Weiter, weiter, immer weiter… Über die Rastlosigkeit des Lebens

Weiter, weiter, immer weiter…. Über die Rastlosigkeit des Lebens

„In achtzig Tagen um die Welt“: Was für Jules Verne noch ein Abenteuer war, ist heute ein Kinderspiel. Am vergangenen Dienstag hatte ich einen Freund aus Frankfurt zu Besuch, der bei mir einen Zwischenstopp eingelegt hat: aus Basel kommend, um von dort über London nach Moskau zu fliegen, weil er dort eine Ausstellung zu kuratieren hatte; von dort ging es dann zurück nach London, um für eine Stiftung ein wertvolles Bild anzuschauen, das zum Verkauf anstand, um weiter nach Maastricht zur internationalen Kunstausstellung zu reisen; und zwischen all dem war noch ein wenig Luft, im wahrsten Sinn des Wortes, in Aachen einen Zwischenstopp einzulegen,  einen Freund zu besuchen für einen Abend. Dazu bedurfte es keiner 80 Tage, in 5 Tagen war das alles erledigt. Mobilität ist heute nicht nur das selbstverständlichste von der Welt, es ist nahezu Grundvoraussetzung für ein zielführendes Leben. „Jesu Einladung „Geht hinaus in alle Welt“ stößt scheinbar bei sehr vielen auf offene Ohren, wenn auch nicht, um zu taufen und zu predigen, so doch, um die persönlichen Fähigkeiten einzubringen und zu erweitern. Wir dürfen alle wohl dankbar sein für diese Möglichkeit, uns frei bewegen und entwickeln zu können und zu dürfen. Mobilität ist ein Geschenk, wenn: Ja wenn sie einem freien inneren Antrieb entspringt. Erzwungene Mobilität dagegen, die Notwendigkeit, fliehen zu müssen aus Angst, Leben und Zukunft zu verlieren, ist eine entsetzliche Qual.
Was mir auffällt, wenn ich mit Menschen im Gespräch bin, die „d-u“ sind, also dauernd unterwegs, gleich ob beruflich oder privat, sie alle spüren in sich ein tiefes Bedürfnis nach einer Verortung, nach einem Ort, wo sie sich zuhause fühlen können. Wir Menschen brauchen zweifelsohne ein Zuhause. Diese tief im Herzen verwurzelte Sehnsucht nach Heimat verbindet unsere mobile freie Welt mit den Menschen, die auf der Flucht sind. Alle suchen ein Zuhause. In diesem Spannungsfeld spielt sich unser Leben ab: frei sein wollen und ebenso verortet zu sein.

So wird immer wieder der Wunsch an uns Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Khg herangetragen, Orte der Vergemeinschaftung zu schaffen, wähnen doch viele junge Menschen genau die Verwirklichung dieses Wunsches in Gefahr. Und wieder ist da eine seelische Übereinstimmung bei uns Menschen in der freien Welt mit den Vielen, die angsterfüllt ihre Heimat verlassen mussten: Diese tiefe Sehnsucht nach Heimat einerseits und zugleich die Einsicht, dass eben diese unerfüllbar ist.
Das scheint nämlich ein menschliches Schicksal zu sein, dass wir uns selbst immer verbauen und versperren, was wir so sehr ersehnen. Ist es nicht so, dass wir selbst zerstören, was wir so sehr ersehnen? Entweder machen wir es uns selbst kaputt, weil wir uns verpflichtet sehen, aufgrund unseres Berufes oder aufgrund des Wunsches, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, permanent in einem Unruhe-Zustand sind. Oder es wird Menschen kaputt gemacht, weil sie vertrieben werden, wo sie waren. Wir tragen scheinbar alle eine unauslöschliche Sehnsucht in uns und wissen zugleich, dass sie unerfüllbar ist.
Mir scheint, es wäre gut, dass wir uns das eingestehen, ansonsten würde dieser Traum nach Heimat uns zerfressen. Wir können nicht beides haben: Ein unsicheres, wenn auch freies Leben unterwegs und zugleich ein sicheres, wenn auch eingeschränktes Leben in einem Zuhause. Wir müssen dieser Wirklichkeit ins Auge schauen: Wir kommen an einem Leben unterwegs, einem Leben auf dem Weg nicht vorbei. Und das nicht, weil wir karrieresüchtig wären oder an Selbstüberschätzung leiden würden oder weil es uns von anderen nicht gegönnt ist. Vielmehr müssen wir uns eingestehen; nicht nur zur Freiheit berufen zu sein (wie Paulus es sagt), sondern ihr auch ausgesetzt zu sein.

„Zieh weg aus deinem Land“, so fordert Jahwe Abram auf. Ich höre darin weniger eine Bitte, sondern zuvörderst  erkenne ich darin die Erinnerung an eine unwiderrufliche Lebenswirklichkeit: Wir sind dem Paradies – der Heimat – entrissen, und wir müssen in der Fremde leben. Wir müssen in der Fremde leben, aber – und das sagt Gott den Menschen zu – wir dürfen als Gesegnete auf unsere Lebenswanderschaft gehen. Und das heißt: Das, was uns trägt, was uns in der Unsicherheit der Wirklichkeit Sicherheit gewährt, was uns Geborgenheit schenkt, ist nicht ein Ort, ist nicht ein „greifbar Ding“, wie Martin Luther vielleicht sagen würde, sondern ist eine Wirklichkeit in uns drin. Wir können uns unsere Heimat nicht schaffen, wir haben kein „Nest, wo wir unser Haupt lassen“ und unsere Seele baumeln lassen können, um ein Wort Jesu aufzugreifen. Wir können auf der Unrast unseres Lebens nur – wie eben mein Freund aus Frankfurt – Zwischenstopps einlegen, kurz ausruhen, auftanken, um dann weiterzugehen. Solche Zwischenstopps bewahren uns davor, das Unerreichbare zu idealisieren; bewahren uns aber auch davor, die geschenkte wie auch auferlegte Freiheit auszunutzen. Denn wir sind gesegnet, um zum Segen für andere zu werden. Für die drei Freunde Jesu durfte der Berg Tabor so etwas wie eine Tankstelle sein auf ihrem Weg. Sie durften an Leib und Seele Kraft schöpfen – für einen Augenblick; sie durften sehen, fassen, Was Heimat und wie Heimat ist. Danach ging’s wieder runter und weiter, immer weiter…Predigt am 12. März

Christoph Simonsen

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