Zeit, in den Glauben hineinzuwachsen

Wir haben alle unsere je eigene Geschichte, die uns dahin geführt hat, wo wir heute stehen. Und da man ja nicht immer wieder neu bei Adam und Eva anfangen kann – und es auch nicht will – bauen wir unser Leben immer wieder auf dem auf, was uns zuvor widerfahren ist. Und da herum bauen wir unsere Lebensgerüste, damit wir uns sicher fühlen können. Das Vergangene hat uns geprägt: oft hilfreich, manchmal auch belastend.  Der Gegenwart wie der Zukunft können wir nicht anders begegnen als mit den Erfahrungen, die wir in unserem bisherigen Leben gemacht haben. Das einzige, dessen wir uns gewiss sein können, ist das Erlebte, das Erfahrene. Das einzige, das uns keiner mehr nehmen kann, ist das Leben, das hinter uns liegt. Deshalb alleine dürfen wir unser bisheriges Leben ehren: das Leichte ebenso wie das Schwere, denn das eine durften wir genießen, das andere haben wir überstanden und sind vielleicht sogar stärker und reifer daraus hervorgegangen. Ich denke ganz bewusst hier an Reza und Jan; ihre Lebensgeschichte ist eine in besonderer Weise sehr bewegte und bewegende Geschichte.

So jung Reza und Jan auch sind, so vieles haben sie schon in ihrem Leben tragen müssen. Und an einem Tag wie heute ganz besonders gehen ihre Gedanken vielleicht zurück in ihre alte Heimat hin zu ihrer Familie, zu ihren Freunden. Gleichermaßen ist da sicher Wehmut im Herzen wie auch Erleichterung, Dankbarkeit ebenso wie auch Traurigkeit. Es ist gut, dass hier und heute alles sein darf an Gefühlen und Gedanken.

Aber wie alles im Leben, so auch euer beider wie auch unser aller Geschichte: Es ist im wahrsten Sinn des Wortes Geschichte; es ist gestern, und gestern ist nicht heute, so wenig es auch ein heute ohne das gestern gibt. Wenn wir die Perspektiven unseres Lebens alleine entwerfen aus den Erfahrungen der Geschichte, dann wird es uns nicht gelingen, dem Teufelskreis des Vergänglichen zu entrinnen. Wir werden niemals ganz erfahren, wer wir sind, und wozu wir sind, denn wir würden dann immer nur kreisen im Dunstkreis unserer Geschichte und all unserer kleinen Geschichten.

Wie elendig wäre Jesus zugrunde gegangen, hätte er seinen Lebensweg ausschließlich gestaltet mit den Erfahrungen seines Lebens. Er wäre von den vielen kleinen und großen Enttäuschungen aufgefressen worden und geblieben wäre am Ende nichts als Resignation.
Wäre die Geschichte die einzige Quelle für die Gestaltung des Lebens, so bliebe am Ende nichts als die bittere Erfahrung, dass im Letzten doch alles beim Alten bleiben wird.
Diesem Lebensmuster des Bewahrens, stellte Jesus das Lebensmuster des Wagemutes entgegen. Etwas wagen heißt immer auch: ausbrechen aus altgewohnten Mustern, Wege des Vertrauten und Gekannten zu verlassen.
Etwas wagen heißt: Nicht nur im Wissen um seine Geschichte, sondern auch im Vertrauen auf eine Zukunft die Gegenwart zu gestalten. Im Tod hat Jesus den Himmel offen gesehen. Er konnte diesen Weg des Sterbens nur gehen im Vertrauen auf diesen offenen Himmel, das heißt: im Vertrauen auf Gott. Jesus ist nicht steckengeblieben in der Vergänglichkeit der Geschichte, weil er an eine Zukunft in Gott glaubte; Jesus ist aber auch nicht abgehoben aus der Geschichte, weil er an die Gegenwärtigkeit Gottes im Hier und Jetzt glaubte. Deshalb sind auch Reza und Jan vor einigen Monaten aufgebrochen, weil sie ganz fest darauf vertraut haben, dass ihre Zukunft greifbar, erfahrbar wird, wenn sie ihre Geschichte durchkreuzen.

Ich möchte noch einmal auf den Anfang zurückkommen, auf mein Frühstücksritual, das Gott sei es gedankt heute einmal unterbrochen wurde.

Letztens saß ich am Frühstückstisch und las in der Tageszeitung einen Bericht über ein Hilfsprojekt in New York, welches jungen Drogengebrauchern, die sich von der Sucht befreien wollen, den Weg ins Leben neu ebnen soll. Ich lese, wie man halt morgens die Zeitung liest. Plötzlich stocke ich. Was habe ich da gerade gelesen? Ich fange den Absatz noch einmal neu zu lesen an: Da wird der Verantwortliche dieser Einrichtung zitiert mit dem Satz: „Wir geben ihnen den Luxus, sich Zeit zu nehmen“.  Ich merke, wie mich dieser Gedanke fesselt. Der weitere Verlauf des Berichtes interessiert mich nicht mehr. Mit diesem Gedanken gehe ich in den Tag hinein. „Wir geben ihnen den Luxus, sich Zeit zu nehmen“, und ich wünsche mir im Stillen, diese Weisheit weiterschenken zu können.
Dass jede und jeder Zeit findet, besser: sich Zeit nimmt, das wahrzunehmen an Empfindungen und Stimmungen, die in einem leben und sich ebenso Zeit nimmt, diese anzuschauen und zu hinterfragen. Sei es Trauer oder Angst, das Gefühl von Überforderung und Hetze, die Erfahrung einer Sinnlosigkeit; was auch immer in einem lebt im Augenblick, es möchte nicht verdrängt oder vertuscht werden.
„Wir geben ihnen den Luxus, sich Zeit zu nehmen.“ Wozu? Um den Augenblick des Lebens aus beiden Blickwinkeln betrachten: Aus der gelebten Geschichte ebenso wie aus der erhofften Zukunft. So eröffnet sich die Chance, beides zu verwirklichen im Leben: zu bewahren, was es zu bewahren gilt, und zu erneuern, wo es zu gestalten gilt.

Das Geheimnis des österlichen Ereignisses zu erfassen, braucht auch Zeit, viel Zeit. Auferstehung ist nicht ein geschichtliches, vergangenes Geschehen. Auferstehung ist ein immer wiederkehrendes Geschenk. Das zu erkennen, braucht Zeit, viel Zeit. Wer nicht in der Unzufriedenheit der eigenen wie der ganzen Geschichte bleiben möchte, sondern im Frieden einer geschenkten Zukunft leben möchte, der kommt nicht umhin, sich diesen Luxus „Zeit“ zu nehmen…Predigt am 16. April Ostersonntag

Christoph Simonsen

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