Category: Predigten

Den Blick zurück ins eigene Leben wagen und der Gegenwart ins Auge schauen

Ich hab Euch heute Abend ein Bild von dem Stuttgarter Künstler Hannes Steinert mitgebracht und möchte zu Anfang einfach ein paar Stichworte in den Raum werfen und einen ersten Zugang zu dem Bild eröffnen; anschließend versuche ich eine Deutung und hoffe, ihr könnt mir folgen. Doch zuerst einige meditative Wortketten, angeregt von der Einladung, die uns heute in der Lesung zugesprochen wurde: „Forsche einmal in früheren Zeiten nach…“:

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• In das eigene Leben schauen
• Verweilen
• innehalten
• Genau hinschauen
• Die inneren Augen zur Ruhe kommen lassen

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Geschichte anschauen
• Eigene Geschichte anschauen
• Vergangenheit in die Gegenwart transponieren
• Geschichte nicht abhaken, sondern wirken lassen
• Erlebtes, Erlittenes, Erstarktes der Verdrängung entreißen

Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Die Augen weiten auf Gewandeltes im Leben
• Geglücktes erkennen aus Gereiftem und Gelerntem
• Wunder erblühen sehen aus dem Gewesenen
• Leben erwachsen sehen aus dem Verblassten.

(kurze instrumentale meditative Musik)

Hannes Steinert malt einfache Bilder. Bleistiftzeichnungen. Es sind nahezu kindliche Bilder; sie geben Einblick in die Träume des Menschen. Zugleich entstehen Bilder von großer Offenheit. Schlicht sind sie, ohne Schnörkel; sie lassen einen unbändigen Lebenshunger nach Weite erahnen. Das Faszinierende: sie scheuen es dennoch nicht, der Undurchsichtigkeit des Lebens Raum zu geben. Sie zeigen Leben in einer Welt, die dem Wind der Wirklichkeit ausgesetzt ist und zugleich wahren sie den Traum eines Lebens in beglückender Freiheit und Erfülltheit.
In die Welt gehen muss nicht immer gleich heißen, weiter zu gehen, voranzugehen. Es kann auch einmal heißen, zurückzugehen. Fortschritt entwickelt sich nicht nur im Blick auf die Zukunft. Auch wer zurückblickt kann Neues entdecken, kann erkennen, dass etwas wächst, was gereift ist aus Vergangenem.

In die Welt gehen, Weite suchen, Leben suchen, sich suchen, Gott suchen. „Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum anderen Ende.“ Was mögen wir wohl sehen dann? Abgehaktes? Überwundenes? Gottlob Verarbeitetes? Oder hören wir heute im Blick zurück einen Gott aus dem Feuer im Donner zu uns sprechen und erkennen wir, dass er zu uns kommen will, durch alle Prüfungen des Lebens hindurch?…Predigt am 27. Mai 2018

Christoph Simosnen

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Was ist Wahrheit?

Jetzt ist aber wirklich lange genug über das Kreuz diskutiert worden; die entsprechenden Politiker*innen und all die anderen, hatten ihren Auftritt, so dass wir uns jetzt wieder dem Wesentlichen zuwenden können. Und das Wesentliche des Glaubens ist nicht das Kreuz, das Wesentliche des Glaubens ist Gott. Und zwar der Gott, der den Menschen nahe sein möchte. Den Menschen vor allen, die in ihrem Leben schwere Kreuze zu tragen haben. Und denen ist wurscht, ob irgendein Schmuckkreuz irgendwo in einem Eingang hängt oder nicht. Goldene, silberne, diamantene Kreuze sind nicht die Kreuze, die die Welt besser machen. Wohl aber die Kreuze, die auf den Schultern und den Herzen der Menschen liegen: diese Kreuze haben Einfluss auf das, was in der Welt geschieht. Es gibt Kreuze, die machen das Leben so schwer, dass Menschen daran zu zerbrechen drohen.

Ich denke an die Familie und die Freunde von Jonas, den wir am vergangenen Freitag zu Grabe getragen haben. Dass die Eltern und Geschwister, ja fast eine ganze Gemeinde an diesem Kreuz der Trauer und des Unverstehens nicht zerbrechen, das gleicht in meinen Augen einem Wunder und ich schau ehrfürchtig auf diesen Glauben der Familie, die versuchen, ihre unsägliche Trauer mit ihrem Glauben zu tragen.

Ich schaue – mit einem ganz anderen Blick – auf die Abgehängten unserer Gesellschaft, die chancenlos sind und sich extremen Überzeugungen zuwenden – aus Not, aus Unwissenheit, aus Angst, und die spät, hoffentlich nicht zu spät erkennen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch unsere Gesellschaft als Ganzes in Gefahr bringen, der Unmenschlichkeit anheim zu fallen.

Diese existentiellen Kreuze, diese lebensbeeinflussenden Kreuze in den Blick zu nehmen, dazu bedarf es einer Gabe, die uns heute zuteilwird. Wer die wirklichen Kreuze dieser Welt in den Blick nehmen will, der braucht Geist, guten Geist, wahrhaftigen Geist. Gottes Geist möchte in die Wahrheit führen, in die Wahrheit unseres Lebens.

Aber was ist wahr, was ist wahrhaftig? Auf diese Antwort würden wohl Statistiker anders antworten als Juristen, und Soziologen anders als Naturwissenschaftler. Der Begriff „Wahrheit“ ist ein wahrhaftig schwierig Ding. So schwer sogar, Jesus sagt es selbst, dass wir es nicht zu tragen vermögen.

Sollen wir uns jetzt also anderen Dingen zuwenden, die leichter zu fassen sind. Können wir machen, aber wir werden dadurch sicher nicht ruhiger. Denn die Wahrheit ist nicht nur schwer zu tragen, sie ist auch ein Quälgeist, der uns nicht in Ruhe lässt. Die Frage nach der Wahrheit ist so virulent, dass wir von ihr nicht loskommen. Wir wollen wissen, was wahrhaftig ist. Da muss irgendwo in unseren Genen ein Gnom sein, der uns immer wieder anstößt und quält mit dieser drängenden Frage nach der Wahrheit. Ohne den Ehrgeiz, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, würde unser Leben, unser eigenes wie auch unser gesellschaftliches Leben, in Beliebigkeit oder Chaos versinken. Ohne den Anspruch, wahrhaftig zu sein, wäre unser Leben von Misstrauen und Missgunst geprägt und wir würden uns gegenseitig zerfleischen – noch mehr, als wir es sowieso schon tun.

Aber wenn es so schwer ist, die Wahrheit zu finden und sie dann auch zu tragen, damit wir sie im Notfall auch ertragen können, wie kommen wir ihr näher? Indem wir sie suchen – und zwar gemeinsam. Das ist des Pudels Kern. Wahrheit findet sich immer nur im gemeinsamen Suchen. Wahrheit ist nicht individuell, Wahrheit ist sozial. Jesus führt uns auf diesen Gedanken, da er ‚mein‘ und ‚dein‘ und ‚sein ‚zusammenbringt und in ein ‚unser‘ führt: „Vater unser“. Was sein ist, ist unser. „Er nimmt von dem, was mein ist“, und wird es euch geben. Den Geist der Wahrheit nämlich. Wahrheit gibt und nimmt also. Und im Blick auf den, der das sagt, im Blick auf sein Leben, kann das nur heißen: Wahrheit gibt Hoffnung und nimmt das Kreuz.

Der Geist der Wahrheit macht Leben nicht unbedingt leichter, aber auf jeden Fall erträglicher. Im wahrsten Sinn des Wortes so, dass die Schwere des Lebens tragbar wird, lebbar wird. Wo das Leben des einen getragen ist von der Hoffnung der anderen, da wird der Geist der Wahrheit erkennbar.

Pfingsten ist das Fest, das die Menschen in Wahrheit zusammenführt, damit jede und jeder einzelne erkennt und spürt, dass ihr und sein Leben Sinn hat und Sinn macht. Ich denke an Jonas und viele andere, denen sich ihr Lebenssinn nicht erschlossen hat. Vielleicht auch deshalb nicht, weil sie sich nicht einzubringen vermochten in die gemeinsame Suche nach der Wahrheit und nicht die Kraft fanden, ihr durchkreuztes Leben als wertvoll genug anzusehen in einer Welt, in der Wahrheit zu oft mit Gewissheit gleichgesetzt wird. Dass Wahrheit eine immer zu Suchende ist, und jede und jeder beizutragen vermag, der Wahrheit Gottes näher zu kommen, das braucht wohl noch ein wenig mehr Geist. Gut, dass er uns heute geschenkt wird.

Christoph Simonsen

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Wo ‚Liebe‘ drauf steht, ist ‚Gott‘ drin

„Freiheit ist, wenn dein Datenvolumen so groß ist wie eure Liebe.“ Das ist der neue Slogan eines Telefonanbieters. Jetzt versteht ihr vielleicht, was ich letzten Sonntag meinte, als ich sagte, wie schwer es mir fällt, diese großen und wunderbaren wie wundersamen Worte wie ‚Liebe, Freiheit, Glück‘ überhaupt in den Mund zu nehmen, geschweige denn, sie zu deuten. Worte sind eben nicht nur Schall und Rauch. In Worten verbergen sich Überzeugungen; in Worten verbirgt sich Menschliches – und Göttliches. Worte können aufrichten, sie können aber auch in den Dreck ziehen. Was aber mindestens genau so schlimm ist: Worte können ihrer Bedeutung und ihres Geheimnisses beraubt werden und so banalisiert werden, dass man sich schämen muss. Wer ‚Liebe‘ sagt, und ‚Verkaufsoffensive‘ meint, vergreift sich nicht nur gewaltig im Ton, er vergreift sich, was viel tragischer ist, an allem, wonach Menschen sich sehnen und was so oft von den gleichen Menschen aufs Spiel gesetzt wird.

Man kann Worten auch Leid zufügen, denn es gibt Worte, in denen liegt Verletzliches, Zerbrechliches. Eines der Worte, die einer tiefen Behutsamkeit bedürfen, ist das Wort ‚Liebe‘. Und heute in der Lesung hören wir, warum das so ist: Gott ist die Liebe. Neben der Offenbarung an dem brennenden Dornbusch, wo Gott sich dem Moses als Jahwe vorstellt, ist die Botschaft, Gott sei die Liebe, wohl der einzige Hinweis auf den Namen Gottes. Der Name Gottes sagt, wie er ist. Ein wenig erinnert mich das an meine kindliche Zeit, wo ich die Karl May Filme im Kino gesehen habe und die Indianer dort eben auch Namen trugen, die auf ihr Wesen schließen ließen. Wenn ich also das Wort ‚Liebe‘ in den Mund nehme, so muss mir bewusst sein, dass ich dann zugleich immer auch Gott meinem Gegenüber vermittele. Wo Liebe gesagt wird, ist Gott drin. Und eines dürfte sicher sein: In einem Handy ist Gott mit Gewissheit nicht drin.

Wo Liebe gesagt wird, ist Gott drin. Diese Aussage führt mich zu einem anderen Gedanken. Nicht nur, dass wir achtsam mit so großen Worten wie eben ‚Liebe‘ umgehen sollten; wir sollten uns auch bewusst werden,  wie weit und vielfältig Gott ist. Überall, wo Liebe ist, ist Gott. Und wo Liebe nicht ist, da fehlt Gott. Lieben kann jede und jeder, weil nämlich in jeder und jedem Gott ist. Die eine Perspektive klingt einleuchtend dabei, vielleicht ein wenig einleuchtender als die andere: Wo Gott ist, ist Liebe. Ja! Das erschließt sich aus den Heiligen Schriften, das lernen wir in unseren christlichen Kirchen. Aber auch das andere gilt: Wo Liebe ist, ist Gott. Und diese Wahrheit fordert uns wahrlich mehr heraus, denn sie verdeutlicht, dass Gott oft auch dort ist, wo wir ihn womöglich zunächst gar nicht vermuten oder wo wir bis heute mit theologischer oder geistlicher Überzeugung behaupten, da könne er nicht sein. Zum Beispiel in der Liebe zwischen zwei Frauen oder zwei Männern. In einem Monat darf ich an einer Fachtagung für pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der katholischen Akademie Hamburg teilnehmen, wo die Frage gestellt wird, ob man die Liebe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts segnen darf. Ich bin gespannt, wie die Diskussionen verlaufen werden. Auch in der Liebe zwischen zwei Menschen, die aus verschiedenen Konfessionen oder sogar verschiedenen Glaubensüberzeugungen herkommen und doch gemeinsam Gottesdienst feiern möchten, da ist der eine Gott. Unsere Kirche kommt dieser Sehnsucht, gemeinsam zu feiern, leider nicht angemessen nach. Es wird heute diskutiert, aber einladende Antworten stehen bis heute aus. Ich bin mir sicher, auch in der Liebe eines einsamen Menschen zu  seinem Haustier, einem Hund, einer Katze, einem Vogel, da ist Gott. Meine Mutter zum Beispiel, die seit über 30 Jahren Witwe ist, spricht mit ihrem Papagei und teilt manche Gedanken mit ihm, vor allem aber teilt sie ihre zuweilen auftretende Einsamkeit, weil wir drei Kinder immer zu wenig Zeit haben. Alle Liebe ist immer auch ein Gottesbekenntnis, bewusst oder unbewusst.

Deshalb ist das Wort Liebe, aber auch manch anderes Wort, so unendlich wertvoll, weil, wer immer es ausspricht, zum Gottesboten wird, völlig egal, wem er oder sie das Wort ‚Liebe‘ zuträgt. Und auch völlig egal, ob ein reflektiertes Glaubensbekenntnis damit verbunden ist oder nicht, ob jemand überhaupt an einen Gott glaubt oder nicht. Karl Rahner, mein geschätzter Lehrer als Dogmatiker, sprach immer wieder vom „anonymen Christentum“; und er meinte damit wohl, genau das: Wer das Wort ‚Liebe‘ einem anderen Menschen schenkt, zuspricht, der schenkt das, was gläubige Menschen ‚Gott‘ nennen, ohne es zu wollen oder zu wissen. So groß ist Gott, Vereinnahmung ist ihm fremd, denn er liebt immer zuerst…                                 Predigt am 13. Mai

Christoph Simonsen

 

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Gute Zeiten – schlechte Zeiten

Hinter manch vertrauter Erzählung verbergen sich gern nüchterne, aber nicht weniger wertvolle Lebenserfahrungen. So auch in unserem heutigen Evangelium, das wir zu Beginn des neuen Sommersemesters 2018 hören. Mir scheint, da wird so einiges angesprochen an Grundsätzlichem und auch bedeutsame Lebensfragen kommen zur Sprache, die wir uns genauer anschauen sollten. Ich will jetzt nicht behaupten, die Heilige Schrift sei ein Lebensratgeber. Was sie aber ist: Ein Buch voller menschlicher Lebenserfahrungen, die im Licht des Glaubens reflektiert werden. Darauf möchte ich mich euch heute Abend schauen.

• „In dieser Nacht fingen sie nichts“. Menschen, die Ostern hautnah erlebt haben, die doch eigentlich wissen müssten, dass Sinn und Wert eines Lebens sich nicht misst an Erfolg oder Misserfolg, bleiben vor Enttäuschungen nicht verschont und lassen sich so richtig runterziehen von einem missglückten Arbeitstag. Jammern und Klagen, gehört wohl zum Leben dazu, auch wenn das keiner gerne zugibt. Auch österliche Menschen dürfen, können, müssen, wenn es denn angebracht erscheint, laut das Wort mit sch brüllen dürfen, ohne dass sie gleich vom Blitz erschlagen werden. Ich verrate meinen Glauben nicht, wenn ich auch mal an mir oder anderen verzweifele. Nicht Perfektion ist ein Kriterium für ein gelungenes Leben, nicht Geradlinigkeit, sondern die Bereitschaft zur Ehrlichkeit, sich selbst zu sagen: Es ist, wie es ist; und heute ist es eben sch… Misserfolg ist menschlich. Das zuzugeben und anzuerkennen verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion. Wir sind doch meist viel besser darin geübt, die Maske des Erfolgsmenschen aufzusetzen und so zu tun, als ob alles easy sei. Lieber „Gute-Laune-Bär“ als „Jammerlappen“. Und genau so will es ja auch unser System. Styling und Erfolg ist gefragt; letztens stellte eine gute Bekannte für sich fest, dass sie den Eindruck habe, in den Aachener Unis würden nur Nerds rumlaufen. Aber Erfolg macht Menschsein nicht aus. Weil wir aber meist darauf aus sind, Erfolgsmenschen sein zu wollen oder zu müssen, setzen wir Misserfolg mit Scheitern gleich. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt ein tieferer Blick in das heutige Evangelium.

• „Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“. Sie trauen sich aber auch nicht zu fragen, wer der Fremde am Ufer denn sei. Diese Scheu vor dem Fremden erzeugt Distanz und Unsicherheit. Selbst das vertraute Zureden von Jesus ändert nichts an der Tatsache, dass der Fremde ihnen fremd bleibt. Trotzdem tun sie, was er ihnen rät. Das finde ich sehr bemerkenswert. Wer verlässt sich, gerade wenn er mies drauf ist, darauf, was ihm ein Fremder sagt? Den Jüngern ist scheinbar trotz dieses Debakels eines nicht verloren gegangen: ein Urvertrauen darin, nicht ausgenutzt zu werden von anderen, und eine unverbrüchliche Überzeugung darin, dass der Mensch wohlmeinend ist, so fremd er auch sein mag. Das klingt in unseren Zeiten nicht nur befremdlich, sondern geradezu gefährlich. Ich vermag nicht zu sagen, ob es den Jüngern eher schwerer oder doch leichter gefallen ist, sich der Aufforderung des Fremden anzuvertrauen; aber sie haben es getan, und sie wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie wurden reich beschenkt. Ist ihr Verhalten nun eher waghalsig gewesen oder schlicht nur menschlich. Das mag jede und jeder von uns selbst entscheiden. Für mich ist wichtig: Fremdheit muss nicht Befremdlichkeit nach sich ziehen; Fremdheit kann auch überraschend reich machen. Darauf zu bauen und zu vertrauen, dass ein Mensch gut ist und Gutes will, so fremd er auch sein mag, das spornt mich an, mein Grundvertrauen in unsere Welt und in unser Zusammenleben neu zu überprüfen.

• Und ein Letztes: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen“. Jesus erbittet etwas zu essen von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Wenn die Begrifflichkeit auch sicher vermessen ist, die Auferstehung Jesu als Karrieresprung wahrzunehmen, so sehe ich doch darin einen Funken Wahrheit; wenn denn Karriere besagt, dass jemand etwas Gutes und Weiterführendes aus seinem Leben macht oder gemacht hat. Jesus hat etwas aus seinem Leben gemacht, weil er als ein auf Gott vertrauender Mensch gelebt hat und sich der Aussichtslosigkeit des Todes gestellt hat – auch in diesem Vertrauen auf Gott. Klaus Hemmerle nannte das mal: „Karriere nach unten“. Jesus zeigt sich den Menschen, seinen Freundinnen und Freunden als ein Bedürftiger; er setzt sich nicht ab von den Menschen, er erhebt sich nicht über sie. Er bleibt ihnen auf Augenhöhe verbunden; er bleibt einer von ihnen. Und er bekundet, dass er ihrer Unterstützung und ihres Beistandes bedarf, um satt und heil leben zu können. Jesus distanziert sich nicht von seiner Lebensgeschichte, weil er ja jetzt nach der Auferstehung ein anderer ist. Ganz im Gegenteil: Obwohl er den Jüngern voraus ist, geht er ihnen nach. Die Parallele zu unserer Zeit liegt nicht allzu fern. Wie nahe bleiben wir, auch wenn wir vorangekommen sind in unserem Leben? Wie verbunden bleiben wir, wenn uns Titel und Leistungen voneinander trennen?

Wenn das Evangelium ein Spiegel alles Menschlichen im Widerschein Gottes ist, dann sind wir nicht außen vor, sondern mittendrin in dem, was wir heute gehört haben. Niederdrückend Enttäuschendes, überraschend Belebendes und solidarisch Verbindendes machen unser Leben aus. Und diese ganze Vielfalt unseres Lebens dürfen wir auch im beginnenden Sommersemester zeigen, teilen. Wenn es uns gelingt, in dem, was geschieht, was wir erleben, woran wir teilhaben, den Widerschein Gottes zu entdecken, dann wird es eine gute Zeit werden. Das wünsche ich uns...Predigt am 15. April

Christoph Simonsen

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Frieden im Kleinen wie im Großen

„Die letzten Paradiese werden angepriesen und angeflogen:
Wasser, das noch nicht gechlort ist;
Auf Bali eine Palme, die nicht im Kübel steht;
Im Ruhrgebiet verkauft man Stille und Luft, garantiert nicht aus Leverkusen;
Im Rhein soll man bei St. Augustin einen Fisch gesehen haben.
Die Leute werden immer anspruchsvoller: Jetzt wollen sie sogar Frieden haben und miteinander Brot essen.“

Ja, das ist wirklich so, selten war die Sehnsucht nach Frieden so groß wie in unseren Tagen; seit langen Zeiten hatten die Ostermärsche in diesem Jahr mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als in den Jahren zuvor. Selten aber auch war die Verzweiflung so groß darüber, dass unsere Welt sich so unendlich verstrickt in Widersprüche und Egoismen, dass die Suche nach Frieden darüber in Vergessenheit geraten ist.

Dieses Gedicht aus den 70iger Jahren von Lothar Zenetti, einem Frankfurter Gemeindepfarrer, bringt dieses Erstaunen darüber sehr treffend auf den Punkt, dass Frieden scheinbar eine unerreichbare Utopie und gemeinsam Mahl zu halten wahrlich unvorstellbar ist. Die Welt in all ihrer Einmaligkeit und Schönheit geht vor die Hunde, so dass wir Menschen uns mit Kleinigkeiten zufrieden geben, wie eben in dem Gedicht beschrieben.
Das große Stichwort des heutigen Evangeliums heißt auch: Frieden. Und Frieden ist eben keine Kleinigkeit. Frieden mag im Kleinen anfangen, aber wirklich Frieden ist erst, wenn keiner mehr auf den anderen schießt, alle einander die Mittel zum Leben gönnen und niemand mehr unter die Räder kommen muss weil andere an ihrem Reichtum ersticken. In der Politik wird gerade ein neues Reizwort diskutiert: Grundeinkommen. Ein Einkommen also, dass das Leben sicher macht und keiner von Almosen leben muss, auch nicht von gesetzlich festgesetzten Almosen wie Hartz IV. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber warum sollte das eigentlich in unserer reichen Gesellschaft nicht möglich sein, dass allen ein Einkommen sicher ist, ohne dass Neid und Missgunst das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
Das heutige Evangelium ermahnt uns, Frieden als einen unersetzbaren Wert zu erkennen sowohl für mein persönliches als auch für unser gemeinsames Leben. Was bedeutet das? Darüber lohnt ein Augenblick des Nachdenkens und Nachspürens. Vielleicht bedeutet es: In mir einen nachhaltigen Hauch von Zufriedenheit und Dankbarkeit zu spüren; mich nicht gleich bei jeder öffentlichen Erschütterung gehen lassen, so als seien die Grundfeste meines Lebens ins Wanken geraten; nicht gleich mitschwingen auf der Empörungswelle, wenn irgendwer bei Facebook oder sonstwo einen Pups loslässt, wie schrecklich dieses oder jenes doch ist: Sind das vielleicht Anzeichen eines inneren ausgeglichenen Friedens? Ruhe bewahren und Ruhe ausstrahlen, das sind gewiss gute Merkmale, die auf einen inneren Frieden hinweisen können. Aber diese Ruhe darf nicht verwechselt werden mit einer Grabesruhe. Jesus, der das Grab überwunden hat, und der nun als der Auferstandene seinen Freundinnen und Freunden den Frieden wünscht, ruft zu einem sehr konkreten Frieden auf. Zu einem Frieden, der zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Freude und Sünde zu unterscheiden vermag. Das Kriterium aber, dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist kein Katalog, kein Gesetzbuch, sondern die Persönlichkeit Jesu selbst. Sein Geist ermöglicht diesen Frieden.
Heutzutage versuchen alle, die Mitte, anders gesagt, den möglichst schmerzfreien Ausgleich, zu finden, der keinem weh tut und so tut, als könnte man es allen und jedem Recht machen, ohne dass jemand sich wirklich verändern müsste. Politiker mühen sich um eine Politik der Mitte; Wissenschaftler suchen den Ausgleich zischen Schöpfungsverantwortung und Technologie. Wenn aber alle die Mitte suchen, dann ist es – bildlich gesprochen – dort ziemlich voll. Die Gefahr, sich gegenseitig auf die Füße zu treten und neue Aggressionen zu erzeugen, ist ziemlich groß. Das Mühen um Kompromisse gerät schnell an Grenzen der Glaubwürdigkeit. Jesu Geist, seine Persönlichkeit, sein Wesen weisen Weg und Ort auf, von wo aus Frieden ausgehen kann. Es ist den Weg der Verwundbarkeit. Gefährlich wird das Leben eher an den Rändern der Gesellschaft als in der Mitte, wo alles kuschelig warm und sicher ist. Wobei auch die Ränder ihre Tücken haben, die rechten wie die linken Ränder. Da gilt es, an Jesu Maßstab zu erinnern. So lange auf dem Weg die Frage nach Gott lebendig ist, nach dem Gott, der einlädt und nicht ausgrenzt, nach dem Gott, der Leben verheißt und nicht Tod, so lange ist der Weg ein Friedensweg. Frieden fängt im Kleinen an, aber mit Kleinem alleine sollten wir uns als österliche Menschen nicht zufrieden geben…Predigt am 08. April
Christoph Simonsen

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