Category: Predigten

Muss das denn wirklich sein: Streit?

Das kann doch kein Zufall sein: Zum Semesterende werden wir in eine handfeste Auseinandersetzung hineingezogen. Ich kann ja nur erahnen, wie ihr das auffasst, aber ich hätte mir für diesen Gottesdienst eine andere Erzählung vorstellen können, die ein wenig runterkommen lässt oder wenigstens ein bisschen ermutigender ist. Gerade ist der Vorlesungsalltag vorbei, da beginnt für viele die Klausurenphase. Wäre da nicht was Entspannteres angemessener? Stattdessen zusätzlich Stress. Vorausgesetzt, wir konzentrieren uns auf diesen Text des Evangeliums. Müssen wir ja nicht. Wir könnten uns auch freundlicheren Texten zuwenden. Der Lesung zum Beispiel. Über die Liebe nachzudenken ist allemal schöner, als sich mit Streitigkeiten rumzuschlagen.

Ich hätte auch noch einen anderen Vorschlag: Letzte Woche, als ich die Auswahlgespräche mit Kunststudierenden in Bonn geführt habe, da hat mich ein Bewerber aus Kassel auf eine tolle Idee gebracht. Er sagte, wenn er in einen Gottesdienst geht – das sicher nicht regelmäßig, aber immer wieder mal – dann wäre das für ihn wie ein Kurzurlaub. Um ihn herum ein vertrautes Zeremoniell, an dem man mehr oder weniger teilhaben muss und dazu eine absolut handyfreie Zone; wo besser könnte man abschalten und seinen eigenen Gedanken nachgehen, fragte er. Und er fügte hinzu: „Das ist ein schönes Gefühl, sich eingebunden zu wissen in einer Menge und zugleich ganz bei sich sein zu können.“

Jetzt fragt mich bitte nicht, warum ich dennoch in den letzten Tagen bevorzugt auf das Evangelium des Tages geschaut habe. Das hat womöglich persönliche Gründe, weil mir nämlich zu viel Harmoniesucht immer verdächtig erscheint. Und wohl auch deshalb, weil ich unsere Kirche gerade so erlebe, dass sie sich selbst im Weg steht. Es darf zwar gestritten werden, aber Die Auseinandersetzungen verlaufen zu oft im Sand, versanden buchstäblich und enden im Nichts. Von allen Seiten vernehmen wir den Ruf nach Veränderung und Erneuerung, alles müsse auf den Prüfstand: Die einseitige Machtverteilung auf den Klerus, die im Katechismus festgezurrte Sexualmoral, die jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verloren hat, die *-Problematik, die eigentlich nur für die Kirche noch problematisch ist, das gebetsmühlenartige Bekenntnis, die Kirche hätte die jungen Erwachsenen verloren.

All das höre ich schon so unendlich lange, dass ich jede und jeden verstehe, der wie Jesus durch diese ganze trübselige Menge hindurchläuft, um so sichtbar vor Augen führt, wie alleine sie eigentlich dastehen. Unsere Kirche beteuert mit viel Aufwand, sie wolle „bei dir sein“ und wenn es drauf ankommt, zieht sie es dann vor, doch lieber bei sich zu bleiben und bei ihren Überzeugungen und Lebenskonzepten. Es braucht unbedingt mehr Streit in der Kirche, hörbaren und kreativen Streit. Zuhören alleine genügt nicht, man muss auch ernst nehmen. Da bin ich sehr dankbar für so manche Erfahrung hier in der Khg, die mich gelehrt hat, dass etwas zu probieren, auch ohne absolute Erfolgsgarantie und ohne Absicherung, von wo auch immer – von oben, von Tradition und Lehre – allemal besser ist, als in Rechthaberei zu versinken. Kirche sollte nicht in erster Linie heilig und untadelig sein, sondern mutig und menschlich.

Wenn euch meine Gedanken zum Evangelium schon jetzt zu dreist oder zu abwegig erscheinen, dann versetzt euch wie Lutz in einen Kurzurlaub; schaltet einfach ab und lasst die Seele baumeln. Eure Nachbarn können euch ja anstupsen, wenn ich fertig bin.

Ich finde, streiten zu können, ist ein Lebensmotor; nicht Streit um des Streits willen, aber um der Sache und um der Menschen willen immer. Es sollte ein fairer Streit sein. Wer streitet, der hat eine Überzeugung. Wer streitet, der ist aber auch bereit, seine Überzeugung zu überdenken. Wer streitet, der ist interessiert an einem Austausch. Wer streitet, der weiß darum, dass es ein „Ich“ und ein „Du“ gibt und er weiß um den Vorteil eines „wir“. Und noch etwas ist wichtig: Wer streitet, braucht einen Raum und er braucht Zeit.

Nun plant man in der Regel ja einen Streit nicht lange voraus. Oft ergibt er sich einfach aus einer bestimmten Situation heraus. Gerade dann ist es notwendig, die Grundregeln eines Streits zu beachten.

Um was geht es in dem eben gehörten Streit zwischen Jesus und den Menschen? Diese hören ihm zunächst wohlwollend zu, um sich dann wutentbrannt von ihm abzuwenden? Es geht um Zutrauen, bzw. um verwehrtes Zutrauen. Die Menschen trauen Jesus nicht zu, im Geist Gottes reden und handeln zu können. „Heute hat sich das Schriftwort erfüllt“, so zitiert Jesus aus den Heiligen Schriften und bezieht diese Aussage auf sich. Guter Geist, Geist Gottes ruhe auf ihm. Er ruhe deshalb auf ihm, um die Menschen zum Gutsein zu ermutigen, zum Menschsein.

Die Zuhörenden – Nachbarn, Freunde, Verwandte Jesu vielleicht – hören gespannt zu und zuerst sind sie wohl auch angetan von dem, was Jesus sagt: „Sie staunten über die Worte der Gnade“. Ich glaub wirklich, dass ihnen seine Worte gutgetan haben.

Dann kippt die Stimmung aber: „Ist das nicht der Sohn Josefs?“ Umgangssprachlich könnte man interpretieren: ‚Dat is doch dä Jung von de Nohbaschaf. Wat hät dä denn ze kamelle?‘ Sie können nicht glauben, dass einer von ihnen begnadet ist. Das ist der Knackpunkt, der zu dieser unschicklichen Situation führt.

Die Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist die: Trauen wir einander zu, so wie wir sind, und nicht wie wir einander vorstellen oder gern hätten, von Gott beseelt zu sein? Und anders herum: Trauen wir Gott zu, dass er im anderen anders auftritt, als wir ihn uns vorstellen?

Ich bin sehr dankbar für Begegnungen hier und die Erfahrungen, dass Menschen einander guten Geist zutrauen über die Grenzen von Konfessions- und Religionszugehörigkeiten hinaus. Ich bin dankbar, dass Suchbereitschaft nach Leben und nach Gott nicht verwechselt wird mit Unwissenheit sondern wahrgenommen wird als bereichernde Neugierde. Ich bin dankbar für die Erkenntnis, dass das Fragen nach einer Zukunft für unsere Welt für die einen eine Frage nach Gott und für die anderen eine Frage der eigenen Verantwortung ist und Glaube wie Verantwortung nicht als Gegensätze proklamiert werden. Ich bin dankbar dafür, dass auch dann, wenn in einzelnen Situationen pastorale Überzeugungen und ökonomische Interessen gegeneinander stehen (Khg gegen Studentenwerk sozusagen) wir im Gespräch zu gemeinsamen Entscheidungen finden. Ich bin dankbar dafür, dass Freundschaften gewachsen sind zwischen Menschen hier in unserem Umfeld, die Zeit und Raum und unterschiedliche Interessen überdauert haben.

Streitbarkeit und Verbundenheit sind keine Gegensätze. Sie können zu einer Bereicherung werden, das Leben besser zu verstehen und das eigene Leben weitsichtiger zu gestalten. Im ehrlichen Ausgleich von Streitbarkeit und Gemeinsinn wird Gott umfassender erkennbar, der immer Geheimnis bleibt und sich dennoch je anders und neu in den verschiedenen Lebenserfahrungen widerspiegelt und erkennbar wird. Es ist wirklich so: Guter Geist wird auch erfahrbar in Spannung und Auseinandersetzung. Manchmal müssen diese auch nonverbal ausgetragen werden. Aufrecht und selbstbewusst schritt Jesus durch die Menge hindurch. Da müsste den Menschen doch ein Licht aufgegangen sein. Die Erzählung lässt das offen und darf uns hoffen lassen. Zum Schluss möchte ich danken für manches Licht, das mir danke Eurer Hilfe und Eurer Überzeugungen aufgegangen ist. Ich gehe mit einer bestärkenden Hoffnung und möchte Euch verbunden bleiben, so gut es geht.

Jetzt könnt ihr die Kurzurlauber neben euch, falls vorhanden, vorsichtig darauf hinweisen, dass es weitergeht mit der Feier.

Christoph Simonsen

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Eine Hochzeit ist nicht nur lustig sondern auch lehrreich

Ich fasse zusammen: Jesus, der kleine Wurm, dessen Geburtstag wir vor wenigen Wochen erst gefeiert haben, ist inzwischen größer geworden und darf jetzt schon ausgehen, wenn auch nur in Begleitung seiner Mutter. Zum ersten Mal kann er der Öffentlichkeit zeigen, wer und wie er ist. Und was macht er? Er verwandelt bei einer Hochzeitsfeier Wasser in Wein. Um es mal umgangssprachlich zu formulieren: ‚Klingt komisch, ist es aber nicht‘. Die Frage ist doch: Was will uns der Evangelist Johannes damit sagen, der ja an den Schluss der Erzählung – als Höhepunkt sozusagen – feststellt, dass der erwachsenen gewordene Jesus mit diesem ersten öffentlichen Auftritt ein Zeichen für die Herrlichkeit Gottes setzen wollte?
Sollte es einen direkten Zusammenhang geben zwischen der Herrlichkeit Gottes und der Qualität des Weines, der den Gästen einer Feier eingeschenkt wird? Da ich jemand bin, der die Worte der Heiligen Schrift sehr ernst, wenn auch noch lange nicht immer wörtlich nimmt, muss ich davon ausgehen, dass sich hinter dieser Botschaft in der Tat eine göttliche Wahrheit verbirgt.
Ich kann mich noch sehr gut an das erste Mal erinnern, als ich abends nach 20h ausgehen durfte. Es war keine Hochzeit, nur eine Fete im Pfarrheim, genau genommen: eine Maibowlenfete. Und seit diesem Abend kenne ich die Tücken einer Bowle sehr genau. Im Blick auf den heutigen Text wird mir klar, dass es einen gehörigen Unterschied gibt zwischen dem Wunsch, groß und stark erscheinen zu wollen oder eben herrlich.
Ihr könnt vielleicht erkennen, worauf ich hinauswill. Ich wollte als Teenie erwachsen daher kommen und hab die Bowle getrunken, als wäre es Apfelsaft und natürlich war das Ergebnis davon, dass ich nicht groß und stark daherkam sondern kindisch und albern. Ernst nehmen konnte mich in dieser Situation keiner mehr, geschweige denn, dass da noch jemand an mich glaubte. Wer den Glauben an sich selbst noch nicht gefunden hat und meint, ihn dann zu finden, wenn er sich in was auch immer ertränkt, der kann anderen keine Stütze sein, Festigkeit und Glaube zu finden.
Anders Jesus. Er will nichts sein, nichts gelten. Vielmehr hat er etwas vor Augen: Seine Stunde. Er ist sich dessen bewusst, dass sein Leben noch Veränderungen erfahren wird, dass er Geduld haben muss. Jesus kann warten, bis seine Stunde da ist, wo er zeigen kann, wer er ist und wie er ist.
Geduld ist nicht jedermanns Sache; ich spreche da durchaus auch aus eigener Erfahrung. Aber sie kann einen Weg bereiten, sich selbst besser zu erkennen und zu finden und sie verleiht eine innere Stärke, die Zeit richtig einzuschätzen, zur richtigen Zeit das richtige zu sagen und zu tun. Und richtig ist das, was Gott verherrlicht; und Gott verherrlicht, was den Menschen befähigt, an sich selbst zu glauben.
Die Geschichte geht aber ja noch weiter. Obwohl die Stunde Jesu noch nicht da ist, lässt Jesus sich von seiner Mutter bequatschen. Das Fest soll noch nicht zu Ende sein. Jesus setzt ein Zeichen und blamiert auf diese Weise den Gastgeber. Der Wein Jesu ist besser als der Wein des Hochzeitspaares. Mittelmäßigkeit sollte nicht das Ziel sein, wenn man durchs Leben geht. Das ist wohl der Grund, weshalb Jesus in Aktion tritt, um eben diesen Rat zu geben: Der Mensch ist zu mehr berufen, als zu Mittelmaß. Deshalb tat Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Zeichen: Um dem Menschen zu zeigen, dass wir von Gott berufen sind, das Beste zu geben, was uns zu eigen ist und uns Zeit zu nehmen, Zeit für Stille, für Gebet, für Meditation, um zu erkennen, welch große Fähigkeiten uns geschenkt sind.
Christoph Simonsen

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Irgendwie ist vieles anders

Irgendwie ist in diesen Tagen vor Weihnachten doch vieles anders. Da ist sicher, sichtbar für viele, wenn wir durch die Straßen gehen, ein spürbares Potential von Hektik, Unruhe, Nervosität. Andererseits: Es vergeht kaum ein Gespräch, wo man nicht zum Schluss zuspricht: ‚Übrigens, schöne Feiertage‘, oder ‚Wenn wir uns nicht mehr sehen, ich wünsch dir frohe Weihnachten‘. Bei allem Rummel, irgendwie ist auch ein wunderschön spürbares Maß an Aufmerksamkeit da und wir sind einander noch einmal anders zugewandt als sonst im Jahr. Irgendwie ist was anders in diesen Tagen.
Dieses ‚irgendwie‘ klingt zunächst banal, unverbindlich, oberflächlich. Ist es aber nicht. Es ist Ausdruck und Zeichen einer sehr schönen Hoffnung, einer gemeinsamen Hoffnung: Es geht! Es gelingt. Es gelingt, dass Menschen einander zuwenden, sich verbunden fühlen und einander in einer Weise begegnen, die etwas verändert.
Es gelingt, dass Menschen, miteinander ins Gespräch kommen und dieses Gespräch etwas in Bewegung bringt, was man so im ersten Moment gar nicht in Worte fassen kann. Da ist nicht mehr als ein stimmiges und tragendes Gefühl spürbar: aber dieser Augenblick, diese Begegnung, dieser kurze Blick bewirkt etwas. Herbert Grönemeyer spricht in seinem neuen Lied von „Sekundenglück“. „Es sind die einzigartigen tausendstel Momente. Das ist, was man Sekundenglück nennt.“ Kleine Momente, unverhoffte Geschenke, ein Blick, ein Lächeln: Und alles ist auf einmal anders.
Wir erregen uns immer wieder darüber, dass unsere Welt so starr, so nationalistisch starr, so ausgrenzend starr geworden ist, da ist es doch mehr als nur ein unbedeutendes Symbol, wenn wir Starrheit und Ausgrenzung in unserer kleinen alltäglichen Welt überwinden und einander einladend anschauen begegnen und im Kleinen einander und der Welt beweisen, dass das geht: In Verschiedenheit eine Verbundenheit zu erfahren. Wer, wie in diesen Tagen so oft, zusammen singt und betet und dabei ein Gespür dafür entwickelt, Unterschiedlichkeiten aufheben zu können, der kann auch mehr: Der kann auch zusammen in Frieden leben, nicht nur während eines Gottesdienstes. Wohin will mich diese Feier führen? Dahin, Starrheiten zu überwinden und zur Einladung für andere zu werden.
Wir hören heute, wie zwei Frauen einander begegnen. Die eine hat einen langen Weg zurückgelegt, von Nazareth in das Bergland von Judäa. Sie ist im wahrsten Sinn des Wortes über Berg und Tal gegangen, das schwangere Mädchen Maria. Sie ist über Höhen gegangen und durch Tiefen des Bewusstseins, des Denkens und Fühlens, des Hoffens und Befürchtens, der Angst und der Zuversicht. Menschen, die zu einer wirklichen Begegnung sind, zu einer wirklichen Begegnung und nicht nur zu einem Date, die erfahren, dass zu einem wirklichen Leben Höhen und Tiefen dazu gehören. Wenn wir hier auch nicht so viel voneinander wissen, so ahnen wir doch, dass auch zu unser aller Leben Höhen und Tiefen gehören, schöne und schwere Stunden. Indem wir hier miteinander feiern, tragen wir all das mit. Und das tut gut. Mir tut es gut und ich hoffe, euch nicht minder.

Die beiden Frauen, Elisabeth und Maria, sind in Hoffnung, sie tragen Leben in sich. Nur, wenn wir Leben in uns tragen, sind wir auch fähig, einander wirklich zu begegnen. Nur, wenn wir daran glauben, fähig zu sein dafür, einander Leben zu schenken, ereignen sich zwischen uns wirkliche Begegnungen. Zu einer wirklichen Begegnung gehört es nämlich, aufgeschlossen zu sein für neues, werdendes Leben.
So kurz vor dem Weihnachtsfest ist das mein Wunsch an uns alle: Dass wir einander so begegnen, dass wir des anderen Fruchtbarkeit erkennen.
Elisabeth sagt es zu Maria: „Selig, die geglaubt hat, dass in Erfüllung geht, was dir vom Herrn versprochen wurde.“ Sie erkennt, dass Maria ein wunderbares Leben in sich trägt: volles Leben, heilbringendes Leben, göttliches Leben. Und ich wünsche uns, dass wir das auch erkennen, wenn wir einander begegnen, dass wir wundersames Leben in uns tragen, das geboren werden möchte in unsere Zeit hinein, in unsere Welt hinein.
Das schönste Geschenk in diesen Tage könnte sein, wenn wir einander zusprechen in unseren Begegnungen: „Du bist gesegnet, denn du trägst neues Leben in dir. In diesem Sinne wünsche ich Euch fruchtbare und heilbringende Begegnungen und ein Leben schenkendes Weihnachtsfest.

Christoph Simonsen

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Die Frage nach Gott

Da gehen also Menschen hinaus in die Wüste, weil da jemand lebt, der ihnen etwas zu sagen hat. Da – abseits in der Wüste – lebt jemand, der eine große Anziehungskraft auf die Menschen hat. Solche Typen gibt’s heute auch. Aber Achtung: Es gibt auch Blender; Menschen also, die anziehend wirken, aber ihre Botschaft ist – anders als bei Johannes – nur Mittel zum Zweck, zum Zweck nämlich, sich selbst groß machen zu wollen. So war Johannes nicht. Er war für andere Vorbild, geradlinig, unverstellt, ein Mensch mit Charakter, ein Mensch, der bei anderen etwas aufwecken, ja aufrütteln konnte, gerade weil er von sich ablenkte und einen anderen in den Mittelpunkt stellte. Johannes hat den Menschen eine Ahnung davon vermittelt, dass es sich lohnt, auf einen anderen zu warten. Dies nicht in erster Linie, um daraus eigenen Profit zu gewinnen für sich selbst, sondern für das Ganze, für sich und die anderen. Seine Botschaft unterscheidet den Künder Johannes von Blendern heutiger Tage.
Johannes vermochte, den Menschen Unangenehmes zu sagen und sie zugleich zu würdigen, groß zu machen, nicht klein. Er rief sie auf, umzukehren; er traute ihnen zu, eine Kehrtwende machen zu können in ihrem Leben, Neues auszuprobieren und Gewohntes hinter sich zu lassen. Seine Botschaft war sicher nicht bequem, schon gar nicht banal, ganz gewiss war sie herausfordernd, wohl auch befremdlich. Aber trotzdem haben die Menschen ihm großes Vertrauen entgegengebracht; für sie war Johannes ein Mensch, der Vertrauen ausstrahlte und der etwas in ihnen hervorlockte, was in ihrem Leben vielleicht verloren gegangen war: Der Glaube daran, dass der Glaube an das Größere, Geheimnisvolle, Göttliche zum Leben dazu gehört. Glaube ist jedem Menschen einverleibt. Es gibt ohne Zweifel böse Taten, aber es gibt keine rundweg bösen Kreaturen, weil der Mensch als Mensch ein Glaubender ist. Menschen Glauben an das Gute, an die Gerechtigkeit, glauben daran, dass Leben Sinn hat und Sinn schenkt. Glaube zielt auf Gutes, Verheißungsvolles. Glaube ist orientiert auf eine erträgliche Zukunft. Ich kenne keinen, der an das Böse glaubt. Selbst wer Böses tut, der tut es, weil er damit etwas erreichen will, was in seinen Augen gut ist. Johannes sagt es allen Menschen auf den Kopf zu: ‚In Dir ist Glaube! Entdecke ihn neu in dir und lebe, was du glaubst‘.
Das klingt sehr theoretisch, so wie eine Formel. Und Formeln haben in der Regel wenig mit dem konkreten wirklichen und alltäglichen Leben zu tun. Aber vielleicht können wir ja an uns selbst einmal überprüfen, ob wir gläubige Menschen sind, Menschen also, die Gutes im Sinn haben, die eine Ahnung in sich tragen von einem glückenden und gelingendem Leben; Menschen, die Umwelt und Geschöpfe zu ehren vermögen. Ich bin mir felsenfest sicher, dass wir dieser Prüfung standhalten und erkennen, dass wir gläubig sind. Glaube ist, weil wir Menschen sind. Glauben ist so wie auch das Leben ist. Glauben ist in der Welt, so wie das Leben in der Welt ist. Welt ohne Glauben ist nicht. Glauben ist so selbstverständlich, wie das Leben selbstverständlich ist.
Es gibt kein Leben ohne Glauben und Glaube ohne Leben ist widersinnig, denn Glaube kann nur dort sein, wo auch Leben ist. Also gehören Glauben und Leben untrennbar zusammen.
Bei dem bisher Gedachten tut sich jetzt aber eine Frage auf: Wenn Glaube und Leben zwei Seiten einer Wirklichkeit sind, wenn Glaube und Leben in der Welt sind, weil ohne sie die Welt nicht wäre, ist dann nicht die Idee eines Gottes, zumal eines personalen Gottes, überflüssig? Genügt die Welt (sich) nicht, weil in der Welt Leben und Glauben ist, braucht es noch etwas, was außerhalb der Welt ist? Hier ist Johannes nun mehr als eindeutig: Doch: es braucht einen personalen Gott, damit die Menschen sich ihrer Personalität gewiss sein können.
An dieser Frage haben sich damals und scheiden sich heute die Geister. Es gibt die Überzeugung, dass die Welt, so wie sie ist, eine autarke Wirklichkeit ist. Zu Johannes‘ Überzeugung gibt es auch eine gegenteilige Behauptung, nämlich diese: Diejenigen, die mit der Begrenztheit der Welt unzufrieden sind, würden das Ideal eines Gottes erfinden, der vollendet, was in der Welt unvollendet ist, so dass in allem Unsinn doch noch die Hoffnung eines Sinnes liegen könnte. Andere hängen der Überzeugung an, dass Welt und Leben ein Zufallsprodukt innerhalb des Kosmos darstellen mit Anfang und Ende. Wieder andere sind unentschlossen, können sich die Existenz eines Gottes vorstellen, rechnen aber lieber nicht mit ihm.
Faktum bei allen Gedankengängen aber ist, dass der Begriff “Gott” in der Welt ist. Warum sollte der menschliche Geist einen Begriff und mit diesem verbunden eine Realität ins Wort nehmen, wenn damit nicht eine Verbindlichkeit verknüpft wäre.
Das ist wohl der Grund, warum seit Anbeginn der Welt die Frage nach Gott wach ist. Dass die Frage nach Gott im Raum ist, ist immer wieder Anlass dafür, die Existenz Gottes beweisen oder widerlegen zu wollen. So gibt es viele Bemühungen, die Existenz Gottes für unabdingbar zu halten. Der bekannteste Beweisversuch ist der ontologische Gottesbeweis des Thomas von Aquin. Und von ihm gibt es eine Reihe von Erläuterungen. Eine davon ist die Deutung durch den Bewegungsbeweis. Diese sagt: In der Welt ist überall Bewegung. Alles Bewegte wird von einem anderen bewegt, d.h. nichts kann sich selbst die erste Bewegung geben. Die bewegte Welt setzt einen von ihr verschiedenen Beweger voraus. Diese Gottsuche kann Naturwissenschaftler nicht unberührt lassen. Gott in der Stringenz menschlicher Logik beweisen zu wollen hat etwas Überzeugendes an sich, zumindest etwas nachdenklich Stimmendes. Die Existenz Gottes mit menschlichem Geist nachweisen zu wollen, das hat etwas. Aber es hat auch einen Haken: Denn wenn ich Gott mit meinem Geist beweisen kann, dann ist Gott unweigerlich ein Produkt meines Verstandes und damit unumgänglich auch an die Gesetze der Welt gebunden. Was aber an die Gegebenheiten dieser Welt gebunden ist, das kann doch nicht Gott sein. So widerlegen sich alle Gottesbeweise selbst. Gott zu beweisen beraubt ihn zugleich seiner Göttlichkeit, denn göttlich ist nur, was nicht menschlich ist.
Obwohl also der Begriff “Gott” in der Welt ist, kann seine Wirklichkeit doch nur außerhalb dieser Welt liegen, denn Weltliches kann nicht göttlich sein. Einzig die Tatsache, dass die Begrifflichkeit “Gott” in der Welt ist, weist in der Welt auf die Existenz Gottes hin. Gott muss also außerhalb dieser Welt sein. Alles, was in der Welt ist, vermag auf Gott hinzuweisen, ist Verweis auf Gott, aber niemals Gott selbst. Dass wir Menschen glauben, dass wir zum Guten und Heilen streben, dass wir von Sehnsucht erfüllt sind, dass wir nach Höherem und Größerem streben, all das verweist auf Gott und macht uns ein Leben lang zu Gott-Suchern. Johannes weckte in den Menschen damals diese Hoffnung neu, dass sie diesen Gott, diesen personalen Gott, diesen menschwerdenden Gott finden werden, wenn sie sich selbst wieder erkennen als erwartungsvolle Menschen, die aus eben dieser Erwartung heraus zu Unerwartbarem fähig werden, nämlich menschlich Mensch zu sein.
Christoph Simonsen

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Lerne zu leben

Von wem lernen wir, wie Leben geht? Wir lernen viel, wenn der Tag lang ist; wir lernen sogar, wie man am effektivsten lernt, wenn man sich zum Beispiel auf Klausuren oder Prüfungen vorbereiten muss. Aber leben zu erlernen, dazu ist mir bisher keine Methode mit Erfolgsgarantie bekannt. Reingeworfen werden wir ins Leben, ungefragt, so wie wir gezeugt werden, ungefragt. Der Beginn, der allererste Beginn unseres Lebens mag Liebe gewesen sein, aber die Welt, in die hinein wir geboren werden, die ist so wirr und so verstörend, wie es eben im heutigen Evangelium beschrieben ist. Realistischer kann ein Bibeltext kaum sein. Die Meere toben, Völker sind bestürzt und Menschen sind von Angst getrieben. In dieser Unordnung, in diesem Chaos sollen und müssen wir leben. Von wem lernen wir, uns in dieser Welt zurecht zu finden? Wer bringt uns bei, in dieser Welt nicht nur zu überleben, sondern wahrhaftig und erfüllend zu leben?
Die Botschaft des Evangeliums heute zu Beginn der Adventzeit hat es in sich. Und – ich kann es nicht anders sagen – sie lädt nun wirklich nicht ein zu Rorate Gottesdiensten bei Kerzenschein oder zu gemütlichen Glühweintreffen auf dem Weihnachtsmarkt. Sie beschreibt zum einen die Welt in einer Weise ungeschönt, wie man es deutlicher nicht schreiben könnte und sie macht zum anderen ernst mit der Tatsache, dass alles Leben an ein unwiderrufliches Ende kommt. Sich dieser Wirklichkeit zu stellen, dazu sind wir aufgefordert. Besinnliche Worte hören sich anders an. Advent ist nicht in erster Linie eine Wohlfühlzeit; es ist vielmehr eine Zeit, in der sich existentielle Fragen in den Vordergrund drängen: Was erwarten wir vom Leben und von wem erwarten wir Hilfe und Beistand, der uns das Leben lehren könnte? Eine weitere Frage schließt sich an: Was ist das Ziel meines/ unseres Lebens und wie geh ich/ gehen wir auf dieses Ziel zu? Diese lebens- und sterbenswichtigen Fragen gilt es herunter zu brechen in das konkrete Leben.
Am vergangenen Dienstag habe ich einen lieben alten Freund getroffen. Meistens läuft das zwischen uns so ab: Ich bekomme eine Mail mit der unmissverständlichen Frage „Bierchen?“ Und ich antworte direkt hinterher: „Klar gern, wann und wo?“ Wir kennen uns schon ewig aus Zeiten, wo ich noch Kaplan war, und das ist 35 Jahre her. Dann haben sich unsere Wege in ganz verschiedene Himmelsrichtungen verzweigt und jetzt wohnt er mit seiner Familie – was für ein Zufall – auch in Aachen. Und so alle halbe Jahre treffen wir uns dann auf ein besagtes Bierchen. Wir stellen uns im Gespräch dann die Fragen, die Menschen sich oft stellen: ‚Wie geht es dir? Was machst du so? Womit beschäftigst du dich gerade? Wie sehen deine nächsten Pläne aus?‘ Eigentlich sind das Allerweltsfragen, die man sich so im Vorübergehen auf der Straße stellt. Aber hier in unserem Gespräch entfalten sie einen ernst nachdenklichen Tiefgang. Von wem lernen wir das Leben? Von Menschen, die uns die richtigen Fragen stellen und die wirklich neugierig und interessiert auf unsere Antworten sind. Von Menschen, die in die Seele und das Herz schauen möchten, ohne darin mit Gewalt einbrechen zu wollen. Von Menschen, die nicht weglaufen vor der Wirklichkeit, sich aber auch nicht von ihr beherrschen lassen wollen. So geht mir ein Gedanke nach, der am Dienstag in unserem Gespräch aufgekommen ist: ‚Es ist nicht leicht, in unserer Zeit heute positiv zu denken.‘
Und wir zählten auf, woran wir uns gerade reiben, was uns fassungslos macht: Mein Freund entsetzte sich über die Präsidentenwahl in Brasilien, wo ein nationalistischer, homophober, radikaler und die Gesellschaft spaltender Kandidat die Wahl gewonnen hat. Er selbst ist sehr vertraut mit diesem großen und wunderbaren lateinamerikanischen Land und seine Erklärung war so einfach wie verstörend: die Reichen und die Mittelschicht des Landes können einfach nicht ertragen, dass die Kleinen und die Armen auch ihre Rechte einfordern. Das zu verhindern, dazu sei der neue Präsident gerade der Richtige. Ein anderes Thema, das einen den Pessimismus lehren könnte, war die Stimmungslage in Europa, hier vor unserer Haustür und die Angst vor nationalistischen Strömungen, die auch hier zu spüren sind. ‚Es ist nicht leicht, in unserer Zeit positiv zu denken‘. Viel leichter ist es, in Jammern und Klagen, auch Anklagen zu verfallen.
Wir könnten die nächste Zeit nutzen, unser Denken und Fühlen genauer anzuschauen und uns fragen, ob und wie es uns gelingt, in unseren Begegnungen konstruktiv, positiv, wohlwollend und zugleich doch auch realistisch ins Gespräch zu kommen. Zu leben lernen wir, indem wir das Leben zu unserem Thema machen.
Deshalb ist Gott Mensch geworden, um uns zu lehren, positiv auf das Leben zuzugehen, auch und gerade, weil es uns immer wieder Lügen straft und zerreißend und zerstörend ist. In der Menschwerdung seines Sohnes hat er es vorgemacht. Kalt war es damals, düster und scheinbar aussichtslos und fake News gab es damals wie heute. Um Gott zu gefallen leben wir, sagt Paulus. Also um dem zu gefallen, der positiv, zuversichtlich und menschenfreundlich auf das Leben in dieser Welt geschaut hat. Vollkommener zu werden darin, in dieser Weise Gott zu gefallen, dazu sollen und können wir einander behilflich sein. Und dann wären wir zweifelsohne gute Lehrmeister des Lebens.
Christoph Simonsen

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