Von Schwiegermüttern und ihren Schwiegersöhnen

Mir geht ein Gespräch nicht aus dem Kopf, das ich letztens nach dem Gottesdienst hier in der Citykirche mit einer Besucherin geführt habe. Es ist vierzehn Tage her. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Berufungsgeschichte der ersten Jünger am See von Genezareth. Sie gingen ihrer Arbeit nach und hatten wohl – wie sie es gewohnt waren – ihren Feierabend bei ihren Familien im Sinn als Jesus sie ansprach. Und dann hieß es an der Stelle wörtlich: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach“. Dieser Satz erregte Anstoß bei der Besucherin und sie fragte verständlicherweise, warum ich darauf nicht näher eingegangen sei. Ihm – Jesus – nachfolgen bedinge doch unweigerlich etwas anderes, nämlich andere Menschen alleine zurückzulassen, womöglich Partnerin und Kinder. Ist das Christentum so brutal radikal, dass jemand eine übernommene Verantwortung für die Familie mir nichts dir nichts für vernachlässigend hält und unversorgte Menschen ihrem Schicksal überlässt, um dann sozusagen befreit von bisherigen Aufgaben, seinen eigenen Idealen nachzugehen? Wer könnte das gut heißen: Frau und Kinder im Stich zu lassen, um egoistischer Weise eigenen Idealen nachzukommen. An solch einer Entscheidung scheiden sich die Geister. Die einen sagen: ‚Das ist aber mutig, dessen Glaube muss schon sehr groß sein‘. Aber es gibt wohl auch andere, und dazu gehört wohl die eben erwähnte Dame, die sagen: ‚So einfach abzuhauen ist nicht nur unverantwortlich, es ist unmenschlich und auch unchristlich‘. Sollte nicht jede und jeder dort ihre und seine Berufung leben, wo die Lebensgeschichte sie hingestellt hat? Radikaler Glaube kann auch Ausdruck einer Flucht sein vor der Verantwortung und radikaler Glaube kann auch krank machen.

Vielleicht hören wir heute eben genau von den ungeahnten Konsequenzen dieser Seite einer falsch geleiteten gläubigen Radikalität. Es mag nur eine Spekulation sein, ein Kopfkino; aber selbst, wenn es so wäre; es könnte wahr sein und es könnte noch einmal neu die Frage aufwerfen, was ein Glaube einem Menschen abverlangen darf.

Die Schwiegermutter des Petrus ist krank; Fieberschübe plagen sie. Jeder gute Mediziner weiß, dass äußere Krankheitsbilder nicht selten Ausdruck innerer Zerrissenheit sind. Was wohl die Mutter des Petrus so krank macht? Wie gesagt, jede Beantwortung bleibt im Bereich des Spekulativen. Aber eines liegt doch nahe: Sie sorgt sich um ihre Tochter, und sie hat Angst, im Alter unbegleitet zu sein. Ihr Schwiegersohn, Simon, hat für sein Leben eine neue Mitte gefunden, die Familie droht daraufhin zu zerbrechen. Und wir Heutigen müssen bedenken, dass Familie zur Zeit Jesu nicht nur zwei Generationen umfasste, sondern sehr oft drei, manchmal sogar 4 Generationen. Wo bleibt da ihre Tochter, wo bleibt sie, die Schwiegermutter, im Alter? Wer würde sich diese Fragen nicht stellen! Tiefe Sorge kann eben auch krank machen.

In diese schwierige Situation wird ausgerechnet Jesus hineingezogen. Der, der womöglich der Verursacher dieser schwierigen Situation ist, wird zurate gezogen. Und er entzieht sich nicht. Er spricht mit ihnen über die Schwiegermutter und damit wohl auch über die neu entstandene Lebenssituation in der Familie. Dann geht er zur Schwiegermutter und berührt sie. „Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie“, heißt es dann weiter. Eine kurze wortlose Begegnung, die eine unerwartete Heilung nach sich zieht und die neu Kraft schenkt. In diesem Augenblick berühren sich Empathie und Radikalität. Die einfühlsame Art Jesu, wie er der alten Dame begegnet, vermag die Angst der Schwiegermutter vor einer ungewissen Zukunft zu verbannen. Und sie, die Angst hatte, dass ihre Familie unversorgt bleibt, sorgt nun, neu gestärkt, für alle – auch für Jesus.

Jede und jeder kann ihre und seine Lebensform finden, wenn ihm jemand zur Seite steht und wirklich ernst nimmt, was an Ängsten und Sorgen, aber auch an Sehnsucht und Hoffnung tief im Innern des Menschen schlummert. Es mag zu einem Rollentausch kommen, es mag Verschiebungen von Verantwortlichkeiten geben, aber es bleibt keiner alleine, ungeachtet, unversorgt, ungetröstet. Eine Radikalität, die lieblos daherkommt, ausgrenzend, fanatisch, ja sogar vernichtend, eine Radikalität, die trennt, kann nicht die Radikalität sein, die in Jesu Nachfolge führt. Eine bewusste und gelebte Religiosität birgt immer ungeahnte Konsequenzen in sich, aber gewiss keine, die krank machen dürfen.

Christoph Simonsen – Predigt am 4.Februar 2018

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