute noch von Ihnen? Die Christinnen und Christen in Saudi Arabien die bis heute verfolgt und aus fadenscheinigen Gründen hingerichtet werden. Ein Dreizeiler wert und vergessen. Der Tod ist immer dabei und so tragisch er ist, so vermeidbar ist er oft auch, weil er von uns Menschen zu verantworten ist. Natürlich nicht von uns persönlich, aber wenn ich so sagen darf, von unserer Spezies: der Menschheit an sich. Ich will hier sicher nicht einer kollektiven Schuld das Wort reden, worauf ich hinaus möchte, ist etwas anderes. Es bedarf heute und eigentlich immer so etwas wie einer kollektiven Scham. Scham und Ehrfurcht braucht es, damit der Tod wieder den Stellenwert im Leben erhält, den er verdient: Der Tod ist der Moment im Leben, in dem sich alles Leben verdichtet und in Würde seinen Höhepunkt findet als Hinübergang auf Gott hin. Die Toten, jeder einzelne und die unzähligen Vielen sind unserer Ehrfurcht würdig und wir Lebenden müssen uns dank einer ehrlichen Scham immer wieder neu unserer Verantwortung bewusst werden. Aber was noch wichtiger ist: in solch einer Ehrfurcht hätte Gott eine Chance. Er hätte die Chance, uns berühren zu können. Menschen, die sich der Hybris hingeben, über Leben und Tod entscheiden zu können, kann Gott nicht berühren.

„Lass uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit“. Diese Offenheit auf Gott hin ermöglicht es, die Chance der menschlichen Schwäche zu erkennen. Diese Offenheit auf Gott hin ermöglicht es, dem Tod Würde und Respekt entgegenzubringen und ihn nicht mehr als Mittel eigenen Machterhalts wahrzunehmen. Gott zeigt Mitgefühl dem gegenüber, der schwach ist.

Der Hebräerbrief ist wohl in der Sprache wie auch in seinen Gedanken der schwierigste Text in der Heiligen Schrift. Er gilt als der Text, der am tiefsten die Menschwerdung Gottes reflektiert. Gott ist immer der Andere, der Unbegreifliche, der außerhalb alles Weltlichen Existierende. Und zugleich ist er der Nächste, der Solidarischste, der Vertrauteste. Er ist der, der dem Menschsein am nächsten kommt und zugleich ist er der, der dem Menschen am wahrhaftigsten zeigt, wie unmenschlich er – der Mensch – ist, indem er – Gott – uns in vollkommener Weise das Menschsein vor Augen führt. Jedem Lebewesen möchte Gott ein unverwechselbares Leben wie auch ein nicht fremdbestimmtes Hinübergehen in die Himmel schenken. Jeder Tod, jedes Sterben, das verursacht ist durch Menschenhand aufgrund von Machtüberschätzung, Besitzanspruch und Egoismus ist ein Eingriff in die Hoheit Gottes. Jeder Tod aber, der würdevoll und dankbar ein Leben an sein Ende bringt, ist ein Hinweis auf das Erbarmen und die Gnade Gottes, und den Lebenden die Hilfe gewährt, dem Leben wie dem Tod mit Ehrfurcht und Respekt zu begegnen. Die Geschichte der Welt schenkt uns auch dafür konkrete Beispiele: Zum Beispiel das Leben und Sterben des Erzbischofs Oscar Romero, der in diesen Tagen heiliggesprochen wurde. Er ist erschossen worden von Soldaten, weil er die Würde der Ärmsten in seinem Dienst hervorgehoben hat. Die vielen unwürdigen Tode, die die Menschheit zu verantworten hat: Sie mögen uns heute Mahnung sein, Leben und Tod in gleicher Weise die Ehre zu erweisen, die sie verdienen.
Christoph Simonsen

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Fragen: Was und wie und wo

Da ging der Mann „traurig weg“. Und ich geh am besten gleich hinterher. Denn auch, wenn ich kein großes Vermögen habe, so besitze ich doch einiges: Kunstwerke zum Beispiel, von denen ich mich nie trennen würde; zudem fahre ich zweimal im Jahr in Urlaub, ich liebe gutes Essen und besuche gern ausgezeichnete Restaurants. Wenn ich auch nicht viel auf der hohen Kante habe, arm bin ich auf jeden Fall nicht und wenn ich sicher auch nicht geizig bin, so habe ich dennoch nicht den Ehrgeiz, meinen Lebensstil grundsätzlich ändern zu wollen. Die Konsequenz scheint also klar: Ich muss draußen bleiben, ich Kamel bin zu groß und zu behäbig für den Weg ins ewige Leben. Was ich hier sage, das meine ich sehr ernst, das ist jetzt kein Stilmittel für diese Predigt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Auftrag Jesu, alles zu verkaufen und es den Armen zu geben, überfordert mich. Versteht mich bitte nicht falsch, ich geb gern, aber ich vermag nicht, alles zu geben und es gibt Dinge, die würde ich nie freiwillig hergeben. Was also bleibt anderes, als zu Schweigen zu diesem Evangelium?
Andererseits habe ich vor diesem Mann eine sehr hohe Achtung. Sein Mut, nach den eigenen Lebenszielen zu fragen, seine Ehrlichkeit, mit den Tatsachen wahrhaftig umzugehen, die berühren mich. Ihn muss die Frage schon sehr unter den Nägeln gebrannt haben, man spürt geradezu seine Not. Er will wirklich seinem Leben Tiefe geben und Perspektive: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Er läuft auf Jesus zu, rennt, kann es kaum abwarten, eine Antwort zu bekommen; fällt vor Jesus auf die Knie, es bleibt offen, ob als Zeichen der Demut oder weil er einfach aus der Puste ist. Von der Beantwortung dieser einen Frage scheint alles abzuhängen: sein Leben, seine Zukunft, einfach alles. Er ist wirklich beseelt von dieser einen Frage: Was gibt meinem Leben Zukunft.
Wir wissen, wie die Begegnung mit Jesus endet: traurig und zerknirscht geht der Mann weg. Er war doch so guten Mutes, die Begegnung mit Jesus zu suchen. Die erste Antwort Jesu hat ihn noch bestärkt: Er hat vieles richtig gemacht; er hat ein verantwortungsvolles Leben geführt bisher und untadelig gelebt. Aber dann trifft es ihn knüppelhart: „Verkaufe alles, was du hast und geb es den Armen…“ „Da ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen“.

So unbefriedigend die Begegnung endet, so sehr bin ich doch davon überzeugt: Die Haltung dieses Fremden könnte so etwas wie ein Semesterprogramm werden für uns: Die Erzählung des heutigen Evangeliums ruft uns dazu auf, uns an die Frage heranzutrauen, wie wir dem eigenen Leben Sinn geben können und wie wir eine Perspektive in unserem Leben finden können, die dankbar werden lässt gegenüber dem Leben. Natürlich stellen wir auch immer wieder Fragen, suchen immer wieder nach Antworten. Wir forschen nach dem, was unser Leben sicherer, nachhaltiger werden lässt. Aber stellen wir wirklich die richtigen Fragen. Stellen wir die Fragen, die uns bewegen, das Wertvolle, das Schöne, das Unvergängliche und Ewige des Lebens suchen? An den Hochschulen ist das Fragen und Suchen Alltagsgeschäft. Aber sind die Hochschulen alleine die richtigen Orte, um die richtigen Fragen zu stellen?
„Ich betete, und es wurde mir Klugheit gegeben; der Geist der Weisheit kam zu mir. Ich zog sie Zeptern und Thronen vor“. Wir hörten eben diese Worte aus dem Buch der Weisheit. Nun tragen Rektoren und Professoren sicher heute keine Zepter mehr und sitzen auch nicht auf Thronen. Aber es ist glaub ich nicht abwegig zu behaupten, dass sie manchmal so tun als ob. Wissenschaftliches Arbeiten ist nicht Vielen das wesentlichste Lebenselixier, aus dem heraus sie ihr persönliches wie ihr öffentliches Leben gestalten. Und derer gibt es noch viele andere innerhalb und außerhalb unserer Hochschulen: Menschen, die uns Ratschläge geben, welche Fragen zu stellen sind. Dabei bleibt doch virulent, ob dies die wirklich richtigen Fragen sind.
Weisheit und Klugheit sei notwendig, die Fragen aufkommen zu lassen, die wirklich wichtig sind. Weisheit und Klugheit ist aber etwas grundsätzlich anderes als Effizienz und Erfolgsversprechungen. Die Fragen, die uns wirklich in die Tiefe des Lebens führen, die erwachsen in der Stille – das Buch der Weisheit sagt ‚Gebet‘ dazu. In der Stille, in der Konzentration auf sich selbst und auf Gott hin, da finden sich die Fragen, die uns helfen das zu entdecken, was wirklich leben lässt. Die wirklich wichtigen Fragen entwickeln sich in uns selbst, wenn wir – wie es so schön heiß – in uns gehen. In der zweckfreien Zeit, wo nichts getan, nichts gedacht, nichts gesagt werden muss, wo ich einfach nur bin, wo ich vor Gott bin und bei mir bin, da tun sich die Fragen auf, die Leben in Bewegung bringen, nach vorne bringen.
Dieser außergewöhnliche Mensch Jesus, der in so außergewöhnlicher Weise aus der Beziehung zu Gott gelebt hat, dass sein Leben immer nur Vorbild sein kann im Wissen darum, dass kein anderer so konsequent zu leben vermag wie er: Dieser Jesus nun gibt dem Mann einen Ratschlag, der jeden überfordern muss, so wie er diesen wohlmeinenden Mann und mich und uns überfordert. „Geh verkauf alles, was du hast und geb es den Armen“. Aber er tut dies, so heißt es ausdrücklich, weil er ihn liebte. Weil er ihn liebte, überfordert er den Mann maßlos mit dieser Aufforderung, wohlwissend, dass diese maßlos ist. Nun geht der Mann traurig weg; aber wo geht er hin? Einfach so zurück in sein bisheriges Leben? Das glaub ich einfach nicht. Die maßlose – wenn auch liebevolle – Herausforderung Jesu wird diesen Mann begleitet haben. Er wird ins Nachdenken gekommen sein, vielleicht ins betende Nachdenken. Und er wird – da bin ich mir sicher – zweierlei erkannt haben: Zum einen: Haben bedeutet nicht automatisch leben. Zum anderen dann: Vertrauen und Liebe schenken eine grenzenlose innere Freiheit. Mit diesen beiden Erkenntnissen werde ich nun weggehen, in diesen Gottesdienst hinein und in das neue Wintersemester 2018/2019 und schauen, welche Fragen sich daraus für mich erschließen werden: Fragen aus mir heraus, Fragen, die meinem Leben eine Richtung geben auf die hin, die auch leben wollen, so wie ich.
Christoph Simonsen

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Morgen beginnt heute

Ich glaube, ich muss heute zunächst einmal Abbitte leisten; die beiden vergangenen Sonntage waren stimmungsmäßig sehr geprägt von übergroßen Forderungen, vielleicht sogar übermenschlichen Forderungen. Die Heilige Schrift ist wahrlich keine leichte Kost. Und unsere momentane Welt- und Kirchenwirklichkeit ist momentan, das kommt dazu, alles andere als zufriedenstellend. Welt und Kirche zu gestalten aus der Überzeugung heraus, dass Gott uns diese eine Welt ans Herz gelegt hat, ist und bleibt also eine wahnsinnige Herausforderung und sie führt uns Menschen nicht selten an die Grenze unserer Möglichkeiten. Gleichwohl unser Glaube immer auch eine herausfordernde Botschaft in sich trägt, die eine gestalterische Konsequenz einfordert, so hat dieser gleiche Glaube doch auch eine beflügelnde Leichtigkeit, sich des Lebens zu freuen und sich den unbeschwerten Erlebnissen des Augenblicks hinzugeben. Ja: den Augenblick des Lebens, das gerade Hier und gerade Jetzt zu spüren und sich dankbar dem hingeben, auch das gehört zu unserem Glauben, es gehört existentiell zu unserem Glauben. Gott schenkt nicht nur Zukunft, er schenkt vor allem auch Gegenwart.

Eldad und Medad geraten in Verzückung. Sie sollten Lagerwache halten, während Moses mit den 70 Ältesten mit Gott sozusagen in Konferenz geht. Und wie Gott so ist, er hat immer ein give away in der Tasche, er lässt keinen mit leeren Händen und leeren Herzen nach Hause gehen; Moses, wie auch die anderen werden beschenkt – mit seinem guten Geist. Schön finde ich die Bemerkung, dass Gott ihnen „etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte“ schenkte. Ein bisschen Geist Gottes genügt scheinbar schon, um Menschen glücklich zu machen und zu befähigen, weltbewegendes zu entwickeln. Jetzt sind aber die beiden Lageraufpasser genauso verzückt von diesem guten Geist Gottes, wie Moses und die Ältesten es sind, obwohl sie bei der Begegnung mit Gott dabei waren. Und da wird wohl klar, dass Gott nicht nur die beschenkt, die demonstrativ zu ihm hingehen. Nein, auch die Zurückgebliebenen, die Fernstehenden werden beschenkt. Und das kann doch wohl nicht mit rechten Dingen zugehen. Geist Gottes kann schließlich nur da drin sein, wo der auch überprüfbar von Gott verteilt wurde.
Wer so denkt, der Diener des Moses nämlich, den überrascht Moses dann mit der Bemerkung, er würde sich wünschen, dass alle Menschen, das ganze Volk, zu Propheten würden, zu Geistbegabten also. Wer im Hier und Jetzt Gutes tut, Gutes sagt, wer verzückt ist davon, dass ihm Leben geschenkt ist und wer sich sichtbar, spürbar seines Lebens freut, der muss Gottes Geist in sich tragen. Das ist für Moses evident – und für Jesus auch, das heutige Evangelium belegt dies.

Jetzt ist uns heute das Wort „Verzückung“ eher fremd. Aber es weckt unweigerlich meine Phantasie, eure vielleicht ja auch. Was völlig verrücktes machen, mal ganz aus sich raus gehen, mitten am Tag zu tanzen beginnen, und dann – man stelle sich das vor – ganz man selbst sein, echt, frei von jeder konventionellen Rolle, die man sich so oft überstreift. So unverstellt, so unbedarft, so frei, da kann kein böser, kein ausgrenzender, kein diskriminierender Gedanke mehr in einem sein. In solchen Augenblicken, wo der Moment einer Ewigkeit gleicht, wo das Jetzt nicht aufhört und einfach nur Lebendigkeit, Dankbarkeit und Glück in einem ist, da muss Geist Gottes sein und da wird einem klar, dass der Glaube Berge versetzen, Grenzen verschieben und Mauern erweichen kann. Und somit sogar unsere heutige Lebenssituation aus aller Enge zu befreien vermag. Predigt am 30. September 
Christoph Simonsen

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Von den höheren Interessen

Es sind immer die höheren Interessen, die einen zu bestimmten Entscheidungen drängen. In der Politik wird ein hoher Beamter wegen nachweisbarer Verfehlungen entlassen – und an anderer Stelle höher dotiert wieder eingestellt, um die Koalition und damit ein geordnetes politisches Handeln nicht zu gefährden. In der Wirtschaft wird ein Machtkampf zwischen Bevölkerung und Polizei geduldet, um vermeintlich die Energieversorgung nicht zu gefährden. Dass erst durch die Tragik eines tödlichen Unfalls ein Nachdenken und Innehalten erkennbar wird, stimmt mich persönlich sehr traurig. In der Kirche wird die Kluft zwischen Klerikern und Laien theologisch überhöht, ausschließlich um dem Willen Gottes zu entsprechen.

Und welche höheren Interessen leiten uns? Ist es der Blick auf die zukünftige Familie, die wir gründen wollen, weshalb wir um eines sicheren Arbeitsplatzes willen Kompromisse zu machen bereit sind und da forschen, wo die Grauzone zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit verschwimmt? Ist es der Ehrgeiz, uns mittels guter Klausuren einen guten Platz in unserer Gesellschaft zu sichern, ohne den wir uns unsicher fühlen, weshalb wir Körper und Geist in der Vorbereitung bis ultimo quälen, selbst mit Aufputschmitteln. Oder ist es das hohe Gut eines gefälligen Burgfriedens im persönlichen Umfeld, weshalb wir jeder Diskussion und Auseinandersetzung aus dem Weg gehen? Oder ist es der verdiente Anspruch auf Freizeit und Vergnügen, weshalb wir uns jeglicher Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft entziehen?

Vielleicht erscheint das einigen doch ein bisschen überzogen und vielleicht fühlt sich die andere auch durch diese Unterstellungen provoziert. Das ist natürlich nicht meine Absicht. Vielmehr geht es mir darum zu verdeutlichen, wie egoistisch wir im Globalen und im Einzelnen sein können. Wir stehen jeden Tag in der Gefahr, um eines vermeintlich anspruchsvollen Zieles willen in einen billigen und durchsichtigen Egoismus zu verfallen, der ein Umdenken und alternatives Handeln unmöglich macht.

„Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern“, so behauptet der Jakobusbrief.  Was ist da los in unserem Innenleben, dass wir so besessen sind davon, all unsere Sorge auf Zukunft und Sicherheit nur auf uns selbst auszurichten? Ich möchte keinem auf die Füße treten, aber prüfend – mich selbst und auch euch – möchte ich mich dieser Frage stellen, ob dem tatsächlich so ist. Haben wir wirklich nur noch uns selbst im Blick: Unser Wohlergehen, unseren Wohlstand, unseren kleinen und begrenzten Horizont? Verschwenden wir unsere Leidenschaft ausschließlich darauf, unseren eigenen Bedürfnissen nachzukommen? Jakobus ist davon überzeugt, dass diese bösen Absichten nur leere Hände und leere Herzen hinterlassen. „Ihr erhaltet nichts“, so sagt er. Und diese Erkenntnis verleitet Jesus dann später zu der wunderbaren Alternative: Wer die Bedürfnisse der anderen in den Blick nimmt, der sieht Gott. „Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat“.

Für die Politik hieße das, den Fremden aufnehmen, anstatt ihn zu verteufeln; für die Wirtschaft hieße es, Nachhaltigkeit höher zu bewerten als kurzsichtige Energiesicherheit und unumkehrbare Zerstörung der Natur; für die Kirche hieße das, Gleichberechtigung aller in der Kirche und ein  Aufgeben der hierarchischen Machtstruktur des Klerus.

Ich maße mir jetzt nicht an zu sagen, was das für euch bedeutet, das muss sich jede und jeder von euch selbst fragen. Wenn wir aber diese Frage in uns zulassen – und jetzt spreche ich ausdrücklich wieder von „wir“, nehme mich also wieder dazu und verbünde mich mit euch – wenn wir also diese Frage in uns zulassen, dann kann – davon bin ich überzeugt – keine und keiner von uns beruhigt nach Hause gehen gleich. Die Frage nach den eigenen Absicherungen im Leben ist verklausuliert die Frage der Jünger, die sich darüber unterhielten, wer von ihnen der Größte sei. Wann verzichten wir – jede und jeder aus eigener Lebensperspektive – auf Vorrangstellung und Größenwahn und reihen uns ein in eine solidarische Weltgemeinschaft?

Ich will jetzt keiner Politikverdrossenheit nachlaufen oder in ein allgemeines Draufhauen auf die Wirtschaft verfallen; ich will auch unser kirchliches System nicht rundweg verteufeln; aber mein Vertrauen in diese selbstverliebten menschlichen Sammelbecken ist erheblich beeinträchtigt. Weshalb ich der Überzeugung bin, dass eine Veränderung von mir aus, von uns aus seinen Anfang nehmen muss und zwar nicht losgelöst nach dem Motto: „Jeder für sich und Gott für uns alle“, sondern gemeinsam. Gemeinsam können wir uns einbringen in Politik, Wirtschaft und Kirche und gemeinsam können wir Sorge tragen dafür, dass – im Bild des Evangeliums – der kleine Junge nicht übersehen wird. Der kleine Junge, das sind heute in meinen Augen die Geflohenen, die in ihren Booten im Mittelmehr Land und Leben suchen; das sind die, die heute auf den Bäumen sitzen und versuchen zu retten, was zu retten ist; und das sind schließlich die, die Kirche als communio der Verschiedenen sehen und nicht als Glaubensverwaltungssystem.

Um noch einmal auf die höheren Interessen zurückzukommen: Ob es uns wohl gelingt, unsere Interessen abzugleichen mit den Interessen des kleinen Jungen, sprich: der vielen Kleinen um uns herum? Wenn meine höheren Interessen sich ausrichten an den Interessen der Kleinen, dann käme unsere Welt ganz neu in Bewegung.

Christoph Simonsen

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