Guido Schürenberg

Beiträge des Autors

Für wen hälst Du mich – eigentlich?

Jetzt präsentieren sie sich wieder, die Parteien, ihre Positionen zu den Themen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und vor allem die „Volksparteien“ ihre Kanzlerkandidat*innen und deren „Kompetenz-Teams“. Angesichts unserer Welt-Zukunft überzeugen sie alle nicht mit klaren Perspektiven und Maßnahmen. Denn das, was da auf uns zukommt, auch als Konsequenz von Ignoranz und nationalen, persönlichen, wie wirtschaftlichen Egoismen, ist existenzbedrohend für die Menschheit.

Von daher sind alle erforderlichen Massnahmen Zumutungen. Entsprechend diffus und unklar bleiben die konkreten Forderungen und Handlungsperspektiven.

Den Wähler*innen wird unterstellt, dass ihnen nichts zuzuMUTen ist, da sie sich ja in ihrem „Wohlstand“ eingerichtet haben.

Wenn wir in dieser zukunftsbedrohlichen Situation Politiker*innen wählen wollen, die die Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft gestalten und mutig handeln sollen zum Wohle des Volkes, müssen wir wissen, wofür sie stehen, für welche Werte und welche Sichtweisen auf diese Welt. Es entstehen Bilder und Erwartungen, von den Kandidat*innen geweckt. Passen oder gar biedern sie sich diesen Bildern und Erwartungen an oder sind sie ehrlich und glaubwürdig und stehen zu den Zumutungen?

Im sehr „volksnahen“ Evangelium des Markus fragt Jesus seine Anhänger: „Für wen halten mich eigentlich die Leute?“ und nachdem diese ihm die Ergebnisse der kleinen Meinungsumfrage präsentiert haben, hakt er nach und fragt: „Und Ihr, für wen haltet Ihr mich?“ (Mk 8,27-29)

Er will wissen, auf wen er sich angesichts der Zumutungen seiner Zukunftsbotschaft verlassen kann, wer zu ihm stehen wird und mit ihm dieses Reich Gottes der Gerechtigkeit und Liebe gestalten und leben will. Und natürlich steht auch seine Glaubwürdigkeit in Frage, erkennbar in seinem Lebensstil, seinen Handlungen und seiner Bereitschaft, dafür alles zu geben.

Wenn wir Politiker glaubwürdig und nicht populistisch anbiedernd und indifferent erleben würden, wäre die Wahl einfacher und motivierender. Und es bestünde eine realisierbare Chance lebenswerte Zukunft gemeinsam zu gestalten und das Leben auf diesem Planeten zu retten.

GS 14. Sept 2021

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Mitteilungsbedürfnis

Manche*r kann ja seine Klappe nicht halten, postet und kommentiert eigene Meinung und Erfahrungen, Beobachtungen und Analysen zu „Gott und die Welt“. Wobei der Anteil WELTERFAHRUNGEN in meiner sozialen Blase deutlich im Vordergrund steht. Und wenn von Gott mal die Rede ist, dann meist verbunden mit negativen Kirchenerfahrungen. Diese erzählen allerdings weniger von Gott, als von Ohnmachtserfahrungen angesichts menschlich-hierarchischem Machtgebahren.

Wenn dann mal ein gegenläufiges und mich bestätigendes oder aufbauendes Narrativ die Runde macht, das deutlich macht, dass GOTT* mit dieser, seiner Welt noch nicht am Ende ist, dass wir Menschen mit ihm eine Zukunft haben, dann sollen es alle erfahren.
Irritierend ist da für mich die Aufforderung Jesu bloß nichts von seinen Heilungen und Heilstaten zu erzählen: „Jesus verbot den Anwesenden, es irgendjemand weiterzusagen“ (Mk 7,36)
Offensichtlich wollte er keinen Personenkult, die Titel Heiland und Messias schon gar nicht, denn sie wecken Erwartungen. Ihm ging es darum durch sein Handeln die Menschen in ihrem Glauben an GOTT* zu bestärken und so sollte die gute Nachricht – good spell, gute Erzählung, Evangelium, Gospel- fühl- und erfahrbar werden.

Anscheinend ist auch in meiner Bubble diese Erfahrung, diese Gute Nachricht nur sehr selten, sonst müssten wir doch mehr davon erzählen, wie es ein Lied des Schriftstellers Josef Reding aus den 80ern singt: „Die gute Nachricht singt hinaus, Gott sendet seine Menschen aus, so Dich und mich und sie und ihn …“

Ja, es wäre uns ein inneres Bedürfnis, wir könnten gar nicht anders „Wir können nicht schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben“ auch wenn man uns auffordert die Klappe zu halten, wie Petrus und Jakobus vor dem jüdischen Religionsgericht, nachdem sie im Namen Jesu Heilungen bewirkten. (Apg 4,20).

Damit unser Mitteilungsbedürfnis aber nicht in unserer kleinen Kirchen-Bubble bleibt, sondern die Menschen erreicht, sollten wir die Gute Nachricht auf allen uns zur Vefügung stehenden SocialMedia-Kanälen immer wieder posten – mit glaubwürdigen Geschichten, wie wir sie als uns gut tuend erfahren haben.

GS 7. Sept 2021

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Innere Hygiene

Hygieneregeln bestimmten schon immer unseren Alltag, manche wurden zum täglichen Ritual von klein auf angelernt: „Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen“

Unhinterfragt, hilfreich, evident. In Krisenzeiten Leben schützend und von der Mehrheitsgesellschaft, dem Mainstream fraglos gelebt.

Manche dieser Reinigungs- oder Schutzrituale werden lieb gewordene und Sicherheit gebende Tradition, von der Zivilgesellschaft oder auch nur vom näheren sozialen Umfeld, der Bubble als vorgegeben akeptiert.

Regelbrecher*innen und Ritualverweiger*innen werden diskreditiert, ohne nach den dahinterstehenden Gründen zu fragen.

Die jüdische Religion kennt eine Vielzahl überlieferter Gesetze und Regeln, die peinlichst genau beachtet werden und deren kollektive Einhaltung Voraussetzung für die Ankunft des Messias ist.

Umso mehr provoziert die Schriftgelehrten und Gesetzeshüter der laxe Umgang der Jünger Jesu, der ja als Messias (ein Titel, den er nie in Anspruch genommen hat) verkündet wird, mit den Hygieneregeln insbesondere bei den Mahlzeiten. Es geht um rein oder unrein – koscher oder treife.

Jesus bezeichnet sie als Heuchler und verweist auf ein Wort des Propheten Jesaja: ›Dieses Volk ehrt mich nur mit Worten, sagt Gott, aber mit dem Herzen ist es weit weg von mir.
Ihr ganzer Gottesdienst ist sinnlos, denn sie lehren nur Gebote, die sich Menschen ausgedacht haben.‹
Das Gebot Gottes schiebt ihr zur Seite und haltet euch stattdessen an Vorschriften, die von Menschen stammen.« (Mk 7)

Jesus fordert die innere Hygiene, die Achtsamkeit auf gute Gedanken und eine offene, versöhnliche Haltung, das was wir als innere Werte bezeichnen.

Diese werden nicht als Gesetz verordnet, sondern aus dem Hören auf Gottes Wort entwickelt.

Wort-Gottes-Dienste statt Reinigungsrituale und verbotene Speisen.

Die Einhaltung der geltenden Hygiene-Regeln in der Pandemie schützen nicht nur mich,sondern auch die vielen Ungeschützten, insbesondere Kinder, mit denen ich Kontakt habe.

Für die richtige Händedesinfektion werden 20-30 Sekunden empfohlen – Zeit genug für ein Gebet, das von innen heraus kommt.

GS 31. Aug 2021

Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft
diesen kleinen Tag zu bestehen,
um auf dem großen Wege zu dir
einen kleinen Schritt weiterzugehen.

Ich bitte dich, Herr, um die große Kraft
diesen kleinen Tag zu bestehen

Morgengebet von Ernst Ginsberg

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Glaubenskrise

„Wollt nicht auch Ihr gehen?“ seit ich diese Frage Jesu an seine engsten Freunde im Sonntags-Johannes-Evangelium las, klingt sie immer wieder in mir nach, beschäftigt mich und stellt auch meine Kirchenerfahrungen infrage.
Der Anlass für die Frage waren aber die Glaubenszumutungen die Jesus predigte: Er allein sei der von Gott bevollmächtigte Verkünder des Willens Gottes. Dieser von Jesus verkündete Wille Gottes bezog sich auf den persönlichen Lebensstil, wie auf den sozialen Umgang miteinander, also das, was in der „Bergpredigt“ als Grundsätze des Reiches Gottes beschrieben wird: Nächsten- und Feindesliebe, Versöhnungsbereitschaft, Gewaltverzicht, Gerechtigkeit und Frieden schaffen und halten, Verzicht auf Luxus und Ausbeutung, sich mit dem zum Leben notwendigen begnügen, Ehrlichkeit und das Vertrauen darauf, dass Gott den Menschen Gutes will, weshalb sie ihn allein als Gott verehren.
Den geistlichen Volksführern und Theologen wirft er Heuchelei und Verrat am Willen Gottes vor, weil sie vom Volk fordern, was sie selbst nicht leben und nur ihre Macht sichern wollen.

Die Reaktion der Zuhörer:

»Was er da redet, geht zu weit! So etwas kann man nicht mit anhören!« (Joh 6,60)

Ähnliche Reaktionen kennen wir auch heute auf polarisierende Reden und Statements von Politikern und Kirchenmännern. Zumutungen, insbesondere, wenn sie unseren Lebensstil, unseren Konsum oder unsere Freiheiten betreffen, sind nur schwer zu ertragen und das Zukunftsversprechen muss schon sehr attraktiv sein, wenn wir uns darauf einlassen.

Das diese Zukunfts-Lebens-Botschaft Jesu lebbar und erlebbar ist, habe ich auch in kirchlichen Gemeinschaften erfahren, in die ich hineingewachsen bin und denen ich z.T. meine heutigen Überzeugungen und Hoffnungen verdanke.

Aber Jesu Anfrage an seine Vertrauten und auch an mich geht tiefer: Wollt Ihr euch von mir, meiner Botschaft, und damit eurer Beziehung zu Gott, der euch Vater und Mutter ist, trennen? Oder anders gesagt, ist Gott und sein Wille noch relevant für euer Leben?

Das ist eine Glaubenszumutung!

Die Antwort der Jünger damals: „Wohin sollen wir gehen, nur Du hast Worte, die uns Leben lassen!“

GS 24. Aug 2021

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Vorhersehbar

Wenn ich auf die sich überschlagenden Ereignisse in Afghanistan schaue, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der Menschen dort sehe, die mit und für die Natoeinsatztruppen gearbeitet haben, die für ihre Kinder und insbesondere für die Mädchen auf Bildung setzten und für die Frauen auf ein selbst bestimmtes Leben hofften, so überkommt mich Wut angesichts des völligen Versagens der Regierungen der Schutzmächte. Ich schäme mich der hysterischen Angst, die in Europa vor den zu erwartenden Flüchtlingen geschürt wird. „Wir dürfen nicht wieder in eine Situation wie 2015 kommen“. Und ich bin fassungslos angesichts der wegschauenden Politiker in einem Bundestags-Wahlkampf, der meint ohne Zumutungen angesichts der Krisen auf der Welt auskommen zu können.

Dabei war die unverzügliche Machtübernahme durch die islamistischen Taliban und die Rücknahme aller Freiheits- und Menschenrechte durch die Scharia absehbar.

Für Europäer, die sich doch den jüdisch-christlichen Werten verpflichtet fühlen, gibt es in dieser Bedrohungssituation nur die Option der Solidarität mit denen, denen „man sich vertraut gemacht hat“ und denen man Schutz versprochen hatte. Und für uns Christen das Gebot der Nächsten- und Fernstenliebe, d.h. den zu uns fliehenden Schutz, Unterkunft, Lebensmittel und medizinische Versorgung anzubieten und wenn sie bei uns bleiben wollen, für Integration, Bildung und für ein menschenwürdiges Leben Sorge zu tragen.

Andernfalls gilt für uns der Vorwurf Jesu der Heuchelei:

„Ihr Heuchler! Aus den Zeichen am Himmel oder auf der Erde könnt ihr das Wetter vorhersagen. Warum könnt ihr dann nicht beurteilen, was heute vor euren Augen geschieht? Warum weigert ihr euch zu erkennen, was gut und richtig ist?“ (Lk 12,56f)

und die Anfrage:

„ … Herzensbarrikaden, wer kämpft noch für wen?
Wir meiden die richtigen Fragen, wir streunen ums Problem.
Du traust dem Impuls und bleibst immer kühl
Du erlaubst dir nicht, dich zu entziehn
Und deine Fassung ringt
Weil Fassung nichts mehr bringt, nichts mehr bringt
Bist du da, wenn Seelen verwaisen?
Bist du da, wenn zu viel Gestern droht?
Wenn wir verrohen, weil alte Geister kreisen?
Bist du da? …“ – (Herbert Grönemeyer, Tumult 2018)

GS 17. Aug 2021

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