Category: Predigten

Hören und berühren

„Ich will hören, was Gott redet:
Frieden verkündet der Herr seinem Volk
und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen.
Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne in unserem Land.
Es begegnen einander Huld und Treue;
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sprosst aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.“ (aus Psalm 85)

Das sind prophetische Worte; wohltuende Worte in einer Zeit, in der Worte viel zu oft zu Waffen werden. Es sind alte Worte des Psalms 85, den die Liturgie heute als Antwortgesang nach der eben gehörten Lesung vorsieht. Mich berühren diese Worte; von ihnen geht eine Wärme aus, die keinen kalt lassen kann. Sie versetzen mich in eine innere Dankbarkeit, wie schön Leben sein kann – und sie lassen – für einen Augenblick – vergessen, dass alles ganz anders ist.
Und da sind wir mittendrin im Problem: Prophet*innen reden immer in einer Welt, die grundsätzlich anders ist, als sie eigentlich sein sollte. Die nächste Tragik folgt auf dem Fuß, denn in der Regel bewirken sie auch nicht wirklich etwas, was die Welt besser macht. Prophet*innen sind auf den ersten Blick hilflose Weltverbesserer in einer Welt, die nicht besser wird. Wie mag man sich da wohl fühlen als Prophet*in, wenn der übertragene Auftrag zu nichts führt, man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Welt keinen Zoll friedlicher, warmherziger, göttlicher wird.
Prophet*innen wollen gar nicht die Welt verändern, sie wollen die Herzen der Menschen erreichen. Prophet*innen haben kein Interesse an Weltsystemen, wohl aber haben sie Interesse am Wohlergehen der Menschen, und zwar des einzelnen Menschen. Dieser Blick auf den einzelnen Menschen geht uns viel zu oft verloren weil wir uns festbeißen an und in Systemen. Viel zu sehr arbeiten wir uns an Systemen ab, während Prophet*innen im Hören auf das Wort Gottes ihren Blick dem einzelnen Menschen zuwenden. Wenn es dem Menschen gut geht, dann findet auch die Welt ihr Gleichgewicht wieder. Prophet*innen sind erfüllt, oder anders: sie sind randvoll von dieser Überzeugung: In Gottes Welt gibt es keine Feindbilder. Von dieser Überzeugung erfüllt, finden sie sich dann allerdings wieder in einer Welt, in der Feindbilder in immer neuen Varianten geprägt werden – von uns Menschen, nicht von Gott. Und das nur deshalb, weil wir Menschen uns unterscheiden wollen untereinander, nicht in unserem Sein, vielmehr in unserer Wertigkeit. Anders sein, das ist für die Vielzahl der Menschen gleichgesetzt mit wertvoller sein wollen bzw. minderwertiger sein müssen. Bezeichnungen werden zu Kampfmitteln. In der Vergangenheit war es der Nigger, heute ist es der Flüchtling, oder der Schwule, oder der Arbeitslose. Die einzige Intention dieser Klassifizierung liegt darin, sich selbst abzugrenzen von dem anderen.
Mir liegt noch sehr im Magen ein Erlebnis in diesem zu Ende gehenden Semester, wo wir mit einigen Studis belegte Brötchen an markanten Stellen unserer Stadt Obdachlosen gebracht haben, einfach nur so. Am Kaiserplatz kam dann ein Polizeiwagen angerauscht und ein Polizist fragte in einer sehr überheblichen Art, was wir denn da machen würden und ob wir nicht wüssten, dass dies Drogenabhängige wären und es gefährlich sei, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich war sprachlos und entsetzt. Weil jemand auf der Straße sitzt, ist er gefährlich. Weil eine Not, welcher Art auch immer, ihn der gewohnten Bürgerlichkeit entrissen hat, müssen wir uns vor ihm schützen. Getreu dem Motto: „Kennst du einen, kennst du alle“. Ein anderes Beispiel: Am vergangenen Wochenende hat der Rektor eines Theologenkonviktes die Studierenden mit einem Grundsatzpapier konfrontiert, wo Homosexuelle als „psychologische Fehlentwicklung“ bezeichnet werden, weshalb sie für den pastoralen Dienst ungeeignet seien. Zwei Beispiele – ein Wesensmerkmal: Wir Menschen zerreißen uns selbst an der Verrohung unserer Sprache, die eine Zerrissenheit der Welt unweigerlich nach sich zieht.
Einer solchen Wort-Gewalt und einer solchen Gefühls-Kälte begegnen Prophet*innen mit ihrem konkreten Leben, das badet im Meer der Erkenntnis Gottes, wie es bei Jesaja heißt. „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander… Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“ In diesem Meer der Gotteserkenntnis sollen wir mitschwimmen. Dazu rufen die Prophet*innen Gottes auf. Dieses Meer der göttlichen Erkenntnis fragt nicht, bist du Flüchtling oder Obdachloser oder Schwuler oder erfolgreicher Wissenschaftler oder Aktienbesitzer; dieses Meer fragt nur: Bist Du ein Hörender? Ein Hörender, der es vermag, mit seinem Leben die vielen Worte zu einem Friedenswort zusammenzubinden? Prophet*innen sind keine Weltverbesserer, sie sind Friedenswortfinder. Gott interessiert nicht, was ein Mensch ist, sondern wer sie oder er ist. Infolge dessen bewerten Prophet*innen das Leben nicht, sie wollen es berühren und zusammenführen, indem sie in jeder und jedem die Friedenssehnsucht suchen.
Mir geht eine Begegnung nicht aus dem Sinn. Wer mich kennt, weiß um meinen zuweilen sehr nüchternen Realitätssinn und meine Art, manchmal zornig, zuweilen ironisch, nicht selten auch zynisch Stellung zu beziehen. Nun sagte mir jemand vor kurzem, dass meine bissigen Anmerkungen, die vielleicht in der Sache gar nicht unberechtigt sein mögen, manche Gesprächsgegenüber niederdrücken und im Letzten in ihrem Frust alleine zurücklassen. Da wurde mir bewusst, dass mir noch ganz viel fehlt, um mich Prophet nennen zu dürfen. Wirkliche Prophet*innen leugnen die Wirklichkeit nicht, nennen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit auch bei ihren Namen, aber was sie – wie gesagt – nicht tun: sie bewerten nicht, sie berühren mit ihrem Leben.
Ja: wir leben in bewegten und auch gefährlichen Zeiten. Unsere Zeit braucht Prophet*innen. Ich wünsche mir und uns genügend Sensibilität, mehr zu hören und zu berühren, und weniger zu klagen und zu schimpfen. So könnten wir vielleicht Prophet*innen werden in unserer Zeit…Predigt am 15. Juli 2018

Christoph Simonsen

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„Die Nacht ist nicht allein zum schlafen da“

Jede und jeder von uns hat wohl so etwas, was man gemeinhin einen persönlichen Lebensrhythmus nennt. Der eine ist eher der Morgenmuffel und drückt frühestens um 11.00 Uhr die innere Powertaste, die andere versprüht in der Frühe so viel Energie, dass dem anderen angst und bange wird. Aber wie immer wir gestrickt sein mögen und selbst wenn wir die Nacht zum Tag gemacht haben, irgendwann ist auch die tollste Fete mal zu Ende und es kommt der Zeitpunkt, wo man sich fallen lassen möchte –und zwar nicht nur ins Bett, vielmehr auch in eine innere Abständigkeit von allem, was einen am Tag beschäftigt hat. Für die meisten von uns ist das der Abend, wo Körper und Geist sich darauf freuen, zur Ruhe kommen zu dürfen. Spätestens wenn dieser Augenblick vor dem Einschlafen gekommen ist und man der Partnerin oder dem Partner eine gute Nacht gewünscht hat (wenn man nicht alleine schläft), dann ist man wirklich ganz bei sich und nur noch für sich da. Dann fallen einem die Augen langsam zu, und wenn der Tag gut gelaufen ist, spürt man vielleicht einen Hauch von Dankbarkeit oder auch Wehmut, dass etwas Schönes zu Ende gegangen ist oder – ganz anders – hindert einen eine Unzufriedenheit oder eine gemachte Dummheit, ruhig zu werden. Irgendwann aber überfällt einen auch dann der Schlaf, den wir alle brauchen und der die Hoffnung auf einen neuen Tag wachsen lassen kann.

Nun, das ist heute in der Erzählung des Evangeliums ganz anders. Und wieder einmal wird offensichtlich, dass die Botschaft Jesu ziemlich verwirren kann. Den Jüngern ist keine Ruhe vergönnt und die ersehnte Bettruhe fällt aus. Entgegen aller Erfahrung fordert Jesus sie auf, noch mal aufs Meer hinaus zu rudern, neuen Ufern entgegen.

Auch unter der Gefahr, dass ihr es langsam einfältig findet, möchte ich heute wieder auf Bilder zurückgreifen, wie in den vergangenen Wochen, aber dieses Mal auf imaginäre Bilder, auf Bilder im Kopf.

Da ist zunächst das schon angesprochene Bild der Abendstimmung. Ja, es ist so: Ich freue mich         für jede Nacht, in der ich gelassen schlafen kann, den vergangenen Tag zurücklassend und den Kommenden erwartend. Gewiss geht es euch ähnlich. Aber so ist es halt nicht immer. Wer kennt nicht die schlaflosen Nächte, die entsetzlich lange sein können, in denen man sich schweißgebadet herumwälzt und einem tausend Gedanken durch den Kopf gehen; Lebensperspektiven geraten ins Wanken, Freundschaften werden zu einer bedrängenden Frage, ursächliche Sinnfragen bringen einen in Rage – und das alles, obwohl der Schlaf so sehr Not tut.

Jesus mutet das seinen Freundinnen und Freunden zu; er überfällt uns mit seiner Erwartung, dass wir uns am Abend doch noch einmal aufmachen sollen, um dem Leben einen tragfähigen Sinn abzuringen. Vielleicht sind diese nervenden schlaflosen Nächte ja gar nicht so sinnlos, wie wir meinen. Vielleicht bergen sie ja auch die Chance in sich, Lebensenergie, Lebensmut, Lebenssinn einzufangen und einen unerwarteten Fang zu machen, der mein Leben sättigt.

Das zweite Bild ist nicht weniger verwirrend: Die Jünger sollen sich in der Nacht aufs Meer begeben. Seit Menschengedenken steht das Bild des Meeres in den Kulturen für eine chaotische, nicht kontrollierbare Welt. Wir wollen alles immer im Griff haben, den Überblick behalten und das Leben kontrollieren. Die vielen Diskussionen in unserer Gesellschaft, die uns einreden wollen, das Leben sei unsicherer geworden, weil die globale Welt alles mit allem verknüpft, sie suggerieren uns, dass Leben früher sicherer war und wir wieder dahin zurückkommen müssten. Aber das ist doch Unsinn, im wahrsten Sinn des Wortes: Es ist das Gegenteil von Sinn. Sinn macht es, sich dem Leben zu stellen und das Unerwartete als eine Herausforderung anzusehen. Was nutzte es, wenn wir allein ans andere – rettende Ufer kämen? Wir blieben allein. Im Letzten kann ich das Leben nur bewältigen, wenn ich in der jeweiligen Situation das Beste daraus mache und nicht krampfhaft versuche, die Gegenwart auszuradieren. Wenn ich neue Ufer erreichen möchte, dann darf ich nicht stehenbleiben.

Ja, ich muss mich auf den Weg machen. Das Bild des Weges kommt in unserer heutigen Geschichte auch vor. Keiner von uns ist schon angekommen; das andere Ufer ist noch nicht erreicht. Aber es gibt ein Ziel; es gibt eine Hoffnung, dass wir nicht ziellos umherirren müssen. Und ist es da nicht plausibel, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Sich mit Weggefährt*innen auf den Weg zu machen ist doch allemal heilsamer, als alleine loszuziehen. Und auf dem Weg Fremde zu Freunden werden zu lassen allemal schöner als sich zu bekriegen.

Das alles ist nicht illusorisch, nicht weltfremd. Illusorisch wäre es, sich in Traumwelten zu verwickeln. Lieber eine schlaflose Nacht, in der ich mir der Mühe des Lebens bewusst werde und mir meines Auftrages bewusster werde, wie ich mein Leben anpacken möchte, als eine verschlafene Nacht, in der ich vergesse, dass Gott mir eine Aufgabe übertragen hat, mich auf den Weg zu machen zu neuen Ufern.

Christoph Simonsen

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‚Ja, aber…‘, oder: Warum das kleine Wort ‚aber‘ so viel kaputt macht

Das kommt schon mal vor, dass einen die eigenen Leute für bekloppt halten: manchmal sogar die eigene Familie. Ab und zu macht man ja auch bescheuerte Sachen, wo andere nur den Kopf schütteln können. Problematisch wird es, wenn nahestehende Menschen einem die Zurechnungsfähigkeit absprechen, davon überzeugt sind, man müsse einen im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Verkehr ziehen. „Er ist von Sinnen“. Mit Gewalt wollte seine Familie ihn – Jesus – aus seinen konkreten Lebensgefügen herausholen. Andere legten noch nach, besessen soll er sein, von Beelzebul befallen, sogar der Satan wird ihm angedichtet. Da geht’s nicht um einen dummen Jungenstreich, da geht’s um Grundsätzliches; da geht’s um Gewissenhaftigkeit, da geht’s um bewusstes, reflektiertes Leben. Da geht’s darum, wen man liebt und wie man liebt, wenn ich da zum Beispiel an die Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena denke oder an die biblische Information, die zur Diskussion anregen kann, dass der Jünger, den Jesus liebte, an seiner Seite saß. Dieser Jesus, ist er wirklich verrückt? Ist er so anders, dass er hinter verschlossene Riegel gehört? Was werfen ihm die anderen vor? In dieser Perikope wird nicht klar, was er dieses Mal ‚angestellt hat‘. Es wird nur berichtet, wie er in ein Haus geht und dass ihm viele folgen, mehr wird nicht gesagt. Dennoch wird der Anschein erweck, als müsste Jesus geradezu vor sich selbst geschützt werden. Aber es ist ganz anders, und das stellt sich ganz schnell heraus: Sie wollen nicht Jesus schützen, es geht ihnen einzig um sie selbst. Sie haben nicht Angst um Jesus, sie haben Angst, sich selbst in Frage stellen zu müssen, wenn sie diesen Jesus tatsächlich ernst nehmen; sie haben Angst vor Veränderung, vor Systemveränderung, vor Traditionsbrüchen. Es soll alles so bleiben, wie es war und Jesus bringt halt den ganzen Laden – salopp gesagt – durcheinander. Jesus aber will einen Systemwechsel: Von der Fremdbestimmung weg, hin zu einem neuen Selbstbewusstsein jeder und jedes einzelnen Menschen: Der Mensch ist geliebt – von Gott, der Mensch als Subjekt, nicht als ein zusammengesetztes Wesen verschiedener Eigenschaften und Wesenheiten. Der Mensch in seiner Ganzheit ist von Gott unteilbar angenommen.
Bei einer Tagung in der vergangenen Woche hat uns ein Theologieprofessor sprachlos gemacht: Er zitierte aus einem kirchenrechtlichen Papier über die Ehe, in dem aufgelistet ist, was vorauszusetzen ist, damit eine Ehe im kirchlichen Sinn rechtsverbindlich geschlossen werden kann, und fragte dann, welches Wort wohl fehle in diesem Text. Wir grübelten alle und keiner kam drauf. Es war das Wort „Liebe“. Voraussetzung für eine vor Gott gültige eheliche Gemeinschaft sollte doch vor allem anderen sein, dass die beiden Menschen sich lieben. Aber das war wohl weniger notwendig, als andere biologische Voraussetzungen, die erfüllt sein mussten. Leben muss zweckerfüllend gelebt werden, selbst Liebe und Zuwendung müssen Ergebnisse aufweisen. Das Kirchenrecht mag eine unverzichtbare Wissenschaft sein, aber darf es so großen Raum einnehmen, dass es die Liebe verzweckt?
Aus der ungeteilten Anteilnahme Gottes heraus, vermag Mut und Offenheit erwachsen, sich in Liebe einem anderen Menschen anvertrauen zu können. Ein Humanwissenschatler hat es uns erläutert: Wer Anteilnahme nie erfahren hat – Anteilnahme Gottes, aber nicht minder Anteilnahme von vertrauten Menschen – der wird der Liebe nie fähig werden. Wem aber ein unbedingtes ‚JA‘ in seiner Lebensgeschichte zugesprochen ist, der wird in seiner Zukunft Liebesfähig und bindungsfreudig sein können. Es braucht ein zugesagtes ‚JA‘, um zu einem anderen ‚JA‘ sagen zu können.
Das ist die Zielperspektive des von Jesus geforderten Systemwechsels: Wer das ‚Ja‘ Gottes in seinem eigenen Leben erfahren hat, der hat ein wertvolles Rüstzeug dafür, im Leben der anderen alles zu suchen, was ihn ‚Ja‘ sagen lassen kann zum anderen. Wir müssen aufhören damit, immer zuerst das Haar in der Lebenssuppe des/ der anderen zu suchen; aufhören, die Defizite der anderen höher zu bewerten als das Wunderbare in ihnen. Weg von einem Leistungsglauben und hin zu Einladungsglauben. Und Jesus lebt es vor: Er lädt ein. Jesus ist nicht verrückt, nicht besessen, weil er das Gute, das Göttliche im Menschlichen sucht. Dass ihm so viele hinterherlaufen beweist doch nur, wie sehnsüchtig die Menschen sind, dass da einer ist, der ‚Ja‘ sagt, statt immer nur ‚Ja, aber…‘. Wer immer das ‚aber‘ hinterherschiebt hinter einem halbherzigen ‚JA‘, bleibt immer ein Fremder, da mag das Verwandtschaftsverhältnis noch so nahe sein. „Vater und Mutter, Bruder und Schwester ist mir, wer den Willen Gottes tut“. Nicht die Biologie, nicht ein Naturrecht entscheidet über Nähe und Distanz zueinander, sondern die Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun im Gegenüber zum anderen. Und sein Wille ist es, immer zuerst das Wunderbare im anderen zu suchen.
Dass das eine überfordernde Aufgabe ist, wissen wir alle. Der Systemwechsel beginnt im eigenen Kopf und Herz; aber er muss in der Konsequenz auch einen Systemwechsel in unseren kirchlichen wie auch gesellschaftlichen Strukturen zur Folge haben, sonst verkümmern wir im rein Spirituellen. Das umfängliche ‚JA‘ Gottes, das sich im menschlichen ‚JA‘ verweltlicht, Teil unserer konkreten Welt werden möchte, will diese Welt real erneuern; der Maßstab menschlichen Zusammenlebens musst immer zuerst das ‚JA‘ sein, ohne Wenn und Aber, denn dieses kleine Wort „aber“ bedeutet Starre und Stillstand. Das Leben mit Gott aber verheißt und erwartet Bewegung und Erneuerung…Predigt am 10. JUni

Christoph Simonsen

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Den Blick zurück ins eigene Leben wagen und der Gegenwart ins Auge schauen

Ich hab Euch heute Abend ein Bild von dem Stuttgarter Künstler Hannes Steinert mitgebracht und möchte zu Anfang einfach ein paar Stichworte in den Raum werfen und einen ersten Zugang zu dem Bild eröffnen; anschließend versuche ich eine Deutung und hoffe, ihr könnt mir folgen. Doch zuerst einige meditative Wortketten, angeregt von der Einladung, die uns heute in der Lesung zugesprochen wurde: „Forsche einmal in früheren Zeiten nach…“:

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• In das eigene Leben schauen
• Verweilen
• innehalten
• Genau hinschauen
• Die inneren Augen zur Ruhe kommen lassen

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Geschichte anschauen
• Eigene Geschichte anschauen
• Vergangenheit in die Gegenwart transponieren
• Geschichte nicht abhaken, sondern wirken lassen
• Erlebtes, Erlittenes, Erstarktes der Verdrängung entreißen

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Die Augen weiten auf Gewandeltes im Leben
• Geglücktes erkennen aus Gereiftem und Gelerntem
• Wunder erblühen sehen aus dem Gewesenen
• Leben erwachsen sehen aus dem Verblassten.

(kurze instrumentale meditative Musik)

Hannes Steinert malt einfache Bilder. Bleistiftzeichnungen. Es sind nahezu kindliche Bilder; sie geben Einblick in die Träume des Menschen. Zugleich entstehen Bilder von großer Offenheit. Schlicht sind sie, ohne Schnörkel; sie lassen einen unbändigen Lebenshunger nach Weite erahnen. Das Faszinierende: sie scheuen es dennoch nicht, der Undurchsichtigkeit des Lebens Raum zu geben. Sie zeigen Leben in einer Welt, die dem Wind der Wirklichkeit ausgesetzt ist und zugleich wahren sie den Traum eines Lebens in beglückender Freiheit und Erfülltheit.
In die Welt gehen muss nicht immer gleich heißen, weiter zu gehen, voranzugehen. Es kann auch einmal heißen, zurückzugehen. Fortschritt entwickelt sich nicht nur im Blick auf die Zukunft. Auch wer zurückblickt kann Neues entdecken, kann erkennen, dass etwas wächst, was gereift ist aus Vergangenem.

In die Welt gehen, Weite suchen, Leben suchen, sich suchen, Gott suchen. „Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum anderen Ende.“ Was mögen wir wohl sehen dann? Abgehaktes? Überwundenes? Gottlob Verarbeitetes? Oder hören wir heute im Blick zurück einen Gott aus dem Feuer im Donner zu uns sprechen und erkennen wir, dass er zu uns kommen will, durch alle Prüfungen des Lebens hindurch?…Predigt am 27. Mai 2018

Christoph Simosnen

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Was ist Wahrheit?

Jetzt ist aber wirklich lange genug über das Kreuz diskutiert worden; die entsprechenden Politiker*innen und all die anderen, hatten ihren Auftritt, so dass wir uns jetzt wieder dem Wesentlichen zuwenden können. Und das Wesentliche des Glaubens ist nicht das Kreuz, das Wesentliche des Glaubens ist Gott. Und zwar der Gott, der den Menschen nahe sein möchte. Den Menschen vor allen, die in ihrem Leben schwere Kreuze zu tragen haben. Und denen ist wurscht, ob irgendein Schmuckkreuz irgendwo in einem Eingang hängt oder nicht. Goldene, silberne, diamantene Kreuze sind nicht die Kreuze, die die Welt besser machen. Wohl aber die Kreuze, die auf den Schultern und den Herzen der Menschen liegen: diese Kreuze haben Einfluss auf das, was in der Welt geschieht. Es gibt Kreuze, die machen das Leben so schwer, dass Menschen daran zu zerbrechen drohen.

Ich denke an die Familie und die Freunde von Jonas, den wir am vergangenen Freitag zu Grabe getragen haben. Dass die Eltern und Geschwister, ja fast eine ganze Gemeinde an diesem Kreuz der Trauer und des Unverstehens nicht zerbrechen, das gleicht in meinen Augen einem Wunder und ich schau ehrfürchtig auf diesen Glauben der Familie, die versuchen, ihre unsägliche Trauer mit ihrem Glauben zu tragen.

Ich schaue – mit einem ganz anderen Blick – auf die Abgehängten unserer Gesellschaft, die chancenlos sind und sich extremen Überzeugungen zuwenden – aus Not, aus Unwissenheit, aus Angst, und die spät, hoffentlich nicht zu spät erkennen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch unsere Gesellschaft als Ganzes in Gefahr bringen, der Unmenschlichkeit anheim zu fallen.

Diese existentiellen Kreuze, diese lebensbeeinflussenden Kreuze in den Blick zu nehmen, dazu bedarf es einer Gabe, die uns heute zuteilwird. Wer die wirklichen Kreuze dieser Welt in den Blick nehmen will, der braucht Geist, guten Geist, wahrhaftigen Geist. Gottes Geist möchte in die Wahrheit führen, in die Wahrheit unseres Lebens.

Aber was ist wahr, was ist wahrhaftig? Auf diese Antwort würden wohl Statistiker anders antworten als Juristen, und Soziologen anders als Naturwissenschaftler. Der Begriff „Wahrheit“ ist ein wahrhaftig schwierig Ding. So schwer sogar, Jesus sagt es selbst, dass wir es nicht zu tragen vermögen.

Sollen wir uns jetzt also anderen Dingen zuwenden, die leichter zu fassen sind. Können wir machen, aber wir werden dadurch sicher nicht ruhiger. Denn die Wahrheit ist nicht nur schwer zu tragen, sie ist auch ein Quälgeist, der uns nicht in Ruhe lässt. Die Frage nach der Wahrheit ist so virulent, dass wir von ihr nicht loskommen. Wir wollen wissen, was wahrhaftig ist. Da muss irgendwo in unseren Genen ein Gnom sein, der uns immer wieder anstößt und quält mit dieser drängenden Frage nach der Wahrheit. Ohne den Ehrgeiz, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, würde unser Leben, unser eigenes wie auch unser gesellschaftliches Leben, in Beliebigkeit oder Chaos versinken. Ohne den Anspruch, wahrhaftig zu sein, wäre unser Leben von Misstrauen und Missgunst geprägt und wir würden uns gegenseitig zerfleischen – noch mehr, als wir es sowieso schon tun.

Aber wenn es so schwer ist, die Wahrheit zu finden und sie dann auch zu tragen, damit wir sie im Notfall auch ertragen können, wie kommen wir ihr näher? Indem wir sie suchen – und zwar gemeinsam. Das ist des Pudels Kern. Wahrheit findet sich immer nur im gemeinsamen Suchen. Wahrheit ist nicht individuell, Wahrheit ist sozial. Jesus führt uns auf diesen Gedanken, da er ‚mein‘ und ‚dein‘ und ‚sein ‚zusammenbringt und in ein ‚unser‘ führt: „Vater unser“. Was sein ist, ist unser. „Er nimmt von dem, was mein ist“, und wird es euch geben. Den Geist der Wahrheit nämlich. Wahrheit gibt und nimmt also. Und im Blick auf den, der das sagt, im Blick auf sein Leben, kann das nur heißen: Wahrheit gibt Hoffnung und nimmt das Kreuz.

Der Geist der Wahrheit macht Leben nicht unbedingt leichter, aber auf jeden Fall erträglicher. Im wahrsten Sinn des Wortes so, dass die Schwere des Lebens tragbar wird, lebbar wird. Wo das Leben des einen getragen ist von der Hoffnung der anderen, da wird der Geist der Wahrheit erkennbar.

Pfingsten ist das Fest, das die Menschen in Wahrheit zusammenführt, damit jede und jeder einzelne erkennt und spürt, dass ihr und sein Leben Sinn hat und Sinn macht. Ich denke an Jonas und viele andere, denen sich ihr Lebenssinn nicht erschlossen hat. Vielleicht auch deshalb nicht, weil sie sich nicht einzubringen vermochten in die gemeinsame Suche nach der Wahrheit und nicht die Kraft fanden, ihr durchkreuztes Leben als wertvoll genug anzusehen in einer Welt, in der Wahrheit zu oft mit Gewissheit gleichgesetzt wird. Dass Wahrheit eine immer zu Suchende ist, und jede und jeder beizutragen vermag, der Wahrheit Gottes näher zu kommen, das braucht wohl noch ein wenig mehr Geist. Gut, dass er uns heute geschenkt wird.

Christoph Simonsen

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