Von den höheren Interessen

Es sind immer die höheren Interessen, die einen zu bestimmten Entscheidungen drängen. In der Politik wird ein hoher Beamter wegen nachweisbarer Verfehlungen entlassen – und an anderer Stelle höher dotiert wieder eingestellt, um die Koalition und damit ein geordnetes politisches Handeln nicht zu gefährden. In der Wirtschaft wird ein Machtkampf zwischen Bevölkerung und Polizei geduldet, um vermeintlich die Energieversorgung nicht zu gefährden. Dass erst durch die Tragik eines tödlichen Unfalls ein Nachdenken und Innehalten erkennbar wird, stimmt mich persönlich sehr traurig. In der Kirche wird die Kluft zwischen Klerikern und Laien theologisch überhöht, ausschließlich um dem Willen Gottes zu entsprechen.

Und welche höheren Interessen leiten uns? Ist es der Blick auf die zukünftige Familie, die wir gründen wollen, weshalb wir um eines sicheren Arbeitsplatzes willen Kompromisse zu machen bereit sind und da forschen, wo die Grauzone zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit verschwimmt? Ist es der Ehrgeiz, uns mittels guter Klausuren einen guten Platz in unserer Gesellschaft zu sichern, ohne den wir uns unsicher fühlen, weshalb wir Körper und Geist in der Vorbereitung bis ultimo quälen, selbst mit Aufputschmitteln. Oder ist es das hohe Gut eines gefälligen Burgfriedens im persönlichen Umfeld, weshalb wir jeder Diskussion und Auseinandersetzung aus dem Weg gehen? Oder ist es der verdiente Anspruch auf Freizeit und Vergnügen, weshalb wir uns jeglicher Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft entziehen?

Vielleicht erscheint das einigen doch ein bisschen überzogen und vielleicht fühlt sich die andere auch durch diese Unterstellungen provoziert. Das ist natürlich nicht meine Absicht. Vielmehr geht es mir darum zu verdeutlichen, wie egoistisch wir im Globalen und im Einzelnen sein können. Wir stehen jeden Tag in der Gefahr, um eines vermeintlich anspruchsvollen Zieles willen in einen billigen und durchsichtigen Egoismus zu verfallen, der ein Umdenken und alternatives Handeln unmöglich macht.

„Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern“, so behauptet der Jakobusbrief.  Was ist da los in unserem Innenleben, dass wir so besessen sind davon, all unsere Sorge auf Zukunft und Sicherheit nur auf uns selbst auszurichten? Ich möchte keinem auf die Füße treten, aber prüfend – mich selbst und auch euch – möchte ich mich dieser Frage stellen, ob dem tatsächlich so ist. Haben wir wirklich nur noch uns selbst im Blick: Unser Wohlergehen, unseren Wohlstand, unseren kleinen und begrenzten Horizont? Verschwenden wir unsere Leidenschaft ausschließlich darauf, unseren eigenen Bedürfnissen nachzukommen? Jakobus ist davon überzeugt, dass diese bösen Absichten nur leere Hände und leere Herzen hinterlassen. „Ihr erhaltet nichts“, so sagt er. Und diese Erkenntnis verleitet Jesus dann später zu der wunderbaren Alternative: Wer die Bedürfnisse der anderen in den Blick nimmt, der sieht Gott. „Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat“.

Für die Politik hieße das, den Fremden aufnehmen, anstatt ihn zu verteufeln; für die Wirtschaft hieße es, Nachhaltigkeit höher zu bewerten als kurzsichtige Energiesicherheit und unumkehrbare Zerstörung der Natur; für die Kirche hieße das, Gleichberechtigung aller in der Kirche und ein  Aufgeben der hierarchischen Machtstruktur des Klerus.

Ich maße mir jetzt nicht an zu sagen, was das für euch bedeutet, das muss sich jede und jeder von euch selbst fragen. Wenn wir aber diese Frage in uns zulassen – und jetzt spreche ich ausdrücklich wieder von „wir“, nehme mich also wieder dazu und verbünde mich mit euch – wenn wir also diese Frage in uns zulassen, dann kann – davon bin ich überzeugt – keine und keiner von uns beruhigt nach Hause gehen gleich. Die Frage nach den eigenen Absicherungen im Leben ist verklausuliert die Frage der Jünger, die sich darüber unterhielten, wer von ihnen der Größte sei. Wann verzichten wir – jede und jeder aus eigener Lebensperspektive – auf Vorrangstellung und Größenwahn und reihen uns ein in eine solidarische Weltgemeinschaft?

Ich will jetzt keiner Politikverdrossenheit nachlaufen oder in ein allgemeines Draufhauen auf die Wirtschaft verfallen; ich will auch unser kirchliches System nicht rundweg verteufeln; aber mein Vertrauen in diese selbstverliebten menschlichen Sammelbecken ist erheblich beeinträchtigt. Weshalb ich der Überzeugung bin, dass eine Veränderung von mir aus, von uns aus seinen Anfang nehmen muss und zwar nicht losgelöst nach dem Motto: „Jeder für sich und Gott für uns alle“, sondern gemeinsam. Gemeinsam können wir uns einbringen in Politik, Wirtschaft und Kirche und gemeinsam können wir Sorge tragen dafür, dass – im Bild des Evangeliums – der kleine Junge nicht übersehen wird. Der kleine Junge, das sind heute in meinen Augen die Geflohenen, die in ihren Booten im Mittelmehr Land und Leben suchen; das sind die, die heute auf den Bäumen sitzen und versuchen zu retten, was zu retten ist; und das sind schließlich die, die Kirche als communio der Verschiedenen sehen und nicht als Glaubensverwaltungssystem.

Um noch einmal auf die höheren Interessen zurückzukommen: Ob es uns wohl gelingt, unsere Interessen abzugleichen mit den Interessen des kleinen Jungen, sprich: der vielen Kleinen um uns herum? Wenn meine höheren Interessen sich ausrichten an den Interessen der Kleinen, dann käme unsere Welt ganz neu in Bewegung.

Christoph Simonsen

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