Sondierungsgespräche anders

 Sondierungsgespräche anders

Gehen wir zunächst von Tatsachen aus, denen wir uns nicht verweigern können. Nur das ist redlich und nur das bietet ein gutes Fundament, Glauben und Leben miteinander zu verzahnen. Hier also zunächst die gedankliche Basis, von der her ich meine weiteren Gedanken spinnen möchte: Wir Menschen begegnen einander, ob wir wollen oder nicht, ständig in vorgeprägten Herrschaftsverhältnissen: Eltern-Kinder; Lehrer-Schüler; Dozent-Student; Arbeitgeber-Arbeitnehmer; Arzt-Patient… Selbst wenn ein Menschen zu mir als Seelsorger kommt, so kommt er als Fragender, Suchender, Hoffender, Verzweifelter, Glückseliger, wie auch immer, und immer ist ein Gefälle der Bedürftigkeit da. Auch Mann und Frau, Freund und Freundin, wenn sie miteinander ein gemeinsames Leben gestalten, es geschieht immer aus unterschiedlichen Rollengegebenheiten heraus. Zu verleugnen, dass solche Unabdingbarkeiten immer auch von Macht und durch Macht geprägt sind, wäre unredlich. Überall, wo Menschen aufeinander verwiesen sind, ist Macht im Spiel. Da mag man noch so basisdemokratisch gesinnt sein, im Letzten werden Entscheidungen getroffen und nicht selten treffen einzelne sie für eine Gesamtheit. Das ist mir in der vergangenen Woche noch einmal bewusst geworden nach dem Scheitern der politischen Sondierungsgespräche, wo die einen Kompromissbereitschaft zeigten und den Rückhalt ihrer Basis über die Maßen strapazierten und die anderen Härte an den Tag legten unter dem Kalkül ihrer Partei für die Zukunft noch bessere Machtpositionen zu sichern. Deutlich wird: Ich kann Macht so oder so einsetzen. Ich brauch aber gar nicht in die Politik abzuschweifen; in den Kirchen ist es nicht anders. Unverhohlen sprechen die Medien von Machtkämpfen im Vatikan und von Koalitionen, die dem Papst das Leben schwer machen wollen und die Evangelische Kirche in Deutschland reflektiert ziemlich machtbeladen ihr zu Ende gegangenes Reformationsfest und sucht nach Verantwortlichen für die davongelaufenen Kosten und die zu geringen Besucherzahlen. Gleich, wer wo wie steht, wir alle sind verquickt in Machtverhältnisse und von ihnen abhängig.

Und jetzt feiern wir heute am Ende des Kirchenjahres ein Fest, in dem der Sohn Gottes, der doch gekommen ist zu dienen und zu retten, als König der Welt gefeiert wird. Zweifelsohne ist in der Vergangenheit mit diesem Fest ziemlich machtbesessen umgegangen worden; aus dem Königtum Jesu wurden unumwunden menschliche Machtstrukturen abgeleitet; Machtstrukturen und eben auch Abhängigkeitsverhältnisse. Wie ich anfangs angedeutet habe: Wer Glauben und Leben in Berührung bringen möchte, der stößt immer auch auf Machtstrukturen. Machtbesitz vermag zu zerstören; dass er auch zu verbinden vermag, das müssen wir Menschen wohl immer wieder neu lernen. Und da tut es gut, sich den Quellen des heutigen Festes noch einmal zu nähern.

Ein Blick in die Geschichte hilft. Ezechiel beschreibt die Situation Israels  in der Zeit von 587 vor Christus. Die Führungsschicht hat versagt, das Volk ausgebeutet, mehr für sich selbst gesorgt als für das Gemeinwohl. Das Volk und die Verantwortlichen verfolgten diametrale Interessen: Profit gegen Gemeinsinn. Misstrauen stand zwischen den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Politikern. Damals wohl nicht anders als heute. Wo aber Zerrissenheit ist, da füllen andere das Machtvakuum. Und auch hier gilt: so wie damals, so auch heute. Jerusalem wurde angegriffen und das ganze Volk verschleppt.

In diese Situation hinein sagt dann Gott: „Ich will meine Schafe selber suchen und mich um sie kümmern.“ Es scheint, Gott habe das Vertrauen zu den Menschen verloren; er entzieht ihnen die Verantwortung für seine Schöpfung. Gott hat die Schnauze voll von der falschen Machtgier der Menschen und nimmt nun das Ruder wieder selbst in die Hand. Das Projekt „Mensch“, so scheint es, sieht Gott als gescheitert an; Freiheit verführt die Menschen wohl doch zu sehr zu Eigensinn und treibt sie in den Egoismus. Da scheint eine Menge Trotz in den Worten Gottes zu stecken: „ Ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken“. Ich mach das jetzt wieder selbst, sagt er wohl, wenn die Kindsköpfe das nicht hinkriegen. Vertraut Gott den Menschen nicht mehr? Aber er reagiert doch ebenso menschlich und handelt genau so, wie wir, wenn wir mit der Arbeit der anderen nicht zufrieden sind. Dann machen wir es eben selber.

Aber Achtung; wir sollten Gott nicht zu schnell in ein allzu menschliches Schema hineinpressen. Denn eines fällt doch auf. Die Worte Gottes sind einzigartig liebevoll gewählt und: er führt die Menschen nicht vor; er hält ihnen keine Standpauke. Er sagt nicht, dass wir Menschen zu doof und zu töricht seien, die Geschicke der Welt zu lenken. Er sagt ganz anders: Ich mache euch vor, wie es gehen kann; ich zeige euch, wie das Leben miteinander gelingen kann.

Gott geht zu den Menschen als Vorbild und Mittler und er möchte überzeugen, dass Recht schaffen nicht von oben herab gehen muss, sondern auf eine ganz andere Weise viel besser gelingen kann. Nämlich dadurch, einen heilen Blick auf sich selbst und auf den nächsten zu werfen. Erinnern wir uns, was er sagt: „Ich schaffe Recht zwischen Schafen und Schafen und zwischen Widdern und Böcken.“ Also, denen, die schon vertraut sind miteinander und auch denen, die verschieden sind, soll Recht zuteilwerden. Gott bewegt sich auf die Menschen zu, er urteilt nicht aus Distanz; er urteilt auch nicht nach den Buchstaben des Gesetzes, vielmehr urteilt er mittels eines guten Blickes auf sie.

Und jetzt wird es nahezu paradox: Gott zeigt sich als Richter und König, indem er sich als Mensch zeigt. Ich kann nur ein hilfreicher König sein, indem ich mich als Mensch oute. Vorbild kann ich nur sein, wenn ich mich einreihe in die Gemeinschaft aller. Glauben und Leben gestalten gelingt, indem ich hingehe und mitgehe und eben nicht überfliege. „Ich werde sie ruhen lassen – Spruch des Herrn“. Herrschaftsverhältnisse, in die wir alle verwoben sind und denen wir uns nicht entziehen können; sie gewinnen an Menschlichkeit in der Ruhe. In der Ruhe können Blicke sich treffen, Worte nachhallen und Wege zu dem werden, was sie sein wollen: Bewegungen gemeinsamen Gehens und Entdeckens und keineswegs zeitverschwendende Sondierungen dazu, die wunden Stellen der anderen zu entlarven…Predigt am 26. November 2017

Christoph Simonsen

 

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