Vom anders sein

Da müsst ihr heute durch, ihr Maschinenbauer, Elektroingenieure, Mathematiker. Sollten Architekten, Geisteswissenschaftler oder auch Mediziner unter uns sein: ihr habt es heute ein wenig leichter mit meinen Gedankengängen. Ich mute euch heute nämlich nicht weniger zu als einen Streifzug durch die bildende Kunst.
Ich stand letztens vor einem Bild des spanischen Künstlers Joan Miro. In dem zur Ausstellung gehörenden Katalog sah man die Vorgabe des Bildes und das fertige Kunstwerk. Miro sollte eine vornehme adelige Frau proträtieren. Mein Kopf schwankte hin und her, ich sah das Foto und das Bildwerk; immer wieder gingen die Augen von rechts nach links und von links nach rechts. Wo bitte lag auch nur eine entfernte Ähnlichkeit zwischen dem Antlitz auf der Fotografie und dem Werk Miro’s?  Mit viel Phantasie ließ sich wirklich ein Gesicht erkennen, aber das Bild wird ansonsten dominiert von einem überdimensionalen Hut und den unbedeckten Brüsten der Frau. Dieses Bild wird mir zum Rätsel. Was trieb Miro dazu, das Äußere dieser auf der Fotografie doch so schönen Frau so zu verunstalten? Aus kunstgeschichtlichen Arbeiten über Miro weiß ich, dass er sich bei seinen Bildern nicht mit Unwichtigem abgibt; was er malt, hat Bedeutung und Gewicht. Seine Bilder möchten kein Schmuckwerk sein zur Dekoration; sie tragen bei zu einer Unterscheidung der Geister, möchten unmissverständlich zum Ausdruck bringen, wie die Welt ist und nicht, wie sie sein könnte oder sollte. Für Miro ist klar: Was in der Welt geschieht, muss akzentuiert, interpretiert werden, bedarf einer – wenn nötig auch: übertriebenen – Darstellung. Oder anders: Miro betreibt Gesellschaftskritik. Und so wird rasch deutlich, was Miro sagen will: Dem Adel Spaniens ist der Hut wichtiger als das Gesicht, die Darstellung der Äußerlichkeit hat mehr Wert als das Wesen des Menschen. Und die zweite herausfordernde Botschaft könnte lauten: Die Etablierten und Reichen sind gewillt, ihr Leben nur an Ihresgleichen, an ihre Kinder weiter zu geben anstatt es mit allen im Land zu teilen. Dafür bieten wohl die nährenden Brüste der Frau die Symbolik.
Unsere Zeit heute ist eine andere als die Lebenswelt von Joan Miro, der 1893 in Barcelona geboren wurde. Mir wäre es auch zu plump, mich jetzt in so eine oberflächliche Neid-Diskussion hineinzubegeben. Zu platt wäre es auch, Schuldzuweisungen zuzusprechen und die sogenannten Reichen alleine verantwortlich zu machen für das Schicksal der anderen. Gleichwohl: die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft driftet schon bedrohlich auseinander.

Das Bild von Miro lässt mich aus einem anderen Grund nicht los. Ich frage mich nämlich, ob dieses provokante Kunstwerk nicht auch mich selbst in Frage stellen möchte. Ich bin nicht adelig und ich glaube, ich kann auch ehrlich behaupten, nicht reich zu sein, und trotzdem fühle ich mich in Frage gestellt von diesem Bild. Zwei Fragen lassen mich nicht los: Bin ich ich, wenn ich anderen gegenüberstehe, oder spiele ich den, den andere –  je verschieden – , in mir sehen wollen. Authentizität ist das Stichwort; bin ich authentisch, traue ich mir und anderen zu, eigene Persönlichkeit, Subjektivität zuzulassen oder ist mir die Fassade der Rollen, in denen ich stehe, lieber? Der Anspruch, vollkommen zu sein, wird mich immer überfordern. Aber ich bin mir sicher, dass ich am ehesten diesem Anspruch nahe komme, wenn ich versuche, ich selbst zu sein. Und die andere Frage: gebe ich die Erfahrungen meines Lebens eher verhalten und kontrolliert an die mir vertrauten Menschen weiter, oder erlebe ich mich verschwenderisch und freizügig, Lebenserfahrungen, Lebensperspektiven, Lebenswünsche zu schenken?
Die Botschaft des Evangeliums heute ruft zu einem nahezu übermenschlichen Verhalten auf: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“. Aber was bedeutet das, vollkommen sein zu sollen? Wir sind doch Menschen, keine Götter. ‚Vollkommen‘ heißt dann wohl weniger perfekt, fehlerfrei, makellos zu sein, sondern wohl eher, wie ich es verstehe: authentisch, unverfälscht, subjektiv und substantiell echt. Bei diesem Bemühen, sich selbst treu bleiben zu sollen, darf ich aber niemals dem Trugschluss verfallen, mich höher einzustufen gegenüber anderen aufgrund meines Soseins, aufgrund meiner Religion, aufgrund meiner Zugehörigkeiten. Ich bin anders, weil ich ich und nicht du bin, aber ich bin nicht anders, weil ich katholisch bin, oder deutsch oder finanziell abgesichert.
Jesus lädt ein und fordert ein Möglichkeiten der Begegnung, die  nicht von Klassifizierungen geprägt sind und die sich nicht einengen lassen von einem Denken eines besser seins, ausgewählter seins, arischer seins. Jesu Botschaft, authentisch zu sein ist immer auch eine politische Botschaft. Sie ist hineingesprochen in unsere Welt, in unsere Zeit. Streitbarer und streitender Dialog ist unabdingbar, gehört zum Leben und gehört zum Glauben. Indem ich mich ins Spiel des Lebens bringe, meine Überzeugungen, meine Lebenserfahrungen, meine Werte, mein einmaliges So-Sein, werde ich zu einer Einladung für den anderen, auch sich einzubringen. So gestaltet sich Leben, gesellschaftliches und religiöses Leben. Und dann gilt es zu ringen, zu streiten, zu suchen nach einem Weg, nicht alleine durchs Leben gehen zu müssen.

Miro hat damals mit seinen Bildern nicht nur Farbe bekannt, er hat sich bekannt und seinen Wert der Gleichheit aller Menschen zur Diskussion gestellt. das Bild der adeligen Frau hat es an Deutlichkeit nicht mangeln lassen. Darin hat er der adeligen Dame die Maske ihres Standes weggenommen und sie dargestellt, wie sie wirklich ist. Ja, manchmal muss man den Menschen ihre Masken auch vom Gesicht nehmen oder sich selbst auch von anderen nehmen lassen, damit die Lüge und der Selbstbetrug ein Ende haben. Wenn wir auch nicht malen können, aber wir haben ganz gewiss andere Möglichkeiten, uns einzubringen in die gefährlichen Deutungshoheiten, die heute bestimmte Kreise in der Politik aber auch in der Kirche für sich in Anspruch nehmen, besser zu sein als die anderen. Denn besser sind wir grundsätzlich nie, weshalb die anderen auch nicht schlechter sein können. Aber wir sind je anders. Mit diesem Anderssein müssen wir leben lernen…Predigt vom 19. Februar

Christoph Simonsen

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