Predigten

Hier werden jeweils die Predigten von Christoph Simonsen (und ggf. Gästen) in den Hochschulgottesdiensten der KHG veröffentlicht. Fragen und FeedBack gerne über die Kommentarfunktion oder persönlich per eMail
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15. April 3. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 21,1-14
Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Hinter manch vertrauter Erzählung verbergen sich gern nüchterne, aber nicht weniger wertvolle Lebenserfahrungen. So auch in unserem heutigen Evangelium, das wir zu Beginn des neuen Sommersemesters 2018 hören. Mir scheint, da wird so einiges angesprochen an Grundsätzlichem und auch bedeutsame Lebensfragen kommen zur Sprache, die wir uns genauer anschauen sollten. Ich will jetzt nicht behaupten, die Heilige Schrift sei ein Lebensratgeber. Was sie aber ist: Ein Buch voller menschlicher Lebenserfahrungen, die im Licht des Glaubens reflektiert werden. Darauf möchte ich mich euch heute Abend schauen.

• „In dieser Nacht fingen sie nichts“. Menschen, die Ostern hautnah erlebt haben, die doch eigentlich wissen müssten, dass Sinn und Wert eines Lebens sich nicht misst an Erfolg oder Misserfolg, bleiben vor Enttäuschungen nicht verschont und lassen sich so richtig runterziehen von einem missglückten Arbeitstag. Jammern und Klagen, gehört wohl zum Leben dazu, auch wenn das keiner gerne zugibt. Auch österliche Menschen dürfen, können, müssen, wenn es denn angebracht erscheint, laut das Wort mit sch brüllen dürfen, ohne dass sie gleich vom Blitz erschlagen werden. Ich verrate meinen Glauben nicht, wenn ich auch mal an mir oder anderen verzweifele. Nicht Perfektion ist ein Kriterium für ein gelungenes Leben, nicht Geradlinigkeit, sondern die Bereitschaft zur Ehrlichkeit, sich selbst zu sagen: Es ist, wie es ist; und heute ist es eben sch… Misserfolg ist menschlich. Das zuzugeben und anzuerkennen verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion. Wir sind doch meist viel besser darin geübt, die Maske des Erfolgsmenschen aufzusetzen und so zu tun, als ob alles easy sei. Lieber „Gute-Laune-Bär“ als „Jammerlappen“. Und genau so will es ja auch unser System. Styling und Erfolg ist gefragt; letztens stellte eine gute Bekannte für sich fest, dass sie den Eindruck habe, in den Aachener Unis würden nur Nerds rumlaufen. Aber Erfolg macht Menschsein nicht aus. Weil wir aber meist darauf aus sind, Erfolgsmenschen sein zu wollen oder zu müssen, setzen wir Misserfolg mit Scheitern gleich. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt ein tieferer Blick in das heutige Evangelium.

• „Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“. Sie trauen sich aber auch nicht zu fragen, wer der Fremde am Ufer denn sei. Diese Scheu vor dem Fremden erzeugt Distanz und Unsicherheit. Selbst das vertraute Zureden von Jesus ändert nichts an der Tatsache, dass der Fremde ihnen fremd bleibt. Trotzdem tun sie, was er ihnen rät. Das finde ich sehr bemerkenswert. Wer verlässt sich, gerade wenn er mies drauf ist, darauf, was ihm ein Fremder sagt? Den Jüngern ist scheinbar trotz dieses Debakels eines nicht verloren gegangen: ein Urvertrauen darin, nicht ausgenutzt zu werden von anderen, und eine unverbrüchliche Überzeugung darin, dass der Mensch wohlmeinend ist, so fremd er auch sein mag. Das klingt in unseren Zeiten nicht nur befremdlich, sondern geradezu gefährlich. Ich vermag nicht zu sagen, ob es den Jüngern eher schwerer oder doch leichter gefallen ist, sich der Aufforderung des Fremden anzuvertrauen; aber sie haben es getan, und sie wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie wurden reich beschenkt. Ist ihr Verhalten nun eher waghalsig gewesen oder schlicht nur menschlich. Das mag jede und jeder von uns selbst entscheiden. Für mich ist wichtig: Fremdheit muss nicht Befremdlichkeit nach sich ziehen; Fremdheit kann auch überraschend reich machen. Darauf zu bauen und zu vertrauen, dass ein Mensch gut ist und Gutes will, so fremd er auch sein mag, das spornt mich an, mein Grundvertrauen in unsere Welt und in unser Zusammenleben neu zu überprüfen.

• Und ein Letztes: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen“. Jesus erbittet etwas zu essen von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Wenn die Begrifflichkeit auch sicher vermessen ist, die Auferstehung Jesu als Karrieresprung wahrzunehmen, so sehe ich doch darin einen Funken Wahrheit; wenn denn Karriere besagt, dass jemand etwas Gutes und Weiterführendes aus seinem Leben macht oder gemacht hat. Jesus hat etwas aus seinem Leben gemacht, weil er als ein auf Gott vertrauender Mensch gelebt hat und sich der Aussichtslosigkeit des Todes gestellt hat – auch in diesem Vertrauen auf Gott. Klaus Hemmerle nannte das mal: „Karriere nach unten“. Jesus zeigt sich den Menschen, seinen Freundinnen und Freunden als ein Bedürftiger; er setzt sich nicht ab von den Menschen, er erhebt sich nicht über sie. Er bleibt ihnen auf Augenhöhe verbunden; er bleibt einer von ihnen. Und er bekundet, dass er ihrer Unterstützung und ihres Beistandes bedarf, um satt und heil leben zu können. Jesus distanziert sich nicht von seiner Lebensgeschichte, weil er ja jetzt nach der Auferstehung ein anderer ist. Ganz im Gegenteil: Obwohl er den Jüngern voraus ist, geht er ihnen nach. Die Parallele zu unserer Zeit liegt nicht allzu fern. Wie nahe bleiben wir, auch wenn wir vorangekommen sind in unserem Leben? Wie verbunden bleiben wir, wenn uns Titel und Leistungen voneinander trennen?

Wenn das Evangelium ein Spiegel alles Menschlichen im Widerschein Gottes ist, dann sind wir nicht außen vor, sondern mittendrin in dem, was wir heute gehört haben. Niederdrückend Enttäuschendes, überraschend Belebendes und solidarisch Verbindendes machen unser Leben aus. Und diese ganze Vielfalt unseres Lebens dürfen wir auch im beginnenden Sommersemester zeigen, teilen. Wenn es uns gelingt, in dem, was geschieht, was wir erleben, woran wir teilhaben, den Widerschein Gottes zu entdecken, dann wird es eine gute Zeit werden. Das wünsche ich uns.

Christoph Simonsen

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08. April  –  2. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 20,19-31
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Frieden im Kleinen wie im Großen
„Die letzten Paradiese werden angepriesen und angeflogen:
Wasser, das noch nicht gechlort ist;
Auf Bali eine Palme, die nicht im Kübel steht;
Im Ruhrgebiet verkauft man Stille und Luft, garantiert nicht aus Leverkusen;
Im Rhein soll man bei St. Augustin einen Fisch gesehen haben.
Die Leute werden immer anspruchsvoller: Jetzt wollen sie sogar Frieden haben und miteinander Brot essen.“
Ja, das ist wirklich so, selten war die Sehnsucht nach Frieden so groß wie in unseren Tagen; seit langen Zeiten hatten die Ostermärsche in diesem Jahr mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als in den Jahren zuvor. Selten aber auch war die Verzweiflung so groß darüber, dass unsere Welt sich so unendlich verstrickt in Widersprüche und Egoismen, dass die Suche nach Frieden darüber in Vergessenheit geraten ist.

Dieses Gedicht aus den 70iger Jahren von Lothar Zenetti, einem Frankfurter Gemeindepfarrer, bringt dieses Erstaunen darüber sehr treffend auf den Punkt, dass Frieden scheinbar eine unerreichbare Utopie und gemeinsam Mahl zu halten wahrlich unvorstellbar ist. Die Welt in all ihrer Einmaligkeit und Schönheit geht vor die Hunde, so dass wir Menschen uns mit Kleinigkeiten zufrieden geben, wie eben in dem Gedicht beschrieben.
Das große Stichwort des heutigen Evangeliums heißt auch: Frieden. Und Frieden ist eben keine Kleinigkeit. Frieden mag im Kleinen anfangen, aber wirklich Frieden ist erst, wenn keiner mehr auf den anderen schießt, alle einander die Mittel zum Leben gönnen und niemand mehr unter die Räder kommen muss weil andere an ihrem Reichtum ersticken. In der Politik wird gerade ein neues Reizwort diskutiert: Grundeinkommen. Ein Einkommen also, dass das Leben sicher macht und keiner von Almosen leben muss, auch nicht von gesetzlich festgesetzten Almosen wie Hartz IV. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber warum sollte das eigentlich in unserer reichen Gesellschaft nicht möglich sein, dass allen ein Einkommen sicher ist, ohne dass Neid und Missgunst das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
Das heutige Evangelium ermahnt uns, Frieden als einen unersetzbaren Wert zu erkennen sowohl für mein persönliches als auch für unser gemeinsames Leben. Was bedeutet das? Darüber lohnt ein Augenblick des Nachdenkens und Nachspürens. Vielleicht bedeutet es: In mir einen nachhaltigen Hauch von Zufriedenheit und Dankbarkeit zu spüren; mich nicht gleich bei jeder öffentlichen Erschütterung gehen lassen, so als seien die Grundfeste meines Lebens ins Wanken geraten; nicht gleich mitschwingen auf der Empörungswelle, wenn irgendwer bei Facebook oder sonstwo einen Pups loslässt, wie schrecklich dieses oder jenes doch ist: Sind das vielleicht Anzeichen eines inneren ausgeglichenen Friedens? Ruhe bewahren und Ruhe ausstrahlen, das sind gewiss gute Merkmale, die auf einen inneren Frieden hinweisen können. Aber diese Ruhe darf nicht verwechselt werden mit einer Grabesruhe. Jesus, der das Grab überwunden hat, und der nun als der Auferstandene seinen Freundinnen und Freunden den Frieden wünscht, ruft zu einem sehr konkreten Frieden auf. Zu einem Frieden, der zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Freude und Sünde zu unterscheiden vermag. Das Kriterium aber, dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist kein Katalog, kein Gesetzbuch, sondern die Persönlichkeit Jesu selbst. Sein Geist ermöglicht diesen Frieden.
Heutzutage versuchen alle, die Mitte, anders gesagt, den möglichst schmerzfreien Ausgleich, zu finden, der keinem weh tut und so tut, als könnte man es allen und jedem Recht machen, ohne dass jemand sich wirklich verändern müsste. Politiker mühen sich um eine Politik der Mitte; Wissenschaftler suchen den Ausgleich zischen Schöpfungsverantwortung und Technologie. Wenn aber alle die Mitte suchen, dann ist es – bildlich gesprochen – dort ziemlich voll. Die Gefahr, sich gegenseitig auf die Füße zu treten und neue Aggressionen zu erzeugen, ist ziemlich groß. Das Mühen um Kompromisse gerät schnell an Grenzen der Glaubwürdigkeit. Jesu Geist, seine Persönlichkeit, sein Wesen weisen Weg und Ort auf, von wo aus Frieden ausgehen kann. Es ist den Weg der Verwundbarkeit. Gefährlich wird das Leben eher an den Rändern der Gesellschaft als in der Mitte, wo alles kuschelig warm und sicher ist. Wobei auch die Ränder ihre Tücken haben, die rechten wie die linken Ränder. Da gilt es, an Jesu Maßstab zu erinnern. So lange auf dem Weg die Frage nach Gott lebendig ist, nach dem Gott, der einlädt und nicht ausgrenzt, nach dem Gott, der Leben verheißt und nicht Tod, so lange ist der Weg ein Friedensweg. Frieden fängt im Kleinen an, aber mit Kleinem alleine sollten wir uns als österliche Menschen nicht zufrieden geben.

Christoph Simonsen

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Ostern 2018

Markus 16,1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

 

Heimat ist irgendwo anders:

Das Volk Gottes hat es schwer; es kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es wurde und es wird bis heute entführt, besiegt, erniedrigt, ja sogar der Vernichtung sollte es ausgeliefert werden. Und fast wäre es gelungen: Sechs Millionen Juden wurden – es ist gerade mal 75 Jahre her – wie Abfall behandelt und entsorgt. Das Volk Gottes kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es ist umzingelt von Menschen, von Völkern, die in Lauerstellung sind, es wieder zu vertreiben, wieder zu verjagen, wieder der Vernichtung preis zu geben. Heute aber: Heute ist das Volk Israel anders vorbereitet als zu vergangenen Zeiten; es hat – anders als damals -mächtige Verbündete und es hat Waffen, Atomwaffen, die ein Höchstmaß an Sicherheit gewähren sollen. Und es hat heute einen angestammten Ort; das Volk Israel hat ein Land, das ihm gehört: ein Heimatland mit Namen Israel. Wer könnte ihnen verdenken, dass sie ihr Heimatland hüten und verteidigen? Jeder Mensch, jedes Volk hat doch ein verbrieftes Recht auf Heimat.

 

Über das, was Heimat bedeutet, wird gerade viel geschrieben und diskutiert. Die einen verlieren ihre Heimat, die anderen verteidigen ihre Heimat. Um der Heimat willen werden Kriege geführt. Um der Heimat willen werden Grenzmauern hochgezogen. Um der Heimat willen werden Rüstungsetats aufgestockt. Um die Heimat zu schützen, werden sogar Gesinnungen aus der Erinnerung hervorgeholt, die längst überwunden schienen; völkische Gesinnungen werden wieder salonfähig. Und hier beginnt es, brandgefährlich zu werden, weil nämlich Volk und Heimat auf Gedeih und Verderb verknotet werden: Ein Volk – eine Heimat. So leiden heute das Volk der Palästinenser darunter wie ebenso das Volk der Juden, da sie doch an einem Ort dieser Erde gemeinsam leben müssen; die Kurden leiden darunter wie ebenso die Türken; Schiiten und Sunniten leiden darunter. Und auch wir leiden darunter, weil auch in unserem Land immer mehr Unfrieden herrscht ob der Frage, wer dazu gehören darf und wer nicht. Die ganze Welt darunter leidet, weil wir Heimat als etwas verstehen, was ausschließlich in einem abgeschotteten Zustand Wert besitzt. Kann ein Ort ‚Heimat‘ sein, vertrauter Lebensort, wenn er nur durch Gewalt, verbal oder sogar mit Waffen, aufrechterhalten werden kann? Und muss per Definition ein Ort immer nur einem Volk Heimat bieten?

 

„Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so beschrieb Jesus einmal seine Heimatlosigkeit. Nun also lag sein Haupt buchstäblich in einer Höhle; die Frauen waren auf dem Weg zu ihm. Der, der immer unterwegs war, hatte nun wenigstens im Tod seine Heimat, ewige Heimat gefunden, einen Ort der ewigen Ruhe. Und die wurde auch noch einem anderen genommen, wurde er doch in ein fremdes Grab gelegt Wenn die Frauen auch seinen Tod zu beklagen hatten, so gab es doch zumindest einen sicheren Ort, wo Trauer und Klage sich entfalten konnten. Aber wieder weit gefehlt: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

 

 

Es ist an der Zeit, dass wir uns vergewissern, was Heimat im Eigentlichen ist. Viele von uns sind sich gewiss, es muss eine irdische Heimat wie auch eine himmlische Heimat geben. Wir Menschen brauchen einen Ort, an dem wir verwurzelt sind, wo sich alles zusammenfügt, was wir zum Leben benötigen, wo wir ungefragt und wohlgemeint sein dürfen. Es braucht einen solchen Ort für die Zeit und auch für die Ewigkeit. Was aber ist, wenn Jesus dieses für uns Menschen scheinbar so wichtige, ja lebenswichtige Fundament in Frage stellt? „Ihr sucht Jesus von Nazareth? Er ist nicht hier“. Da, wo man ihn vermutet, wo er daheim ist im Tod, da ist er nicht. „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: er geht euch voraus nach Galiläa“. Dieser Dreischritt scheint eine neue Lebensdimension aufzuzeigen: Gehen – kommunizieren – suchen. Lebenssinn, ja sogar Lebensglück vollzieht sich nicht in einer Verortung, sondern vielmehr in einer neuen Bewegung und also in letzter Konsequenz auch in einer essentiellen Unruhe. Gott gönnt seinem Sohn auch nach seinem grausamen Tod keine ewige Ruhe. Der gern gewählte Trost ‚requiescat in pace‘ (Ruhe in Frieden) ist ein Trugschluss. Leben ist und bleibt immer in einem Unruhezustand und bleibt mit der Verantwortung verbunden, in Beziehung zu treten mit Neuem, Unvertrautem, Unverhofftem, Fremdem.

 

Wir sind das Volk Gottes, nicht ausgrenzend wir, als Christen, sondern wir, als Menschheit, und wir werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, auch nicht leichter. Ostern, das Lebensfest, macht das Leben nicht ruhiger, gewisser, bequemer schon gar nicht. Denn wir sind gerufen, um zu gehen, uns im Austausch zu vergewissern und gemeinsam Ausschau zu halten, wo heute der Ort ist, wo wir ihm begegnen können. Unsere jüdischen Geschwister im Glauben feiern heute, da wir das Osterfest begehen, ihr jüdisches Pessachfest; sie erinnern sich an den Tag der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Freiheit ist ein wunderbares Gottesgeschenk; jedoch ist dieses Gottesgeschenk verknüpft mit der Verantwortung, suchend wagend auf dem Weg zu bleiben. Der Weg aufeinander zu ist das Ziel: Juden und Christen, Palästinenser und Israelis, Schiiten und Sunniten, du und ich. Gott ist die Heimat, nicht ein Ort, ein Landstrich.

 

„In Galiläa werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“. Diese Verheißung ist uns gewiss, aber wo unser Galiläa ist, das müssen wir schauen. Was wir auf diesem Weg gut gebrauchen können, das sind wohlmeinende Verbündete; was wir ganz gewiss nicht brauchen werden, das sind Waffen, welcher Art auch immer.

Christoph Simonsen

Ostern 2018

Markus 16,1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Heimat ist irgendwo anders:

Das Volk Gottes hat es schwer; es kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es wurde und es wird bis heute entführt, besiegt, erniedrigt, ja sogar der Vernichtung sollte es ausgeliefert werden. Und fast wäre es gelungen: Sechs Millionen Juden wurden – es ist gerade mal 75 Jahre her – wie Abfall behandelt und entsorgt. Das Volk Gottes kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es ist umzingelt von Menschen, von Völkern, die in Lauerstellung sind, es wieder zu vertreiben, wieder zu verjagen, wieder der Vernichtung preis zu geben. Heute aber: Heute ist das Volk Israel anders vorbereitet als zu vergangenen Zeiten; es hat – anders als damals -mächtige Verbündete und es hat Waffen, Atomwaffen, die ein Höchstmaß an Sicherheit gewähren sollen. Und es hat heute einen angestammten Ort; das Volk Israel hat ein Land, das ihm gehört: ein Heimatland mit Namen Israel. Wer könnte ihnen verdenken, dass sie ihr Heimatland hüten und verteidigen? Jeder Mensch, jedes Volk hat doch ein verbrieftes Recht auf Heimat.

Über das, was Heimat bedeutet, wird gerade viel geschrieben und diskutiert. Die einen verlieren ihre Heimat, die anderen verteidigen ihre Heimat. Um der Heimat willen werden Kriege geführt. Um der Heimat willen werden Grenzmauern hochgezogen. Um der Heimat willen werden Rüstungsetats aufgestockt. Um die Heimat zu schützen, werden sogar Gesinnungen aus der Erinnerung hervorgeholt, die längst überwunden schienen; völkische Gesinnungen werden wieder salonfähig. Und hier beginnt es, brandgefährlich zu werden, weil nämlich Volk und Heimat auf Gedeih und Verderb verknotet werden: Ein Volk – eine Heimat. So leiden heute das Volk der Palästinenser darunter wie ebenso das Volk der Juden, da sie doch an einem Ort dieser Erde gemeinsam leben müssen; die Kurden leiden darunter wie ebenso die Türken; Schiiten und Sunniten leiden darunter. Und auch wir leiden darunter, weil auch in unserem Land immer mehr Unfrieden herrscht ob der Frage, wer dazu gehören darf und wer nicht. Die ganze Welt darunter leidet, weil wir Heimat als etwas verstehen, was ausschließlich in einem abgeschotteten Zustand Wert besitzt. Kann ein Ort ‚Heimat‘ sein, vertrauter Lebensort, wenn er nur durch Gewalt, verbal oder sogar mit Waffen, aufrechterhalten werden kann? Und muss per Definition ein Ort immer nur einem Volk Heimat bieten?

„Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so beschrieb Jesus einmal seine Heimatlosigkeit. Nun also lag sein Haupt buchstäblich in einer Höhle; die Frauen waren auf dem Weg zu ihm. Der, der immer unterwegs war, hatte nun wenigstens im Tod seine Heimat, ewige Heimat gefunden, einen Ort der ewigen Ruhe. Und die wurde auch noch einem anderen genommen, wurde er doch in ein fremdes Grab gelegt Wenn die Frauen auch seinen Tod zu beklagen hatten, so gab es doch zumindest einen sicheren Ort, wo Trauer und Klage sich entfalten konnten. Aber wieder weit gefehlt: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

Es ist an der Zeit, dass wir uns vergewissern, was Heimat im Eigentlichen ist. Viele von uns sind sich gewiss, es muss eine irdische Heimat wie auch eine himmlische Heimat geben. Wir Menschen brauchen einen Ort, an dem wir verwurzelt sind, wo sich alles zusammenfügt, was wir zum Leben benötigen, wo wir ungefragt und wohlgemeint sein dürfen. Es braucht einen solchen Ort für die Zeit und auch für die Ewigkeit. Was aber ist, wenn Jesus dieses für uns Menschen scheinbar so wichtige, ja lebenswichtige Fundament in Frage stellt? „Ihr sucht Jesus von Nazareth? Er ist nicht hier“. Da, wo man ihn vermutet, wo er daheim ist im Tod, da ist er nicht. „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: er geht euch voraus nach Galiläa“. Dieser Dreischritt scheint eine neue Lebensdimension aufzuzeigen: Gehen – kommunizieren – suchen. Lebenssinn, ja sogar Lebensglück vollzieht sich nicht in einer Verortung, sondern vielmehr in einer neuen Bewegung und also in letzter Konsequenz auch in einer essentiellen Unruhe. Gott gönnt seinem Sohn auch nach seinem grausamen Tod keine ewige Ruhe. Der gern gewählte Trost ‚requiescat in pace‘ (Ruhe in Frieden) ist ein Trugschluss. Leben ist und bleibt immer in einem Unruhezustand und bleibt mit der Verantwortung verbunden, in Beziehung zu treten mit Neuem, Unvertrautem, Unverhofftem, Fremdem.

Wir sind das Volk Gottes, nicht ausgrenzend wir, als Christen, sondern wir, als Menschheit, und wir werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, auch nicht leichter. Ostern, das Lebensfest, macht das Leben nicht ruhiger, gewisser, bequemer schon gar nicht. Denn wir sind gerufen, um zu gehen, uns im Austausch zu vergewissern und gemeinsam Ausschau zu halten, wo heute der Ort ist, wo wir ihm begegnen können. Unsere jüdischen Geschwister im Glauben feiern heute, da wir das Osterfest begehen, ihr jüdisches Pessachfest; sie erinnern sich an den Tag der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Freiheit ist ein wunderbares Gottesgeschenk; jedoch ist dieses Gottesgeschenk verknüpft mit der Verantwortung, suchend wagend auf dem Weg zu bleiben. Der Weg aufeinander zu ist das Ziel: Juden und Christen, Palästinenser und Israelis, Schiiten und Sunniten, du und ich. Gott ist die Heimat, nicht ein Ort, ein Landstrich.

„In Galiläa werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“. Diese Verheißung ist uns gewiss, aber wo unser Galiläa ist, das müssen wir schauen. Was wir auf diesem Weg gut gebrauchen können, das sind wohlmeinende Verbündete; was wir ganz gewiss nicht brauchen werden, das sind Waffen, welcher Art auch immer.

Christoph Simonsen


25. März – Palmsonntag

Lesung: Philipper 2,6-11
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: «Jesus Christus ist der Herr» – zur Ehre Gottes, des Vaters.

Gottbezogen und selbstbestimmt
Anfangs, draußen, als wir uns mit Jesus aufgemacht haben – symbolisch – auf den Weg nach Jerusalem, da wurde uns vor Augen geführt, wie wichtig es Jesus gewesen ist, sich auf seine Weise auf die Begegnung mit seinem Vater vorzubereiten. Die äußeren Umstände liefen schon – für alle spürbar – auf diese unausweichliche Tragik seines Lebensendes zu. Und er selbst spürte wohl auch, dass er dem Kommenden nicht mehr ausweichen konnte. Dennoch wollte er das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Er wollte für sich entscheiden, wie er den Weg zum Schafott, zum Kreuz antreten würde. Auch sein letzter Weg sollte wirklich sein Weg sein, nicht fremdbestimmt, nur gottbezogen.
Als Mensch lebte er ganz in der Zeit und die Uhr lief ganz offensichtlich gegen ihn; als Sohn Gottes aber lebte er über die Zeit hinausschauend und er vermochte gottvertrauend und den Menschen achtend seinen Weg zu gehen. „Wahrer Mensch und wahrer Gott“, so wird er im großen Glaubensbekenntnis betitelt. Wie ist das möglich? Wie kann ein Mensch Gott sein und Gott ein Mensch? Der Philipperbrief fasst es in einem Satz zusammen: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Aber auch das ist nur eine Tatsachenbehauptung, keine Antwort auf die Frage, wie das möglich sein kann: Gott und Mensch in einer Person.
Das christliche Gottesbild muss jedem, der in Gott den Herrscher des Universums sieht, ein Gräuel sein. Christinnen und Christen heute in vielen Teilen unserer Erde sind ihres Lebens nicht sicher. Sie werden der Blasphemie beschuldigt, der Gotteslästerung, da sie doch Gott so greifbar nahe ins Irdische, ins Endliche, ins Menschliche hineinziehen. Die Vorstellung, dass Gott als Mensch auf dieser Erde walten könne und wie ein Verbrecher am Kreuz ende, das ist für Außenstehende, für Andersglaubende unvorstellbar. Gott muss aus sich heraus immer der andere sein, der, der sich in seinem Sein und Wesen von allem menschlichen unterscheidet. Wer wirklich gottesfürchtig ist, dem muss ein menschlich erscheinender Gott und erst recht ein göttlich erscheinender Mensch mehr als befremdlich erscheinen. Kein Wunder, dass der christliche Glaube damals, aber auch in unserer Zeit, bekämpft wird – sogar bis aufs Blut bekämpft wird. Der christliche Glaube erregt Anstoß – und er muss Anstoß erregen. Glaubensüberzeugungen unterscheiden sich, grenzen sich voneinander ab, sind vielleicht sogar in einzelnen Fragen unvereinbar miteinander. Und dennoch: eines sind sie ganz gewiss nicht: siegesgewiss kriegerisch. So wie das Christentum in den vorderen Orient gehört, so gehört der Islam ins aufgeklärte Abendland. Jeder Glaube, gleich welcher Tradition, muss sich darin bewähren, ob er von Ehrfurcht und Achtung durchzogen ist oder eben nicht. Ein Glaube, der nicht den Fremden, das Fremde achtet, ist ein trügerischer Glaube. Was alle Glaubensüberzeugungen verbindet ist die Gewissheit, dass Gott immer der andere ist, der Unverfügbare und dass der Mensch immer das Geschöpf ist, der von Gott Geschaffene. Was Gott geschaffen hat, darf der Mensch nicht in Frage stellen. Diese Glaubenseinsicht zeigt sich im Christentum ebenso wie im Judentum wie im Islam. Gott offenbart sich und er bleibt zugleich immer das Lebensgeheimnis. Gott ist Vertrauter und Fremder. So ist es gut, dass uns allen dieser Gott eine Frage bleibt. Als Christ bin ich es allen schuldig, die Gott auf andere Weise suchen, zu erläutern, warum ich einem solch verrücktem Gott die Ehre gebe, warum ich einem solchen Mensch gewordenen Gott mein Leben anvertraue. Gott aber bin ich es schuldig, dass ich den anderen anhöre, ihn achte und in ihm Gottes Ebenbild sehe und mich von seinem Glauben anrühren lasse, denn Gott ist immer eben immer auch der andere, der Fremde. Wo besser sollte ich ihn erfahren können als in dem, was mir fremd ist.
In dieser Heiligen Woche werden wir diesem Gott in aller Konkretheit begegnen. Sein Leben, seine Liebe, seine Grenzenlosigkeit wird mir immer eine Frage sein. Aber nur mit dieser Frage in meinem Leben werde ich meinem Leben einen Sinn abringen können.

Christoph Simonsen

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18. März – 5. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 12, 20-33

Auch einige Griechen waren anwesend – sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten. Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

Verschenktes Leben

Habt ihr schon mal versucht, eine Privataudienz beim Papst zu bekommen? Es gibt Menschen, die reißen sich um solcher Art Begegnung und versprechen sich eine entsprechende Aufmerksamkeit in den Medien, um im Gespräch zu bleiben in der Öffentlichkeit. Es gibt aber Gott sei Dank auch eine andere Kategorie Mensch, und denen geht es wirklich um einen reflektierten Austausch und sie erhoffen sich einen guten Rat von einer Autorität, die frei und unabhängig auf das Leben schaut mit guten Augen und einem weiten Herzen. Bei Papst Franziskus, das zeigt die Erfahrung nach 5 Jahren seines Pontifikats, da ist manches möglich, was man nicht erwarten würde, aber dass ihr oder ich von ihm empfangen werden würden: wohl eher unwahrscheinlich.
Diese nicht näher beschriebenen Griechen im heutigen Evangelium haben auch um eine Audienz gebeten: Bei Jesus selbst; ob es bekannte Persönlichkeiten waren oder Menschen wie ihr und ich, das bleibt im Verborgenen. Auch ihre Absichten werden nicht näher beschrieben. Sie bleiben auf sich gestellt, auch ihnen wird keine Audienz gewährt, und da halfen nicht mal gute Beziehungen zu Freunden von Jesus, Andreas und Philippus nämlich. Dabei sagt man doch, dass Vitamin B in allen Lebenslagen hilft.

Ich bin bei diesem „aber“ hängen geblieben: „Jesus aber antwortete ihnen“. Worauf sollte er antworten, er ist doch gar nichts gefragt worden, zumindest nichts Inhaltliches. Wenn denn eine Frage im Raum stand, dann höchstens die, ob er denn Zeit habe für die griechischen Bekannten. Und darauf hätte Jesus einfach nur mit ja oder nein antworten können. Er redet aber viel ausführlicher und gänzlich losgelöst von dem, was vorher passiert ist. Und er redet nicht ausschweifend, weit ausholend, sondern kurz und knapp. Ein kleines Bild, das sich alle gut vorstellen und nachvollziehen können – das Bild vom Samenkorn – genügt, um seine Botschaft umfassend – und ebenso kurz und knapp – zu verbreiten: Wie das Weizenkorn muss auch der Mensch bereit sein, von sich selbst lassen zu können, sich selbst loslassen zu können, damit Neues gedeihen, wachsen, werden kann. Zukunft, ja: Ewigkeit wird Wirklichkeit, wenn wir Menschen von uns geben, uns weggeben, uns verschenken. Nicht die biologische Weitergabe von Leben versinnbildlicht die Größe des Menschen und seine Liebesfähigkeit, sondern die geistige Weitergabe seiner und ihrer selbst. Sich selbst – leidenschaftlich – in die Welt hineinbegeben und den anderen, der Schöpfung dienlich sein, das bringt einen ewig reichen Ertrag. Um es sehr plastisch zu sagen: Gott misst die Liebesfähigkeit eines Menschen nicht an der Frage, wieviel Kinder er gezeugt oder geboren hat, sondern wie viel er von seinen Lebensbegabungen und seiner Liebenswürdigkeit in die Welt hineingetragen  hat.
Altmodisch mag man das „dienen“ nennen. Papst Franziskus hat dieses altmodische Wort in die moderne Welt übersetzt. Er dient tatsächlich in einer unaufdringlichen und einfachen Weise und er dient gerade dort, wo die wenigsten hingehen; letzte Woche wieder in die Suppenküche auf Trastevere, wo er die Gemeinschaft San Egidio besuchte.. Nicht alle mögen seinen Dienst verstehen, weil sie große Worte und Taten von ihm erwarten. In meinen Augen sind sie groß und verändern mein Denken und Handeln mehr als manch andere kluge theologische oder soziale wissenschaftliche Abhandlung. Ich bin diesem Papst dankbar für seinen Dienst in den letzten 5 Jahren. Und für mich braucht es gar keine Privataudienz, mir genügt, dass er mich mit seinen einfachen, unscheinbaren Gesten und Worten anrührt und auch ermahnt, mich selbst zu hinterfragen, ob und wie ich mein Leben verschenke.

Christoph Simonsen

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11. März  – 4. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 3,14-21
Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Keine Angst vor der Dunkelheit
Die Tage werden wieder länger und die ersten Frühlingsgefühle konnten aufkommen: Die Sonne zeigte sich und wer draußen war, der konnte ein wenig ihre Wärme spüren. Schneeglöckchen und Krokusse springen auf. Ich bin mir sicher, nicht nur ich freue mich auf den Frühling. Nach den dunklen Wintertagen wieder eine Ahnung von Wärme und Licht zu bekommen, das ist einfach ein tolles Gefühl. Ich hab sogar schon die ersten mutigen Studis gesehen mit kurzen Hosen. Also Frühling, mach mal hinne und lass dich nicht mehr so lange bitten. Komm einfach. Wir vermissen dich alle.

Aber Licht und Wärme sind und bleiben nur die eine Seite des Lebens; Schatten und Dunkelheit lassen sich nicht so einfach ausblenden. Und das ist auch gut so. Besser schlafen tut man, wenn’s dunkel ist; und vorrangig die Dunkelheit bietet den Tieren Schutz, wenn sie verfolgt werden. Das Licht mag beliebter sein als die Dunkelheit, die Wärme behaglicher als die Kälte, und doch hat auch die Dunkelheit ihren Sinn und ihre Bedeutung.
Das nicht nur im wörtlichen, sondern auch in einem übertragenen Sinn. So bin ich zum Beispiel ganz froh, dass so manches in meinem Leben in der Dunkelheit verloren gegangen ist: Manches Traurige, auch manches Unvollkommene. Wenn wir auch die Sonnenseiten unseres Lebens lieber zeigen, so gehören die dunklen Seiten genauso dazu, wenn wir denn ehrlich sind. Es mag feige sein, unredlich vielleicht sogar, unmenschlich im schlimmsten Fall, und doch bin ich froh, dass ich manche Wirklichkeit meines Lebens ins Dunkle verbannen kann, so dass es die anderen nicht sehen. Sicher, das ist kein schöner menschlicher Schachzug; andererseits ist es eben doch menschlich, wenn ich vor den anderen gut dastehen möchte, denn die Angst vor Ablehnung und Isolierung ist groß. Die Welt war doch schon immer so: Wer Fehlerhaftes in seinem Leben zugibt, es sogar ungeschützt offenlegt, der hat in der Welt der Perfektion nichts zu suchen und kippt ganz schnell hinten runter.
Und so beginnen wir – leise und schleichend – abzuspalten und zu trennen, was doch eigentlich zusammengehört. Es entsteht die Welt des Lichts und die Welt der Dunkelheit. Und wir springen in unserem Inneren wie auch in unserem Verhalten mehr oder weniger gekonnt zwischen diesen Welten hin und her und verdrängen, wie gespalten unser Leben doch oft ist. Wir machen vergessen, dass dort, wo im Frühling die Sonne scheint, nicht nur das Schneeglöckchen wieder beginnt zu blühen, sondern auch das Moos und das Unkraut, das wir dann mit aller Mühe auszureißen versuchen im Wissen, dass es doch immer wieder kommt. Gott aber lässt die Sonne scheinen über Gutes und Böses. Und wir sind angehalten, alles wachsen und sogar reifen zu lassen bis zur Ernte.
Das Leben ist ein Ganzes und wird nicht dadurch wertvoller, dass wir es aufteilen in zwei Hälften: in eine vorzeigbare und in eine, die wir verstecken. Wir Menschen brauchen nicht zu retten und wir brauchen auch nicht zu richten. Wir bräuchten uns nur daran erinnern, dass Gott allein es ist, der das Leben – also auch das Unsrige – zu retten vermag, dann könnten wir aufhören uns zu Richtern zu erheben und über uns selbst oder über andere Gericht zu halten. Wenn dies allen klarer wäre, bräuchten wir uns auch vor unseren Fehlern und Schwächen nicht zu ängstigen und die Schwachstellen der anderen missbrauchen.
Wir könnten uns dieses Geschenk bewusster machen, und aufgrund dessen beginnen – wie es im heutigen Evangelium heißt – die Wahrheit zu tun. Und die Wahrheit ist, dass wir Menschen sind, unvollkommene, beschränkte Menschen. Nicht so tun, als sei alles nur licht und hell in unserem Leben und auch mutig ehrlich die Schattenseiten unseres Lebens verantworten, das ist wahrhaftig. Und es wäre möglich, denn niemand muss sich behaupten vor den anderen. Das Leben müsste nicht glatt gebügelt werden, wir könnten aufhören uns als Schöpfer eines utopischen, heilen Lebens zu gebären und wir dürften beginnen, uns in und mit unsrer Begrenztheit ins Licht Gottes zu stellen.

Unser Leben, und eben das Leben als Ganzes vollzieht sich im Licht und in der Dunkelheit. Je ehrlicher wir diese Wirklichkeit zulassen, je mehr wir uns eingestehen, Geschöpfe und nicht Schöpfer zu sein, umso mehr werden wir erfahren dürfen, in der Gnade Gottes zu stehen.
Also: Die Sache mit dem Licht und mit der Dunkelheit ist etwas komplexer, als wir vielleicht zuvor dachten. Wir könnten und dürften ehrlicher zugeben, dass beides zu unserem Leben dazu gehört. So schön der Frühling ist, auch der Winter hat seine schönen Seiten.

Christoph Simonsen

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25. Februar  – 2. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Lesung: Genesis 22,1-2.9-13.15-18
Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
2Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.

Gott-Vertrauen
Ich verstehe beide nicht: Gott nicht, der ein solch unmenschliches und unwürdiges Opfer von Abraham fordert und auch Abraham nicht, der die Liebe zu seinem Sohn aufgrund eines Kadavergehorsams in solch brutaler Weise zu verraten bereit ist. Ich verstehe Gott nicht und ich verstehe Abraham nicht. Beides muss ich ertragen. Wir müssen wohl alle zur Kenntnis nehmen, dass wir an Gott aber auch an Menschen manchmal irrewerden. Gott nicht zu verstehen, dafür müssen wir Menschen uns nicht schämen, denn Gott ist so groß und so anders, dass wir wohl nur staunend, fragend, zuweilen auch verstörend auf ihn schauen können; aber dass ein Vater seinen Sohn zu opfern bereit ist, um eines Gottes willen, der unmenschliches fordert, das wirft mich aus der Bahn. Das kann so nicht stehen bleiben. Nichts ist schutzbedürftiger, als die Liebe eines Vaters zu seinem Kind. Nichts ist verwerflicher, als Schutzempfohlene zu opfern, um welchen Preis auch immer, selbst wenn es das Geschenk der Ewigkeit wäre.

Die heutige Lesung, diese Begegnung zwischen Gott und Abraham, wie ist sie in Einklang zu bringen mit den Gedanken des vergangenen Sonntags? Wir haben gehört, dass Gott seinen Bogen in den Himmel gestellt hat, um alles Leben zu schützen, was unter dem Himmel lebt. Und heute? Ein machthungriger Gott, der seine Gelüste an Unschuldigen auslässt und ein unterwürfiger Vater, der keinen Mut hat, sein eigenes Kind zu beschützen. Die Bibel ist und bleibt ein Buch mit sieben Siegeln. Und ja: sie bleibt ein Buch, an denen wir uns die Zähne ausbeißen. Abraham verdient sich den Segen Gottes, weil er bereit war, sein eigenes Kind zu opfern. Wenn es dieser Bereitschaft bedarf, um die Wohlgefälligkeit Gottes für mich zu gewinnen, dann frage ich mich persönlich sehr ernsthaft, ob ich mich diesem Gott überhaupt anvertrauen möchte. Das soll der Gott Jesu sein, der Gott also, der den Himmel – wie wir heute ja auch hören – weit öffnet und sich tief herabbeugt bis in die Niederungen dieser Welt hinein?

Wie fern kann mir dieser Gott doch sein – und wie nahe auch! Wie verbohrt erlebe ich Gott – und wie vertraut auch zu anderen Zeiten! Die Bereitschaft Abrahams, seinen eigenen Sohn zu opfern, um Gott zu gefallen, werde ich nie verstehen und auch nie gutheißen können. Aber was mich zutiefst beeindruckt, was mich kleinlaut werden lässt, wenn ich hier vor euch stehe heute Abend, das ist dieses grenzenlose Vertrauen Abrahams in eben diesen Gott, dass er ihm zutraut zu wissen, was er tut und was er verlangt. Wir Menschen sagen ja manchmal etwas flapsig: „In Gottes Namen…“, wenn wir zu etwas ja sagen, obwohl wir nicht wirklich davon überzeugt sind. In Gottes Namen tut Abraham etwas, was er von sich aus – davon bin ich überzeugt – nie tun würde. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was Abraham gedacht, empfunden hat, als Gott ihm diese Forderung zugesprochen hat. Ich kann’s mir wirklich nicht vorstellen. Und genau so fremd ist mir die Intention Gottes, warum er so unmenschliches von Abraham verlangt hat. Aber was mir klar ist: Beide – Gott und Abraham – müssen in einer äußerst ungewöhnlichen Beziehung zueinander gestanden haben. Wer so miteinander umgeht, der ist entweder verrückt und krank, oder er hat ein unbändiges Vertrauen zum anderen. Kann Vertrauen Liebe relativieren, die Liebe zum Kind? Abraham hat diese Frage wohl für sich bejaht. Was ihm, wer ihm diese Kraft gegeben hat, weiß der Himmel. Für mich stellt sich die Frage, wie viel Vertrauen ich Gott gegenüber hege. Das ist wohl die drängendste und herausforderndste Frage überhaupt. Es ist die Frage, der wir uns jetzt in dieser Fastenzeit stellen könnten. Ich weiß, dass dies keine einfache Frage ist; Abraham ist der beste Beweis dafür. Aber wer Gott einmal in sein Leben hineingelassen hat, der kann im Letzten dieser Frage nicht mehr ausweichen.

Christoph Simonsen
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18. Februar 2018 – 1. Fastensonntag im Lesejahr B – 2018

Lesung: Genesis 9,8-15
Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet.

Kleine Zeichen bewahren das Menschsein
„Nie wieder!“ Deshalb haben Menschen in Dresden an einem Abend in der vergangenen Woche ihre Innenstadt hell beleuchtet. Es ist gut, es ist wichtig, Zeichen zu setzen; so wie Gott ein Zeichen des Bundes in den Himmel setzte. Am Montagabend setzten die Menschen in Dresden ein Zeichen. Nie wieder! Nie wieder Krieg und Zerstörung. Sie erinnerten an die Bombennächte des 13./14. und 15. Februar 1945. Die Stadt wurde in diesen Tagen dem Erdboden gleich gemacht. Tausende starben. Nie wieder! Das warme Licht der Kerzen sollte der Gewalt, dem Hass, dem Unrecht, dem Tod die Stirn bieten. „Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch und Blut vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben“. Nie wieder sollen Fliegerbomben eine Stadt in Schutt und Asche legen; nie wieder sollen Häuser und Wohnungen zerstört werden und das Leben der Menschen, der Tiere und Pflanzen ausgerottet. Nie wieder!
Gott geht auf die Menschen zu, macht ein unwiderrufliches Versprechen. Für alle Generationen soll es gelten: Nie wieder soll vernichtet werden, was aus Fleisch und Blut ist.

Ja, wir müssen Zeichen setzen; viel mehr Zeichen müssen wir setzen, um zu zeigen, wie wert uns unsere Schöpfung ist; um zu zeigen, wie notwendig es ist, aufeinander zuzugehen; um jeder und jedem klar zu machen, so wie bisher, kann es nicht weitergehen. Wir müssen Zeichen setzen, so wie Gott immer wieder Zeichen gesetzt hat, dass er sich seiner Verantwortung für das Leben bewusst ist. Kleine Zeichen sind ein Anfang. Kleine Zeichen können großes bewirken. So wie die Kerzen, die den Nachthimmel von Dresden erleuchtet haben vergangenen Montag. Ein Regenbogen macht die Welt nicht zum Paradies, aber alle, ob groß oder klein, erinnern sich an ihre vielleicht vergessene, verlorengegangene, vergrabene Fähigkeit zu staunen darüber, dass so eine wunderbare Farbenpracht den Himmel und das Herz zu verzaubern vermögen. Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht freut, wenn er einen Regenbogen am Himmel entdeckt. Und – wenn auch nur für einen Augenblick – ist alles Dunkle vergessen. Und es wird grenzenlos klar, das Dunkle kann überwunden werden.

Welche Zeichen möchten wir setzen? Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Zeichen, die sichtbar machen, dass uns am Leben liegt, und zwar nicht nur am eigenen, sondern am Leben der anderen nicht minder. Sich gesünder ernähren, hilft nicht nur der eigenen Figur, sondern auch der Schöpfung, die unüberhörbar weint, weil wir sie so ausbeuten. Zeichen setzen, bewusster leben; der Schöpfung Gutes tun, und darüber reden. So wie Gott auch darüber geredet hat. Er hat nicht nur den Bogen in den Himmel gesetzt, er hat den Menschen auch erklärt, warum er eben dieses Zeichen setzen wollte; er hat sich den Menschen erklärt. Nur wenn bewusst ist, was wir tun, warum wir es tun, welches Ziel wir damit verfolgen, kann es auch zu einer Kettenreaktion kommen, einer Kettenreaktion hin zu einem bewussteren und verantwortlicheren Leben. Zeichen setzen und darüber reden, wie wertvoll Lebensmittel sind, weil es nämlich Mittel zum Leben sind; Zeichen setzen und darüber reden, warum wir das gelbe Schild ans Fahrrad oder ans Auto geklebt haben mit der Aufschrift „Tihange abschalten“, weil wir nämlich verantwortlich mit den Energieressourcen umgehen wollen; Zeichen setzen und darüber reden, dass wir uns in den Kirchen oder in Verbänden und Vereinen engagieren, nicht als Freizeitbeschäftigung und Wohlfühlmoment, sondern weil uns an einem friedvollen Zusammenleben der Menschen liegt.

Zeichen setzen ist leichter gesagt als getan. Wir trauen den kleinen, symbolischen Zeichen nicht wirklich was zu. Wir verniedlichen sie damit, dass wir behaupten, sie seien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn schon Veränderung, dann auch richtig, so denken nicht wenige einflussreiche Persönlichkeiten. Wenn Veränderung, dann auch richtig, ohne Wenn und Aber. Die einen zeigen auf den berühmten roten Knopf, andere nehmen große Worte in den Mund, sprechen von notwendigen konservativen Revolutionen und verschweigen, dass Revolutionen nur in ganz wenigen Fällen unblutig verlaufen und immer welche auf der Strecke bleiben. Wirkliche, menschliche, friedliche Erneuerung beginnt aber zumeist im Kleinen, im Zeichenhaften. So wie der Regenbogen, der eigentlich nicht mehr ist als ein vorhersehbares Naturereignis, aber in der Deutung Gottes zu einem verbindenden Symbol für ein ganzes Volk wurde. Wer immer also heute mit einem Stoffbeutel einkaufen geht zum Beispiel, der mag ein natürlicher Konsument sein, aber er kann auch jemand sein, der sehr bewusst auf Plastikbeutel verzichten will. Wer in der Woche kein Fleisch einkauft, der mag jemand sein, der sich preisgünstiger zu ernähren bemüht, aber es kann auch jemand sein, der sichtbar auf die Massentierhaltung verweist und diese kritisiert. Wenn es dann anderen auffällt, dann kann sich ein Gespräch entwickeln und es beginnt dann gewiss keine Revolution, aber eine unscheinbare Einzelaktion entwickelt sich womöglich in einen unaufhaltsamen Schneeball.

Nie wieder! Nie wieder eine Welt, in der ein System die Menschen gefangen nimmt, kein Wirtschaftssystem, kein politisches System, kein religiöses System. Die kleinen Zeichen der Menschlichkeit, die scheinbar unbedeutenden Signale der grenzüberwindenden Verbundenheit, die unauffälligen Verweise auf die Wunder der Schöpfung, die sind es, die der Welt eine Ordnung zu geben vermögen und die Nähe des Reiches Gottes spürbar werden lassen.

Christoph Simonsen
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11. Februar 2018

  1. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 1,40-45

Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Kaputte Jeans und feiner Zwirn

Gar nicht so einfach, ein paar passende Jeans zu finden. Also, nicht dass es keine Auswahl gegeben hätte in dem Geschäft, in dem ich war. Die Wandregale waren voll mit Jeans. Und es lag auch nicht nur an meiner ungewöhnlichen Größe. Ich fischte wahllos ein paar aus dem Regal. Mist, die waren alle kaputt. Löcher am Oberschenkel, am Knie, eingerissen an der Wade. Klar, ich brauch ja nur durch die Stadt zu laufen, selbst jetzt, wo es so knacke kalt ist; wer was auf sich hält, läuft mit zerrissenen Jeans rum. Aber ich glaub, dafür bin ich zu alt, und vielleicht auch zu normal. Außerdem wäre mir Frostbeule das viel zu kalt. Aber irgendwie verrückt ist es schon: Da geben Leute viel Geld aus und kaufen sich eine kaputte Jeans. Das ist „in“ heute, so in, dass man fast schon auffällt, wenn man eine Jeans trägt, die keine Löcher aufweist. Tragen die Menschen kaputte Jeans, weil das modern ist, weil „man“ das so trägt heute? Und wenn morgen wieder die Hosen mit dem weiten Schlag modern wären, wie lange würde es dauern, bis alle dann wieder mit diesen weiten Beinkleidern rumlaufen würden? Ursprünglich war das, glaub ich zumindest, mal anders gedacht. Nicht um besonders zeitgemäß aufzutreten trug man anfänglich die löchrigen Jeans, sondern um sich abzusetzen von dem allzu biederen feinen Zwirn der anderen. Der Ästhetik des Schönen setzte man die Ästhetik des Zerrissenen, Kaputten, Verschlissenen entgegen. So solidarisierte man sich mit den Vergessenen und Abgesonderten in einer auf Prestige angelegten Gesellschaft.

Aber wie man sieht, ändern sich die Intentionen schneller als man gucken kann. Was gestern Ausdruck von Protest war ist heute zeitgemäße Moderne. Vielleicht zähle ich heute sogar schon wieder zu den Unangepassten, weil ich Wert darauf lege, eine Jeans ohne Löcher zu tragen.

„Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen“, so war die Vorschrift bis in die Zeiten Jesu hinein; wir hörten es eben in der Lesung. Kleider machen nicht nur Leute; Kleidung verbinden und trennen auch Menschen voneinander. Als ich letztens auf dem Campus Melaten auf einer Richtfestfeier war, da ist mir eines aufgefallen: Alle, also, fast alle alle hatten einen gediegenen Anzug an, eine leicht farbige Krawatte, zumeist etwas rötlich und braune Lederschuhe. Mein Nachbar bei der Feier stupste mich an und flüsterte mir zu: „Guck mal, die waren alle beim gleichen Herrenschneider“. Das ist das gleiche wie mit den zerrissenen Jeans, nur edler halt. Ich hatte Jeans an und eine Strickjacke. Und ich fiel auf. Peinlich! Oder?

Wie fühlen wir uns, wenn wir äußerlich so aussehen, dass wir überall auffallen? Wenn die zerrissenen Jeans ebenso wie der feine Anzug absolut aus dem Rahmen fallen; wenn alle mit dem Finger auf uns zeigen: ‚Guck mal, wie sieht der denn aus‘. Eine Studierende, die sich um eine neue Stelle bewirbt, muss doch Angst darum haben, beim Bewerbungsgespräch gleich ausgesondert zu werden, wenn sie da mit einer zerrissenen Jeans beim Personalchef aufläuft. Und der Freund, der auf der Fete mit Smoking und Fliege antanzt, wird unweigerlich krumm angeschaut?

Nun ist uns allen sicher auch klar: Alles verhaften bei Äußerlichkeiten wird dem Ernst dieser heutigen Texte nicht gerecht. Es geht nicht um das Äußere, es geht darum, dass Menschen wegen einer sehr ernsten Erkrankung ausgesondert werden, weggesperrt werden. Die Gesunden haben Angst vor den Kranken. Man kann vielleicht sogar noch Verständnis dafür aufbringen angesichts der damaligen unsicheren Kenntnisse über diese bedrohliche Erkrankung. Aber das macht es nicht menschlicher für die, die ausgesondert wurden damals.

Deshalb vielleicht für uns heute eine erste Konsequenz aus dem Gehörten: Jede und jeder mag sich anziehen wie sie und er es mögen; alle dürfen sich wohlfühlen in ihrer Kleidung. Und doch: Wir sollten uns vielleicht dessen erinnern, dass Menschen in zerrissener Kleidung andernorts und in anderen Lebensumständen sich dessen schämen, wie sie herumlaufen. Und wir sollten, wenn wir im feinen Anzug irgendwo hingehen, nicht automatisch davon ausgehen, dass wir was Besseres sind als die anderen. Kleidung ist eben mehr als eine Modeerscheinung. Im Ernstfall kann sie auch über das Schicksal eines Menschen entscheiden.

Und noch ein Zweites: Jesus sagt zu dem Geheilten, er solle sich den Priestern zeigen, denen also, die ihn zuvor ausgesondert und gebrandmarkt haben. Er soll sich denen, die aus einer vorgegebenen Autorität handeln und entscheiden, so zeigen wie er ist. Das ist Ausdruck eines gesunden und gereiften Lebens, sich unentstellt zu zeigen, wie man ist. Dann auch selbstbewusst und ungeschönt. Wie immer wir einander zeigen, wenn wir nicht mehr uns selbst zeigen, sondern nur unsere Fassade, dann sind wir krank.

Christoph Simonsen


4. Februar 2018

5.Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 1,29-39

Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Von Schwiegermüttern und ihren Schwiegersöhnen

Mir geht ein Gespräch nicht aus dem Kopf, das ich letztens nach dem Gottesdienst hier in der Citykirche mit einer Besucherin geführt habe. Es ist vierzehn Tage her. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Berufungsgeschichte der ersten Jünger am See von Genezareth. Sie gingen ihrer Arbeit nach und hatten wohl – wie sie es gewohnt waren – ihren Feierabend bei ihren Familien im Sinn als Jesus sie ansprach. Und dann hieß es an der Stelle wörtlich: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach“. Dieser Satz erregte Anstoß bei der Besucherin und sie fragte verständlicherweise, warum ich darauf nicht näher eingegangen sei. Ihm – Jesus – nachfolgen bedinge doch unweigerlich etwas anderes, nämlich andere Menschen alleine zurückzulassen, womöglich Partnerin und Kinder. Ist das Christentum so brutal radikal, dass jemand eine übernommene Verantwortung für die Familie mir nichts dir nichts für vernachlässigend hält und unversorgte Menschen ihrem Schicksal überlässt, um dann sozusagen befreit von bisherigen Aufgaben, seinen eigenen Idealen nachzugehen? Wer könnte das gut heißen: Frau und Kinder im Stich zu lassen, um egoistischer Weise eigenen Idealen nachzukommen. An solch einer Entscheidung scheiden sich die Geister. Die einen sagen: ‚Das ist aber mutig, dessen Glaube muss schon sehr groß sein‘. Aber es gibt wohl auch andere, und dazu gehört wohl die eben erwähnte Dame, die sagen: ‚So einfach abzuhauen ist nicht nur unverantwortlich, es ist unmenschlich und auch unchristlich‘. Sollte nicht jede und jeder dort ihre und seine Berufung leben, wo die Lebensgeschichte sie hingestellt hat? Radikaler Glaube kann auch Ausdruck einer Flucht sein vor der Verantwortung und radikaler Glaube kann auch krank machen.

Vielleicht hören wir heute eben genau von den ungeahnten Konsequenzen dieser Seite einer falsch geleiteten gläubigen Radikalität. Es mag nur eine Spekulation sein, ein Kopfkino; aber selbst, wenn es so wäre; es könnte wahr sein und es könnte noch einmal neu die Frage aufwerfen, was ein Glaube einem Menschen abverlangen darf.

Die Schwiegermutter des Petrus ist krank; Fieberschübe plagen sie. Jeder gute Mediziner weiß, dass äußere Krankheitsbilder nicht selten Ausdruck innerer Zerrissenheit sind. Was wohl die Mutter des Petrus so krank macht? Wie gesagt, jede Beantwortung bleibt im Bereich des Spekulativen. Aber eines liegt doch nahe: Sie sorgt sich um ihre Tochter, und sie hat Angst, im Alter unbegleitet zu sein. Ihr Schwiegersohn, Simon, hat für sein Leben eine neue Mitte gefunden, die Familie droht daraufhin zu zerbrechen. Und wir Heutigen müssen bedenken, dass Familie zur Zeit Jesu nicht nur zwei Generationen umfasste, sondern sehr oft drei, manchmal sogar 4 Generationen. Wo bleibt da ihre Tochter, wo bleibt sie, die Schwiegermutter, im Alter? Wer würde sich diese Fragen nicht stellen! Tiefe Sorge kann eben auch krank machen.

In diese schwierige Situation wird ausgerechnet Jesus hineingezogen. Der, der womöglich der Verursacher dieser schwierigen Situation ist, wird zurate gezogen. Und er entzieht sich nicht. Er spricht mit ihnen über die Schwiegermutter und damit wohl auch über die neu entstandene Lebenssituation in der Familie. Dann geht er zur Schwiegermutter und berührt sie. „Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie“, heißt es dann weiter. Eine kurze wortlose Begegnung, die eine unerwartete Heilung nach sich zieht und die neu Kraft schenkt. In diesem Augenblick berühren sich Empathie und Radikalität. Die einfühlsame Art Jesu, wie er der alten Dame begegnet, vermag die Angst der Schwiegermutter vor einer ungewissen Zukunft zu verbannen. Und sie, die Angst hatte, dass ihre Familie unversorgt bleibt, sorgt nun, neu gestärkt, für alle – auch für Jesus.

Jede und jeder kann ihre und seine Lebensform finden, wenn ihm jemand zur Seite steht und wirklich ernst nimmt, was an Ängsten und Sorgen, aber auch an Sehnsucht und Hoffnung tief im Innern des Menschen schlummert. Es mag zu einem Rollentausch kommen, es mag Verschiebungen von Verantwortlichkeiten geben, aber es bleibt keiner alleine, ungeachtet, unversorgt, ungetröstet. Eine Radikalität, die lieblos daherkommt, ausgrenzend, fanatisch, ja sogar vernichtend, eine Radikalität, die trennt, kann nicht die Radikalität sein, die in Jesu Nachfolge führt. Eine bewusste und gelebte Religiosität birgt immer ungeahnte Konsequenzen in sich, aber gewiss keine, die krank machen dürfen.

Christoph Simonsen


27. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,21-28

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Von meiner Besessenheit

Ich bin besessen. Ich bin besessen von der Überzeugung, ich könnte die Welt und das Leben verstehen. Ich bin besessen von dem Wahn, was ich bis heute noch nicht verstanden habe, spätestens morgen verstehen zu können. In mir lebt ein Fremder mit Namen ‚Perfektionismus‘, der mir einflüstert, das Vollkommene sei machbar, die letzte Frage sei zu beantworten und das tiefste Geheimnis würde sich auflösen können. Ich bin besessen von der Macht des Objektiven.

Ich bin nicht ich; ich bin der Fremde in mir. Ist da bitte irgendjemand, der mich zur Rebellion drängt, der mir behilflich ist, der Macht des Faktischen zu widersprechen und der mich der sein lässt, der ich bin. Ich will wirklich mehr sein als eine  fremdbestimmte Variable, die nur so lange interessant ist, bis der letzte Beweis gefunden ist dafür, dass die Welt ein Zufallsprodukt und der Mensch eine Hybris seiner selbst ist. Ist da jemand, der mein Herz versteht, und der mit mir bis ans Ende geht? Wenn ich selber nicht mehr an mich glaub, ist da jemand?

Ich kann das gut überspielen, aber tief im Innern macht es mich krank: Ich bin tatsächlich nicht “ich”, auch wenn ich mich nach außen hin so zeige und bewege, als sei ich “ich”. Vielmehr bin ich “er”; Was von mir sichtbar ist, ist Schein. Was ich als “ich” darstelle, sind eigentlich die Gedanken anderer: die Einflüsterer und Zuflüsterer, die es schaffen, sich immer wieder  in mich hinein zu bohren; die mich zur Hülle machen, damit sie unantastbar und unangreifbar werden und damit das unantastbar wird und unangreifbar bleibt, was sie in mich hineingestopft haben; sie haben mich zum Filter verformt, damit nicht verunsichert wird, was  von ihnen durch mich so zielorientiert und selbstbewusst in die Welt hinausposaunt werden soll.

Ich bin schon längst nicht  mehr ich, sondern “er”? Oder bin ich sogar schon “es”? Ich bin nur noch das, was in mich eingeflossen ist und was andere mir eingeflößt haben. Ich bin eigentlich gar nicht mehr Persönlichkeit, sondern nur noch Wissen? Ich bin Speicherkarte, nicht mehr Fleisch und Blut und Herz. Ich bin vielleicht widerlegbar, aber nicht mehr verletzbar. Gibt es mich eigentlich überhaupt?

Ob “Er”, der Besessene, sich diese Frage auch gestellt hat; dieser Besessene, von dem wir eben im Evangelium gehört haben? Ob diese Angst vor der eigenen Nicht-Existenz ihn hat aufschreien, rebellieren lassen gegen sich selbst und gegen alle, sogar gegen Gott; diese Angst, nur deshalb zu sein, weil andere das ihrige in ihn hineingestopft haben? Wer sich so verloren hat, der hat nichts mehr zu verlieren. Wenn der letzte Funke Selbstachtung weg ist, dann ist Leben nur noch grausam.

Und dann stand “er”, der Besessene, “ihm” gegenüber, “ihm”, der ihn nicht noch weiter zugestopft und zugemüllt hat, sondern das gegeben hat, was einzig den Menschen zum Menschen macht. “Er” hat sich gefunden und “er” konnte endlich – vielleicht zum ersten Mal “ich” sagen, weil einer ihm Selbstachtung geschenkt hat.

Ich möchte diese Erfahrung machen, die “er”, der Besessene gemacht hat. Dass einer “Du” sagt, damit ich “ich” sagen kann. Dann, das ahne ich, werde ich über mir selbst erstaunt sein und die anderen werden nicht weniger erstaunt sein. Und diesem Staunen können große Taten folgen.

Ich will keine Experten mehr sehen, nicht in den Talkshows und auch nicht in meiner direkten Umgebung.  Ich will Menschen er-leben. Menschen, die für das, was sie sagen, als Person einstehen. Menschen, die wahrhaftig und glaubwürdig sind aus sich heraus und die berichten, was niemand sonst berichten kann, nämlich von sich und ihren Lebenserfahrungen. Ich will angesprochen werden und betroffen sein. Ich will ein Gegenüber spüren, ergriffen sein,  überwältigt werden von Menschlichkeit, hineingenommen werden in das Leben eines Anderen. Ich will reicher werden an Lebenserfahrungen und reicher an Wahrheit, einer Wahrheit jenseits von Allgemeingültigkeit. Ich weiß, dass es schwer ist,  eigene persönliche Erfahrungen offen nach außen zu tragen. Jedoch geben gerade sie dem Leben Gewicht. In stürmischen Zeiten werden sie zum Anker und verhindern, dass ich zum Leichtgewicht werde, den Böen des Lebens ausgeliefert. Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, und ich will ihre Erfahrungen mittragen.

Ich will Mensch werden mit Träumen und Ängsten, mit Glauben und Zweifel. Ich will ich selbst werden. So werde ich Zeuge für Gottes Gegenwart in unserer Welt.

Christoph Simonsen


21. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,14-20
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Radikal anders oder anders radikal
Kara, Max, Lucila, Hannes, Armin, Jana, Claudius, Elisa, Jonas, Amelie, Andreas: Das sind einige Namen der Studierenden, denen ich in den vergangenen Tagen begegnet bin. Mit jedem Namen verbindet sich eine je eigene, ganz persönliche Lebensgeschichte, die sie mir anvertraut haben. Keinem von ihnen bin ich zuvor begegnet, aber so bald werde ich sie alle nicht mehr vergessen. Eine einzige Begegnung vermag unendlich viel zu bewirken. Alle in je verschiedener Weise haben mir meine Sesshaftigkeit, meine Bequemlichkeit, meine Unbeweglichkeit bedrängend vor Augen geführt. Mein Leben wurde mir neu zur Frage, und dafür bin ich dankbar. Mir bis dahin fremde Menschen haben von sich erzählt; jede dreiviertel Stunde, die ich mit einem von den jungen Bewerberinnen und Bewerbern für das Stipendium teilen durfte habe ich als eine geschenkte Zeit empfunden. Einander von den Quellen zu erzählen, wo man her kommt und aus denen man lebt und von den Mündungen, auf die zu man sich bewegen möchte. Das ist nicht einfach, aber es ist frei von Konkurrenzdenken und Leistungsvermögen, denn kein Leben ist mit einem anderen vergleichbar. Vom eigenen Leben zu erzählen, das ist in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich, lieber erzählen wir von dem, was wir haben und können als davon, wer wir sind. Biographien heute müssen geradlinig sein, ungebrochen, das ist gut für Wirtschaft und Industrie. Dass aber gerade gebrochene Biographien, Lebensumwege und Lebenssuche zu einem erfüllten Ziel führen, das ist in unserer schnelllebigen Welt nicht vorgesehen. Dabei sind es gerade oft die Umwege, die uns zu uns selbst führen.
Simon, Andreas, Jakobus, Johannes; vier Männer, die sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt darüber definiert haben, was sie machen – fischen nämlich, arbeiten, Geld verdienen, Familie ernähren, all das, was uns auch antreibt, fleißig zu sein und strebsam. Dann sind sie einem Mann begegnet, der sie auf eigenartige Weise angeschaut und angesprochen haben muss. In diesem Augenblick ist etwas Lebensentscheidendes passiert. Im Blick Jesu erkannten sie sich selbst und im Ruf Jesu hörten sie Unerhörtes: ‚Du bist mehr als das, was du gelernt hast! Du kannst Größeres als das, was dir bisher zugetraut wurde! Du bist der Ort, wo Gott zuhause ist!‘ Was dann passiert ist, kann man kaum in Worte fassen. Kein Wunder, dass die Heilige Schrift da so knapp und nüchtern daherkommt: sie ließen zurück, was war und folgten Jesus. Sie sind ausgebrochen; ausgebrochen aus ihrem bisherigen Leben, ausgebrochen aus dem Korsett der von außen gesetzten Normen und Verpflichtungen, ausgebrochen aus dem Karussell des immer wieder Gleichen und Gewohnten.

Was Zebedäus wohl gedacht hat in dem Moment, als seine Söhne sich von ihm verabschiedet haben? Ob er sie innerlich für verrückt erklärt hat und gedacht hat, seine Söhne seien schon bald wieder zurück? Ob er versucht hat, sie zurückzuhalten? War er traurig, war er wütend? Man weiß es nicht. Davon ist nichts festgehalten. Dem Verfasser des Evangeliums scheint das wohl auch nicht wichtig gewesen zu sein. Es gibt Augenblicke im Leben, da darf man keine falsche Rücksicht nehmen auf die Erwartungen der anderen.
Eine solche Radikalität des Lebens, des Glaubens, des Vertrauens scheint heute undenkbar. Wer von uns könnte sich den Erwartungen unserer Gesellschaft entziehen, nicht nur steuerzahlend zum Wohle aller beizutragen, sondern vor allem dem Verantwortungsbewusstsein folgend für sich und seine Lieben, für Lebenssicherheit und Zukunft Sorge zu tragen? Diesem Dilemma sind wir, die wir heute Abend alle zur Ehre Gottes hier sind, in gleicher Weise ausgesetzt. Eine Radikalität des Glaubens steht einem Verantwortungsbewusstsein für das Leben entgegen. Oder etwa doch nicht? Denn wenn dem so wäre, so müssten wir doch alle der Verzweiflung nahe sein.
Vielleicht genügt es – für heute zumindest – wenn wir, wie ich es erfahren durfte in den Gesprächen mit den Kunststudierenden – wenn wir uns offen halten, unser Leben zur Frage werden zu lassen und wenn wir die Brüche in unserem Leben nicht kaschieren, sondern sie bewusst anschauen. Und dann: Im Gespräch bleiben, sich hinterfragen und die Radikalität des Glaubens ins eigene konkrete Leben hineingreifen zu lassen und sich so eine Offenheit bewahren für das Wort Gottes, das wäre schon einmal ein Anfang. Wer weiß, was dann in uns und mit uns geschieht. Nur Gott allein.

Christoph Simonsen

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14. Januar 2018

Lesung: 1 Samuel 3,3b-10.19
Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel wuchs heran und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt. Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.

Gute Nacht
Diese Predigt möchte euch zum Einschlafen bringen. Also nicht überrascht sein, wenn heute alles etwas ruhiger und entspannter ist. Ich halte mich heute mal an den heiligen Augustinus, der gesagt haben soll, dass es wenig Gesünderes geben würde als einen guten Kirchenschlaf. Ihr dürft ruhig die Augen schließen und zu dösen beginnen. Schlafen, einfach schlafen.
Ich bin mir fast sicher, dass ihr euch wundern werdet, was so alles passiert, wenn wir schlafen. Manchmal, wenn wir aufwachen, erinnern wir uns an kleine Traumfetzen. Aber Wissenschaftler sagen: Das, was uns da in Erinnerung kommt, ist nur die Spitze dessen, worüber wir alles im Schlaf nachgesonnen haben. Im Schlaf passiert unendlich viel, viel mehr, als wir zu ahnen wagen. Schlaf ist alles andere als langweilig; Schlaf ist ein wichtiger Akt der Selbstfindung und der Selbstverortung. Im Schlaf finde ich mich tiefer, gewissenhafter, nachhaltiger; ich Schlaf finde ich mich selbst. Und wer sich findet, der findet unweigerlich zu seinen Quellen und zu seinen Zielen; der findet zu Gott.
Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht: Nur schlafen und dann zur tiefsten Selbsterkenntnis gelangen. Ein wenig mehr gehört dann doch noch dazu. Und hier kommen Samuel und Eli ins Spiel. Aus dem Schlaf erwacht, geht Samuel zu seinem väterlichen Freund und erzählt ihm, was ihm im Schlaf widerfahren ist. Er hat einen Ruf vernommen; und wer anders sollte ihn gerufen haben als der, der in seiner Nähe ist. Deshalb geht er zu Eli und fragt nach dem Anlass. Eli zeigt sich ratlos: „Ich hab dich nicht gerufen.“ Samuel solle ruhig weiterschlafen. Das wiederholt sich dann wieder und wieder. Und im Sich-Wiederholen dieser Prozedur reift und wächst etwas. Was da reift, ist beiden selbst nicht so richtig klar, aber dass da etwas in Bewegung gekommen ist, das spüren beide.
In den Schlaf hinein ins Bett legt sich sozusagen mit Samuel eine ungewöhnliche Achtsamkeit. Der Schlaf ist womöglich nicht mehr so tief, es ist eher ein Dämmern. Wenn wir manchmal sagen, dass wir nicht haben schlafen können, dann ist das oft weniger ein nicht können als ein nicht wollen. ‚Ich will nicht wirklich tief und fest schlafen, weil ich spüre, dass da irgendetwas in mir reifen und gedeihen möchte‘. Diese Momente zulassen, sich auf sie einlassen und sie mitnehmen in den Tag und sie ins Gespräch bringen mit lieben vertrauten Menschen: diese Momente können zu tragenden Erlebnissen für das ganze Leben werden. Nicht, dass sie es werden müssen, aber sie können es werden, so wie bei Samuel. Deshalb ist es so hilfreich und lebenswichtig, ins Gespräch zu bringen, was sich in der Nacht in Erinnerung gebracht hat. So vermögen wir auch wachsen und reifen und spüren, dass Gottes Worte auch in unserem Leben nicht unerfüllt bleiben.
So wünsche ich uns allen aufmerksame Schlafstunden und sensible Gesprächspartner, die uns anleiten, auf die Stimme, die uns zu hören, es könnte die Stimme Gottes sein.

Christoph Simonsen

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07. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,7-11

Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

Tief im Innern, da ist das Leben

Ich schau mich um und freu mich, in bekannte, vertraute Gesichter zu schauen; dazwischen manch neues Gesicht, mir noch fremd, aber das kann sich ja ändern. Es ist schön, Euch alle zu sehen heute Abend. Wir dürfen noch einmal zusammen Weihnachten feiern. Wie in der Weihnacht, so öffnet sich heute wieder der Himmel und ein Zwiegespräch beginnt, ein Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch. Wie ist das, wenn Gott und Mensch miteinander sprechen; wie ist das, wenn sie einander anschauen, tatsächlich in die Augen schauen: Gott und Mensch? Wie das ist, das können wir ein wenig vielleicht erfahren, wenn wir uns an Augenblicke erinnern, in denen uns Begegnungen wirklich geglückt sind. Vielleicht kommen sogar Begegnungen in den Blick, die ihr an den Weihnachtstagen erlebt habt. Sicher habt ihr eure Familien besucht, die Großeltern auch, wenn sie noch leben; oder ihr seid nach dem Familienfest abends noch mit Freunden zusammengesessen.  Weihnachten ist doch eine schöne Gelegenheit, über Generationen hinweg Verbundenheit zu spüren. Da begegnen Junge und Ältere; und so unruhig und stressig die vorweihnachtlichen Tage auch gewesen sein mögen, dann, am Heiligen Abend oder an den Feiertagen, da wird es ruhiger und wir schauen einander viel entspannter an als zuvor. Da erkennen wir tatsächlich im Gesicht des älteren Menschen liebevoll die Spuren gelebten Lebens; und die Großeltern nehmen vielleicht den Wagemut des Enkels und die Lebenslust  in seinen Augen wahr und staunen über die selbstverständliche Weltgewandtheit, die so wunderbar unbekümmert und ansteckend ist. Einander anschauen und hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare erkennen. In der Tiefe eines Menschen, da zeigt sich  nicht nur das Geheimnisvolle des Lebens, da ist das Leben vor allem echt und ehrlich. Und was echt und ehrlich ist, das ist auch wertvoll, das ist schützenswert.

Das möchte Gott: Das Wertvolle und Schützenswerte im Menschen entdecken, das Liebenswerte. „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen“. Dazu braucht es Achtsamkeit, Geduld, Ausdauer; es muss halt erst die Oberfläche überwunden werden, um zum Kern, zur Seele vorzudringen. Das ist ein großes und wunderbares Geschenk, wenn wir einander durchlassen, wenn wir einander zulassen, zur Mitte, zum Lebenskern vordringen zu dürfen. Es ist mehr als ein Geschenk; es ist die Voraussetzung dafür, Mensch zu sein.

Wer nur sich selbst kennt, der kennt sich gar nicht. Auf den ersten Eindruck erscheint das paradox; aber Gott selbst ist der beste Beweis dafür: Erst in der Begegnung, in der wahren Begegnung, im Erkennen seines Gegenüber, vermag der Mensch sich wahrhaftig zu erkennen. Die Eltern, die Hirten, die Weisen, sie erkennen sich selbst im Blick auf das Kind in der Krippe; erst im Gegenüber des kleinen Kindes erkennen sie ihre Würde, ihre Größe, ihre Einmaligkeit. Und auch das Kind: in der Ehrfurcht der anderen ihm Gegenüber wird er erwachsen  und erkennt seinen göttlichen Auftrag und nimmt ihn an. Gott wächst in seiner Göttlichkeit und der Mensch erfährt, was Menschsein bedeutet in der Begegnung, im je anderen.

Deshalb sind wir aufeinander verwiesen. Deshalb ist Freundschaft, Vertrauen, Liebe viel mehr als nur eine Versüßung des Lebens, sondern vielmehr Grundvoraussetzung für Selbsterkenntnis und Menschwerdung. Wer Freundschaft, Vertrauen, Liebe verweigert oder missbraucht, der verschließt Menschen die Chance, sich so nahe zu kommen, dass sie im Einklang sein können mit sich selbst. Seien wir einander behilflich, dass wir in diesem neuen Jahr 2018 als Menschen leben können so, wie Gott uns gedacht und gemacht hat.  Schenken wir einander Vertrauen und Wertschätzung. Schauen wir einander an, so wie Gott uns anschaut: Mit Wohlwollen und der existentiellen Erwartung, auf diese Weise dem/der anderen wie auch sich selbst dienlich zu sein auf dem Weg der gottersehnten Menschlichkeit.

Das Wasser der Taufe mag uns erinnern und ermutigen, das Oberflächliche und äußerliche beiseite wischen, oder besser: waschen zu können und dem Herzen des Nächsten nahe zu kommen.

Christoph Simonsen

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  1. Advent im Lesejahr B – 2017
    17. Dezember

Lesung: Jesaja 61,1-2a.10-11
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe  und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde  und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, / er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt / und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt. Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor  und Ruhm vor allen Völkern.

Über das Absolute
„Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“; das ist eine These von Sr. Theresa Forcades. „Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“. Die spanische Benediktinerin bezieht sich auf das 25. Kapitel des Matthäusevangeliums, wir haben es vor einigen Wochen am Sonntag des Christkönigfestes gehört, ihr erinnert euch vielleicht. Jesus spricht vom Endgericht und verheißt den Menschen das Paradies, die in den Hungernden ihn, Jesus, den Gottessohn erkannt hätten. „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben“, sagt er und die Menschen fragen, wann sie ihn denn hungrig gesehen hätten. Darauf antwortet er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. „Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“. Dieser Gedanke, diese Überzeugung hat mich in den letzten Tagen intensiv begleitet. Schwester Theresa, der es um einen persönlichen Sinneswandel des einzelnen Menschen geht, im Blick auf die Armutssituation in unserer Gesellschaft, ist es in ihrem Vortrag gelungen, mich und viele andere anzusprechen gerade nicht dadurch, dass sie moralisch argumentiert hätte, so nach dem Motto, schämt ihr euch nicht, dass es euch im reichen Westeuropa so gut geht, während doch zur gleichen Zeit 50 Millionen Menschen allein in dieser reichen EU unter der Armutsgrenze leben müssen. Schlechte Gewissen machen keine guten Menschen. Nein, mit Druck und Moralin wird die Welt nicht freundlicher, friedlicher, sicher auch nicht gerechter.

Das Gedicht eines anderen Ordensmenschen, Anton Rotzetter bietet eine Alternative zu dem von uns Menschen oft so gern ausgeübten Druck, den wir gern einsetzen, um an unsere Ziele heranzukommen, und mögen sie noch so integer sein. Er schreibt:

Jeder Ochse weiß
wo er zuhause ist
Und jeder Esel spürt
wem er gehört
Nur wir Menschen
Irren heimatlos
Von Frage zu Frage
Von Haus zu Haus
Von Herr zu Herr
Von Götze zu Götze
So lass uns dich erkennen, Gott,
Als Mensch unter Menschen In wahrer Menschlichkeit.

Weil wir Menschen oft so planlos, heimatlos umherirren von Frage zu Frage, von Herr zu Herr, von Götze zu Götze, und dann meinen, wenn wir uns an Normen, Gebote, Gesetze festhalten, dann wird es besser gehen im Leben, verabsolutieren wir, was absolut nicht absolut ist: Wir absolutieren unser Denkvermögen und unsere Deutungsversuche von der Welt, in der wir leben. Was dabei herauskommt, sehen wir tagtäglich. Familien werden auseinandergerissen auf der Flucht und ein 2jähriges Kind erhält eine Einreiseerlaubnis, während den Eltern in der Türkei das Visum verweigert wird; oder wir unterstützen ein marodes System, wie das in Libyen zum Beispiel und sind mitverantwortlich dafür, dass unschuldige Menschen als Sklaven an reiche Clans verkauft werden.
„Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“ Diese These von Sr. Theresa bildet einen radikalen Perspektivwechsel. Der Unverfügbare, der sich zur Verfügung gestellt hat und die anderen, die zur Verfügungsmasse dieser Welt geworden sind, sind die einzigen Absolute dieser Welt. Alles andere ist verhandelbar, veränderbar, einzig Gott und die menschliche Sehnsucht nach Sättigung nicht. Weihnachten wird erfahrbar im Nachahmen dessen, was Gott vorgemacht hat. Er wollte nichts anderes als sich hineinversetzen in das Leben der Menschen. Gott möchte sich einfühlen und hineindenken in unseren Lebensrhythmus, in das, was wir tun, was wir arbeiten, was wir fühlen und erleben. Wir Menschen machen Gesetze, um das Leben miteinander zu regeln, Gott fühlt sich ein in die Not der Menschen, um das Leben der Menschen zu heilen.

Weihnachten ist eben mehr als ein Wohlfühlfest; so vertraut all die schönen Traditionen zu diesem Fest sind, die mir ebenso wichtig sind wie sicher auch euch, sie treffen nicht den Kern dieses Geschehens. Weihnachten berührt erst wirklich, wenn wir erkennen, nein, besser: spüren, was wirklich absolut ist in unserem Leben: Gott und Hunger. Oder anders: Eine tiefe Freude über die Menschwerdung Gottes und eine nicht minder tiefe Antriebskraft, sich allem entgegenzustellen, was einem würdevollen Menschsein hier auf Erden im Wege steht.  Dann können wir für uns auch sagen: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe  und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde  und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Christoph Simonsen
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10. Dezember 2017
2. Advent

Lesung: Jesaja 40,1-5.9-11
Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden. Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, Alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott. Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Und sie gibt es doch: die Hoffnung
Da will einer was in Bewegung bringen, da in Jerusalem; da rüttelt jemand an die Gartenzäune der Enttäuschten und der Vergessenen und will echte Aufbruchsstimmung erzeugen. Ich geb zu, mir ist das alles ein wenig zu euphorisch, ich bin ja eher dem Nüchternen und Kognitiven zugetan. Diese Superlative sind mir erst mal zu viel. Allzu viel Gefühl und Nostalgie verunsichert mich, macht mich hilflos. Vielleicht muss ich an meinem überproportionierten Rationalismus arbeiten. Das mit der „verbeulten Kirche“, die Papst Franziskus letztens propagierte, liegt mir erheblich näher als das Geglättete, Begradigte, Geebnete; das wirkt auf mich eher unecht und gekünstelt. Leben ist eben nicht glatt.
Ich frag mich, warum mich dieser adventliche Text aus dem Jesaja Buch trotzdem immer wieder so berührt. Warum lass ich mich von dieser Sehnsucht so einspannen, dass alle Hürden überwunden werden, all die unzähligen Hügel des Lebens, die sich einem immer wieder in den Weg stellen? Dass all das Krumme begradigt wird, was sich durch die vielen Verbiegungen ergeben hat, die ich und wir immer machen müssen in unserem Leben? Und dass es grundsätzlich möglich ist, durch die Wüste zu gehen, ohne endgültig darin zu verrecken? Warum berühren mich diese Hoffnungsschimmer, die so unrealistisch sind und gegen alle Erfahrung sprechen, die mich das Leben lehrt? Warum überhaupt ist Hoffnung in mir? Wie kann Hoffnung leben in einer Welt, in der minütlich 6,25 Millionen Euro für Waffen ausgegeben werden, aber nur 0,5 Millionen Euro für soziale Projekte? Hoffnung ist so irreal wie der Weihnachtsmann am Heiligen Abend.
Aber sie ist da. Das ist verrückt, dass da eine Hoffnung ist, die fest daran glaubt, dass diese ganze verbogene, verbeulte, verlorene Welt dennoch gehalten, begleitet, getragen ist. Das ist verrückt! Aber so verrückt das ist, so real ist es auch. Alles, aber wirklich alles in unserer Welt spricht dagegen, dass aus diesem Sammelsurium von Interessen, Meinungen und Weltanschauungen eine Herde werden könnte, die sich mit Leib und Seele einem Hirten anvertraut. Aber dieser Hoffnungsschimmer war immer da. Obwohl von Anfang an ein Riss durch die Menschheit ging, schon zwischen Adam und Eva war es so, fanden sich immer welche, die fest daran glaubten, dass Frieden, Eintracht, Achtsamkeit möglich ist.

Diese unkaputtbare Hoffnung war immer da, schon im Jahr 740 vor Christus, als Jesaja seine ermutigende Botschaft in die Welt hineinrief und auch heute, da Menschen wie wir zusammenkommen und einander anvertrauen mit der Gewissheit, dass es mehr geben muss im Leben als Glühwein, Weihnachtsmann und Waffenstillstand an den Feiertagen. Es gibt eine Hoffnung, die in alle Wirklichkeiten des Lebens hineingreift und nicht tot zu kriegen ist.
Hoffnung ist nicht irreal, weltfremd, naiv. Weil Hoffnung nämlich einfach nicht tot zu kriegen ist, nicht wegzudenken, nicht wegzureden ist, ist sie auch real, wirklich. Und sie hat eine gestalterische Kraft. Diese Kraft einzubringen, liegt an uns. Wir sind Träger der Hoffnung. Gott hat sie unsterblich in uns hineingelegt, damit wir sie leben. Und damit wir wissen, wie das gehen kann, Hoffnungsträger sein, ist er selbst Mensch geworden, es uns vorzumachen, vorzuleben. Hoffnung leben in einer verbeulten Welt; anders leben in einer Welt, die immer in der Gefahr steht, dem Gleichschritt zu verfallen, mutiger Leben in einer Gesellschaft, in der wegzuschauen die Regel ist, eindeutiger Leben in einer Stadt voller Mehrdeutigkeiten.
Nein, diese Tage des Advent sind nicht dazu da, sich nostalgisch aufzuladen; sie sind uns geschenkt, um uns unserer gelebten Hoffnung zu vergewissern. Und es begleitet uns die Frage, ob wir leben, was wir hoffen.

Christoph Simonsen

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03. Dezember 2017
1. Advent

Lesung: Jesaja 63,16b-17.19.b; 64,3-7
Du, Herr, bist unser Vater, «Unser Erlöser von jeher» wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind. Reiß doch den Himmel auf und komm herab, sodass die Berge zittern vor dir. Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt außer dir, / der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen. Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist, / und nachdenken über deine Wege. Ja, du warst zornig; / denn wir haben gegen dich gesündigt, / von Urzeit an sind wir treulos geworden. Wie unreine (Menschen) sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind. Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, fest zu halten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen / und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen. Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, / wir alle sind das Werk deiner Hände.

Geboren um zu leben
War das eben in der Lesung ein Gebet: „Du, Herr, bist unser Vater…“? Ja, das muss ein Gebet sein, die direkte Ansprache macht es unmissverständlich, da spricht jemand Gott an, direkt und dazu ziemlich unverblümt. Und auch noch auffallend frech. Das muss man sich mal vorstellen, der Beter macht Gott dafür verantwortlich, dass die Menschen so hart sind, von Gottes Wegen abirren, ihn nicht mehr fürchten. Starker Tobak, finde ich, Gott hat bitte selbst zu verantworten, dass die Menschen ihm nicht mehr treu sind. Und er, Gott, soll doch bitte mal ein Donnerwetter von oben ertönen lassen, dass die Berge vor ihm erzittern, also, wohl eher die Menschen als die Berge. „Bitte lieber Gott, mach, dass wir Menschen ein wenig braver werden und wieder Ehrfurcht vor dir haben“, so klingt das. Ziemlich naiv für einen erwachsenen Menschen.
Und dann wird dem Beter scheinbar bewusst, was er da gesagt hat und bemüht sich sehr, Gott nicht zu sehr zu erzürnen. Wir Menschen wüssten doch, dass es keinen anderen Gott gibt, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen und tun was recht ist. Und wir wüssten auch, dass wir wohl noch an uns arbeiten müssten, und nachdenken sollten über seine Wege, Und wir wüssten auch, dass wir eigentlich die sind, auf die er, Gott allen Grund hätte, zornig zu sein. Das Gebet mündet dann in der Erkenntnis: „Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“. Der Beter findet schlussendlich zurück zu einem angemessenen Maß und vermag sein Verhältnis zu Gott und überhaupt das Verhältnis der Menschen zu ihrem Gott wieder etwas ehrlicher einzuordnen.
In diesem ganzen Gebet erkenne ich so einen gewissen typischen Grundduktus von uns Menschen: Zunächst spielen wir den großen Zampano, dann erkennen wir, dass wir übers Ziel hinausgeschossen sind und bekennen ehrerbietig unseren Kleinmut, und zum Schluss sehen wir dann doch ein, dass wir Menschen eben doch nicht das Maß aller Dinge sind.
Ja, wir Menschen sind schon sehr von uns eingenommen und skeptisch sind wir von Natur aus, wenn wir uns in ein größeres Ganzes einordnen müssen. Dass wir uns auf andere einlassen, anderen Vertrauen schenken, uns anderen überlassen, das ist alles andere als selbstverständlich. Wir wollen die Macher sein, die Entscheider, die Zukunftsplaner, die Wegbereiter. Gut, dass wir so langsam begreifen, dass wir das alles nicht sind. Wir haben das Leben nicht wirklich im Griff, wir sind dem Leben oft ausgeliefert und uns gelingt es weiß Gott nur spärlich, dem Leben auf dieser Erde Sicherheit zu geben, geschweige denn Zukunft. Ich denke, ich kann mir ersparen, wo überall wir Menschen versagen, und da denke ich nicht an die anderen, ich rede von Euch und mir. An so vielen Stellen entgleitet uns das Leben und das nicht selten gerade deshalb, weil wir uns selbst immer wieder überschätzen. Selbstüberschätzung ist wohl eine der größten Übel, an denen die Schöpfung heute leidet.
Ich frage mich immer wieder, und da bin ich glaube ich nicht alleine, ob zu beten Sinn macht, denn kein Gebet nimmt mir die Verantwortung für mein Leben ab. Gleicht ein Gebet nicht eher einem Selbstbetrug, insofern der Eindruck erweckt wird, da wäre einer, der alles zum Guten richten könnte? Im letzten hängt doch tatsächlich alles an uns Menschen. Wer so denkt, den müsste das eben gehörte Gebet nachdenklich stimmen. Denn dieses Gebet lenkt die Aufmerksamkeit nicht zuerst nach oben sondern nach innen. Das Gebet ändert nicht etwas, das Gebet ändert mich, den Menschen. In der Tat, es hängt alles an uns, aber anders, als wir denken. Wer sich innerlich öffnet, ‚Gott, Vater, Herr‘ zu sagen; wer einmal den Blick weg von sich wendet und eine substantielle Begrenztheit in sich akzeptiert, der erfährt nicht nur eine neue Demut in sich, eine Ehrfurcht und Liebe zu seiner/ihren eigenen Unfähigkeit, der erfährt darüber hinaus auch eine große Weite und Freiheit, diese Begrenztheit mit Leib und Seele anzuerkennen. Aus dieser Ehrlichkeit wird dann eine neue Form der Verantwortlichkeit geboren, nämlich vor allem zu ehren, was uns anvertraut ist. Als erstes ehren, dann handeln und formen. Nicht die eigene Macht und Kraft wird die Welt heiler und menschlicher machen sondern die Ehrfurcht vor allem, was geschaffen und mir geschenkt und zur Verfügung gestellt ist.
Das Gegenteil von Selbstüberschätzung ist eben Ehrfurcht; Ehrfurcht, die das andere, den anderen groß macht, bringt das eigene Leben in Bewegung, in eine Lebensbewegung, die dem Großen, dem Ganzen, der Welt gut tut.
Heute, mit dem Beginn der Adventzeit, hätten wir die Möglichkeit, uns zu prüfen, ob wir auf das Christkind warten, das uns schöne Geschenke unter den Tannenbaum legt; dann können wir aber mit Gewissheit damit rechnen, dass wir schon wenige Tage wieder gefangen werden von den Strukturen dieser Welt und eintreten in den Konkurrenzkampf darüber, wer der Beste, Größte, Schönste, Wichtigste auf dieser Erde ist. Wir können aber die nächsten 24 Tage auch dazu nutzen, uns zu fragen, ob wir uns vielleicht betend anvertrauen mögen dem, auf dessen Menschwerdung wir zugehen und der uns ein Menschsein vorgibt, das nicht dem Trugschluss der Größe erliegt sondern die Größe der Demut offenlegt; einer Demut der Ehrlichkeit, wie sie der Beter zeigte, von dem wir eben gehört haben. „Wir sind der Ton, du bist unser Töpfer“.

Christoph Simonsen

 


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