Category: Predigten

3677

Wovon erzählt man am liebsten, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkommt? Vom Urlaub natürlich. Das möchte ich heute auch gern tun, wenngleich in dem, was ich erzählen möchte, auch ein unübersehbarer Wermutstropfen offenbar wird. Aber davon dann später.

Im Urlaub lernt man ja die interessantesten Menschen kennen. Ich saß also abends in einer Kneipe, hatte was zu essen bestellt und hörte die Gäste am Nachbartisch auch deutsch sprechen mit einem unüberhörbaren Ruhrpott Slang, der mir sehr sympathisch ist. Wir kamen schnell ins Gespräch, hörte ich doch, dass sie ihre Hunde im Wohnmobil alleine zurückgelassen hatten mit Rücksicht auf die Gaststätte, wo ja gewiss das Mitbringen von Hunden untersagt sei. Und beim Stichwort „Hunde“ kann ich natürlich meinen Schnabel nicht halten und mischte mich ein. Es kam, wie es kommen musste, dass wir uns für den nächsten Tag für einen gemeinsamen Hundeausflug verabredet haben. Fürs erste aber hatten wir einen wunderschönen entspannten Abend, der dann später in einer Kneipe am Hafen mit einem Glas Wein sein Ende fand. Schlussendlich begleitete ich die beiden noch zum Parkplatz. So weit, so gut.

Und jetzt der weniger urlaubsmäßige Teil dieser Begegnung. Irgendwann an dem Abend kam die unausweichliche Frage: „Und was machst du so beruflich?“ Meine selbstverständliche Antwort: „Ich bin Pfarrer und leite die katholische Hochschulgemeinde in Aachen“. Reaktion meines Gegenübers Lilly: Schallendes Gelächter. Und in das breite Lachen hinein die klare und unmissverständliche Frage: „Willst du uns verarschen?“

Nun bin ich mir schon bewusst, dass nicht jeder gleich in mir einen Monsignore erkennen kann und das ist mir auch ganz recht so. Dennoch aber hat mich diese Reaktion verunsichert. Ist es wirklich für andere so unvorstellbar, dass ich in einem kirchlichen Dienstverhältnis stehe?

Seit Mittwoch schwebt eine Zahl wie ein Damoklesschwert über der deutschen Kirche: 3677. 3677 Missbrauchsfälle in 68 Jahren. 3677 Menschen, die von Vertretern der Kirche misshandelt und missbraucht wurden. Und das ist nur die offiziell bekundete Zahl: 3677. Schändlich, sträflich, unentschuldbar. Diese Zahl schlug mir einige Tage nach dem besagten Gespräch ins Gesicht. Und ich kann nicht verstehen, dass nun Offizielle unserer Kirche sich darüber entrüsten, dass der besagte Bericht frühzeitiger als gedacht in die Öffentlichkeit geraten ist. Vertreter der Bischofskonferenz, ja sogar der Präsident des Zentralrates der Katholiken – ein Laie – beklagt sich über diese mediale Indiskretion. Anstatt froh zu sein, dass nun alles ans Licht kommt, so deutlich und so rasch wie möglich, beweinen sich diese Vertreter wieder einmal selbst, dass sie nicht das Heft des Handelns in der Hand haben. Ja, die Kirche ist ein System, das auf Macht aufbaut, und eben nicht auf die Macht der Liebe und des Vertrauens, sondern auf der Macht der Stärke und der selbstgemachten Strukturen, und wer diese hinterfragt, der wird gerügt. Genau hier liegt das Übel: Man gibt sich zerknirscht, will aber sich selbst und die eigenen Strukturen und Lebensmaßstäbe nicht hinterfragen. Vom personalen „ich“, sind die Vertreter der Kirche zum majestätischen „Wir“ übergegangen: „Wir müssen besser hinschauen; wir müssen um Entschuldigung bitten; wir müssen beten und büßen…“. Wer ist denn dieses „Wir“? Es sind zum einen konkrete Menschen, die unschuldige, ja oft sogar unmündige Menschen seelisch und körperlich geschändet haben und es sind zum anderen konkrete Vorgesetzte, die Akten haben verschwinden lassen, die gehört, und dann doch überhört haben, die den Mantel des Schweigens über schändliche Taten gelegt haben. Und das alles, um den Systemerhalt der Kirche zu sichern. Das System ist wichtiger als der Mensch, selbst wenn dieses System Menschen zu Opfern macht.

Es scheint, ich sei von meinen Urlaubserzählungen abgewichen. Aber mitnichten! Das Lachen und das Staunen meiner neuen Bekannten mit Namen Lilly über meinen Beruf klingt in mir nach und aus ihrem Lachen wird in mir innerlich ein Weinen. Mir klarer als je zuvor, dass ich mich schäme für meine Kirche und fast selbst den Glauben daran verloren habe, dass in dieser Kirche der Gott gelebt und gepredigt wird, der eben keine hierarchischen Strukturen, keine Uniformen, überhaupt keine Vorrangstellung, welcher Art auch immer, für sich selbst in Anspruch genommen hat. Gott, der aufruft, nicht nur die Schuld beim anderen anzuprangern, sondern immer auch – und das zuerst – bei sich selbst.

Ein Blick auf das heutige Evangelium bringt mich noch mehr zum Nachdenken. „Für wen halten die Menschen mich“, fragt Jesus seine Freunde. Und die ersten Antworten müssen ihn sehr enttäuscht haben. Du bist wie…, du gehörst zu der Gruppe, zu der Glaubensgemeinschaft, zu der Sorte von Menschen. Und weil du dich dort einbindest, deshalb bist du unser Freund, unser Vertrauter. Das war nicht die Antwort, die Jesus hören wollte. Die Jünger hatten im Sinn, ihr Freund Jesus sei so abgehoben, heiligmäßig, außerordentlich, so wie es die großen Propheten waren. Aber selbst die waren nicht so, sie wurden erst in der Tradition dazu gemacht. Mit diesen Antworten ist Jesus unzufrieden und sie machen ihn traurig; und er ist noch unzufriedener mit seinen Freunden, denn auch sie wollen ihn, Jesus, in eine Schublade stecken. Erst Petrus erkennt die Bedeutung dieser Frage. „Du bist der Sohn Gottes“. Jesus ist ein Kind Gottes, weil er so ist, wie er ist, und nicht, weil er anderen ähnelt oder anderen nachgeeifert hätte, sondern nur, weil er seinem Vater sein ganzes Vertrauen schenkt. Und mit diesem Vertrauen aus eigener Verantwortung und mit ganzer Überzeugung redet und handelt. Er ist kein Paragraphenreiter, kein Moralist, er ist nicht mal Priester, er ist einfach nur Mensch, ein ganz und gar menschlicher Mensch.

Die ersten Stellungnahmen vieler Verantwortlicher unserer Kirchen nach der Veröffentlichung des Berichtes über die Missbräuche sprachen davon, dass die entsprechenden Gewalttäter das Bild der Kirche beschmutzt hätten. Nein und noch einmal nein! Sie haben die Seelen von Menschen zerstört. So lange die Kirche sich selbst wichtiger nimmt als die Menschen, so lange ist sie auf dem Holzweg. Nicht nur die Täter tragen Schuld in sich im Blick auf die missbräuchlich benutzten Menschen; ebenso trägt die Kirche Schuld. So lange sie Menschen in einer Art bevormundet, dass sie sich nicht frei entfalten und entwickeln zu können, der oder die zu sein, die sie in ihrem Wesen sind und deshalb auch z.B. in ihrer sexuellen Entwicklung fehlgeleitet sind, so lange sollte die Kirche lieber schweigen und sich selbst prüfen, als den Stab über andere zu brechen.

Und was heißt das für uns, für euch und für mich? Wir sollten uns selbst immer die Frage stellen, wer wir wirklich sind und ob wir wirklich die oder der sind, die Gott im Herzen tragen; den Gott, der jedem Menschen die Freiheit und die Verantwortung gibt, erfüllt und befreit zu leben.

Christoph Simonsen, Predigt am 16. Sept. 2018

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Hunger grenzt aus

Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht darum, dass die Menschen satt werden sollen, viele Menschen, und im Kontext der beiden gehörten Geschichten soll es sogar darum gehen, dass alle Menschen satt werden sollen. Keiner soll hungern, alle sollen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und es ist auch genug da, aber zu Vieles ist in zu wenigen Händen, was will ein kleiner Junge mit 5 Broten und zwei Fischen.
Das ist eine nüchterne, aber realistische Beschreibung unserer Welt: Da sind Menschen, die hungrig sind, andere die genug haben und wieder andere, die diesen Zwiespalt wahrnehmen und etwas daran ändern wollen.
Es gibt wohl einen gewichtigen Unterschied im Blick auf unsere Lebenswirklichkeit und dem, was in den beiden Schriftworten des heutigen Sonntags dargestellt wird: In der Heiligen Schrift arbeiten alle Hand in Hand zusammen: die Bedürftigen, die Besitzenden und die, die wahrnehmen, was ist in der Welt los ist. Daran müssen wir arbeiten heute, hier und jetzt. Dieses Wunder des Achthabens aufeinander, das müssen wir stärken und die Aufgabe muss uns in Kopf und Herz geschrieben sein: Alle sollen satt werden, alle haben ein Anrecht darauf, menschenwürdig zu leben. Die Geschichten der Heiligen Schrift sind eben nicht in erster Linie heilig, es sind reale Lebensgeschichten. Und sie laden uns ein, nein: fordern uns heraus, unseren Standpunkt in dieser Welt zu finden: Wie wollen wir uns dazu verhalten, dass es Unrecht gibt in dieser Welt? Wir haben die Verantwortung zu schauen, wo wir stehen. Eines ist gewiss: Wir, die wir hier heute beisammen sind, stehen nicht auf der Seite der Hungrigen, vielleicht auf der Seite der Besitzenden, ganz gewiss aber auf der Seite derer, die sich einen Überblick darüber verschaffen können, wie es in unserer Welt aussieht. Wer unter uns hat den Mut zu sagen, dass genug für alle da ist; und wer unter uns lädt ein, alle mögen sich setzen, um zu essen und zu trinken, allgemeiner: um menschenwürdig zu leben?

Am vergangenen Wochenende sind Menschen in München auf die Straße gegangen, Menschen aller Couleur, die ihrer Sorge Ausdruck verleihen wollten, dass unsere Welt an einer neu aufbrechenden Form des Egoismus leidet und darunter zu zerbrechen droht. Sie haben unter anderem Claus-Peter Reisch zugehört, dem Lifeline-Kapitän, der Menschen mit seinem Schiff zur Lebensrettung geworden ist und der nun in Malta vor Gericht steht, weil er unrechtens gehandelt haben soll dadurch, dass er – und jetzt wird es sprachlich ganz gruselig – „ fremdes Menschenfleisch“ an Land gebracht habe. Dieses Wort ist dem italienischen Innenminister aus dem Mund gefallen. Bitterböser kann es nicht versichtbart werden: Weil wir nicht mehr Hand in Hand arbeiten, weil wir immer mehr auseinanderdriften in unserer Welt, weil jede und jeder einzelne nur noch damit beschäftigt ist, ihren/seinen eigenen Hunger zu stillen, deshalb ist unsere Welt so, wie sie sich heute zeigt: halbiert in einen Teil, der hungert und einen anderen Teil, der übersatt ist. Immer mehr wird es bis in unsere Sprachwahl hinein offensichtlich, dass Menschen zu einem Sachverhalt degradiert werden, die notwendigerweise verwaltet und abgewickelt werden müssen.

Ich komme noch mal auf den kleinen Jungen mit den fünf Broten und den zwei Fischen zurück. Er erkennt wohl, dass er zu viel hat für sich alleine und er stellt
ohne viel Aufhebens zur Verfügung, was er hat. Der Text gibt keinen Hinweis darauf, wie er reagiert, als er angesprochen wird: ob er sich genötigt fühlt, von seinem Abendbrot herzugeben oder ob er es aus freien Stücken tut. Auf jeden Fall gibt er her, ohne viel Aufsehens und ohne Widerstand. Er wird gefragt, und er reagiert offenherzig. Dass, was da ist, wird einfach gesegnet – und es genügt. Alle werden satt. Zu der Notwendigkeit eines heilsamen Zusammenspiels der Menschen gehört also noch ein weiteres, wichtiges Merkmal, damit unsere Welt heute wieder für alle zu einem guten Lebensort werden kann. Die Erkenntnis nämlich, Lebens-Mittel sind etwas Kostbares, sie sind des Segens würdig.

In kaum einem anderen Wort der Heiligen Schrift wird es offenkundiger als in diesem: Menschenwürde und Umweltschutz, das sind keine Hobby-Unternehmungen einiger grün-angehauchter Einzelkämpfer, vielmehr sind es die Wesensmerkmale unseres Glaubens. In der Erzählung heißt es dann weiter, dass alle sich hinsetzen. Alle ausnahmslos hatten Vertrauen darin, dass sie nicht sich selbst und ihrem Schicksal überlassen würden, hungrig ihre Wege gehen zu müssen. Das muss unsere Aufgabe sein: So zu reden, zu handeln, zu leben, dass Menschen Vertrauen finden, sich zu uns zu setzen. Wir alleine können sicher nicht alle Erwartungen erfüllen; aber wie gesagt, wenn wir ehrlich und kreativ Hand in Hand arbeiten, dann geht was. Dann kann der Hunger derer, die heute darben ein wenig mehr gestillt werden. Gemeinsam kreativ sein, dem sind keine Grenzen gesetzt. Hunger grenzt aus, teilen verbindet…Predigt am 29. Juli
Christoph Simonsen

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“Erneuerung” will ernst gemeint sein

Ab und zu, da tut es gut, Bilanz zu ziehen; sich etwas Zeit zu nehmen, zur Ruhe zu finden, sich einen Überblick zu verschaffen, wo man denn so gerade steht. Die Frage mag dann in einem aufkommen, ob die Werte noch tragen, nach denen man zu leben versucht, oder ob es überhaupt noch die richtigen Werte sind. In der Wirtschaft nennt man es Inventur, im Berufsleben Coaching, in der Glaubensgemeinschaft Exerzitien. Das tut dem einzelnen gut, aber auch den verschiedenen Gemeinschaften, in denen man so lebt und sich bewegt, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Und klar: Das tut auch der Kirche gut. Da passiert im Augenblick ja auch ganz viel. Das ist mir am vergangenen Sonntag bewusst geworden, nach dem Gottesdienst, als ich mit einigen Studierenden ins Gespräch kam. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie es sich ergeben hat, aber plötzlich stand so ein Satz im Raum, wie: „So kann es doch eigentlich nicht weitergehen“. Und diese Aussage bezog sich auf den Zustand unserer Kirche. Da hat sich ein System verselbständigt, so empfinden viele; mit der Wirklichkeit des Lebens der Menschen hat die Kirche nur noch wenig Kontakt, wenn überhaupt. Da ist auf der einen Seite das Mühen von Papst Franziskus, der Kirche neues Leben einzuhauchen durch synodale Strukturen. Er ist der Überzeugung, dass wir Rücksicht nehmen müssen auf die kulturelle Vielfalt unserer Weltkirche, in der an einem Ende der Welt die Menschen eben anders ticken als am anderen; ganz andere Lebenserfahrungen prägen zum Beispiel einen jungen Menschen, der in Nairobi wohnt als den, der in London zuhause ist. Dieses Ansinnen, den einzelnen Regionen der Welt mehr Eigenständigkeit zu verschaffen, stößt auf gehörigen Widerstand vieler, denen die Angst im Gesicht geschrieben steht, jegliche Veränderung könne die vielbeschworene Einheit der Kirche gefährden. In unserem Gespräch spürte ich so eine gewisse Traurigkeit, aber auch Enttäuschung und auch Zorn angesichts der Frage, ob die Kirche denn in der Tat auch nur ein Machtsystem sei, in dem jeder sein Süppchen kochen will. Und in all dem Gemenge führt Papst Franziskus einen Kampf gegen Windmühlen.
„So kann es doch nicht weitergehen!“ In diesem Augenblick ist mir spontan der Gedanke herausgerutscht: ‚Es wird sich nur etwas ändern, wenn wir uns von der hierarchischen Struktur einer klerikalen Kirche verabschieden und wir uns als Volk Gottes, wir alle also gemeinsam, gleichberechtigt auf den Weg machen. Wir sind viel zu sehr fixiert auf die Ämterstruktur der Kirche und freuen uns viel zu wenig über die große Vielfalt der glaubenden Menschen, die unserer Kirche ein Gesicht geben.
Nun hat in unserem Bistum der Bischof ja gerade einen synodalen Prozess eingeleitet, der denen Gehör verschaffen möchte, die bisher nicht gehört wurden. Ich bin sehr gespannt und neugierig, wie sich dieser Gesprächsprozess entwickeln wird und ob er wirklich etwas zu verändern vermag.
Ja, es muss sich was tun; so wie es ist, so hat unsere Kirche keine Zukunft. Nicht wenige sind ja der Überzeugung, um ihren Glauben zu leben, bräuchten sie gar keine Kirche mehr; dies nicht, weil die Kirche ihnen gleichgültig geworden wäre, sondern weil sie ihnen nicht mehr glaubwürdig erscheint. Das muss uns doch zu denken geben. Ja, es muss sich etwas ändern, grundsätzlich, radikal, von den Wurzeln her.
Was wäre zum Beispiel, wenn nicht ich euch, sondern ihr mir von eurem Glauben erzählen würdet – mir und uns untereinander. Ich bin mir ganz sicher: Das würde ein sehr lebendiges Gespräch werden. Einander zuwenden und erzählen, wie wir unser Leben meistern, was wir erlebt, überstanden, gelernt haben in unserem Leben, und wie in all dem Gott vorgekommen ist – oder eben auch nicht. Da würde die Stunde nicht reichen, die wir uns sonntags Zeit nehmen, um Gottesdienst zu feiern. Gottesdienst verbindet ja immer zwei ganz wesentliche Momente unseres Glaubens miteinander: Zum einen hören wir Gottes Wort und feiern sein Liebesmahl, zum anderen tragen wir eben unser Leben vor Gott und voreinander in den Gebeten, in den Fürbitten. So geht das zusammen: Wort Gottes und Leben von uns Menschen! Im Hören und Erzählen, im Mit-Teilen eben. Glaubensvermittlung ist keine Einbahnstraße; wir können und wir müssen einander von unseren Glaubenserfahrungen erzählen.
Wir hören heute im Evangelium davon, wie Jesus einlädt, von den eigenen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen zu erzählen. Von Dorf zu Dorf sind die Jüngerinnen und Jünger gewandert und sind vielen Menschen begegnet, haben viel gehört und erfahren von den Lebensentwürfen der Menschen. Glaube geschieht in Begegnung. Von diesen Begegnungen haben sie nun einander erzählt.
Ich meine, diese Ermutigung passt gut in unsere Situation und in unsere Zeit. Jesus sendet die Jüngerinnen und Jünger aus, um Erfahrungen zu sammeln, wie die Menschen leben, wessen sie bedürfen, woraus sie leben, und demgegenüber haben sie erzählt von ihren Erfahrungen mit einem Freund, der ganz aus Gott lebt und sie so tief im Herzen reich macht. Ich bin mir sicher, dass da eine ganz große Schatzkiste gefüllt worden ist mit Lebens- und Glaubensgeschichten. Und dann hieß es eben wieder aufzubrechen, weil die Fragen, die Bedürfnisse, die Nöte der Menschen so bedrängend nahe gekommen sind.
Es mag paradox klingen, so schön es ist, sich – wie auch hier heute – der Ruhe hinzugeben, so gewiss ist es auch, dass wir wieder genötigt werden zum Aufbruch. Kirche ist ein Ort, auszuruhen, ganz sicher, Kirche ist ein Ort des Gebetes, mindestens genau so selbstverständlich, Kirche ist aber ebenso wichtig ein Ort der Auseinandersetzung über Grenzen und Schwierigkeiten hinweg. Wessen wir uns heute und morgen noch sicherer werden müssen: Kirche ist nicht Selbstzweck; sie darf niemals sich selbst genügen. Schon gar nicht ist sie Sklavin ihrer eigenen Geschichte. Sie ist Ort, wo Glaube und Leben, wo Gott und Welt einander berühren und einander bereichern. Wo immer sie diesen Auftrag nicht erfüllt, bedarf sie der Erneuerung. Und sie bedarf immer der Erneuerung, weil nämlich wir Kirche sind; und wie würde es um uns stehen, wenn wir stehen blieben? Leben und Glauben muss immer bedeuten: Fort-Schritt, nie Still-Stand, zu viele warten darauf, ernst genommen zu werden mit ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen. Predigt am 22. Juli
Christoph Simonsen

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Hören und berühren

„Ich will hören, was Gott redet:
Frieden verkündet der Herr seinem Volk
und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen.
Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne in unserem Land.
Es begegnen einander Huld und Treue;
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sprosst aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.“ (aus Psalm 85)

Das sind prophetische Worte; wohltuende Worte in einer Zeit, in der Worte viel zu oft zu Waffen werden. Es sind alte Worte des Psalms 85, den die Liturgie heute als Antwortgesang nach der eben gehörten Lesung vorsieht. Mich berühren diese Worte; von ihnen geht eine Wärme aus, die keinen kalt lassen kann. Sie versetzen mich in eine innere Dankbarkeit, wie schön Leben sein kann – und sie lassen – für einen Augenblick – vergessen, dass alles ganz anders ist.
Und da sind wir mittendrin im Problem: Prophet*innen reden immer in einer Welt, die grundsätzlich anders ist, als sie eigentlich sein sollte. Die nächste Tragik folgt auf dem Fuß, denn in der Regel bewirken sie auch nicht wirklich etwas, was die Welt besser macht. Prophet*innen sind auf den ersten Blick hilflose Weltverbesserer in einer Welt, die nicht besser wird. Wie mag man sich da wohl fühlen als Prophet*in, wenn der übertragene Auftrag zu nichts führt, man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Welt keinen Zoll friedlicher, warmherziger, göttlicher wird.
Prophet*innen wollen gar nicht die Welt verändern, sie wollen die Herzen der Menschen erreichen. Prophet*innen haben kein Interesse an Weltsystemen, wohl aber haben sie Interesse am Wohlergehen der Menschen, und zwar des einzelnen Menschen. Dieser Blick auf den einzelnen Menschen geht uns viel zu oft verloren weil wir uns festbeißen an und in Systemen. Viel zu sehr arbeiten wir uns an Systemen ab, während Prophet*innen im Hören auf das Wort Gottes ihren Blick dem einzelnen Menschen zuwenden. Wenn es dem Menschen gut geht, dann findet auch die Welt ihr Gleichgewicht wieder. Prophet*innen sind erfüllt, oder anders: sie sind randvoll von dieser Überzeugung: In Gottes Welt gibt es keine Feindbilder. Von dieser Überzeugung erfüllt, finden sie sich dann allerdings wieder in einer Welt, in der Feindbilder in immer neuen Varianten geprägt werden – von uns Menschen, nicht von Gott. Und das nur deshalb, weil wir Menschen uns unterscheiden wollen untereinander, nicht in unserem Sein, vielmehr in unserer Wertigkeit. Anders sein, das ist für die Vielzahl der Menschen gleichgesetzt mit wertvoller sein wollen bzw. minderwertiger sein müssen. Bezeichnungen werden zu Kampfmitteln. In der Vergangenheit war es der Nigger, heute ist es der Flüchtling, oder der Schwule, oder der Arbeitslose. Die einzige Intention dieser Klassifizierung liegt darin, sich selbst abzugrenzen von dem anderen.
Mir liegt noch sehr im Magen ein Erlebnis in diesem zu Ende gehenden Semester, wo wir mit einigen Studis belegte Brötchen an markanten Stellen unserer Stadt Obdachlosen gebracht haben, einfach nur so. Am Kaiserplatz kam dann ein Polizeiwagen angerauscht und ein Polizist fragte in einer sehr überheblichen Art, was wir denn da machen würden und ob wir nicht wüssten, dass dies Drogenabhängige wären und es gefährlich sei, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich war sprachlos und entsetzt. Weil jemand auf der Straße sitzt, ist er gefährlich. Weil eine Not, welcher Art auch immer, ihn der gewohnten Bürgerlichkeit entrissen hat, müssen wir uns vor ihm schützen. Getreu dem Motto: „Kennst du einen, kennst du alle“. Ein anderes Beispiel: Am vergangenen Wochenende hat der Rektor eines Theologenkonviktes die Studierenden mit einem Grundsatzpapier konfrontiert, wo Homosexuelle als „psychologische Fehlentwicklung“ bezeichnet werden, weshalb sie für den pastoralen Dienst ungeeignet seien. Zwei Beispiele – ein Wesensmerkmal: Wir Menschen zerreißen uns selbst an der Verrohung unserer Sprache, die eine Zerrissenheit der Welt unweigerlich nach sich zieht.
Einer solchen Wort-Gewalt und einer solchen Gefühls-Kälte begegnen Prophet*innen mit ihrem konkreten Leben, das badet im Meer der Erkenntnis Gottes, wie es bei Jesaja heißt. „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander… Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“ In diesem Meer der Gotteserkenntnis sollen wir mitschwimmen. Dazu rufen die Prophet*innen Gottes auf. Dieses Meer der göttlichen Erkenntnis fragt nicht, bist du Flüchtling oder Obdachloser oder Schwuler oder erfolgreicher Wissenschaftler oder Aktienbesitzer; dieses Meer fragt nur: Bist Du ein Hörender? Ein Hörender, der es vermag, mit seinem Leben die vielen Worte zu einem Friedenswort zusammenzubinden? Prophet*innen sind keine Weltverbesserer, sie sind Friedenswortfinder. Gott interessiert nicht, was ein Mensch ist, sondern wer sie oder er ist. Infolge dessen bewerten Prophet*innen das Leben nicht, sie wollen es berühren und zusammenführen, indem sie in jeder und jedem die Friedenssehnsucht suchen.
Mir geht eine Begegnung nicht aus dem Sinn. Wer mich kennt, weiß um meinen zuweilen sehr nüchternen Realitätssinn und meine Art, manchmal zornig, zuweilen ironisch, nicht selten auch zynisch Stellung zu beziehen. Nun sagte mir jemand vor kurzem, dass meine bissigen Anmerkungen, die vielleicht in der Sache gar nicht unberechtigt sein mögen, manche Gesprächsgegenüber niederdrücken und im Letzten in ihrem Frust alleine zurücklassen. Da wurde mir bewusst, dass mir noch ganz viel fehlt, um mich Prophet nennen zu dürfen. Wirkliche Prophet*innen leugnen die Wirklichkeit nicht, nennen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit auch bei ihren Namen, aber was sie – wie gesagt – nicht tun: sie bewerten nicht, sie berühren mit ihrem Leben.
Ja: wir leben in bewegten und auch gefährlichen Zeiten. Unsere Zeit braucht Prophet*innen. Ich wünsche mir und uns genügend Sensibilität, mehr zu hören und zu berühren, und weniger zu klagen und zu schimpfen. So könnten wir vielleicht Prophet*innen werden in unserer Zeit…Predigt am 15. Juli 2018

Christoph Simonsen

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„Die Nacht ist nicht allein zum schlafen da“

Jede und jeder von uns hat wohl so etwas, was man gemeinhin einen persönlichen Lebensrhythmus nennt. Der eine ist eher der Morgenmuffel und drückt frühestens um 11.00 Uhr die innere Powertaste, die andere versprüht in der Frühe so viel Energie, dass dem anderen angst und bange wird. Aber wie immer wir gestrickt sein mögen und selbst wenn wir die Nacht zum Tag gemacht haben, irgendwann ist auch die tollste Fete mal zu Ende und es kommt der Zeitpunkt, wo man sich fallen lassen möchte –und zwar nicht nur ins Bett, vielmehr auch in eine innere Abständigkeit von allem, was einen am Tag beschäftigt hat. Für die meisten von uns ist das der Abend, wo Körper und Geist sich darauf freuen, zur Ruhe kommen zu dürfen. Spätestens wenn dieser Augenblick vor dem Einschlafen gekommen ist und man der Partnerin oder dem Partner eine gute Nacht gewünscht hat (wenn man nicht alleine schläft), dann ist man wirklich ganz bei sich und nur noch für sich da. Dann fallen einem die Augen langsam zu, und wenn der Tag gut gelaufen ist, spürt man vielleicht einen Hauch von Dankbarkeit oder auch Wehmut, dass etwas Schönes zu Ende gegangen ist oder – ganz anders – hindert einen eine Unzufriedenheit oder eine gemachte Dummheit, ruhig zu werden. Irgendwann aber überfällt einen auch dann der Schlaf, den wir alle brauchen und der die Hoffnung auf einen neuen Tag wachsen lassen kann.

Nun, das ist heute in der Erzählung des Evangeliums ganz anders. Und wieder einmal wird offensichtlich, dass die Botschaft Jesu ziemlich verwirren kann. Den Jüngern ist keine Ruhe vergönnt und die ersehnte Bettruhe fällt aus. Entgegen aller Erfahrung fordert Jesus sie auf, noch mal aufs Meer hinaus zu rudern, neuen Ufern entgegen.

Auch unter der Gefahr, dass ihr es langsam einfältig findet, möchte ich heute wieder auf Bilder zurückgreifen, wie in den vergangenen Wochen, aber dieses Mal auf imaginäre Bilder, auf Bilder im Kopf.

Da ist zunächst das schon angesprochene Bild der Abendstimmung. Ja, es ist so: Ich freue mich         für jede Nacht, in der ich gelassen schlafen kann, den vergangenen Tag zurücklassend und den Kommenden erwartend. Gewiss geht es euch ähnlich. Aber so ist es halt nicht immer. Wer kennt nicht die schlaflosen Nächte, die entsetzlich lange sein können, in denen man sich schweißgebadet herumwälzt und einem tausend Gedanken durch den Kopf gehen; Lebensperspektiven geraten ins Wanken, Freundschaften werden zu einer bedrängenden Frage, ursächliche Sinnfragen bringen einen in Rage – und das alles, obwohl der Schlaf so sehr Not tut.

Jesus mutet das seinen Freundinnen und Freunden zu; er überfällt uns mit seiner Erwartung, dass wir uns am Abend doch noch einmal aufmachen sollen, um dem Leben einen tragfähigen Sinn abzuringen. Vielleicht sind diese nervenden schlaflosen Nächte ja gar nicht so sinnlos, wie wir meinen. Vielleicht bergen sie ja auch die Chance in sich, Lebensenergie, Lebensmut, Lebenssinn einzufangen und einen unerwarteten Fang zu machen, der mein Leben sättigt.

Das zweite Bild ist nicht weniger verwirrend: Die Jünger sollen sich in der Nacht aufs Meer begeben. Seit Menschengedenken steht das Bild des Meeres in den Kulturen für eine chaotische, nicht kontrollierbare Welt. Wir wollen alles immer im Griff haben, den Überblick behalten und das Leben kontrollieren. Die vielen Diskussionen in unserer Gesellschaft, die uns einreden wollen, das Leben sei unsicherer geworden, weil die globale Welt alles mit allem verknüpft, sie suggerieren uns, dass Leben früher sicherer war und wir wieder dahin zurückkommen müssten. Aber das ist doch Unsinn, im wahrsten Sinn des Wortes: Es ist das Gegenteil von Sinn. Sinn macht es, sich dem Leben zu stellen und das Unerwartete als eine Herausforderung anzusehen. Was nutzte es, wenn wir allein ans andere – rettende Ufer kämen? Wir blieben allein. Im Letzten kann ich das Leben nur bewältigen, wenn ich in der jeweiligen Situation das Beste daraus mache und nicht krampfhaft versuche, die Gegenwart auszuradieren. Wenn ich neue Ufer erreichen möchte, dann darf ich nicht stehenbleiben.

Ja, ich muss mich auf den Weg machen. Das Bild des Weges kommt in unserer heutigen Geschichte auch vor. Keiner von uns ist schon angekommen; das andere Ufer ist noch nicht erreicht. Aber es gibt ein Ziel; es gibt eine Hoffnung, dass wir nicht ziellos umherirren müssen. Und ist es da nicht plausibel, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Sich mit Weggefährt*innen auf den Weg zu machen ist doch allemal heilsamer, als alleine loszuziehen. Und auf dem Weg Fremde zu Freunden werden zu lassen allemal schöner als sich zu bekriegen.

Das alles ist nicht illusorisch, nicht weltfremd. Illusorisch wäre es, sich in Traumwelten zu verwickeln. Lieber eine schlaflose Nacht, in der ich mir der Mühe des Lebens bewusst werde und mir meines Auftrages bewusster werde, wie ich mein Leben anpacken möchte, als eine verschlafene Nacht, in der ich vergesse, dass Gott mir eine Aufgabe übertragen hat, mich auf den Weg zu machen zu neuen Ufern.

Christoph Simonsen

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