Wahrheit: Was ist das?

„Liebe macht blind“, so mahnt uns ein bekanntes Sprichwort. Dem stellt Jesus heute eine andere Sichtweise der Liebe gegenüber. Er sagt: „Liebe lebt aus der Wahrheit“.

Jesus sagt im heutigen Evangelium: „Damit ihr in der Liebe bleiben könnt, sende ich euch den Geist der Wahrheit“. Klar, wer von uns würde nicht unterschreiben, dass Menschen, die sich zu lieben vorgeben, der Wahrheit verpflichtet seien. Wahrhaftigkeit klärt ein Zueinander, sie legt aber auch Unterschiede und Differenzen offen, mit denen es zu leben gilt. Bei allem Bemühen um der Wahrheit willen gilt es, den anderen und sich selbst ernst zu nehmen. Wer sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, der ist sich bewusst, Wahrheit nie zu haben, sondern immer um sie ringen zu müssen, sie zu suchen. Ein Leben in Wahrheit ist ein Prozess, kein statisches, starres Unterfangen. Wer in Wahrheit begegnen möchte, der macht sich auf den Weg und bleibt nicht stehen. Und noch etwas lehrt uns Jesus in diesem Evangelium: Wahrheit ist ein Geschenk, welches außerhalb unseres eigenen Vermögens liegt. Wahrheit ist kein Besitz, den ich horten kann. Die Wahrheit ist nie allein in mir, auch nie allein im anderen, und deshalb müssen wir gemeinsam auf die Suche nach der Wahrheit gehen, die der Welt geschenkt ist. Das ist eine notwendige Feststellung, dass die Wahrheit der Welt als Ganzes geschenkt ist, nicht mir allein oder meiner Geschichte oder meinem Volk oder meiner Religion. Gott hat den Geist der Wahrheit in diese Welt hineingehaucht und alle haben Anteil an dieser Wahrheit, wenn sie bestrebt sind, dem Geist Gottes zu folgen.

An dieser Stelle möchte ich einmal sehr konkret werden und hinschauen auf Ereignisse der letzten und auch der nächst folgenden Tage. Auf unserer Facebook Seite haben wir, wie schon sehr oft in der Vergangenheit hingewiesen auf besondere Gedenk- und Erinnerungstage. So auch am vergangenen Dienstag, als Guido einen Beitrag des ZDF gepostet hat, welcher an den internationalen Tag gegen Homophobie erinnern wollte. Natürlich gab es daraufhin wohlmeinende likes, aber, was eben sehr ungewöhnlich ist, auch äußerst kritische – und ich meine – auch diffamierende Rückmeldungen. Verschwendung von Steuergeldern sei es, wenn öffentlich rechtliche Rundfunkanstalten berichten würden über Lebenswirklichkeiten, die unsere Gesellschaft doch zersetzen würden. Der schwindende Kindernachwuchs würde doch darauf beruhen, dass unnatürlichen Lebensformen der Hof gemacht würde. Von der wenigen Sachlichkeit der Argumentation einmal abgesehen habe ich mich gefragt, wie ein Suchen nach der Wahrheit, die aus Gott kommen möchte, möglich werden soll, wenn der Naturbegriff als etwas Absolutes deklariert wird und der Mensch, der doch Ebenbild Gottes ist, als eine rein biologisch determinierte Substanz hingestellt wird, ohne Kultur und Geschichte, ohne Empfindsamkeit, ohne Entscheidungsfreiheit. Da bin ich dankbar für eine Gruppe von Stipendiatinnen und Stipendiaten der Cusaner, die sich vor 14 Tagen bei uns in der Khg getroffen haben, um nachzudenken und sich klüger zu machen durch eine Reihe vielfältiger wissenschaftlicher und persönlicher Vorträge, um der Frage näher zu kommen, wer denn der Mensch sei und wie vielfältig Menschsein aus der Ebenbildlichkeit Gottes herraus sein kann. Thema war die Genderfrage, die ja auch im kirchlichen Kontext sehr streitbar diskutiert wird. Hier wurde deutlich, wie wichtig, sinnvoll und nachhaltig ist, eben im Gespräch zu bleiben, auch und gerade dann, wenn es schwierig wird.

Ich glaube, die Kraft zu solch einer Gesprächsoffenheit findet sich in dieser tief verwurzelten christlichen Erfahrung: Wer sich der Wahrheit zu nähern bereit ist, durch Austausch und Gespräch, der erkennt den menschgewordenen Gott Jesus Christus. Daran glauben wir doch alle, und das schenkt die Kraft wider manche Rückschritte, nicht aufzugeben, gerade in der Gemeinschaft der: nach der Wahrheit zu suchen. In dieser Wahrheit begegnen wir einem menschlichen Gott. Ein „Basta und Schluss“ ist in der göttlichen Wahrheit nicht vorgesehen. Die göttliche Wahrheit ist immer eine liebevolle, weil der Geist, der sich in der Wahrheit offenbart, ein verbindender und verbindlicher Geist ist. Der göttliche Geist der Wahrheit ist ein von Achtung und Ehrfurcht geprägter Geist. Auszugrenzen, zu verletzen, zu demütigen, zu reglementieren ist ihm fremd.

„Wer liebt, der hält meine Gebote“, sagt Jesus. Aber welche Gebote meint er denn? Gibt es einen Ge- und Verbotskatalog Jesu? Nein, er hat uns nichts geschenkt außer sein Leben selbst. Und sein Leben ist geprägt von wahrhaftigen Begegnungen. Nähe und Distanz, die Jesus den Menschen entgegengebracht hat, waren echt und ehrlich. Zärtlichkeit und Auseinandersetzung hat er nicht gescheut. Er hat sich weder den Gesetztestreuen angebiedert noch den Kleinen Gefühle vorgegaukelt. Er ist dem Pilatus in gleicher Weise wahrhaftig gegenüber getreten wie der Maria Magdalena, immer sein Gegenüber achtend, nie bloßstellend.

„Liebe lebt aus der Wahrheit“. Zwang ist der Liebe ebenso zuwider wie jede Art der Heuchelei.

Leider wissen wir natürlich auch, wie oft die verfassten Kirchen einseitig und ausgrenzend Worte wie „Liebe, Achtung, Ehrfurcht“ in den Mund nehmen und eine engführende Wahrheit in theologischen Verlautbarungen einzementieren und dabei mehr von der Angst als von der Freiheit der Kinder Gottes geleitet sind. Dies ist dann der Nährboden für solch traurige wie diffamierende Aussagen, die ich eingangs beschrieben habe.

Dann braucht es Menschen, die die Kirchen daran erinnern, um den Geist der Wahrheit zu bitten anstatt vorzutäuschen, sie hätten ihn schon.

Am kommenden Dienstag bin ich nach Hamburg in die erzbischöfliche Akademie eingeladen. Dort wollen wir mit einigen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, aber auch mit Fachleuten zusammen diskutieren, wie gute Wege in den Kirchen geebnet werden können, in der Suche nach der Wahrheit verstärkt die Menschen mitzunehmen, die immer noch in den Kirchen ausgegrenzt und verleugnet werden.

Die Suche nach Wahrheit und das Bekenntnis, ihr wirklich näher kommen zu wollen, beginnen immer mit dem Bemühen, gemeinsam zu suchen. Diesen Aspekt christlicher Liebe müssen wir glaub ich noch sehr viel mehr verinnerlichen bei allen unseren notwendigen Entscheidungen, die für die Zukunft unserer Kirchen zu treffen sind. Liebende Wahrheit und wahrhaftige Liebe zeichnet sich darin aus, dass Menschen einander begegnen, wie sie wirklich sind und nicht, wie sie sich einander vorstellen und wie sie meinen, sein zu sollen. Dann macht Liebe nicht blind, sondern frei. Dann ist Liebe kein Romantikspektakel sondern wirkliches Leben.

Christoph Simonsen – Predigt am 6. Sonntag der Osterzeit 2017: Johannes 14, 15-21

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