Predigten

Hier werden jeweils die Predigten von Christoph Simonsen (und ggf. Gästen) in den Hochschulgottesdiensten der KHG veröffentlicht. Fragen und FeedBack gerne über die Kommentarfunktion oder persönlich per eMail
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19. August  – 20. Sonntag im Jahreskreis im Lesejahr B-2018

Lesung: Buch der Sprichwörter 9,1-6
Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen. Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt und schon ihren Tisch gedeckt. Sie hat ihre Mägde ausgesandt und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg: Wer unerfahren ist, kehre hier ein. Zum Unwissenden sagt sie: Kommt, esst von meinem Mahl und trinkt vom Wein, den ich mischte. Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, und geht auf dem Weg der Einsicht!

Urlaub: Nicht nur entspannend, sondern auch noch lehrreich
Heute in einer Woche sitze ich, so Gott will, an dem kleinen Yachthafen von Rovinj und schaue auf ein betörend schönes Altstadtszenario. Jenseits des Hafenbeckens erstreckt sich ein wunderschöner Platz im Halbrund, umgeben von verwittert erscheinenden alten Häusern, deren Putz in allen Grauschattierungen bei der untergehenden Sonne zu strahlen beginnen. Im ebenen Bereich laden kleine Restaurants und Bars zum Verweilen ein, in den oberen Stockwerken wohnen Menschen; die Fensterläden stehen alle offen, überall sind Leinen angehängt, in kürzester Zeit ist die frisch gewaschene Wäsche wieder trocken. Entspannung und Alltag berühren sich nahtlos aneinander. Hier ist das Leben mit Händen zu greifen. Jedes Haus, jedes Fenster bekunden, dass hinter den Fassaden ganz viel gelebt wurde und wird und die Bewegtheit des Lebens kann man nahezu mit den Augen aufsaugen. Und auch, wenn ich keinen der Menschen kenne, die dort wohnen, so kann man die Geschichte und die Geschichten leibhaftig spüren, die in diesen Häusern gelebt und erzählt werden. Häuser sind eben mehr als Wohnstätten; Häuser sind Lebensräume. In ihnen wird geliebt und gestritten, da wird gegessen und geschlafen, da wird erzählt und geschwiegen; und jedes Haus, mögen sie auch äußerlich uniform wirken, jedes Haus ist ein Unikat, weil die Bewohner*innen es einrichten auf ihre ganz verschiedenen Bedürfnisse hin mit je ganz verschiedenen Geschmäckern und ästhetischen Ansprüchen. Und wenn ich dann nach einem Glas Wein durch die engen Gassen schlendere, dann weiß und spüre ich, dass ich umgeben bin von einer unendlichen Fülle von Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten.

Wundert es, dass die Lesung uns heute die Weisheit als einen Architekten vorstellt, der ein Haus baut, auf sieben Säulen gebaut. Natürlich ist die Zahl 7 ein bekannter symbolischer Hinweis: In sieben Tagen hat Gott der Legende nach die Welt erschaffen. In einem Haus, das die Weisheit baut, da ist volles und vielfältiges Leben und eine liebenswürdige Gastfreundschaft ist selbstverständlich. Auch den Unerfahrenen steht die Tür offen, denn im Innern kann jede und jeder gute Lebenserfahrungen sammeln.

Mit solch einem Anspruch der Vollkommenheit wäre wohl jeder menschliche Architekt überfordert. Deshalb hat wohl auch jedes Haus, das von Menschen gebaut ist, seine Tücken. Wir brauchen nur auf unser Khg Zentrum in der Pontstraße schauen: Was hat sich der Architekt wohl dabei gedacht, als er solch ein üppiges Foyer geplant hat, das erst mit zwei Höhenunterschieden von außen erreichbar ist und für Gehbehinderte Menschen eine absolute Überforderung darstellt? Dazu ist dieser Raum heute als Fluchtweg für inhaltliche Belange überhaupt nicht zu gebrauchen. Bei allem Bemühen, ein Haus zu bauen, das in Form und Nutzbarkeit vollkommen sein soll, wird dies wohl keinem Architekten gelingen. Dieser kleine eben gehörte Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter deckt sich in seiner Aussage mit dieser nüchternen Erfahrung menschlicher Unvollkommenheit: Aus eigener Kraft vermögen wir Menschen sicher Tolles und Schönes herrichten, aber so ganz ohne Fehler wird das nie sein.

Das Buch der Sprichwörter ist von seinem Wesen her ein poetisches Buch. Die Weisheit ist weniger eine menschliche Eigenschaft, die man sich mittels Wissen und Erkenntnis aneignen könnten; nein: Die Weisheit ist hier viel mehr ein Synonym für Gott selbst. Er persönlich ist der Architekt des Lebens; er schafft Raum zum Leben. Er lädt ein, er stärkt die Gäste, er beschenkt sie mit seinen Gaben. Gott selbst ist die Weisheit. Wer zu ihm kommt, wer seine Gastfreundschaft annimmt, der darf Anteil nehmen an den Gaben, die Gott zu eigen sind.

Ein guter Gastgeber vermittelt seinen Gästen, König zu sein. Der Gast ist König und der Gastgeber möchte den Gästen zu Diensten sein. Menschlich geradezu verrückt, ist eben das das Erkennungszeichen Gottes: dass er gibt, was er hat und sich gleichzeitig zurücknehmen kann. Wer sich von Gott einladen lässt zum Fest des Lebens, wer die Gastfreundschaft Gottes annimmt, der erkennt sehr bald seinen eigenen Wert und darf erfahren, wie würdevoll eigenes und anderes Leben ist. Die Bibel zeichnet immer wieder in anderen Bildern und Farben einen Menschen, der gerade in Gott Freiheit und Achtung findet. Wer sich in solch einer wunderbaren Achtung im Spiegel Gottes sieht, der erweist sich auch als ein dankbarer Mensch. Dankbare Menschen sind auch immer zufriedene Menschen und können ohne viel Aufsehen und Aufregung ihre Gaben und Fähigkeiten entfalten, ohne sich aufblähen zu müssen. Dankbare Menschen wissen um ihre Grenzen aber auch um ihre Gaben. So können wir im Blick auf Gott auch selbst in Anerkenntnis der eigenen Unvollkommenheit wunderbare und kreative Architekten des Lebens sein. In der Betriebsamkeit des Lebens mag das manchmal vergessen werden. Da ist es doch schön, dass es Zeiten des Urlaubs gibt, wo man sich dessen neu bewusst werden darf. Und noch schöner ist es, dann auch wieder dieses Gottesgeschenk der Würde und der Achtsamkeit mit anderen bewusster teilen zu können.

Christoph Simonsen

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12. August  –  19. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Johannes 6,41-51
Da murrten die Juden gegen ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen? Jesus sagte zu ihnen: Murrt nicht! Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Bei den Propheten heißt es: Und alle werden Schüler Gottes sein. Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen. Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen. Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.

Brot ist für alle(s) gut
Zum dritten Mal nacheinander ist wieder von „Brot“ die Rede; wir haben in den beiden vergangenen Wochen den hohen Wert von Brot schon miteinander bedacht. Keinem Menschen darf ein Anrecht auf Brot als Grundnahrungsmittel verwehrt werden. Ein Mangel an Brot ist sozusagen ein Indiz dafür, dass unsere Welt gerechter und solidarischer werden muss, wenn sie denn dem Auftrag Gottes nachkommen möchte. Am vergangenen Sonntag haben wir uns miteinander daran erinnert, dass Gott selbst das Grundnahrungsmittel für uns sein möchte; Gott schenkt sich als Brot, er möchte unserem Leben Geschmack einverleiben, denn er möchte nicht nur irgendwie mitlaufen in unserem Leben, er möchte uns Kraftquelle sein. Heute hören wir im Evangelium, dass Jesus von sich sagt, er sei das lebendige Brot, das in Ewigkeit leben ließe; dafür würde er sich sogar selbst hingeben. Wieder ist also vom Brot die Rede; und wieder geht es um’s überleben, dieses Mal weniger im sprichwörtlichen als im übertragenen Sinn. Brot nährt nicht nur den Körper, schenkt nicht nur eine Zukunft hier auf der Erde; Brot weist auch über das Leben im Hier und Jetzt hinaus. Überleben alleine ist kein Leben, Leben braucht Sinn und Ziel; Leben braucht Perspektive: Perspektive über alles Machbare, Denkbare, Glaubbare hinaus. Davon zumindest ist Jesus überzeugt. Und noch etwas treibt ihn um: Der leibliche Hunger wie auch der seelische Hunger bedingen einander. Das ist bis heute offensichtlich, wenn religiöser Fanatismus schnurstracks in Verelendung und Vereinsamung führt. Ein Glaube, der Leib und Seele nicht in gleicher Maße sättigt, davon ist Jesus überzeugt, führt unweigerlich in Egoismus. Für einen angstfreien Glauben, für einen Glauben, der den Nöten der Menschen entgegenwirkt, dafür gibt er sein Leben hin.

Und dennoch: so klar wie unmissverständlich diese Botschaft auch ist, mir bereitet sie Kopfzerbrechen. Wie kann ich Ewigkeit ins Wort bringen, wenn schon die Zukunft hier auf der Erde im Dunkeln liegt? Als ich noch im Krankenhaus gearbeitet habe, da bin ich immer wieder von Menschen gefragt worden, die sich einer schweren Krankheit stellen mussten, ob ich ihnen denn sagen könnte, wie es nach dem Tod weitergehen würde. In dieser Zeit habe ich gelernt zu akzeptieren, dass es schwerer ist, eine Frage still im Raum stehen zu lassen, als rasch eine – womöglich sogar nur angelesene – Antwort weiterzugeben. Und ebenso sicher bin ich mir geworden, dass alle theologischen Antwortversuche solch einer existentiellen Frage nie gerecht werden könnten. So berechtigt diese Frage eines Lebens nach dem Tod ist, so gewiss ist, dass keine Antwort ihr angemessen wäre. Fragen solcher Art nach dem Leben und nach dem Tod durchziehen eine tiefe Sehnsucht; die Sehnsucht nämlich, dass das eigene Leben Wert hat und Wert bewahrt, dass es jenseits menschlicher Vorstellungskraft seine Würde behält. Kurzum: Bin ich irgendwann vergangen, weil ich vergänglich bin?

Ich habe sehr großes Verständnis für diese Sehnsucht, weil es nämlich für viele Menschen unerträglich ist, mit der Angst zu leben, vergessen zu werden, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bis zum heutigen Tag zum Beispiel sucht meine Familie nach dem Grab meines Onkels, des Bruders meiner Mutter, der nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist: An wen sich erinnert wird, der ist geliebt.

Unser christlicher Glaube, nein ich bin mir sicher, aller Glaube zielt auf zwei wesentliche Eigenschaften: Der Gerechtigkeit in der Welt zu dienen und die Würde jedes einzelnen Menschen wie seine Liebesbedürftigkeit über alles andere hinaus wahr- und ernst zu nehmen. So ist dies die große Hoffnung, die uns der Glaube schenkt: Von Gott gerufen zu sein, diese Welt in seinem Namen zu gestalten und in gleicher Weise von Gott geliebt zu sein mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Liebe allerdings, die eines Beweises bedarf, ist schon vom Wesen her fragwürdig und deshalb ist auch der menschlich sicher berechtigte Wunsch eines Beweises der Ewigkeit vom Kern her schon bedenklich. Allein das Wagnis der Liebe vermag eine Möglichkeit zu eröffnen, hinter die Tür des Lebens zu schauen. Von Gottes Seite aus ist diese Offenheit der Liebe uns allen zugesprochen in der Liebestat Jesu. Eben dem Jesus, der in der Liebe zum Vater sein Leben gibt für das Leben der Welt.

Christoph Simonsen
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05. August 18. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Johannes 6,24-35
Als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus. Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher gekommen? Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt. Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen? Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat. Sie entgegneten ihm: Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was tust du? Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen. Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot! Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Die Feier der Eucharistie ist eine immer wiederkehrende Herausforderung
Wir müssen so manches schlucken in unserem Leben, was uns nicht schmeckt. Jede und jeder von uns kennt das und keinem bleibt das erspart. Das mag uns ärgern und vielleicht sogar auch wütend machen, aber es gibt auch andere Runter-Schluck-Erfahrungen, wenn ich das so nennen darf. Wir schlucken unendlich viel runter und merken es nicht mal mehr, geschweige denn, dass wir es schmecken. Morgens schlucken wir unseren Tee oder unseren Kaffee zum Beispiel runter und nehmen den Geschmack gar nicht mehr in seiner Eleganz wahr. Das Zeug soll uns wach und fit machen, Geschmack ist nebensächlich.
Und jetzt stelle ich die unverschämte Frage: Schlucken wir auch Gott einfach so runter wie selbstverständlich? Er ist da, er gehört dazu, er wird von Generation zu Generation tradiert. Das ist ok, denn er ist ja ein ähnlicher Kraftspender und Fithalter, wie eben der Tee oder der Kaffee, eben nur nicht im physischen Sinn, sondern im geistigen. Aber schmecken wir Gott eigentlich noch wirklich? Nehmen wir ihn bewusst als Lebensnahrung für uns wahr?
Was glauben wir eigentlich, wenn wir – wie gleich auch wieder – die Schale mit Brot einander reichen und das Brot in die Hand nehmen, von dem es heißt, es sei das Brot des Lebens? Was heißt das, dass Gott gegenwärtig ist in dieser kleinen symbolischen Scheibe Brot und wieso soll darin eine Kraft liegen, die so stark ist, dass wir davon erfüllt leben können? Was schmecken wir eigentlich, was fühlen wir, wenn wir dieses Brot des Lebens herunterschlucken? Bei diesen Fragen geht es mir nicht um konfessionelle Spitzfindigkeiten, ob Gott real präsent ist in diesem Brot oder nur symbolisch. Hier geht es um die Frage, was ihr und ich glauben, wenn wir dieses Brot essen und den Wein schmecken. Was schmecken wir, wen schmecken wir? Sind das blöde Fragen, überflüssige Fragen, sind es vielleicht zu intime, persönliche Fragen? Wenn wir einen Menschen lieben, dann gibt es da welche, die sagen, der Freund oder die Freundin sei süß. Schmeckt Gott süß oder doch bitter? Ist Gott eher ein Grundnahrungsmittel oder ein Dessert?

Sich solchen grundsätzlichen Fragen zu stellen, finde ich anstrengend. Solche Fragen halten oft auf und nicht selten verunsichern sie auch und bringen das alltägliche Geschehen des Lebens gehörig durcheinander.
Die Menschen, denen Jesus im heutigen Evangelium begegnet, stellen auch Fragen. Über ihre Absichten mag man zweifeln, ob sie wohlwollend gemeint sind oder eher hinterhältig. Aber dass sie diese Fragen stellen und nicht einfach alles an sich und über sich ergehen lassen, sehe ich zunächst einmal positiv. “Wann bist du hierhergekommen? Welches Zeichen tust du?”. Es ist so: Jesus wirft Fragen auf. Die Art und Weise wie er lebt, wie er redet, wie er vor allem von Gott redet. Das übersteigt den Horizont vieler. Wer kann das auch in aller Tiefe verstehen, wenn er sagt: “ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.”? Ich erinnere mich einer analytischen Aussage Freuds, dass die Psyche des Menschen niemals zufrieden zu stellen sei. Der Glaube an Gott ist eine menschliche Überforderung und muss jedem denkenden Menschen eine Herausforderung sein. Jedes Mal, wenn ich dieses Brot des Lebens in der Hand halte, spüre ich diese Herausforderung, darüber nachzusinnen, was Leben für mich ist. Alles im Leben dreht sich doch um Brot. Zwei Drittel der Menschheit hungert, weil es ihnen am Brot fehlt. Das heißt doch, es ist zu wenig Brotsubstanz in der Welt. Wenn ich das im Blick habe, dann wird mir ein wenig klarer, weshalb Jesus das Symbol des Brotes gewählt hat, um mir und uns zu zeigen, dass er sich und sein Leben an diese Welt verschenken möchte. Brot ist etwas Ungeheures. Es verweist auf die tiefste unerfüllte Sehnsucht des Menschen, auf seinen Hunger nämlich. Brot aus sich heraus allein ist schon heilig. Jedes Mal, wenn ich hier dieses Brot in der Hand halte und sehe, wie auch ihr dieses Brot ehrfürchtig in der Handfläche aufbewahrt, wird mir dies offenbar, dass wir alle hungrig sind nach einer letzten Hoffnung, die über alle Hindernisse des Lebens hinweg trägt. Und jedes Mal, wenn ich während der Kommunionfeier in die Runde schaue, wird mir wohltuend bewusst, dass wir alle den Ort gefunden haben, an dem dieser Hunger gestillt werden kann, nämlich in einer Gemeinschaft von Menschen, die es einander gut meinen.
Vielleicht geht diese Wahrnehmung manchmal verloren. Vielleicht wird – wie so vieles in unserem Leben – dieses Zeichen des gemeinsamen Mahles zu sehr zur Routine. Vielleicht schlucken wir Gott, wie anfangs behauptet, wirklich manchmal so herunter, ohne uns der Überforderung des Glaubens bewusst zu sein. Dieses Gottesgeschenk des Brotes ist für mich jedes Mal aufs Neue eine Überforderung. Und genau das ist die darin sich offenbarende Herausforderung: Das Brot, das ich in der Hand halte und dann esse, ist ein Gottesgeschenk. Dieser Gedanke fordert mich heraus, hinter die vordergründigen Wahrheiten des Lebens schauen zu wollen, und die überragende Wahrheit dahinter zu suchen, dass nämlich Gott das Leben für alle will. Wenn es Gottes Wunsch ist, meinen Hunger zu stillen und meine Hoffnung zu stärken; wenn es sein Wunsch ist, sich mit mir zu vereinen, dann offenbart sich in dieser den menschlichen Geist überfordernden Wahrheit die Herausforderung, genau dies auch zu versuchen, den Nächsten zu sättigen, seine Hoffnung zu stärken und die Menschen zu vereinen. Mit diesem Wunsch aus dem Gottesdienst herauszugehen in den Alltag, ist für mich eine große Herausforderung, auch wenn es immer eine bedrängende Überforderung bleiben wird. Jedes Mal aufs Neue.
Christoph Simonsen

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29. Juli – 17. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Johannes 6,1-15
Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt. Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder. Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe. Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben? Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll. Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm: Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele! Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer. Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen. Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt. Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren. Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Hunger grenzt aus
Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht darum, dass die Menschen satt werden sollen, viele Menschen, und im Kontext der beiden gehörten Geschichten soll es sogar darum gehen, dass alle Menschen satt werden sollen. Keiner soll hungern, alle sollen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und es ist auch genug da, aber zu Vieles ist in zu wenigen Händen, was will ein kleiner Junge mit 5 Broten und zwei Fischen.
Das ist eine nüchterne, aber realistische Beschreibung unserer Welt: Da sind Menschen, die hungrig sind, andere die genug haben und wieder andere, die diesen Zwiespalt wahrnehmen und etwas daran ändern wollen.
Es gibt wohl einen gewichtigen Unterschied im Blick auf unsere Lebenswirklichkeit und dem, was in den beiden Schriftworten des heutigen Sonntags dargestellt wird: In der Heiligen Schrift arbeiten alle Hand in Hand zusammen: die Bedürftigen, die Besitzenden und die, die wahrnehmen, was ist in der Welt los ist. Daran müssen wir arbeiten heute, hier und jetzt. Dieses Wunder des Achthabens aufeinander, das müssen wir stärken und die Aufgabe muss uns in Kopf und Herz geschrieben sein: Alle sollen satt werden, alle haben ein Anrecht darauf, menschenwürdig zu leben. Die Geschichten der Heiligen Schrift sind eben nicht in erster Linie heilig, es sind reale Lebensgeschichten. Und sie laden uns ein, nein: fordern uns heraus, unseren Standpunkt in dieser Welt zu finden: Wie wollen wir uns dazu verhalten, dass es Unrecht gibt in dieser Welt? Wir haben die Verantwortung zu schauen, wo wir stehen. Eines ist gewiss: Wir, die wir hier heute beisammen sind, stehen nicht auf der Seite der Hungrigen, vielleicht auf der Seite der Besitzenden, ganz gewiss aber auf der Seite derer, die sich einen Überblick darüber verschaffen können, wie es in unserer Welt aussieht. Wer unter uns hat den Mut zu sagen, dass genug für alle da ist; und wer unter uns lädt ein, alle mögen sich setzen, um zu essen und zu trinken, allgemeiner: um menschenwürdig zu leben?

Am vergangenen Wochenende sind Menschen in München auf die Straße gegangen, Menschen aller Couleur, die ihrer Sorge Ausdruck verleihen wollten, dass unsere Welt an einer neu aufbrechenden Form des Egoismus leidet und darunter zu zerbrechen droht. Sie haben unter anderem Claus-Peter Reisch zugehört, dem Lifeline-Kapitän, der Menschen mit seinem Schiff zur Lebensrettung geworden ist und der nun in Malta vor Gericht steht, weil er unrechtens gehandelt haben soll dadurch, dass er – und jetzt wird es sprachlich ganz gruselig – „ fremdes Menschenfleisch“ an Land gebracht habe. Dieses Wort ist dem italienischen Innenminister aus dem Mund gefallen. Bitterböser kann es nicht versichtbart werden: Weil wir nicht mehr Hand in Hand arbeiten, weil wir immer mehr auseinanderdriften in unserer Welt, weil jede und jeder einzelne nur noch damit beschäftigt ist, ihren/seinen eigenen Hunger zu stillen, deshalb ist unsere Welt so, wie sie sich heute zeigt: halbiert in einen Teil, der hungert und einen anderen Teil, der übersatt ist. Immer mehr wird es bis in unsere Sprachwahl hinein offensichtlich, dass Menschen zu einem Sachverhalt degradiert werden, die notwendigerweise verwaltet und abgewickelt werden müssen.

Ich komme noch mal auf den kleinen Jungen mit den fünf Broten und den zwei Fischen zurück. Er erkennt wohl, dass er zu viel hat für sich alleine und er stellt
ohne viel Aufhebens zur Verfügung, was er hat. Der Text gibt keinen Hinweis darauf, wie er reagiert, als er angesprochen wird: ob er sich genötigt fühlt, von seinem Abendbrot herzugeben oder ob er es aus freien Stücken tut. Auf jeden Fall gibt er her, ohne viel Aufsehens und ohne Widerstand. Er wird gefragt, und er reagiert offenherzig. Dass, was da ist, wird einfach gesegnet – und es genügt. Alle werden satt. Zu der Notwendigkeit eines heilsamen Zusammenspiels der Menschen gehört also noch ein weiteres, wichtiges Merkmal, damit unsere Welt heute wieder für alle zu einem guten Lebensort werden kann. Die Erkenntnis nämlich, Lebens-Mittel sind etwas Kostbares, sie sind des Segens würdig.

In kaum einem anderen Wort der Heiligen Schrift wird es offenkundiger als in diesem: Menschenwürde und Umweltschutz, das sind keine Hobby-Unternehmungen einiger grün-angehauchter Einzelkämpfer, vielmehr sind es die Wesensmerkmale unseres Glaubens. In der Erzählung heißt es dann weiter, dass alle sich hinsetzen. Alle ausnahmslos hatten Vertrauen darin, dass sie nicht sich selbst und ihrem Schicksal überlassen würden, hungrig ihre Wege gehen zu müssen. Das muss unsere Aufgabe sein: So zu reden, zu handeln, zu leben, dass Menschen Vertrauen finden, sich zu uns zu setzen. Wir alleine können sicher nicht alle Erwartungen erfüllen; aber wie gesagt, wenn wir ehrlich und kreativ Hand in Hand arbeiten, dann geht was. Dann kann der Hunger derer, die heute darben ein wenig mehr gestillt werden. Gemeinsam kreativ sein, dem sind keine Grenzen gesetzt. Hunger grenzt aus, teilen verbindet.
Christoph Simonsen

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22. Juli – 16. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 6,30-34
Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.
„Erneuerung“ will ernst gemeint sein
Ab und zu, da tut es gut, Bilanz zu ziehen; sich etwas Zeit zu nehmen, zur Ruhe zu finden, sich einen Überblick zu verschaffen, wo man denn so gerade steht. Die Frage mag dann in einem aufkommen, ob die Werte noch tragen, nach denen man zu leben versucht, oder ob es überhaupt noch die richtigen Werte sind. In der Wirtschaft nennt man es Inventur, im Berufsleben Coaching, in der Glaubensgemeinschaft Exerzitien. Das tut dem einzelnen gut, aber auch den verschiedenen Gemeinschaften, in denen man so lebt und sich bewegt, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Und klar: Das tut auch der Kirche gut. Da passiert im Augenblick ja auch ganz viel. Das ist mir am vergangenen Sonntag bewusst geworden, nach dem Gottesdienst, als ich mit einigen Studierenden ins Gespräch kam. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie es sich ergeben hat, aber plötzlich stand so ein Satz im Raum, wie: „So kann es doch eigentlich nicht weitergehen“. Und diese Aussage bezog sich auf den Zustand unserer Kirche. Da hat sich ein System verselbständigt, so empfinden viele; mit der Wirklichkeit des Lebens der Menschen hat die Kirche nur noch wenig Kontakt, wenn überhaupt. Da ist auf der einen Seite das Mühen von Papst Franziskus, der Kirche neues Leben einzuhauchen durch synodale Strukturen. Er ist der Überzeugung, dass wir Rücksicht nehmen müssen auf die kulturelle Vielfalt unserer Weltkirche, in der an einem Ende der Welt die Menschen eben anders ticken als am anderen; ganz andere Lebenserfahrungen prägen zum Beispiel einen jungen Menschen, der in Nairobi wohnt als den, der in London zuhause ist. Dieses Ansinnen, den einzelnen Regionen der Welt mehr Eigenständigkeit zu verschaffen, stößt auf gehörigen Widerstand vieler, denen die Angst im Gesicht geschrieben steht, jegliche Veränderung könne die vielbeschworene Einheit der Kirche gefährden. In unserem Gespräch spürte ich so eine gewisse Traurigkeit, aber auch Enttäuschung und auch Zorn angesichts der Frage, ob die Kirche denn in der Tat auch nur ein Machtsystem sei, in dem jeder sein Süppchen kochen will. Und in all dem Gemenge führt Papst Franziskus einen Kampf gegen Windmühlen.
„So kann es doch nicht weitergehen!“ In diesem Augenblick ist mir spontan der Gedanke herausgerutscht: ‚Es wird sich nur etwas ändern, wenn wir uns von der hierarchischen Struktur einer klerikalen Kirche verabschieden und wir uns als Volk Gottes, wir alle also gemeinsam, gleichberechtigt auf den Weg machen. Wir sind viel zu sehr fixiert auf die Ämterstruktur der Kirche und freuen uns viel zu wenig über die große Vielfalt der glaubenden Menschen, die unserer Kirche ein Gesicht geben.
Nun hat in unserem Bistum der Bischof ja gerade einen synodalen Prozess eingeleitet, der denen Gehör verschaffen möchte, die bisher nicht gehört wurden. Ich bin sehr gespannt und neugierig, wie sich dieser Gesprächsprozess entwickeln wird und ob er wirklich etwas zu verändern vermag.
Ja, es muss sich was tun; so wie es ist, so hat unsere Kirche keine Zukunft. Nicht wenige sind ja der Überzeugung, um ihren Glauben zu leben, bräuchten sie gar keine Kirche mehr; dies nicht, weil die Kirche ihnen gleichgültig geworden wäre, sondern weil sie ihnen nicht mehr glaubwürdig erscheint. Das muss uns doch zu denken geben. Ja, es muss sich etwas ändern, grundsätzlich, radikal, von den Wurzeln her.
Was wäre zum Beispiel, wenn nicht ich euch, sondern ihr mir von eurem Glauben erzählen würdet – mir und uns untereinander. Ich bin mir ganz sicher: Das würde ein sehr lebendiges Gespräch werden. Einander zuwenden und erzählen, wie wir unser Leben meistern, was wir erlebt, überstanden, gelernt haben in unserem Leben, und wie in all dem Gott vorgekommen ist – oder eben auch nicht. Da würde die Stunde nicht reichen, die wir uns sonntags Zeit nehmen, um Gottesdienst zu feiern. Gottesdienst verbindet ja immer zwei ganz wesentliche Momente unseres Glaubens miteinander: Zum einen hören wir Gottes Wort und feiern sein Liebesmahl, zum anderen tragen wir eben unser Leben vor Gott und voreinander in den Gebeten, in den Fürbitten. So geht das zusammen: Wort Gottes und Leben von uns Menschen! Im Hören und Erzählen, im Mit-Teilen eben. Glaubensvermittlung ist keine Einbahnstraße; wir können und wir müssen einander von unseren Glaubenserfahrungen erzählen.
Wir hören heute im Evangelium davon, wie Jesus einlädt, von den eigenen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen zu erzählen. Von Dorf zu Dorf sind die Jüngerinnen und Jünger gewandert und sind vielen Menschen begegnet, haben viel gehört und erfahren von den Lebensentwürfen der Menschen. Glaube geschieht in Begegnung. Von diesen Begegnungen haben sie nun einander erzählt.
Ich meine, diese Ermutigung passt gut in unsere Situation und in unsere Zeit. Jesus sendet die Jüngerinnen und Jünger aus, um Erfahrungen zu sammeln, wie die Menschen leben, wessen sie bedürfen, woraus sie leben, und demgegenüber haben sie erzählt von ihren Erfahrungen mit einem Freund, der ganz aus Gott lebt und sie so tief im Herzen reich macht. Ich bin mir sicher, dass da eine ganz große Schatzkiste gefüllt worden ist mit Lebens- und Glaubensgeschichten. Und dann hieß es eben wieder aufzubrechen, weil die Fragen, die Bedürfnisse, die Nöte der Menschen so bedrängend nahe gekommen sind.
Es mag paradox klingen, so schön es ist, sich – wie auch hier heute – der Ruhe hinzugeben, so gewiss ist es auch, dass wir wieder genötigt werden zum Aufbruch. Kirche ist ein Ort, auszuruhen, ganz sicher, Kirche ist ein Ort des Gebetes, mindestens genau so selbstverständlich, Kirche ist aber ebenso wichtig ein Ort der Auseinandersetzung über Grenzen und Schwierigkeiten hinweg. Wessen wir uns heute und morgen noch sicherer werden müssen: Kirche ist nicht Selbstzweck; sie darf niemals sich selbst genügen. Schon gar nicht ist sie Sklavin ihrer eigenen Geschichte. Sie ist Ort, wo Glaube und Leben, wo Gott und Welt einander berühren und einander bereichern. Wo immer sie diesen Auftrag nicht erfüllt, bedarf sie der Erneuerung. Und sie bedarf immer der Erneuerung, weil nämlich wir Kirche sind; und wie würde es um uns stehen, wenn wir stehen blieben? Leben und Glauben muss immer bedeuten: Fort-Schritt, nie Still-Stand, zu viele warten darauf, ernst genommen zu werden mit ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen.
Christoph Simonsen

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15. Juli – 15. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Lesung: Amos 7,12-15
Zu Amos aber sagte Amazja: Geh, Seher, flüchte ins Land Juda! Iss dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden; denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel. Amos antwortete Amazja: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ich bin ein Viehzüchter und ich ziehe Maulbeerfeigen. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!

Hören und Berühren
„Ich will hören, was Gott redet:
Frieden verkündet der Herr seinem Volk
und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen.
Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne in unserem Land.
Es begegnen einander Huld und Treue;
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sprosst aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.“ (aus Psalm 85)

Das sind prophetische Worte; wohltuende Worte in einer Zeit, in der Worte viel zu oft zu Waffen werden. Es sind alte Worte des Psalms 85, den die Liturgie heute als Antwortgesang nach der eben gehörten Lesung vorsieht. Mich berühren diese Worte; von ihnen geht eine Wärme aus, die keinen kalt lassen kann. Sie versetzen mich in eine innere Dankbarkeit, wie schön Leben sein kann – und sie lassen – für einen Augenblick – vergessen, dass alles ganz anders ist.
Und da sind wir mittendrin im Problem: Prophet*innen reden immer in einer Welt, die grundsätzlich anders ist, als sie eigentlich sein sollte. Die nächste Tragik folgt auf dem Fuß, denn in der Regel bewirken sie auch nicht wirklich etwas, was die Welt besser macht. Prophet*innen sind auf den ersten Blick hilflose Weltverbesserer in einer Welt, die nicht besser wird. Wie mag man sich da wohl fühlen als Prophet*in, wenn der übertragene Auftrag zu nichts führt, man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Welt keinen Zoll friedlicher, warmherziger, göttlicher wird.
Prophet*innen wollen gar nicht die Welt verändern, sie wollen die Herzen der Menschen erreichen. Prophet*innen haben kein Interesse an Weltsystemen, wohl aber haben sie Interesse am Wohlergehen der Menschen, und zwar des einzelnen Menschen. Dieser Blick auf den einzelnen Menschen geht uns viel zu oft verloren weil wir uns festbeißen an und in Systemen. Viel zu sehr arbeiten wir uns an Systemen ab, während Prophet*innen im Hören auf das Wort Gottes ihren Blick dem einzelnen Menschen zuwenden. Wenn es dem Menschen gut geht, dann findet auch die Welt ihr Gleichgewicht wieder. Prophet*innen sind erfüllt, oder anders: sie sind randvoll von dieser Überzeugung: In Gottes Welt gibt es keine Feindbilder. Von dieser Überzeugung erfüllt, finden sie sich dann allerdings wieder in einer Welt, in der Feindbilder in immer neuen Varianten geprägt werden – von uns Menschen, nicht von Gott. Und das nur deshalb, weil wir Menschen uns unterscheiden wollen untereinander, nicht in unserem Sein, vielmehr in unserer Wertigkeit. Anders sein, das ist für die Vielzahl der Menschen gleichgesetzt mit wertvoller sein wollen bzw. minderwertiger sein müssen. Bezeichnungen werden zu Kampfmitteln. In der Vergangenheit war es der Nigger, heute ist es der Flüchtling, oder der Schwule, oder der Arbeitslose. Die einzige Intention dieser Klassifizierung liegt darin, sich selbst abzugrenzen von dem anderen.
Mir liegt noch sehr im Magen ein Erlebnis in diesem zu Ende gehenden Semester, wo wir mit einigen Studis belegte Brötchen an markanten Stellen unserer Stadt Obdachlosen gebracht haben, einfach nur so. Am Kaiserplatz kam dann ein Polizeiwagen angerauscht und ein Polizist fragte in einer sehr überheblichen Art, was wir denn da machen würden und ob wir nicht wüssten, dass dies Drogenabhängige wären und es gefährlich sei, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich war sprachlos und entsetzt. Weil jemand auf der Straße sitzt, ist er gefährlich. Weil eine Not, welcher Art auch immer, ihn der gewohnten Bürgerlichkeit entrissen hat, müssen wir uns vor ihm schützen. Getreu dem Motto: „Kennst du einen, kennst du alle“. Ein anderes Beispiel: Am vergangenen Wochenende hat der Rektor eines Theologenkonviktes die Studierenden mit einem Grundsatzpapier konfrontiert, wo Homosexuelle als „psychologische Fehlentwicklung“ bezeichnet werden, weshalb sie für den pastoralen Dienst ungeeignet seien. Zwei Beispiele – ein Wesensmerkmal: Wir Menschen zerreißen uns selbst an der Verrohung unserer Sprache, die eine Zerrissenheit der Welt unweigerlich nach sich zieht.
Einer solchen Wort-Gewalt und einer solchen Gefühls-Kälte begegnen Prophet*innen mit ihrem konkreten Leben, das badet im Meer der Erkenntnis Gottes, wie es bei Jesaja heißt. „Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten. Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander… Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.“ In diesem Meer der Gotteserkenntnis sollen wir mitschwimmen. Dazu rufen die Prophet*innen Gottes auf. Dieses Meer der göttlichen Erkenntnis fragt nicht, bist du Flüchtling oder Obdachloser oder Schwuler oder erfolgreicher Wissenschaftler oder Aktienbesitzer; dieses Meer fragt nur: Bist Du ein Hörender? Ein Hörender, der es vermag, mit seinem Leben die vielen Worte zu einem Friedenswort zusammenzubinden? Prophet*innen sind keine Weltverbesserer, sie sind Friedenswortfinder. Gott interessiert nicht, was ein Mensch ist, sondern wer sie oder er ist. Infolge dessen bewerten Prophet*innen das Leben nicht, sie wollen es berühren und zusammenführen, indem sie in jeder und jedem die Friedenssehnsucht suchen.
Mir geht eine Begegnung nicht aus dem Sinn. Wer mich kennt, weiß um meinen zuweilen sehr nüchternen Realitätssinn und meine Art, manchmal zornig, zuweilen ironisch, nicht selten auch zynisch Stellung zu beziehen. Nun sagte mir jemand vor kurzem, dass meine bissigen Anmerkungen, die vielleicht in der Sache gar nicht unberechtigt sein mögen, manche Gesprächsgegenüber niederdrücken und im Letzten in ihrem Frust alleine zurücklassen. Da wurde mir bewusst, dass mir noch ganz viel fehlt, um mich Prophet nennen zu dürfen. Wirkliche Prophet*innen leugnen die Wirklichkeit nicht, nennen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit auch bei ihren Namen, aber was sie – wie gesagt – nicht tun: sie bewerten nicht, sie berühren mit ihrem Leben.
Ja: wir leben in bewegten und auch gefährlichen Zeiten. Unsere Zeit braucht Prophet*innen. Ich wünsche mir und uns genügend Sensibilität, mehr zu hören und zu berühren, und weniger zu klagen und zu schimpfen. So könnten wir vielleicht Prophet*innen werden in unserer Zeit.
Christoph Simonsen

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24. Juni – 12. Sonntag im Jahreskreis B

Evangelium: Markus 4,35-41

Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; einige andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?

„Die Nacht ist nicht allein zum schlafen da“

Jede und jeder von uns hat wohl so etwas, was man gemeinhin einen persönlichen Lebensrhythmus nennt. Der eine ist eher der Morgenmuffel und drückt frühestens um 11.00 Uhr die innere Powertaste, die andere versprüht in der Frühe so viel Energie, dass dem anderen angst und bange wird. Aber wie immer wir gestrickt sein mögen und selbst wenn wir die Nacht zum Tag gemacht haben, irgendwann ist auch die tollste Fete mal zu Ende und es kommt der Zeitpunkt, wo man sich fallen lassen möchte –und zwar nicht nur ins Bett, vielmehr auch in eine innere Abständigkeit von allem, was einen am Tag beschäftigt hat. Für die meisten von uns ist das der Abend, wo Körper und Geist sich darauf freuen, zur Ruhe kommen zu dürfen. Spätestens wenn dieser Augenblick vor dem Einschlafen gekommen ist und man der Partnerin oder dem Partner eine gute Nacht gewünscht hat (wenn man nicht alleine schläft), dann ist man wirklich ganz bei sich und nur noch für sich da. Dann fallen einem die Augen langsam zu, und wenn der Tag gut gelaufen ist, spürt man vielleicht einen Hauch von Dankbarkeit oder auch Wehmut, dass etwas Schönes zu Ende gegangen ist oder – ganz anders – hindert einen eine Unzufriedenheit oder eine gemachte Dummheit, ruhig zu werden. Irgendwann aber überfällt einen auch dann der Schlaf, den wir alle brauchen und der die Hoffnung auf einen neuen Tag wachsen lassen kann.

Nun, das ist heute in der Erzählung des Evangeliums ganz anders. Und wieder einmal wird offensichtlich, dass die Botschaft Jesu ziemlich verwirren kann. Den Jüngern ist keine Ruhe vergönnt und die ersehnte Bettruhe fällt aus. Entgegen aller Erfahrung fordert Jesus sie auf, noch mal aufs Meer hinaus zu rudern, neuen Ufern entgegen.

Auch unter der Gefahr, dass ihr es langsam einfältig findet, möchte ich heute wieder auf Bilder zurückgreifen, wie in den vergangenen Wochen, aber dieses Mal auf imaginäre Bilder, auf Bilder im Kopf.

Da ist zunächst das schon angesprochene Bild der Abendstimmung. Ja, es ist so: Ich freue mich         für jede Nacht, in der ich gelassen schlafen kann, den vergangenen Tag zurücklassend und den Kommenden erwartend. Gewiss geht es euch ähnlich. Aber so ist es halt nicht immer. Wer kennt nicht die schlaflosen Nächte, die entsetzlich lange sein können, in denen man sich schweißgebadet herumwälzt und einem tausend Gedanken durch den Kopf gehen; Lebensperspektiven geraten ins Wanken, Freundschaften werden zu einer bedrängenden Frage, ursächliche Sinnfragen bringen einen in Rage – und das alles, obwohl der Schlaf so sehr Not tut.

Jesus mutet das seinen Freundinnen und Freunden zu; er überfällt uns mit seiner Erwartung, dass wir uns am Abend doch noch einmal aufmachen sollen, um dem Leben einen tragfähigen Sinn abzuringen. Vielleicht sind diese nervenden schlaflosen Nächte ja gar nicht so sinnlos, wie wir meinen. Vielleicht bergen sie ja auch die Chance in sich, Lebensenergie, Lebensmut, Lebenssinn einzufangen und einen unerwarteten Fang zu machen, der mein Leben sättigt.

Das zweite Bild ist nicht weniger verwirrend: Die Jünger sollen sich in der Nacht aufs Meer begeben. Seit Menschengedenken steht das Bild des Meeres in den Kulturen für eine chaotische, nicht kontrollierbare Welt. Wir wollen alles immer im Griff haben, den Überblick behalten und das Leben kontrollieren. Die vielen Diskussionen in unserer Gesellschaft, die uns einreden wollen, das Leben sei unsicherer geworden, weil die globale Welt alles mit allem verknüpft, sie suggerieren uns, dass Leben früher sicherer war und wir wieder dahin zurückkommen müssten. Aber das ist doch Unsinn, im wahrsten Sinn des Wortes: Es ist das Gegenteil von Sinn. Sinn macht es, sich dem Leben zu stellen und das Unerwartete als eine Herausforderung anzusehen. Was nutzte es, wenn wir allein ans andere – rettende Ufer kämen? Wir blieben allein. Im Letzten kann ich das Leben nur bewältigen, wenn ich in der jeweiligen Situation das Beste daraus mache und nicht krampfhaft versuche, die Gegenwart auszuradieren. Wenn ich neue Ufer erreichen möchte, dann darf ich nicht stehenbleiben.

Ja, ich muss mich auf den Weg machen. Das Bild des Weges kommt in unserer heutigen Geschichte auch vor. Keiner von uns ist schon angekommen; das andere Ufer ist noch nicht erreicht. Aber es gibt ein Ziel; es gibt eine Hoffnung, dass wir nicht ziellos umherirren müssen. Und ist es da nicht plausibel, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Sich mit Weggefährt*innen auf den Weg zu machen ist doch allemal heilsamer, als alleine loszuziehen. Und auf dem Weg Fremde zu Freunden werden zu lassen allemal schöner als sich zu bekriegen.

Das alles ist nicht illusorisch, nicht weltfremd. Illusorisch wäre es, sich in Traumwelten zu verwickeln. Lieber eine schlaflose Nacht, in der ich mir der Mühe des Lebens bewusst werde und mir meines Auftrages bewusster werde, wie ich mein Leben anpacken möchte, als eine verschlafene Nacht, in der ich vergesse, dass Gott mir eine Aufgabe übertragen hat, mich auf den Weg zu machen zu neuen Ufern.

Christoph Simonsen


10. Juni 2018 – 10. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 3,20-35
Jesus ging in ein Haus und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen. Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

‚Ja, aber…‘, oder: Warum das kleine Wort ‚aber‘ so viel kaputt macht
Das kommt schon mal vor, dass einen die eigenen Leute für bekloppt halten: manchmal sogar die eigene Familie. Ab und zu macht man ja auch bescheuerte Sachen, wo andere nur den Kopf schütteln können. Problematisch wird es, wenn nahestehende Menschen einem die Zurechnungsfähigkeit absprechen, davon überzeugt sind, man müsse einen im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Verkehr ziehen. „Er ist von Sinnen“. Mit Gewalt wollte seine Familie ihn – Jesus – aus seinen konkreten Lebensgefügen herausholen. Andere legten noch nach, besessen soll er sein, von Beelzebul befallen, sogar der Satan wird ihm angedichtet. Da geht’s nicht um einen dummen Jungenstreich, da geht’s um Grundsätzliches; da geht’s um Gewissenhaftigkeit, da geht’s um bewusstes, reflektiertes Leben. Da geht’s darum, wen man liebt und wie man liebt, wenn ich da zum Beispiel an die Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena denke oder an die biblische Information, die zur Diskussion anregen kann, dass der Jünger, den Jesus liebte, an seiner Seite saß. Dieser Jesus, ist er wirklich verrückt? Ist er so anders, dass er hinter verschlossene Riegel gehört? Was werfen ihm die anderen vor? In dieser Perikope wird nicht klar, was er dieses Mal ‚angestellt hat‘. Es wird nur berichtet, wie er in ein Haus geht und dass ihm viele folgen, mehr wird nicht gesagt. Dennoch wird der Anschein erweck, als müsste Jesus geradezu vor sich selbst geschützt werden. Aber es ist ganz anders, und das stellt sich ganz schnell heraus: Sie wollen nicht Jesus schützen, es geht ihnen einzig um sie selbst. Sie haben nicht Angst um Jesus, sie haben Angst, sich selbst in Frage stellen zu müssen, wenn sie diesen Jesus tatsächlich ernst nehmen; sie haben Angst vor Veränderung, vor Systemveränderung, vor Traditionsbrüchen. Es soll alles so bleiben, wie es war und Jesus bringt halt den ganzen Laden – salopp gesagt – durcheinander. Jesus aber will einen Systemwechsel: Von der Fremdbestimmung weg, hin zu einem neuen Selbstbewusstsein jeder und jedes einzelnen Menschen: Der Mensch ist geliebt – von Gott, der Mensch als Subjekt, nicht als ein zusammengesetztes Wesen verschiedener Eigenschaften und Wesenheiten. Der Mensch in seiner Ganzheit ist von Gott unteilbar angenommen.
Bei einer Tagung in der vergangenen Woche hat uns ein Theologieprofessor sprachlos gemacht: Er zitierte aus einem kirchenrechtlichen Papier über die Ehe, in dem aufgelistet ist, was vorauszusetzen ist, damit eine Ehe im kirchlichen Sinn rechtsverbindlich geschlossen werden kann, und fragte dann, welches Wort wohl fehle in diesem Text. Wir grübelten alle und keiner kam drauf. Es war das Wort „Liebe“. Voraussetzung für eine vor Gott gültige eheliche Gemeinschaft sollte doch vor allem anderen sein, dass die beiden Menschen sich lieben. Aber das war wohl weniger notwendig, als andere biologische Voraussetzungen, die erfüllt sein mussten. Leben muss zweckerfüllend gelebt werden, selbst Liebe und Zuwendung müssen Ergebnisse aufweisen. Das Kirchenrecht mag eine unverzichtbare Wissenschaft sein, aber darf es so großen Raum einnehmen, dass es die Liebe verzweckt?
Aus der ungeteilten Anteilnahme Gottes heraus, vermag Mut und Offenheit erwachsen, sich in Liebe einem anderen Menschen anvertrauen zu können. Ein Humanwissenschatler hat es uns erläutert: Wer Anteilnahme nie erfahren hat – Anteilnahme Gottes, aber nicht minder Anteilnahme von vertrauten Menschen – der wird der Liebe nie fähig werden. Wem aber ein unbedingtes ‚JA‘ in seiner Lebensgeschichte zugesprochen ist, der wird in seiner Zukunft Liebesfähig und bindungsfreudig sein können. Es braucht ein zugesagtes ‚JA‘, um zu einem anderen ‚JA‘ sagen zu können.
Das ist die Zielperspektive des von Jesus geforderten Systemwechsels: Wer das ‚Ja‘ Gottes in seinem eigenen Leben erfahren hat, der hat ein wertvolles Rüstzeug dafür, im Leben der anderen alles zu suchen, was ihn ‚Ja‘ sagen lassen kann zum anderen. Wir müssen aufhören damit, immer zuerst das Haar in der Lebenssuppe des/ der anderen zu suchen; aufhören, die Defizite der anderen höher zu bewerten als das Wunderbare in ihnen. Weg von einem Leistungsglauben und hin zu Einladungsglauben. Und Jesus lebt es vor: Er lädt ein. Jesus ist nicht verrückt, nicht besessen, weil er das Gute, das Göttliche im Menschlichen sucht. Dass ihm so viele hinterherlaufen beweist doch nur, wie sehnsüchtig die Menschen sind, dass da einer ist, der ‚Ja‘ sagt, statt immer nur ‚Ja, aber…‘. Wer immer das ‚aber‘ hinterherschiebt hinter einem halbherzigen ‚JA‘, bleibt immer ein Fremder, da mag das Verwandtschaftsverhältnis noch so nahe sein. „Vater und Mutter, Bruder und Schwester ist mir, wer den Willen Gottes tut“. Nicht die Biologie, nicht ein Naturrecht entscheidet über Nähe und Distanz zueinander, sondern die Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun im Gegenüber zum anderen. Und sein Wille ist es, immer zuerst das Wunderbare im anderen zu suchen.
Dass das eine überfordernde Aufgabe ist, wissen wir alle. Der Systemwechsel beginnt im eigenen Kopf und Herz; aber er muss in der Konsequenz auch einen Systemwechsel in unseren kirchlichen wie auch gesellschaftlichen Strukturen zur Folge haben, sonst verkümmern wir im rein Spirituellen. Das umfängliche ‚JA‘ Gottes, das sich im menschlichen ‚JA‘ verweltlicht, Teil unserer konkreten Welt werden möchte, will diese Welt real erneuern; der Maßstab menschlichen Zusammenlebens musst immer zuerst das ‚JA‘ sein, ohne Wenn und Aber, denn dieses kleine Wort „aber“ bedeutet Starre und Stillstand. Das Leben mit Gott aber verheißt und erwartet Bewegung und Erneuerung.

Christoph Simonsen

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Sonntag, 27. Mai 2018

Lesung: Deuteronomium 4,32-34.39-40
Moses sprach zu seinem Volk: Forsche doch einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum andern Ende: Hat sich je etwas so Großes ereignet wie dieses und hat man je solche Worte gehört? Hat je ein Volk einen Gott mitten aus dem Feuer im Donner sprechen hören, wie du ihn gehört hast, und ist am Leben geblieben? Oder hat je ein Gott es ebenso versucht, zu einer Nation zu kommen und sie mitten aus einer anderen herauszuholen unter Prüfungen, unter Zeichen, Wundern und Krieg, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm und unter großen Schrecken, wie es der Herr, euer Gott, in Ägypten mit euch getan hat, vor deinen Augen? Heute sollst du erkennen und dir zu Herzen nehmen: Jahwe ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst. Daher sollst du auf seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, achten, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.

Den Blick zurück ins eigene Leben wagen und der Gegenwart ins Auge schauen
Ich hab Euch heute Abend ein Bild von dem Stuttgarter Künstler Hannes Steinert mitgebracht und möchte zu Anfang einfach ein paar Stichworte in den Raum werfen und einen ersten Zugang zu dem Bild eröffnen; anschließend versuche ich eine Deutung und hoffe, ihr könnt mir folgen. Doch zuerst einige meditative Wortketten, angeregt von der Einladung, die uns heute in der Lesung zugesprochen wurde: „Forsche einmal in früheren Zeiten nach…“:
Zurückschauen in die eigene Geschichte:

• In das eigene Leben schauen
• Verweilen
• innehalten
• Genau hinschauen
• Die inneren Augen zur Ruhe kommen lassen
Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Geschichte anschauen
• Eigene Geschichte anschauen
• Vergangenheit in die Gegenwart transponieren
• Geschichte nicht abhaken, sondern wirken lassen
• Erlebtes, Erlittenes, Erstarktes der Verdrängung entreißen
Zurückschauen in die eigene Geschichte:
• Die Augen weiten auf Gewandeltes im Leben
• Geglücktes erkennen aus Gereiftem und Gelerntem
• Wunder erblühen sehen aus dem Gewesenen
• Leben erwachsen sehen aus dem Verblassten.

(kurze instrumentale meditative Musik)

Hannes Steinert malt einfache Bilder. Bleistiftzeichnungen. Es sind nahezu kindliche Bilder; sie geben Einblick in die Träume des Menschen. Zugleich entstehen Bilder von großer Offenheit. Schlicht sind sie, ohne Schnörkel; sie lassen einen unbändigen Lebenshunger nach Weite erahnen. Das Faszinierende: sie scheuen es dennoch nicht, der Undurchsichtigkeit des Lebens Raum zu geben. Sie zeigen Leben in einer Welt, die dem Wind der Wirklichkeit ausgesetzt ist und zugleich wahren sie den Traum eines Lebens in beglückender Freiheit und Erfülltheit.
In die Welt gehen muss nicht immer gleich heißen, weiter zu gehen, voranzugehen. Es kann auch einmal heißen, zurückzugehen. Fortschritt entwickelt sich nicht nur im Blick auf die Zukunft. Auch wer zurückblickt kann Neues entdecken, kann erkennen, dass etwas wächst, was gereift ist aus Vergangenem.

In die Welt gehen, Weite suchen, Leben suchen, sich suchen, Gott suchen. „Forsche einmal in früheren Zeiten nach, die vor dir gewesen sind, seit dem Tag, als Gott den Menschen auf der Erde schuf; forsche nach vom einen Ende des Himmels bis zum anderen Ende.“ Was mögen wir wohl sehen dann? Abgehaktes? Überwundenes? Gottlob Verarbeitetes? Oder hören wir heute im Blick zurück einen Gott aus dem Feuer im Donner zu uns sprechen und erkennen wir, dass er zu uns kommen will, durch alle Prüfungen des Lebens hindurch?

Christoph Simonsen

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Pfingsten 2018

Evangelium: Johannes 15,26-27; 16,12-15

Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid. Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.

Was ist Wahrheit?

Jetzt ist aber wirklich lange genug über das Kreuz diskutiert worden; die entsprechenden Politiker*innen und all die anderen, hatten ihren Auftritt, so dass wir uns jetzt wieder dem Wesentlichen zuwenden können. Und das Wesentliche des Glaubens ist nicht das Kreuz, das Wesentliche des Glaubens ist Gott. Und zwar der Gott, der den Menschen nahe sein möchte. Den Menschen vor allen, die in ihrem Leben schwere Kreuze zu tragen haben. Und denen ist wurscht, ob irgendein Schmuckkreuz irgendwo in einem Eingang hängt oder nicht. Goldene, silberne, diamantene Kreuze sind nicht die Kreuze, die die Welt besser machen. Wohl aber die Kreuze, die auf den Schultern und den Herzen der Menschen liegen: diese Kreuze haben Einfluss auf das, was in der Welt geschieht. Es gibt Kreuze, die machen das Leben so schwer, dass Menschen daran zu zerbrechen drohen.

Ich denke an die Familie und die Freunde von Jonas, den wir am vergangenen Freitag zu Grabe getragen haben. Dass die Eltern und Geschwister, ja fast eine ganze Gemeinde an diesem Kreuz der Trauer und des Unverstehens nicht zerbrechen, das gleicht in meinen Augen einem Wunder und ich schau ehrfürchtig auf diesen Glauben der Familie, die versuchen, ihre unsägliche Trauer mit ihrem Glauben zu tragen.

Ich schaue – mit einem ganz anderen Blick – auf die Abgehängten unserer Gesellschaft, die chancenlos sind und sich extremen Überzeugungen zuwenden – aus Not, aus Unwissenheit, aus Angst, und die spät, hoffentlich nicht zu spät erkennen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch unsere Gesellschaft als Ganzes in Gefahr bringen, der Unmenschlichkeit anheim zu fallen.

Diese existentiellen Kreuze, diese lebensbeeinflussenden Kreuze in den Blick zu nehmen, dazu bedarf es einer Gabe, die uns heute zuteilwird. Wer die wirklichen Kreuze dieser Welt in den Blick nehmen will, der braucht Geist, guten Geist, wahrhaftigen Geist. Gottes Geist möchte in die Wahrheit führen, in die Wahrheit unseres Lebens.

Aber was ist wahr, was ist wahrhaftig? Auf diese Antwort würden wohl Statistiker anders antworten als Juristen, und Soziologen anders als Naturwissenschaftler. Der Begriff „Wahrheit“ ist ein wahrhaftig schwierig Ding. So schwer sogar, Jesus sagt es selbst, dass wir es nicht zu tragen vermögen.

Sollen wir uns jetzt also anderen Dingen zuwenden, die leichter zu fassen sind. Können wir machen, aber wir werden dadurch sicher nicht ruhiger. Denn die Wahrheit ist nicht nur schwer zu tragen, sie ist auch ein Quälgeist, der uns nicht in Ruhe lässt. Die Frage nach der Wahrheit ist so virulent, dass wir von ihr nicht loskommen. Wir wollen wissen, was wahrhaftig ist. Da muss irgendwo in unseren Genen ein Gnom sein, der uns immer wieder anstößt und quält mit dieser drängenden Frage nach der Wahrheit. Ohne den Ehrgeiz, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, würde unser Leben, unser eigenes wie auch unser gesellschaftliches Leben, in Beliebigkeit oder Chaos versinken. Ohne den Anspruch, wahrhaftig zu sein, wäre unser Leben von Misstrauen und Missgunst geprägt und wir würden uns gegenseitig zerfleischen – noch mehr, als wir es sowieso schon tun.

Aber wenn es so schwer ist, die Wahrheit zu finden und sie dann auch zu tragen, damit wir sie im Notfall auch ertragen können, wie kommen wir ihr näher? Indem wir sie suchen – und zwar gemeinsam. Das ist des Pudels Kern. Wahrheit findet sich immer nur im gemeinsamen Suchen. Wahrheit ist nicht individuell, Wahrheit ist sozial. Jesus führt uns auf diesen Gedanken, da er ‚mein‘ und ‚dein‘ und ‚sein ‚zusammenbringt und in ein ‚unser‘ führt: „Vater unser“. Was sein ist, ist unser. „Er nimmt von dem, was mein ist“, und wird es euch geben. Den Geist der Wahrheit nämlich. Wahrheit gibt und nimmt also. Und im Blick auf den, der das sagt, im Blick auf sein Leben, kann das nur heißen: Wahrheit gibt Hoffnung und nimmt das Kreuz.

Der Geist der Wahrheit macht Leben nicht unbedingt leichter, aber auf jeden Fall erträglicher. Im wahrsten Sinn des Wortes so, dass die Schwere des Lebens tragbar wird, lebbar wird. Wo das Leben des einen getragen ist von der Hoffnung der anderen, da wird der Geist der Wahrheit erkennbar.

Pfingsten ist das Fest, das die Menschen in Wahrheit zusammenführt, damit jede und jeder einzelne erkennt und spürt, dass ihr und sein Leben Sinn hat und Sinn macht. Ich denke an Jonas und viele andere, denen sich ihr Lebenssinn nicht erschlossen hat. Vielleicht auch deshalb nicht, weil sie sich nicht einzubringen vermochten in die gemeinsame Suche nach der Wahrheit und nicht die Kraft fanden, ihr durchkreuztes Leben als wertvoll genug anzusehen in einer Welt, in der Wahrheit zu oft mit Gewissheit gleichgesetzt wird. Dass Wahrheit eine immer zu Suchende ist, und jede und jeder beizutragen vermag, der Wahrheit Gottes näher zu kommen, das braucht wohl noch ein wenig mehr Geist. Gut, dass er uns heute geschenkt wird.

Christoph Simonsen


13. Mai – 7. Sonntag der Osterzeit – Lesejahr B

Wo ‚Liebe‘ drauf steht, ist ‚Gott‘ drin

„Freiheit ist, wenn dein Datenvolumen so groß ist wie eure Liebe.“ Das ist der neue Slogan eines Telefonanbieters. Jetzt versteht ihr vielleicht, was ich letzten Sonntag meinte, als ich sagte, wie schwer es mir fällt, diese großen und wunderbaren wie wundersamen Worte wie ‚Liebe, Freiheit, Glück‘ überhaupt in den Mund zu nehmen, geschweige denn, sie zu deuten. Worte sind eben nicht nur Schall und Rauch. In Worten verbergen sich Überzeugungen; in Worten verbirgt sich Menschliches – und Göttliches. Worte können aufrichten, sie können aber auch in den Dreck ziehen. Was aber mindestens genau so schlimm ist: Worte können ihrer Bedeutung und ihres Geheimnisses beraubt werden und so banalisiert werden, dass man sich schämen muss. Wer ‚Liebe‘ sagt, und ‚Verkaufsoffensive‘ meint, vergreift sich nicht nur gewaltig im Ton, er vergreift sich, was viel tragischer ist, an allem, wonach Menschen sich sehnen und was so oft von den gleichen Menschen aufs Spiel gesetzt wird.

Man kann Worten auch Leid zufügen, denn es gibt Worte, in denen liegt Verletzliches, Zerbrechliches. Eines der Worte, die einer tiefen Behutsamkeit bedürfen, ist das Wort ‚Liebe‘. Und heute in der Lesung hören wir, warum das so ist: Gott ist die Liebe. Neben der Offenbarung an dem brennenden Dornbusch, wo Gott sich dem Moses als Jahwe vorstellt, ist die Botschaft, Gott sei die Liebe, wohl der einzige Hinweis auf den Namen Gottes. Der Name Gottes sagt, wie er ist. Ein wenig erinnert mich das an meine kindliche Zeit, wo ich die Karl May Filme im Kino gesehen habe und die Indianer dort eben auch Namen trugen, die auf ihr Wesen schließen ließen. Wenn ich also das Wort ‚Liebe‘ in den Mund nehme, so muss mir bewusst sein, dass ich dann zugleich immer auch Gott meinem Gegenüber vermittele. Wo Liebe gesagt wird, ist Gott drin. Und eines dürfte sicher sein: In einem Handy ist Gott mit Gewissheit nicht drin.

Wo Liebe gesagt wird, ist Gott drin. Diese Aussage führt mich zu einem anderen Gedanken. Nicht nur, dass wir achtsam mit so großen Worten wie eben ‚Liebe‘ umgehen sollten; wir sollten uns auch bewusst werden,  wie weit und vielfältig Gott ist. Überall, wo Liebe ist, ist Gott. Und wo Liebe nicht ist, da fehlt Gott. Lieben kann jede und jeder, weil nämlich in jeder und jedem Gott ist. Die eine Perspektive klingt einleuchtend dabei, vielleicht ein wenig einleuchtender als die andere: Wo Gott ist, ist Liebe. Ja! Das erschließt sich aus den Heiligen Schriften, das lernen wir in unseren christlichen Kirchen. Aber auch das andere gilt: Wo Liebe ist, ist Gott. Und diese Wahrheit fordert uns wahrlich mehr heraus, denn sie verdeutlicht, dass Gott oft auch dort ist, wo wir ihn womöglich zunächst gar nicht vermuten oder wo wir bis heute mit theologischer oder geistlicher Überzeugung behaupten, da könne er nicht sein. Zum Beispiel in der Liebe zwischen zwei Frauen oder zwei Männern. In einem Monat darf ich an einer Fachtagung für pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der katholischen Akademie Hamburg teilnehmen, wo die Frage gestellt wird, ob man die Liebe zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts segnen darf. Ich bin gespannt, wie die Diskussionen verlaufen werden. Auch in der Liebe zwischen zwei Menschen, die aus verschiedenen Konfessionen oder sogar verschiedenen Glaubensüberzeugungen herkommen und doch gemeinsam Gottesdienst feiern möchten, da ist der eine Gott. Unsere Kirche kommt dieser Sehnsucht, gemeinsam zu feiern, leider nicht angemessen nach. Es wird heute diskutiert, aber einladende Antworten stehen bis heute aus. Ich bin mir sicher, auch in der Liebe eines einsamen Menschen zu  seinem Haustier, einem Hund, einer Katze, einem Vogel, da ist Gott. Meine Mutter zum Beispiel, die seit über 30 Jahren Witwe ist, spricht mit ihrem Papagei und teilt manche Gedanken mit ihm, vor allem aber teilt sie ihre zuweilen auftretende Einsamkeit, weil wir drei Kinder immer zu wenig Zeit haben. Alle Liebe ist immer auch ein Gottesbekenntnis, bewusst oder unbewusst.

Deshalb ist das Wort Liebe, aber auch manch anderes Wort, so unendlich wertvoll, weil, wer immer es ausspricht, zum Gottesboten wird, völlig egal, wem er oder sie das Wort ‚Liebe‘ zuträgt. Und auch völlig egal, ob ein reflektiertes Glaubensbekenntnis damit verbunden ist oder nicht, ob jemand überhaupt an einen Gott glaubt oder nicht. Karl Rahner, mein geschätzter Lehrer als Dogmatiker, sprach immer wieder vom „anonymen Christentum“; und er meinte damit wohl, genau das: Wer das Wort ‚Liebe‘ einem anderen Menschen schenkt, zuspricht, der schenkt das, was gläubige Menschen ‚Gott‘ nennen, ohne es zu wollen oder zu wissen. So groß ist Gott, Vereinnahmung ist ihm fremd, denn er liebt immer zuerst…                                 Predigt am 13. Mai

Christoph Simonsen


15. April 3. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 21,1-14
Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias und er offenbarte sich in folgender Weise. Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her. Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot. Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt. Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Hinter manch vertrauter Erzählung verbergen sich gern nüchterne, aber nicht weniger wertvolle Lebenserfahrungen. So auch in unserem heutigen Evangelium, das wir zu Beginn des neuen Sommersemesters 2018 hören. Mir scheint, da wird so einiges angesprochen an Grundsätzlichem und auch bedeutsame Lebensfragen kommen zur Sprache, die wir uns genauer anschauen sollten. Ich will jetzt nicht behaupten, die Heilige Schrift sei ein Lebensratgeber. Was sie aber ist: Ein Buch voller menschlicher Lebenserfahrungen, die im Licht des Glaubens reflektiert werden. Darauf möchte ich mich euch heute Abend schauen.

• „In dieser Nacht fingen sie nichts“. Menschen, die Ostern hautnah erlebt haben, die doch eigentlich wissen müssten, dass Sinn und Wert eines Lebens sich nicht misst an Erfolg oder Misserfolg, bleiben vor Enttäuschungen nicht verschont und lassen sich so richtig runterziehen von einem missglückten Arbeitstag. Jammern und Klagen, gehört wohl zum Leben dazu, auch wenn das keiner gerne zugibt. Auch österliche Menschen dürfen, können, müssen, wenn es denn angebracht erscheint, laut das Wort mit sch brüllen dürfen, ohne dass sie gleich vom Blitz erschlagen werden. Ich verrate meinen Glauben nicht, wenn ich auch mal an mir oder anderen verzweifele. Nicht Perfektion ist ein Kriterium für ein gelungenes Leben, nicht Geradlinigkeit, sondern die Bereitschaft zur Ehrlichkeit, sich selbst zu sagen: Es ist, wie es ist; und heute ist es eben sch… Misserfolg ist menschlich. Das zuzugeben und anzuerkennen verlangt ein hohes Maß an Selbstreflexion. Wir sind doch meist viel besser darin geübt, die Maske des Erfolgsmenschen aufzusetzen und so zu tun, als ob alles easy sei. Lieber „Gute-Laune-Bär“ als „Jammerlappen“. Und genau so will es ja auch unser System. Styling und Erfolg ist gefragt; letztens stellte eine gute Bekannte für sich fest, dass sie den Eindruck habe, in den Aachener Unis würden nur Nerds rumlaufen. Aber Erfolg macht Menschsein nicht aus. Weil wir aber meist darauf aus sind, Erfolgsmenschen sein zu wollen oder zu müssen, setzen wir Misserfolg mit Scheitern gleich. Dass dies ein Trugschluss ist, zeigt ein tieferer Blick in das heutige Evangelium.

• „Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“. Sie trauen sich aber auch nicht zu fragen, wer der Fremde am Ufer denn sei. Diese Scheu vor dem Fremden erzeugt Distanz und Unsicherheit. Selbst das vertraute Zureden von Jesus ändert nichts an der Tatsache, dass der Fremde ihnen fremd bleibt. Trotzdem tun sie, was er ihnen rät. Das finde ich sehr bemerkenswert. Wer verlässt sich, gerade wenn er mies drauf ist, darauf, was ihm ein Fremder sagt? Den Jüngern ist scheinbar trotz dieses Debakels eines nicht verloren gegangen: ein Urvertrauen darin, nicht ausgenutzt zu werden von anderen, und eine unverbrüchliche Überzeugung darin, dass der Mensch wohlmeinend ist, so fremd er auch sein mag. Das klingt in unseren Zeiten nicht nur befremdlich, sondern geradezu gefährlich. Ich vermag nicht zu sagen, ob es den Jüngern eher schwerer oder doch leichter gefallen ist, sich der Aufforderung des Fremden anzuvertrauen; aber sie haben es getan, und sie wurden nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie wurden reich beschenkt. Ist ihr Verhalten nun eher waghalsig gewesen oder schlicht nur menschlich. Das mag jede und jeder von uns selbst entscheiden. Für mich ist wichtig: Fremdheit muss nicht Befremdlichkeit nach sich ziehen; Fremdheit kann auch überraschend reich machen. Darauf zu bauen und zu vertrauen, dass ein Mensch gut ist und Gutes will, so fremd er auch sein mag, das spornt mich an, mein Grundvertrauen in unsere Welt und in unser Zusammenleben neu zu überprüfen.

• Und ein Letztes: „Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen“. Jesus erbittet etwas zu essen von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Wenn die Begrifflichkeit auch sicher vermessen ist, die Auferstehung Jesu als Karrieresprung wahrzunehmen, so sehe ich doch darin einen Funken Wahrheit; wenn denn Karriere besagt, dass jemand etwas Gutes und Weiterführendes aus seinem Leben macht oder gemacht hat. Jesus hat etwas aus seinem Leben gemacht, weil er als ein auf Gott vertrauender Mensch gelebt hat und sich der Aussichtslosigkeit des Todes gestellt hat – auch in diesem Vertrauen auf Gott. Klaus Hemmerle nannte das mal: „Karriere nach unten“. Jesus zeigt sich den Menschen, seinen Freundinnen und Freunden als ein Bedürftiger; er setzt sich nicht ab von den Menschen, er erhebt sich nicht über sie. Er bleibt ihnen auf Augenhöhe verbunden; er bleibt einer von ihnen. Und er bekundet, dass er ihrer Unterstützung und ihres Beistandes bedarf, um satt und heil leben zu können. Jesus distanziert sich nicht von seiner Lebensgeschichte, weil er ja jetzt nach der Auferstehung ein anderer ist. Ganz im Gegenteil: Obwohl er den Jüngern voraus ist, geht er ihnen nach. Die Parallele zu unserer Zeit liegt nicht allzu fern. Wie nahe bleiben wir, auch wenn wir vorangekommen sind in unserem Leben? Wie verbunden bleiben wir, wenn uns Titel und Leistungen voneinander trennen?

Wenn das Evangelium ein Spiegel alles Menschlichen im Widerschein Gottes ist, dann sind wir nicht außen vor, sondern mittendrin in dem, was wir heute gehört haben. Niederdrückend Enttäuschendes, überraschend Belebendes und solidarisch Verbindendes machen unser Leben aus. Und diese ganze Vielfalt unseres Lebens dürfen wir auch im beginnenden Sommersemester zeigen, teilen. Wenn es uns gelingt, in dem, was geschieht, was wir erleben, woran wir teilhaben, den Widerschein Gottes zu entdecken, dann wird es eine gute Zeit werden. Das wünsche ich uns.

Christoph Simonsen

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08. April  –  2. Sonntag der Osterzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 20,19-31
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Frieden im Kleinen wie im Großen
„Die letzten Paradiese werden angepriesen und angeflogen:
Wasser, das noch nicht gechlort ist;
Auf Bali eine Palme, die nicht im Kübel steht;
Im Ruhrgebiet verkauft man Stille und Luft, garantiert nicht aus Leverkusen;
Im Rhein soll man bei St. Augustin einen Fisch gesehen haben.
Die Leute werden immer anspruchsvoller: Jetzt wollen sie sogar Frieden haben und miteinander Brot essen.“
Ja, das ist wirklich so, selten war die Sehnsucht nach Frieden so groß wie in unseren Tagen; seit langen Zeiten hatten die Ostermärsche in diesem Jahr mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer als in den Jahren zuvor. Selten aber auch war die Verzweiflung so groß darüber, dass unsere Welt sich so unendlich verstrickt in Widersprüche und Egoismen, dass die Suche nach Frieden darüber in Vergessenheit geraten ist.

Dieses Gedicht aus den 70iger Jahren von Lothar Zenetti, einem Frankfurter Gemeindepfarrer, bringt dieses Erstaunen darüber sehr treffend auf den Punkt, dass Frieden scheinbar eine unerreichbare Utopie und gemeinsam Mahl zu halten wahrlich unvorstellbar ist. Die Welt in all ihrer Einmaligkeit und Schönheit geht vor die Hunde, so dass wir Menschen uns mit Kleinigkeiten zufrieden geben, wie eben in dem Gedicht beschrieben.
Das große Stichwort des heutigen Evangeliums heißt auch: Frieden. Und Frieden ist eben keine Kleinigkeit. Frieden mag im Kleinen anfangen, aber wirklich Frieden ist erst, wenn keiner mehr auf den anderen schießt, alle einander die Mittel zum Leben gönnen und niemand mehr unter die Räder kommen muss weil andere an ihrem Reichtum ersticken. In der Politik wird gerade ein neues Reizwort diskutiert: Grundeinkommen. Ein Einkommen also, dass das Leben sicher macht und keiner von Almosen leben muss, auch nicht von gesetzlich festgesetzten Almosen wie Hartz IV. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber warum sollte das eigentlich in unserer reichen Gesellschaft nicht möglich sein, dass allen ein Einkommen sicher ist, ohne dass Neid und Missgunst das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
Das heutige Evangelium ermahnt uns, Frieden als einen unersetzbaren Wert zu erkennen sowohl für mein persönliches als auch für unser gemeinsames Leben. Was bedeutet das? Darüber lohnt ein Augenblick des Nachdenkens und Nachspürens. Vielleicht bedeutet es: In mir einen nachhaltigen Hauch von Zufriedenheit und Dankbarkeit zu spüren; mich nicht gleich bei jeder öffentlichen Erschütterung gehen lassen, so als seien die Grundfeste meines Lebens ins Wanken geraten; nicht gleich mitschwingen auf der Empörungswelle, wenn irgendwer bei Facebook oder sonstwo einen Pups loslässt, wie schrecklich dieses oder jenes doch ist: Sind das vielleicht Anzeichen eines inneren ausgeglichenen Friedens? Ruhe bewahren und Ruhe ausstrahlen, das sind gewiss gute Merkmale, die auf einen inneren Frieden hinweisen können. Aber diese Ruhe darf nicht verwechselt werden mit einer Grabesruhe. Jesus, der das Grab überwunden hat, und der nun als der Auferstandene seinen Freundinnen und Freunden den Frieden wünscht, ruft zu einem sehr konkreten Frieden auf. Zu einem Frieden, der zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Freude und Sünde zu unterscheiden vermag. Das Kriterium aber, dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist kein Katalog, kein Gesetzbuch, sondern die Persönlichkeit Jesu selbst. Sein Geist ermöglicht diesen Frieden.
Heutzutage versuchen alle, die Mitte, anders gesagt, den möglichst schmerzfreien Ausgleich, zu finden, der keinem weh tut und so tut, als könnte man es allen und jedem Recht machen, ohne dass jemand sich wirklich verändern müsste. Politiker mühen sich um eine Politik der Mitte; Wissenschaftler suchen den Ausgleich zischen Schöpfungsverantwortung und Technologie. Wenn aber alle die Mitte suchen, dann ist es – bildlich gesprochen – dort ziemlich voll. Die Gefahr, sich gegenseitig auf die Füße zu treten und neue Aggressionen zu erzeugen, ist ziemlich groß. Das Mühen um Kompromisse gerät schnell an Grenzen der Glaubwürdigkeit. Jesu Geist, seine Persönlichkeit, sein Wesen weisen Weg und Ort auf, von wo aus Frieden ausgehen kann. Es ist den Weg der Verwundbarkeit. Gefährlich wird das Leben eher an den Rändern der Gesellschaft als in der Mitte, wo alles kuschelig warm und sicher ist. Wobei auch die Ränder ihre Tücken haben, die rechten wie die linken Ränder. Da gilt es, an Jesu Maßstab zu erinnern. So lange auf dem Weg die Frage nach Gott lebendig ist, nach dem Gott, der einlädt und nicht ausgrenzt, nach dem Gott, der Leben verheißt und nicht Tod, so lange ist der Weg ein Friedensweg. Frieden fängt im Kleinen an, aber mit Kleinem alleine sollten wir uns als österliche Menschen nicht zufrieden geben.

Christoph Simonsen

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Ostern 2018

Markus 16,1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

 

Heimat ist irgendwo anders:

Das Volk Gottes hat es schwer; es kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es wurde und es wird bis heute entführt, besiegt, erniedrigt, ja sogar der Vernichtung sollte es ausgeliefert werden. Und fast wäre es gelungen: Sechs Millionen Juden wurden – es ist gerade mal 75 Jahre her – wie Abfall behandelt und entsorgt. Das Volk Gottes kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es ist umzingelt von Menschen, von Völkern, die in Lauerstellung sind, es wieder zu vertreiben, wieder zu verjagen, wieder der Vernichtung preis zu geben. Heute aber: Heute ist das Volk Israel anders vorbereitet als zu vergangenen Zeiten; es hat – anders als damals -mächtige Verbündete und es hat Waffen, Atomwaffen, die ein Höchstmaß an Sicherheit gewähren sollen. Und es hat heute einen angestammten Ort; das Volk Israel hat ein Land, das ihm gehört: ein Heimatland mit Namen Israel. Wer könnte ihnen verdenken, dass sie ihr Heimatland hüten und verteidigen? Jeder Mensch, jedes Volk hat doch ein verbrieftes Recht auf Heimat.

 

Über das, was Heimat bedeutet, wird gerade viel geschrieben und diskutiert. Die einen verlieren ihre Heimat, die anderen verteidigen ihre Heimat. Um der Heimat willen werden Kriege geführt. Um der Heimat willen werden Grenzmauern hochgezogen. Um der Heimat willen werden Rüstungsetats aufgestockt. Um die Heimat zu schützen, werden sogar Gesinnungen aus der Erinnerung hervorgeholt, die längst überwunden schienen; völkische Gesinnungen werden wieder salonfähig. Und hier beginnt es, brandgefährlich zu werden, weil nämlich Volk und Heimat auf Gedeih und Verderb verknotet werden: Ein Volk – eine Heimat. So leiden heute das Volk der Palästinenser darunter wie ebenso das Volk der Juden, da sie doch an einem Ort dieser Erde gemeinsam leben müssen; die Kurden leiden darunter wie ebenso die Türken; Schiiten und Sunniten leiden darunter. Und auch wir leiden darunter, weil auch in unserem Land immer mehr Unfrieden herrscht ob der Frage, wer dazu gehören darf und wer nicht. Die ganze Welt darunter leidet, weil wir Heimat als etwas verstehen, was ausschließlich in einem abgeschotteten Zustand Wert besitzt. Kann ein Ort ‚Heimat‘ sein, vertrauter Lebensort, wenn er nur durch Gewalt, verbal oder sogar mit Waffen, aufrechterhalten werden kann? Und muss per Definition ein Ort immer nur einem Volk Heimat bieten?

 

„Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so beschrieb Jesus einmal seine Heimatlosigkeit. Nun also lag sein Haupt buchstäblich in einer Höhle; die Frauen waren auf dem Weg zu ihm. Der, der immer unterwegs war, hatte nun wenigstens im Tod seine Heimat, ewige Heimat gefunden, einen Ort der ewigen Ruhe. Und die wurde auch noch einem anderen genommen, wurde er doch in ein fremdes Grab gelegt Wenn die Frauen auch seinen Tod zu beklagen hatten, so gab es doch zumindest einen sicheren Ort, wo Trauer und Klage sich entfalten konnten. Aber wieder weit gefehlt: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

 

 

Es ist an der Zeit, dass wir uns vergewissern, was Heimat im Eigentlichen ist. Viele von uns sind sich gewiss, es muss eine irdische Heimat wie auch eine himmlische Heimat geben. Wir Menschen brauchen einen Ort, an dem wir verwurzelt sind, wo sich alles zusammenfügt, was wir zum Leben benötigen, wo wir ungefragt und wohlgemeint sein dürfen. Es braucht einen solchen Ort für die Zeit und auch für die Ewigkeit. Was aber ist, wenn Jesus dieses für uns Menschen scheinbar so wichtige, ja lebenswichtige Fundament in Frage stellt? „Ihr sucht Jesus von Nazareth? Er ist nicht hier“. Da, wo man ihn vermutet, wo er daheim ist im Tod, da ist er nicht. „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: er geht euch voraus nach Galiläa“. Dieser Dreischritt scheint eine neue Lebensdimension aufzuzeigen: Gehen – kommunizieren – suchen. Lebenssinn, ja sogar Lebensglück vollzieht sich nicht in einer Verortung, sondern vielmehr in einer neuen Bewegung und also in letzter Konsequenz auch in einer essentiellen Unruhe. Gott gönnt seinem Sohn auch nach seinem grausamen Tod keine ewige Ruhe. Der gern gewählte Trost ‚requiescat in pace‘ (Ruhe in Frieden) ist ein Trugschluss. Leben ist und bleibt immer in einem Unruhezustand und bleibt mit der Verantwortung verbunden, in Beziehung zu treten mit Neuem, Unvertrautem, Unverhofftem, Fremdem.

 

Wir sind das Volk Gottes, nicht ausgrenzend wir, als Christen, sondern wir, als Menschheit, und wir werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, auch nicht leichter. Ostern, das Lebensfest, macht das Leben nicht ruhiger, gewisser, bequemer schon gar nicht. Denn wir sind gerufen, um zu gehen, uns im Austausch zu vergewissern und gemeinsam Ausschau zu halten, wo heute der Ort ist, wo wir ihm begegnen können. Unsere jüdischen Geschwister im Glauben feiern heute, da wir das Osterfest begehen, ihr jüdisches Pessachfest; sie erinnern sich an den Tag der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Freiheit ist ein wunderbares Gottesgeschenk; jedoch ist dieses Gottesgeschenk verknüpft mit der Verantwortung, suchend wagend auf dem Weg zu bleiben. Der Weg aufeinander zu ist das Ziel: Juden und Christen, Palästinenser und Israelis, Schiiten und Sunniten, du und ich. Gott ist die Heimat, nicht ein Ort, ein Landstrich.

 

„In Galiläa werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“. Diese Verheißung ist uns gewiss, aber wo unser Galiläa ist, das müssen wir schauen. Was wir auf diesem Weg gut gebrauchen können, das sind wohlmeinende Verbündete; was wir ganz gewiss nicht brauchen werden, das sind Waffen, welcher Art auch immer.

Christoph Simonsen

Ostern 2018

Markus 16,1-7

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging. Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.

Heimat ist irgendwo anders:

Das Volk Gottes hat es schwer; es kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es wurde und es wird bis heute entführt, besiegt, erniedrigt, ja sogar der Vernichtung sollte es ausgeliefert werden. Und fast wäre es gelungen: Sechs Millionen Juden wurden – es ist gerade mal 75 Jahre her – wie Abfall behandelt und entsorgt. Das Volk Gottes kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es ist umzingelt von Menschen, von Völkern, die in Lauerstellung sind, es wieder zu vertreiben, wieder zu verjagen, wieder der Vernichtung preis zu geben. Heute aber: Heute ist das Volk Israel anders vorbereitet als zu vergangenen Zeiten; es hat – anders als damals -mächtige Verbündete und es hat Waffen, Atomwaffen, die ein Höchstmaß an Sicherheit gewähren sollen. Und es hat heute einen angestammten Ort; das Volk Israel hat ein Land, das ihm gehört: ein Heimatland mit Namen Israel. Wer könnte ihnen verdenken, dass sie ihr Heimatland hüten und verteidigen? Jeder Mensch, jedes Volk hat doch ein verbrieftes Recht auf Heimat.

Über das, was Heimat bedeutet, wird gerade viel geschrieben und diskutiert. Die einen verlieren ihre Heimat, die anderen verteidigen ihre Heimat. Um der Heimat willen werden Kriege geführt. Um der Heimat willen werden Grenzmauern hochgezogen. Um der Heimat willen werden Rüstungsetats aufgestockt. Um die Heimat zu schützen, werden sogar Gesinnungen aus der Erinnerung hervorgeholt, die längst überwunden schienen; völkische Gesinnungen werden wieder salonfähig. Und hier beginnt es, brandgefährlich zu werden, weil nämlich Volk und Heimat auf Gedeih und Verderb verknotet werden: Ein Volk – eine Heimat. So leiden heute das Volk der Palästinenser darunter wie ebenso das Volk der Juden, da sie doch an einem Ort dieser Erde gemeinsam leben müssen; die Kurden leiden darunter wie ebenso die Türken; Schiiten und Sunniten leiden darunter. Und auch wir leiden darunter, weil auch in unserem Land immer mehr Unfrieden herrscht ob der Frage, wer dazu gehören darf und wer nicht. Die ganze Welt darunter leidet, weil wir Heimat als etwas verstehen, was ausschließlich in einem abgeschotteten Zustand Wert besitzt. Kann ein Ort ‚Heimat‘ sein, vertrauter Lebensort, wenn er nur durch Gewalt, verbal oder sogar mit Waffen, aufrechterhalten werden kann? Und muss per Definition ein Ort immer nur einem Volk Heimat bieten?

„Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so beschrieb Jesus einmal seine Heimatlosigkeit. Nun also lag sein Haupt buchstäblich in einer Höhle; die Frauen waren auf dem Weg zu ihm. Der, der immer unterwegs war, hatte nun wenigstens im Tod seine Heimat, ewige Heimat gefunden, einen Ort der ewigen Ruhe. Und die wurde auch noch einem anderen genommen, wurde er doch in ein fremdes Grab gelegt Wenn die Frauen auch seinen Tod zu beklagen hatten, so gab es doch zumindest einen sicheren Ort, wo Trauer und Klage sich entfalten konnten. Aber wieder weit gefehlt: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

Es ist an der Zeit, dass wir uns vergewissern, was Heimat im Eigentlichen ist. Viele von uns sind sich gewiss, es muss eine irdische Heimat wie auch eine himmlische Heimat geben. Wir Menschen brauchen einen Ort, an dem wir verwurzelt sind, wo sich alles zusammenfügt, was wir zum Leben benötigen, wo wir ungefragt und wohlgemeint sein dürfen. Es braucht einen solchen Ort für die Zeit und auch für die Ewigkeit. Was aber ist, wenn Jesus dieses für uns Menschen scheinbar so wichtige, ja lebenswichtige Fundament in Frage stellt? „Ihr sucht Jesus von Nazareth? Er ist nicht hier“. Da, wo man ihn vermutet, wo er daheim ist im Tod, da ist er nicht. „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: er geht euch voraus nach Galiläa“. Dieser Dreischritt scheint eine neue Lebensdimension aufzuzeigen: Gehen – kommunizieren – suchen. Lebenssinn, ja sogar Lebensglück vollzieht sich nicht in einer Verortung, sondern vielmehr in einer neuen Bewegung und also in letzter Konsequenz auch in einer essentiellen Unruhe. Gott gönnt seinem Sohn auch nach seinem grausamen Tod keine ewige Ruhe. Der gern gewählte Trost ‚requiescat in pace‘ (Ruhe in Frieden) ist ein Trugschluss. Leben ist und bleibt immer in einem Unruhezustand und bleibt mit der Verantwortung verbunden, in Beziehung zu treten mit Neuem, Unvertrautem, Unverhofftem, Fremdem.

Wir sind das Volk Gottes, nicht ausgrenzend wir, als Christen, sondern wir, als Menschheit, und wir werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, auch nicht leichter. Ostern, das Lebensfest, macht das Leben nicht ruhiger, gewisser, bequemer schon gar nicht. Denn wir sind gerufen, um zu gehen, uns im Austausch zu vergewissern und gemeinsam Ausschau zu halten, wo heute der Ort ist, wo wir ihm begegnen können. Unsere jüdischen Geschwister im Glauben feiern heute, da wir das Osterfest begehen, ihr jüdisches Pessachfest; sie erinnern sich an den Tag der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Freiheit ist ein wunderbares Gottesgeschenk; jedoch ist dieses Gottesgeschenk verknüpft mit der Verantwortung, suchend wagend auf dem Weg zu bleiben. Der Weg aufeinander zu ist das Ziel: Juden und Christen, Palästinenser und Israelis, Schiiten und Sunniten, du und ich. Gott ist die Heimat, nicht ein Ort, ein Landstrich.

„In Galiläa werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“. Diese Verheißung ist uns gewiss, aber wo unser Galiläa ist, das müssen wir schauen. Was wir auf diesem Weg gut gebrauchen können, das sind wohlmeinende Verbündete; was wir ganz gewiss nicht brauchen werden, das sind Waffen, welcher Art auch immer.

Christoph Simonsen


25. März – Palmsonntag

Lesung: Philipper 2,6-11
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: «Jesus Christus ist der Herr» – zur Ehre Gottes, des Vaters.

Gottbezogen und selbstbestimmt
Anfangs, draußen, als wir uns mit Jesus aufgemacht haben – symbolisch – auf den Weg nach Jerusalem, da wurde uns vor Augen geführt, wie wichtig es Jesus gewesen ist, sich auf seine Weise auf die Begegnung mit seinem Vater vorzubereiten. Die äußeren Umstände liefen schon – für alle spürbar – auf diese unausweichliche Tragik seines Lebensendes zu. Und er selbst spürte wohl auch, dass er dem Kommenden nicht mehr ausweichen konnte. Dennoch wollte er das Heft des Handelns nicht aus der Hand geben. Er wollte für sich entscheiden, wie er den Weg zum Schafott, zum Kreuz antreten würde. Auch sein letzter Weg sollte wirklich sein Weg sein, nicht fremdbestimmt, nur gottbezogen.
Als Mensch lebte er ganz in der Zeit und die Uhr lief ganz offensichtlich gegen ihn; als Sohn Gottes aber lebte er über die Zeit hinausschauend und er vermochte gottvertrauend und den Menschen achtend seinen Weg zu gehen. „Wahrer Mensch und wahrer Gott“, so wird er im großen Glaubensbekenntnis betitelt. Wie ist das möglich? Wie kann ein Mensch Gott sein und Gott ein Mensch? Der Philipperbrief fasst es in einem Satz zusammen: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Aber auch das ist nur eine Tatsachenbehauptung, keine Antwort auf die Frage, wie das möglich sein kann: Gott und Mensch in einer Person.
Das christliche Gottesbild muss jedem, der in Gott den Herrscher des Universums sieht, ein Gräuel sein. Christinnen und Christen heute in vielen Teilen unserer Erde sind ihres Lebens nicht sicher. Sie werden der Blasphemie beschuldigt, der Gotteslästerung, da sie doch Gott so greifbar nahe ins Irdische, ins Endliche, ins Menschliche hineinziehen. Die Vorstellung, dass Gott als Mensch auf dieser Erde walten könne und wie ein Verbrecher am Kreuz ende, das ist für Außenstehende, für Andersglaubende unvorstellbar. Gott muss aus sich heraus immer der andere sein, der, der sich in seinem Sein und Wesen von allem menschlichen unterscheidet. Wer wirklich gottesfürchtig ist, dem muss ein menschlich erscheinender Gott und erst recht ein göttlich erscheinender Mensch mehr als befremdlich erscheinen. Kein Wunder, dass der christliche Glaube damals, aber auch in unserer Zeit, bekämpft wird – sogar bis aufs Blut bekämpft wird. Der christliche Glaube erregt Anstoß – und er muss Anstoß erregen. Glaubensüberzeugungen unterscheiden sich, grenzen sich voneinander ab, sind vielleicht sogar in einzelnen Fragen unvereinbar miteinander. Und dennoch: eines sind sie ganz gewiss nicht: siegesgewiss kriegerisch. So wie das Christentum in den vorderen Orient gehört, so gehört der Islam ins aufgeklärte Abendland. Jeder Glaube, gleich welcher Tradition, muss sich darin bewähren, ob er von Ehrfurcht und Achtung durchzogen ist oder eben nicht. Ein Glaube, der nicht den Fremden, das Fremde achtet, ist ein trügerischer Glaube. Was alle Glaubensüberzeugungen verbindet ist die Gewissheit, dass Gott immer der andere ist, der Unverfügbare und dass der Mensch immer das Geschöpf ist, der von Gott Geschaffene. Was Gott geschaffen hat, darf der Mensch nicht in Frage stellen. Diese Glaubenseinsicht zeigt sich im Christentum ebenso wie im Judentum wie im Islam. Gott offenbart sich und er bleibt zugleich immer das Lebensgeheimnis. Gott ist Vertrauter und Fremder. So ist es gut, dass uns allen dieser Gott eine Frage bleibt. Als Christ bin ich es allen schuldig, die Gott auf andere Weise suchen, zu erläutern, warum ich einem solch verrücktem Gott die Ehre gebe, warum ich einem solchen Mensch gewordenen Gott mein Leben anvertraue. Gott aber bin ich es schuldig, dass ich den anderen anhöre, ihn achte und in ihm Gottes Ebenbild sehe und mich von seinem Glauben anrühren lasse, denn Gott ist immer eben immer auch der andere, der Fremde. Wo besser sollte ich ihn erfahren können als in dem, was mir fremd ist.
In dieser Heiligen Woche werden wir diesem Gott in aller Konkretheit begegnen. Sein Leben, seine Liebe, seine Grenzenlosigkeit wird mir immer eine Frage sein. Aber nur mit dieser Frage in meinem Leben werde ich meinem Leben einen Sinn abringen können.

Christoph Simonsen

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18. März – 5. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 12, 20-33

Auch einige Griechen waren anwesend – sie gehörten zu den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten. Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

Verschenktes Leben

Habt ihr schon mal versucht, eine Privataudienz beim Papst zu bekommen? Es gibt Menschen, die reißen sich um solcher Art Begegnung und versprechen sich eine entsprechende Aufmerksamkeit in den Medien, um im Gespräch zu bleiben in der Öffentlichkeit. Es gibt aber Gott sei Dank auch eine andere Kategorie Mensch, und denen geht es wirklich um einen reflektierten Austausch und sie erhoffen sich einen guten Rat von einer Autorität, die frei und unabhängig auf das Leben schaut mit guten Augen und einem weiten Herzen. Bei Papst Franziskus, das zeigt die Erfahrung nach 5 Jahren seines Pontifikats, da ist manches möglich, was man nicht erwarten würde, aber dass ihr oder ich von ihm empfangen werden würden: wohl eher unwahrscheinlich.
Diese nicht näher beschriebenen Griechen im heutigen Evangelium haben auch um eine Audienz gebeten: Bei Jesus selbst; ob es bekannte Persönlichkeiten waren oder Menschen wie ihr und ich, das bleibt im Verborgenen. Auch ihre Absichten werden nicht näher beschrieben. Sie bleiben auf sich gestellt, auch ihnen wird keine Audienz gewährt, und da halfen nicht mal gute Beziehungen zu Freunden von Jesus, Andreas und Philippus nämlich. Dabei sagt man doch, dass Vitamin B in allen Lebenslagen hilft.

Ich bin bei diesem „aber“ hängen geblieben: „Jesus aber antwortete ihnen“. Worauf sollte er antworten, er ist doch gar nichts gefragt worden, zumindest nichts Inhaltliches. Wenn denn eine Frage im Raum stand, dann höchstens die, ob er denn Zeit habe für die griechischen Bekannten. Und darauf hätte Jesus einfach nur mit ja oder nein antworten können. Er redet aber viel ausführlicher und gänzlich losgelöst von dem, was vorher passiert ist. Und er redet nicht ausschweifend, weit ausholend, sondern kurz und knapp. Ein kleines Bild, das sich alle gut vorstellen und nachvollziehen können – das Bild vom Samenkorn – genügt, um seine Botschaft umfassend – und ebenso kurz und knapp – zu verbreiten: Wie das Weizenkorn muss auch der Mensch bereit sein, von sich selbst lassen zu können, sich selbst loslassen zu können, damit Neues gedeihen, wachsen, werden kann. Zukunft, ja: Ewigkeit wird Wirklichkeit, wenn wir Menschen von uns geben, uns weggeben, uns verschenken. Nicht die biologische Weitergabe von Leben versinnbildlicht die Größe des Menschen und seine Liebesfähigkeit, sondern die geistige Weitergabe seiner und ihrer selbst. Sich selbst – leidenschaftlich – in die Welt hineinbegeben und den anderen, der Schöpfung dienlich sein, das bringt einen ewig reichen Ertrag. Um es sehr plastisch zu sagen: Gott misst die Liebesfähigkeit eines Menschen nicht an der Frage, wieviel Kinder er gezeugt oder geboren hat, sondern wie viel er von seinen Lebensbegabungen und seiner Liebenswürdigkeit in die Welt hineingetragen  hat.
Altmodisch mag man das „dienen“ nennen. Papst Franziskus hat dieses altmodische Wort in die moderne Welt übersetzt. Er dient tatsächlich in einer unaufdringlichen und einfachen Weise und er dient gerade dort, wo die wenigsten hingehen; letzte Woche wieder in die Suppenküche auf Trastevere, wo er die Gemeinschaft San Egidio besuchte.. Nicht alle mögen seinen Dienst verstehen, weil sie große Worte und Taten von ihm erwarten. In meinen Augen sind sie groß und verändern mein Denken und Handeln mehr als manch andere kluge theologische oder soziale wissenschaftliche Abhandlung. Ich bin diesem Papst dankbar für seinen Dienst in den letzten 5 Jahren. Und für mich braucht es gar keine Privataudienz, mir genügt, dass er mich mit seinen einfachen, unscheinbaren Gesten und Worten anrührt und auch ermahnt, mich selbst zu hinterfragen, ob und wie ich mein Leben verschenke.

Christoph Simonsen

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11. März  – 4. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Evangelium: Johannes 3,14-21
Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Keine Angst vor der Dunkelheit
Die Tage werden wieder länger und die ersten Frühlingsgefühle konnten aufkommen: Die Sonne zeigte sich und wer draußen war, der konnte ein wenig ihre Wärme spüren. Schneeglöckchen und Krokusse springen auf. Ich bin mir sicher, nicht nur ich freue mich auf den Frühling. Nach den dunklen Wintertagen wieder eine Ahnung von Wärme und Licht zu bekommen, das ist einfach ein tolles Gefühl. Ich hab sogar schon die ersten mutigen Studis gesehen mit kurzen Hosen. Also Frühling, mach mal hinne und lass dich nicht mehr so lange bitten. Komm einfach. Wir vermissen dich alle.

Aber Licht und Wärme sind und bleiben nur die eine Seite des Lebens; Schatten und Dunkelheit lassen sich nicht so einfach ausblenden. Und das ist auch gut so. Besser schlafen tut man, wenn’s dunkel ist; und vorrangig die Dunkelheit bietet den Tieren Schutz, wenn sie verfolgt werden. Das Licht mag beliebter sein als die Dunkelheit, die Wärme behaglicher als die Kälte, und doch hat auch die Dunkelheit ihren Sinn und ihre Bedeutung.
Das nicht nur im wörtlichen, sondern auch in einem übertragenen Sinn. So bin ich zum Beispiel ganz froh, dass so manches in meinem Leben in der Dunkelheit verloren gegangen ist: Manches Traurige, auch manches Unvollkommene. Wenn wir auch die Sonnenseiten unseres Lebens lieber zeigen, so gehören die dunklen Seiten genauso dazu, wenn wir denn ehrlich sind. Es mag feige sein, unredlich vielleicht sogar, unmenschlich im schlimmsten Fall, und doch bin ich froh, dass ich manche Wirklichkeit meines Lebens ins Dunkle verbannen kann, so dass es die anderen nicht sehen. Sicher, das ist kein schöner menschlicher Schachzug; andererseits ist es eben doch menschlich, wenn ich vor den anderen gut dastehen möchte, denn die Angst vor Ablehnung und Isolierung ist groß. Die Welt war doch schon immer so: Wer Fehlerhaftes in seinem Leben zugibt, es sogar ungeschützt offenlegt, der hat in der Welt der Perfektion nichts zu suchen und kippt ganz schnell hinten runter.
Und so beginnen wir – leise und schleichend – abzuspalten und zu trennen, was doch eigentlich zusammengehört. Es entsteht die Welt des Lichts und die Welt der Dunkelheit. Und wir springen in unserem Inneren wie auch in unserem Verhalten mehr oder weniger gekonnt zwischen diesen Welten hin und her und verdrängen, wie gespalten unser Leben doch oft ist. Wir machen vergessen, dass dort, wo im Frühling die Sonne scheint, nicht nur das Schneeglöckchen wieder beginnt zu blühen, sondern auch das Moos und das Unkraut, das wir dann mit aller Mühe auszureißen versuchen im Wissen, dass es doch immer wieder kommt. Gott aber lässt die Sonne scheinen über Gutes und Böses. Und wir sind angehalten, alles wachsen und sogar reifen zu lassen bis zur Ernte.
Das Leben ist ein Ganzes und wird nicht dadurch wertvoller, dass wir es aufteilen in zwei Hälften: in eine vorzeigbare und in eine, die wir verstecken. Wir Menschen brauchen nicht zu retten und wir brauchen auch nicht zu richten. Wir bräuchten uns nur daran erinnern, dass Gott allein es ist, der das Leben – also auch das Unsrige – zu retten vermag, dann könnten wir aufhören uns zu Richtern zu erheben und über uns selbst oder über andere Gericht zu halten. Wenn dies allen klarer wäre, bräuchten wir uns auch vor unseren Fehlern und Schwächen nicht zu ängstigen und die Schwachstellen der anderen missbrauchen.
Wir könnten uns dieses Geschenk bewusster machen, und aufgrund dessen beginnen – wie es im heutigen Evangelium heißt – die Wahrheit zu tun. Und die Wahrheit ist, dass wir Menschen sind, unvollkommene, beschränkte Menschen. Nicht so tun, als sei alles nur licht und hell in unserem Leben und auch mutig ehrlich die Schattenseiten unseres Lebens verantworten, das ist wahrhaftig. Und es wäre möglich, denn niemand muss sich behaupten vor den anderen. Das Leben müsste nicht glatt gebügelt werden, wir könnten aufhören uns als Schöpfer eines utopischen, heilen Lebens zu gebären und wir dürften beginnen, uns in und mit unsrer Begrenztheit ins Licht Gottes zu stellen.

Unser Leben, und eben das Leben als Ganzes vollzieht sich im Licht und in der Dunkelheit. Je ehrlicher wir diese Wirklichkeit zulassen, je mehr wir uns eingestehen, Geschöpfe und nicht Schöpfer zu sein, umso mehr werden wir erfahren dürfen, in der Gnade Gottes zu stehen.
Also: Die Sache mit dem Licht und mit der Dunkelheit ist etwas komplexer, als wir vielleicht zuvor dachten. Wir könnten und dürften ehrlicher zugeben, dass beides zu unserem Leben dazu gehört. So schön der Frühling ist, auch der Winter hat seine schönen Seiten.

Christoph Simonsen

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25. Februar  – 2. Sonntag der Fastenzeit im Lesejahr B – 2018

Lesung: Genesis 22,1-2.9-13.15-18
Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
2Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.

Gott-Vertrauen
Ich verstehe beide nicht: Gott nicht, der ein solch unmenschliches und unwürdiges Opfer von Abraham fordert und auch Abraham nicht, der die Liebe zu seinem Sohn aufgrund eines Kadavergehorsams in solch brutaler Weise zu verraten bereit ist. Ich verstehe Gott nicht und ich verstehe Abraham nicht. Beides muss ich ertragen. Wir müssen wohl alle zur Kenntnis nehmen, dass wir an Gott aber auch an Menschen manchmal irrewerden. Gott nicht zu verstehen, dafür müssen wir Menschen uns nicht schämen, denn Gott ist so groß und so anders, dass wir wohl nur staunend, fragend, zuweilen auch verstörend auf ihn schauen können; aber dass ein Vater seinen Sohn zu opfern bereit ist, um eines Gottes willen, der unmenschliches fordert, das wirft mich aus der Bahn. Das kann so nicht stehen bleiben. Nichts ist schutzbedürftiger, als die Liebe eines Vaters zu seinem Kind. Nichts ist verwerflicher, als Schutzempfohlene zu opfern, um welchen Preis auch immer, selbst wenn es das Geschenk der Ewigkeit wäre.

Die heutige Lesung, diese Begegnung zwischen Gott und Abraham, wie ist sie in Einklang zu bringen mit den Gedanken des vergangenen Sonntags? Wir haben gehört, dass Gott seinen Bogen in den Himmel gestellt hat, um alles Leben zu schützen, was unter dem Himmel lebt. Und heute? Ein machthungriger Gott, der seine Gelüste an Unschuldigen auslässt und ein unterwürfiger Vater, der keinen Mut hat, sein eigenes Kind zu beschützen. Die Bibel ist und bleibt ein Buch mit sieben Siegeln. Und ja: sie bleibt ein Buch, an denen wir uns die Zähne ausbeißen. Abraham verdient sich den Segen Gottes, weil er bereit war, sein eigenes Kind zu opfern. Wenn es dieser Bereitschaft bedarf, um die Wohlgefälligkeit Gottes für mich zu gewinnen, dann frage ich mich persönlich sehr ernsthaft, ob ich mich diesem Gott überhaupt anvertrauen möchte. Das soll der Gott Jesu sein, der Gott also, der den Himmel – wie wir heute ja auch hören – weit öffnet und sich tief herabbeugt bis in die Niederungen dieser Welt hinein?

Wie fern kann mir dieser Gott doch sein – und wie nahe auch! Wie verbohrt erlebe ich Gott – und wie vertraut auch zu anderen Zeiten! Die Bereitschaft Abrahams, seinen eigenen Sohn zu opfern, um Gott zu gefallen, werde ich nie verstehen und auch nie gutheißen können. Aber was mich zutiefst beeindruckt, was mich kleinlaut werden lässt, wenn ich hier vor euch stehe heute Abend, das ist dieses grenzenlose Vertrauen Abrahams in eben diesen Gott, dass er ihm zutraut zu wissen, was er tut und was er verlangt. Wir Menschen sagen ja manchmal etwas flapsig: „In Gottes Namen…“, wenn wir zu etwas ja sagen, obwohl wir nicht wirklich davon überzeugt sind. In Gottes Namen tut Abraham etwas, was er von sich aus – davon bin ich überzeugt – nie tun würde. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was Abraham gedacht, empfunden hat, als Gott ihm diese Forderung zugesprochen hat. Ich kann’s mir wirklich nicht vorstellen. Und genau so fremd ist mir die Intention Gottes, warum er so unmenschliches von Abraham verlangt hat. Aber was mir klar ist: Beide – Gott und Abraham – müssen in einer äußerst ungewöhnlichen Beziehung zueinander gestanden haben. Wer so miteinander umgeht, der ist entweder verrückt und krank, oder er hat ein unbändiges Vertrauen zum anderen. Kann Vertrauen Liebe relativieren, die Liebe zum Kind? Abraham hat diese Frage wohl für sich bejaht. Was ihm, wer ihm diese Kraft gegeben hat, weiß der Himmel. Für mich stellt sich die Frage, wie viel Vertrauen ich Gott gegenüber hege. Das ist wohl die drängendste und herausforderndste Frage überhaupt. Es ist die Frage, der wir uns jetzt in dieser Fastenzeit stellen könnten. Ich weiß, dass dies keine einfache Frage ist; Abraham ist der beste Beweis dafür. Aber wer Gott einmal in sein Leben hineingelassen hat, der kann im Letzten dieser Frage nicht mehr ausweichen.

Christoph Simonsen
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18. Februar 2018 – 1. Fastensonntag im Lesejahr B – 2018

Lesung: Genesis 9,8-15
Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren: Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben. Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen: Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde. Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet.

Kleine Zeichen bewahren das Menschsein
„Nie wieder!“ Deshalb haben Menschen in Dresden an einem Abend in der vergangenen Woche ihre Innenstadt hell beleuchtet. Es ist gut, es ist wichtig, Zeichen zu setzen; so wie Gott ein Zeichen des Bundes in den Himmel setzte. Am Montagabend setzten die Menschen in Dresden ein Zeichen. Nie wieder! Nie wieder Krieg und Zerstörung. Sie erinnerten an die Bombennächte des 13./14. und 15. Februar 1945. Die Stadt wurde in diesen Tagen dem Erdboden gleich gemacht. Tausende starben. Nie wieder! Das warme Licht der Kerzen sollte der Gewalt, dem Hass, dem Unrecht, dem Tod die Stirn bieten. „Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch und Blut vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben“. Nie wieder sollen Fliegerbomben eine Stadt in Schutt und Asche legen; nie wieder sollen Häuser und Wohnungen zerstört werden und das Leben der Menschen, der Tiere und Pflanzen ausgerottet. Nie wieder!
Gott geht auf die Menschen zu, macht ein unwiderrufliches Versprechen. Für alle Generationen soll es gelten: Nie wieder soll vernichtet werden, was aus Fleisch und Blut ist.

Ja, wir müssen Zeichen setzen; viel mehr Zeichen müssen wir setzen, um zu zeigen, wie wert uns unsere Schöpfung ist; um zu zeigen, wie notwendig es ist, aufeinander zuzugehen; um jeder und jedem klar zu machen, so wie bisher, kann es nicht weitergehen. Wir müssen Zeichen setzen, so wie Gott immer wieder Zeichen gesetzt hat, dass er sich seiner Verantwortung für das Leben bewusst ist. Kleine Zeichen sind ein Anfang. Kleine Zeichen können großes bewirken. So wie die Kerzen, die den Nachthimmel von Dresden erleuchtet haben vergangenen Montag. Ein Regenbogen macht die Welt nicht zum Paradies, aber alle, ob groß oder klein, erinnern sich an ihre vielleicht vergessene, verlorengegangene, vergrabene Fähigkeit zu staunen darüber, dass so eine wunderbare Farbenpracht den Himmel und das Herz zu verzaubern vermögen. Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht freut, wenn er einen Regenbogen am Himmel entdeckt. Und – wenn auch nur für einen Augenblick – ist alles Dunkle vergessen. Und es wird grenzenlos klar, das Dunkle kann überwunden werden.

Welche Zeichen möchten wir setzen? Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Zeichen, die sichtbar machen, dass uns am Leben liegt, und zwar nicht nur am eigenen, sondern am Leben der anderen nicht minder. Sich gesünder ernähren, hilft nicht nur der eigenen Figur, sondern auch der Schöpfung, die unüberhörbar weint, weil wir sie so ausbeuten. Zeichen setzen, bewusster leben; der Schöpfung Gutes tun, und darüber reden. So wie Gott auch darüber geredet hat. Er hat nicht nur den Bogen in den Himmel gesetzt, er hat den Menschen auch erklärt, warum er eben dieses Zeichen setzen wollte; er hat sich den Menschen erklärt. Nur wenn bewusst ist, was wir tun, warum wir es tun, welches Ziel wir damit verfolgen, kann es auch zu einer Kettenreaktion kommen, einer Kettenreaktion hin zu einem bewussteren und verantwortlicheren Leben. Zeichen setzen und darüber reden, wie wertvoll Lebensmittel sind, weil es nämlich Mittel zum Leben sind; Zeichen setzen und darüber reden, warum wir das gelbe Schild ans Fahrrad oder ans Auto geklebt haben mit der Aufschrift „Tihange abschalten“, weil wir nämlich verantwortlich mit den Energieressourcen umgehen wollen; Zeichen setzen und darüber reden, dass wir uns in den Kirchen oder in Verbänden und Vereinen engagieren, nicht als Freizeitbeschäftigung und Wohlfühlmoment, sondern weil uns an einem friedvollen Zusammenleben der Menschen liegt.

Zeichen setzen ist leichter gesagt als getan. Wir trauen den kleinen, symbolischen Zeichen nicht wirklich was zu. Wir verniedlichen sie damit, dass wir behaupten, sie seien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn schon Veränderung, dann auch richtig, so denken nicht wenige einflussreiche Persönlichkeiten. Wenn Veränderung, dann auch richtig, ohne Wenn und Aber. Die einen zeigen auf den berühmten roten Knopf, andere nehmen große Worte in den Mund, sprechen von notwendigen konservativen Revolutionen und verschweigen, dass Revolutionen nur in ganz wenigen Fällen unblutig verlaufen und immer welche auf der Strecke bleiben. Wirkliche, menschliche, friedliche Erneuerung beginnt aber zumeist im Kleinen, im Zeichenhaften. So wie der Regenbogen, der eigentlich nicht mehr ist als ein vorhersehbares Naturereignis, aber in der Deutung Gottes zu einem verbindenden Symbol für ein ganzes Volk wurde. Wer immer also heute mit einem Stoffbeutel einkaufen geht zum Beispiel, der mag ein natürlicher Konsument sein, aber er kann auch jemand sein, der sehr bewusst auf Plastikbeutel verzichten will. Wer in der Woche kein Fleisch einkauft, der mag jemand sein, der sich preisgünstiger zu ernähren bemüht, aber es kann auch jemand sein, der sichtbar auf die Massentierhaltung verweist und diese kritisiert. Wenn es dann anderen auffällt, dann kann sich ein Gespräch entwickeln und es beginnt dann gewiss keine Revolution, aber eine unscheinbare Einzelaktion entwickelt sich womöglich in einen unaufhaltsamen Schneeball.

Nie wieder! Nie wieder eine Welt, in der ein System die Menschen gefangen nimmt, kein Wirtschaftssystem, kein politisches System, kein religiöses System. Die kleinen Zeichen der Menschlichkeit, die scheinbar unbedeutenden Signale der grenzüberwindenden Verbundenheit, die unauffälligen Verweise auf die Wunder der Schöpfung, die sind es, die der Welt eine Ordnung zu geben vermögen und die Nähe des Reiches Gottes spürbar werden lassen.

Christoph Simonsen
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11. Februar 2018

  1. Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 1,40-45

Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Kaputte Jeans und feiner Zwirn

Gar nicht so einfach, ein paar passende Jeans zu finden. Also, nicht dass es keine Auswahl gegeben hätte in dem Geschäft, in dem ich war. Die Wandregale waren voll mit Jeans. Und es lag auch nicht nur an meiner ungewöhnlichen Größe. Ich fischte wahllos ein paar aus dem Regal. Mist, die waren alle kaputt. Löcher am Oberschenkel, am Knie, eingerissen an der Wade. Klar, ich brauch ja nur durch die Stadt zu laufen, selbst jetzt, wo es so knacke kalt ist; wer was auf sich hält, läuft mit zerrissenen Jeans rum. Aber ich glaub, dafür bin ich zu alt, und vielleicht auch zu normal. Außerdem wäre mir Frostbeule das viel zu kalt. Aber irgendwie verrückt ist es schon: Da geben Leute viel Geld aus und kaufen sich eine kaputte Jeans. Das ist „in“ heute, so in, dass man fast schon auffällt, wenn man eine Jeans trägt, die keine Löcher aufweist. Tragen die Menschen kaputte Jeans, weil das modern ist, weil „man“ das so trägt heute? Und wenn morgen wieder die Hosen mit dem weiten Schlag modern wären, wie lange würde es dauern, bis alle dann wieder mit diesen weiten Beinkleidern rumlaufen würden? Ursprünglich war das, glaub ich zumindest, mal anders gedacht. Nicht um besonders zeitgemäß aufzutreten trug man anfänglich die löchrigen Jeans, sondern um sich abzusetzen von dem allzu biederen feinen Zwirn der anderen. Der Ästhetik des Schönen setzte man die Ästhetik des Zerrissenen, Kaputten, Verschlissenen entgegen. So solidarisierte man sich mit den Vergessenen und Abgesonderten in einer auf Prestige angelegten Gesellschaft.

Aber wie man sieht, ändern sich die Intentionen schneller als man gucken kann. Was gestern Ausdruck von Protest war ist heute zeitgemäße Moderne. Vielleicht zähle ich heute sogar schon wieder zu den Unangepassten, weil ich Wert darauf lege, eine Jeans ohne Löcher zu tragen.

„Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen“, so war die Vorschrift bis in die Zeiten Jesu hinein; wir hörten es eben in der Lesung. Kleider machen nicht nur Leute; Kleidung verbinden und trennen auch Menschen voneinander. Als ich letztens auf dem Campus Melaten auf einer Richtfestfeier war, da ist mir eines aufgefallen: Alle, also, fast alle alle hatten einen gediegenen Anzug an, eine leicht farbige Krawatte, zumeist etwas rötlich und braune Lederschuhe. Mein Nachbar bei der Feier stupste mich an und flüsterte mir zu: „Guck mal, die waren alle beim gleichen Herrenschneider“. Das ist das gleiche wie mit den zerrissenen Jeans, nur edler halt. Ich hatte Jeans an und eine Strickjacke. Und ich fiel auf. Peinlich! Oder?

Wie fühlen wir uns, wenn wir äußerlich so aussehen, dass wir überall auffallen? Wenn die zerrissenen Jeans ebenso wie der feine Anzug absolut aus dem Rahmen fallen; wenn alle mit dem Finger auf uns zeigen: ‚Guck mal, wie sieht der denn aus‘. Eine Studierende, die sich um eine neue Stelle bewirbt, muss doch Angst darum haben, beim Bewerbungsgespräch gleich ausgesondert zu werden, wenn sie da mit einer zerrissenen Jeans beim Personalchef aufläuft. Und der Freund, der auf der Fete mit Smoking und Fliege antanzt, wird unweigerlich krumm angeschaut?

Nun ist uns allen sicher auch klar: Alles verhaften bei Äußerlichkeiten wird dem Ernst dieser heutigen Texte nicht gerecht. Es geht nicht um das Äußere, es geht darum, dass Menschen wegen einer sehr ernsten Erkrankung ausgesondert werden, weggesperrt werden. Die Gesunden haben Angst vor den Kranken. Man kann vielleicht sogar noch Verständnis dafür aufbringen angesichts der damaligen unsicheren Kenntnisse über diese bedrohliche Erkrankung. Aber das macht es nicht menschlicher für die, die ausgesondert wurden damals.

Deshalb vielleicht für uns heute eine erste Konsequenz aus dem Gehörten: Jede und jeder mag sich anziehen wie sie und er es mögen; alle dürfen sich wohlfühlen in ihrer Kleidung. Und doch: Wir sollten uns vielleicht dessen erinnern, dass Menschen in zerrissener Kleidung andernorts und in anderen Lebensumständen sich dessen schämen, wie sie herumlaufen. Und wir sollten, wenn wir im feinen Anzug irgendwo hingehen, nicht automatisch davon ausgehen, dass wir was Besseres sind als die anderen. Kleidung ist eben mehr als eine Modeerscheinung. Im Ernstfall kann sie auch über das Schicksal eines Menschen entscheiden.

Und noch ein Zweites: Jesus sagt zu dem Geheilten, er solle sich den Priestern zeigen, denen also, die ihn zuvor ausgesondert und gebrandmarkt haben. Er soll sich denen, die aus einer vorgegebenen Autorität handeln und entscheiden, so zeigen wie er ist. Das ist Ausdruck eines gesunden und gereiften Lebens, sich unentstellt zu zeigen, wie man ist. Dann auch selbstbewusst und ungeschönt. Wie immer wir einander zeigen, wenn wir nicht mehr uns selbst zeigen, sondern nur unsere Fassade, dann sind wir krank.

Christoph Simonsen


4. Februar 2018

5.Sonntag im Jahreskreis B – 2018

Evangelium: Markus 1,29-39

Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie. Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Von Schwiegermüttern und ihren Schwiegersöhnen

Mir geht ein Gespräch nicht aus dem Kopf, das ich letztens nach dem Gottesdienst hier in der Citykirche mit einer Besucherin geführt habe. Es ist vierzehn Tage her. Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Berufungsgeschichte der ersten Jünger am See von Genezareth. Sie gingen ihrer Arbeit nach und hatten wohl – wie sie es gewohnt waren – ihren Feierabend bei ihren Familien im Sinn als Jesus sie ansprach. Und dann hieß es an der Stelle wörtlich: „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach“. Dieser Satz erregte Anstoß bei der Besucherin und sie fragte verständlicherweise, warum ich darauf nicht näher eingegangen sei. Ihm – Jesus – nachfolgen bedinge doch unweigerlich etwas anderes, nämlich andere Menschen alleine zurückzulassen, womöglich Partnerin und Kinder. Ist das Christentum so brutal radikal, dass jemand eine übernommene Verantwortung für die Familie mir nichts dir nichts für vernachlässigend hält und unversorgte Menschen ihrem Schicksal überlässt, um dann sozusagen befreit von bisherigen Aufgaben, seinen eigenen Idealen nachzugehen? Wer könnte das gut heißen: Frau und Kinder im Stich zu lassen, um egoistischer Weise eigenen Idealen nachzukommen. An solch einer Entscheidung scheiden sich die Geister. Die einen sagen: ‚Das ist aber mutig, dessen Glaube muss schon sehr groß sein‘. Aber es gibt wohl auch andere, und dazu gehört wohl die eben erwähnte Dame, die sagen: ‚So einfach abzuhauen ist nicht nur unverantwortlich, es ist unmenschlich und auch unchristlich‘. Sollte nicht jede und jeder dort ihre und seine Berufung leben, wo die Lebensgeschichte sie hingestellt hat? Radikaler Glaube kann auch Ausdruck einer Flucht sein vor der Verantwortung und radikaler Glaube kann auch krank machen.

Vielleicht hören wir heute eben genau von den ungeahnten Konsequenzen dieser Seite einer falsch geleiteten gläubigen Radikalität. Es mag nur eine Spekulation sein, ein Kopfkino; aber selbst, wenn es so wäre; es könnte wahr sein und es könnte noch einmal neu die Frage aufwerfen, was ein Glaube einem Menschen abverlangen darf.

Die Schwiegermutter des Petrus ist krank; Fieberschübe plagen sie. Jeder gute Mediziner weiß, dass äußere Krankheitsbilder nicht selten Ausdruck innerer Zerrissenheit sind. Was wohl die Mutter des Petrus so krank macht? Wie gesagt, jede Beantwortung bleibt im Bereich des Spekulativen. Aber eines liegt doch nahe: Sie sorgt sich um ihre Tochter, und sie hat Angst, im Alter unbegleitet zu sein. Ihr Schwiegersohn, Simon, hat für sein Leben eine neue Mitte gefunden, die Familie droht daraufhin zu zerbrechen. Und wir Heutigen müssen bedenken, dass Familie zur Zeit Jesu nicht nur zwei Generationen umfasste, sondern sehr oft drei, manchmal sogar 4 Generationen. Wo bleibt da ihre Tochter, wo bleibt sie, die Schwiegermutter, im Alter? Wer würde sich diese Fragen nicht stellen! Tiefe Sorge kann eben auch krank machen.

In diese schwierige Situation wird ausgerechnet Jesus hineingezogen. Der, der womöglich der Verursacher dieser schwierigen Situation ist, wird zurate gezogen. Und er entzieht sich nicht. Er spricht mit ihnen über die Schwiegermutter und damit wohl auch über die neu entstandene Lebenssituation in der Familie. Dann geht er zur Schwiegermutter und berührt sie. „Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie“, heißt es dann weiter. Eine kurze wortlose Begegnung, die eine unerwartete Heilung nach sich zieht und die neu Kraft schenkt. In diesem Augenblick berühren sich Empathie und Radikalität. Die einfühlsame Art Jesu, wie er der alten Dame begegnet, vermag die Angst der Schwiegermutter vor einer ungewissen Zukunft zu verbannen. Und sie, die Angst hatte, dass ihre Familie unversorgt bleibt, sorgt nun, neu gestärkt, für alle – auch für Jesus.

Jede und jeder kann ihre und seine Lebensform finden, wenn ihm jemand zur Seite steht und wirklich ernst nimmt, was an Ängsten und Sorgen, aber auch an Sehnsucht und Hoffnung tief im Innern des Menschen schlummert. Es mag zu einem Rollentausch kommen, es mag Verschiebungen von Verantwortlichkeiten geben, aber es bleibt keiner alleine, ungeachtet, unversorgt, ungetröstet. Eine Radikalität, die lieblos daherkommt, ausgrenzend, fanatisch, ja sogar vernichtend, eine Radikalität, die trennt, kann nicht die Radikalität sein, die in Jesu Nachfolge führt. Eine bewusste und gelebte Religiosität birgt immer ungeahnte Konsequenzen in sich, aber gewiss keine, die krank machen dürfen.

Christoph Simonsen


27. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,21-28

Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten. In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Von meiner Besessenheit

Ich bin besessen. Ich bin besessen von der Überzeugung, ich könnte die Welt und das Leben verstehen. Ich bin besessen von dem Wahn, was ich bis heute noch nicht verstanden habe, spätestens morgen verstehen zu können. In mir lebt ein Fremder mit Namen ‚Perfektionismus‘, der mir einflüstert, das Vollkommene sei machbar, die letzte Frage sei zu beantworten und das tiefste Geheimnis würde sich auflösen können. Ich bin besessen von der Macht des Objektiven.

Ich bin nicht ich; ich bin der Fremde in mir. Ist da bitte irgendjemand, der mich zur Rebellion drängt, der mir behilflich ist, der Macht des Faktischen zu widersprechen und der mich der sein lässt, der ich bin. Ich will wirklich mehr sein als eine  fremdbestimmte Variable, die nur so lange interessant ist, bis der letzte Beweis gefunden ist dafür, dass die Welt ein Zufallsprodukt und der Mensch eine Hybris seiner selbst ist. Ist da jemand, der mein Herz versteht, und der mit mir bis ans Ende geht? Wenn ich selber nicht mehr an mich glaub, ist da jemand?

Ich kann das gut überspielen, aber tief im Innern macht es mich krank: Ich bin tatsächlich nicht “ich”, auch wenn ich mich nach außen hin so zeige und bewege, als sei ich “ich”. Vielmehr bin ich “er”; Was von mir sichtbar ist, ist Schein. Was ich als “ich” darstelle, sind eigentlich die Gedanken anderer: die Einflüsterer und Zuflüsterer, die es schaffen, sich immer wieder  in mich hinein zu bohren; die mich zur Hülle machen, damit sie unantastbar und unangreifbar werden und damit das unantastbar wird und unangreifbar bleibt, was sie in mich hineingestopft haben; sie haben mich zum Filter verformt, damit nicht verunsichert wird, was  von ihnen durch mich so zielorientiert und selbstbewusst in die Welt hinausposaunt werden soll.

Ich bin schon längst nicht  mehr ich, sondern “er”? Oder bin ich sogar schon “es”? Ich bin nur noch das, was in mich eingeflossen ist und was andere mir eingeflößt haben. Ich bin eigentlich gar nicht mehr Persönlichkeit, sondern nur noch Wissen? Ich bin Speicherkarte, nicht mehr Fleisch und Blut und Herz. Ich bin vielleicht widerlegbar, aber nicht mehr verletzbar. Gibt es mich eigentlich überhaupt?

Ob “Er”, der Besessene, sich diese Frage auch gestellt hat; dieser Besessene, von dem wir eben im Evangelium gehört haben? Ob diese Angst vor der eigenen Nicht-Existenz ihn hat aufschreien, rebellieren lassen gegen sich selbst und gegen alle, sogar gegen Gott; diese Angst, nur deshalb zu sein, weil andere das ihrige in ihn hineingestopft haben? Wer sich so verloren hat, der hat nichts mehr zu verlieren. Wenn der letzte Funke Selbstachtung weg ist, dann ist Leben nur noch grausam.

Und dann stand “er”, der Besessene, “ihm” gegenüber, “ihm”, der ihn nicht noch weiter zugestopft und zugemüllt hat, sondern das gegeben hat, was einzig den Menschen zum Menschen macht. “Er” hat sich gefunden und “er” konnte endlich – vielleicht zum ersten Mal “ich” sagen, weil einer ihm Selbstachtung geschenkt hat.

Ich möchte diese Erfahrung machen, die “er”, der Besessene gemacht hat. Dass einer “Du” sagt, damit ich “ich” sagen kann. Dann, das ahne ich, werde ich über mir selbst erstaunt sein und die anderen werden nicht weniger erstaunt sein. Und diesem Staunen können große Taten folgen.

Ich will keine Experten mehr sehen, nicht in den Talkshows und auch nicht in meiner direkten Umgebung.  Ich will Menschen er-leben. Menschen, die für das, was sie sagen, als Person einstehen. Menschen, die wahrhaftig und glaubwürdig sind aus sich heraus und die berichten, was niemand sonst berichten kann, nämlich von sich und ihren Lebenserfahrungen. Ich will angesprochen werden und betroffen sein. Ich will ein Gegenüber spüren, ergriffen sein,  überwältigt werden von Menschlichkeit, hineingenommen werden in das Leben eines Anderen. Ich will reicher werden an Lebenserfahrungen und reicher an Wahrheit, einer Wahrheit jenseits von Allgemeingültigkeit. Ich weiß, dass es schwer ist,  eigene persönliche Erfahrungen offen nach außen zu tragen. Jedoch geben gerade sie dem Leben Gewicht. In stürmischen Zeiten werden sie zum Anker und verhindern, dass ich zum Leichtgewicht werde, den Böen des Lebens ausgeliefert. Ich möchte meine Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, und ich will ihre Erfahrungen mittragen.

Ich will Mensch werden mit Träumen und Ängsten, mit Glauben und Zweifel. Ich will ich selbst werden. So werde ich Zeuge für Gottes Gegenwart in unserer Welt.

Christoph Simonsen


21. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,14-20
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Radikal anders oder anders radikal
Kara, Max, Lucila, Hannes, Armin, Jana, Claudius, Elisa, Jonas, Amelie, Andreas: Das sind einige Namen der Studierenden, denen ich in den vergangenen Tagen begegnet bin. Mit jedem Namen verbindet sich eine je eigene, ganz persönliche Lebensgeschichte, die sie mir anvertraut haben. Keinem von ihnen bin ich zuvor begegnet, aber so bald werde ich sie alle nicht mehr vergessen. Eine einzige Begegnung vermag unendlich viel zu bewirken. Alle in je verschiedener Weise haben mir meine Sesshaftigkeit, meine Bequemlichkeit, meine Unbeweglichkeit bedrängend vor Augen geführt. Mein Leben wurde mir neu zur Frage, und dafür bin ich dankbar. Mir bis dahin fremde Menschen haben von sich erzählt; jede dreiviertel Stunde, die ich mit einem von den jungen Bewerberinnen und Bewerbern für das Stipendium teilen durfte habe ich als eine geschenkte Zeit empfunden. Einander von den Quellen zu erzählen, wo man her kommt und aus denen man lebt und von den Mündungen, auf die zu man sich bewegen möchte. Das ist nicht einfach, aber es ist frei von Konkurrenzdenken und Leistungsvermögen, denn kein Leben ist mit einem anderen vergleichbar. Vom eigenen Leben zu erzählen, das ist in unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich, lieber erzählen wir von dem, was wir haben und können als davon, wer wir sind. Biographien heute müssen geradlinig sein, ungebrochen, das ist gut für Wirtschaft und Industrie. Dass aber gerade gebrochene Biographien, Lebensumwege und Lebenssuche zu einem erfüllten Ziel führen, das ist in unserer schnelllebigen Welt nicht vorgesehen. Dabei sind es gerade oft die Umwege, die uns zu uns selbst führen.
Simon, Andreas, Jakobus, Johannes; vier Männer, die sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt darüber definiert haben, was sie machen – fischen nämlich, arbeiten, Geld verdienen, Familie ernähren, all das, was uns auch antreibt, fleißig zu sein und strebsam. Dann sind sie einem Mann begegnet, der sie auf eigenartige Weise angeschaut und angesprochen haben muss. In diesem Augenblick ist etwas Lebensentscheidendes passiert. Im Blick Jesu erkannten sie sich selbst und im Ruf Jesu hörten sie Unerhörtes: ‚Du bist mehr als das, was du gelernt hast! Du kannst Größeres als das, was dir bisher zugetraut wurde! Du bist der Ort, wo Gott zuhause ist!‘ Was dann passiert ist, kann man kaum in Worte fassen. Kein Wunder, dass die Heilige Schrift da so knapp und nüchtern daherkommt: sie ließen zurück, was war und folgten Jesus. Sie sind ausgebrochen; ausgebrochen aus ihrem bisherigen Leben, ausgebrochen aus dem Korsett der von außen gesetzten Normen und Verpflichtungen, ausgebrochen aus dem Karussell des immer wieder Gleichen und Gewohnten.

Was Zebedäus wohl gedacht hat in dem Moment, als seine Söhne sich von ihm verabschiedet haben? Ob er sie innerlich für verrückt erklärt hat und gedacht hat, seine Söhne seien schon bald wieder zurück? Ob er versucht hat, sie zurückzuhalten? War er traurig, war er wütend? Man weiß es nicht. Davon ist nichts festgehalten. Dem Verfasser des Evangeliums scheint das wohl auch nicht wichtig gewesen zu sein. Es gibt Augenblicke im Leben, da darf man keine falsche Rücksicht nehmen auf die Erwartungen der anderen.
Eine solche Radikalität des Lebens, des Glaubens, des Vertrauens scheint heute undenkbar. Wer von uns könnte sich den Erwartungen unserer Gesellschaft entziehen, nicht nur steuerzahlend zum Wohle aller beizutragen, sondern vor allem dem Verantwortungsbewusstsein folgend für sich und seine Lieben, für Lebenssicherheit und Zukunft Sorge zu tragen? Diesem Dilemma sind wir, die wir heute Abend alle zur Ehre Gottes hier sind, in gleicher Weise ausgesetzt. Eine Radikalität des Glaubens steht einem Verantwortungsbewusstsein für das Leben entgegen. Oder etwa doch nicht? Denn wenn dem so wäre, so müssten wir doch alle der Verzweiflung nahe sein.
Vielleicht genügt es – für heute zumindest – wenn wir, wie ich es erfahren durfte in den Gesprächen mit den Kunststudierenden – wenn wir uns offen halten, unser Leben zur Frage werden zu lassen und wenn wir die Brüche in unserem Leben nicht kaschieren, sondern sie bewusst anschauen. Und dann: Im Gespräch bleiben, sich hinterfragen und die Radikalität des Glaubens ins eigene konkrete Leben hineingreifen zu lassen und sich so eine Offenheit bewahren für das Wort Gottes, das wäre schon einmal ein Anfang. Wer weiß, was dann in uns und mit uns geschieht. Nur Gott allein.

Christoph Simonsen

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14. Januar 2018

Lesung: 1 Samuel 3,3b-10.19
Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel wuchs heran und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfüllt. Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.

Gute Nacht
Diese Predigt möchte euch zum Einschlafen bringen. Also nicht überrascht sein, wenn heute alles etwas ruhiger und entspannter ist. Ich halte mich heute mal an den heiligen Augustinus, der gesagt haben soll, dass es wenig Gesünderes geben würde als einen guten Kirchenschlaf. Ihr dürft ruhig die Augen schließen und zu dösen beginnen. Schlafen, einfach schlafen.
Ich bin mir fast sicher, dass ihr euch wundern werdet, was so alles passiert, wenn wir schlafen. Manchmal, wenn wir aufwachen, erinnern wir uns an kleine Traumfetzen. Aber Wissenschaftler sagen: Das, was uns da in Erinnerung kommt, ist nur die Spitze dessen, worüber wir alles im Schlaf nachgesonnen haben. Im Schlaf passiert unendlich viel, viel mehr, als wir zu ahnen wagen. Schlaf ist alles andere als langweilig; Schlaf ist ein wichtiger Akt der Selbstfindung und der Selbstverortung. Im Schlaf finde ich mich tiefer, gewissenhafter, nachhaltiger; ich Schlaf finde ich mich selbst. Und wer sich findet, der findet unweigerlich zu seinen Quellen und zu seinen Zielen; der findet zu Gott.
Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht: Nur schlafen und dann zur tiefsten Selbsterkenntnis gelangen. Ein wenig mehr gehört dann doch noch dazu. Und hier kommen Samuel und Eli ins Spiel. Aus dem Schlaf erwacht, geht Samuel zu seinem väterlichen Freund und erzählt ihm, was ihm im Schlaf widerfahren ist. Er hat einen Ruf vernommen; und wer anders sollte ihn gerufen haben als der, der in seiner Nähe ist. Deshalb geht er zu Eli und fragt nach dem Anlass. Eli zeigt sich ratlos: „Ich hab dich nicht gerufen.“ Samuel solle ruhig weiterschlafen. Das wiederholt sich dann wieder und wieder. Und im Sich-Wiederholen dieser Prozedur reift und wächst etwas. Was da reift, ist beiden selbst nicht so richtig klar, aber dass da etwas in Bewegung gekommen ist, das spüren beide.
In den Schlaf hinein ins Bett legt sich sozusagen mit Samuel eine ungewöhnliche Achtsamkeit. Der Schlaf ist womöglich nicht mehr so tief, es ist eher ein Dämmern. Wenn wir manchmal sagen, dass wir nicht haben schlafen können, dann ist das oft weniger ein nicht können als ein nicht wollen. ‚Ich will nicht wirklich tief und fest schlafen, weil ich spüre, dass da irgendetwas in mir reifen und gedeihen möchte‘. Diese Momente zulassen, sich auf sie einlassen und sie mitnehmen in den Tag und sie ins Gespräch bringen mit lieben vertrauten Menschen: diese Momente können zu tragenden Erlebnissen für das ganze Leben werden. Nicht, dass sie es werden müssen, aber sie können es werden, so wie bei Samuel. Deshalb ist es so hilfreich und lebenswichtig, ins Gespräch zu bringen, was sich in der Nacht in Erinnerung gebracht hat. So vermögen wir auch wachsen und reifen und spüren, dass Gottes Worte auch in unserem Leben nicht unerfüllt bleiben.
So wünsche ich uns allen aufmerksame Schlafstunden und sensible Gesprächspartner, die uns anleiten, auf die Stimme, die uns zu hören, es könnte die Stimme Gottes sein.

Christoph Simonsen

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07. Januar 2018

Evangelium: Markus 1,7-11

Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.

Tief im Innern, da ist das Leben

Ich schau mich um und freu mich, in bekannte, vertraute Gesichter zu schauen; dazwischen manch neues Gesicht, mir noch fremd, aber das kann sich ja ändern. Es ist schön, Euch alle zu sehen heute Abend. Wir dürfen noch einmal zusammen Weihnachten feiern. Wie in der Weihnacht, so öffnet sich heute wieder der Himmel und ein Zwiegespräch beginnt, ein Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch. Wie ist das, wenn Gott und Mensch miteinander sprechen; wie ist das, wenn sie einander anschauen, tatsächlich in die Augen schauen: Gott und Mensch? Wie das ist, das können wir ein wenig vielleicht erfahren, wenn wir uns an Augenblicke erinnern, in denen uns Begegnungen wirklich geglückt sind. Vielleicht kommen sogar Begegnungen in den Blick, die ihr an den Weihnachtstagen erlebt habt. Sicher habt ihr eure Familien besucht, die Großeltern auch, wenn sie noch leben; oder ihr seid nach dem Familienfest abends noch mit Freunden zusammengesessen.  Weihnachten ist doch eine schöne Gelegenheit, über Generationen hinweg Verbundenheit zu spüren. Da begegnen Junge und Ältere; und so unruhig und stressig die vorweihnachtlichen Tage auch gewesen sein mögen, dann, am Heiligen Abend oder an den Feiertagen, da wird es ruhiger und wir schauen einander viel entspannter an als zuvor. Da erkennen wir tatsächlich im Gesicht des älteren Menschen liebevoll die Spuren gelebten Lebens; und die Großeltern nehmen vielleicht den Wagemut des Enkels und die Lebenslust  in seinen Augen wahr und staunen über die selbstverständliche Weltgewandtheit, die so wunderbar unbekümmert und ansteckend ist. Einander anschauen und hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare erkennen. In der Tiefe eines Menschen, da zeigt sich  nicht nur das Geheimnisvolle des Lebens, da ist das Leben vor allem echt und ehrlich. Und was echt und ehrlich ist, das ist auch wertvoll, das ist schützenswert.

Das möchte Gott: Das Wertvolle und Schützenswerte im Menschen entdecken, das Liebenswerte. „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen“. Dazu braucht es Achtsamkeit, Geduld, Ausdauer; es muss halt erst die Oberfläche überwunden werden, um zum Kern, zur Seele vorzudringen. Das ist ein großes und wunderbares Geschenk, wenn wir einander durchlassen, wenn wir einander zulassen, zur Mitte, zum Lebenskern vordringen zu dürfen. Es ist mehr als ein Geschenk; es ist die Voraussetzung dafür, Mensch zu sein.

Wer nur sich selbst kennt, der kennt sich gar nicht. Auf den ersten Eindruck erscheint das paradox; aber Gott selbst ist der beste Beweis dafür: Erst in der Begegnung, in der wahren Begegnung, im Erkennen seines Gegenüber, vermag der Mensch sich wahrhaftig zu erkennen. Die Eltern, die Hirten, die Weisen, sie erkennen sich selbst im Blick auf das Kind in der Krippe; erst im Gegenüber des kleinen Kindes erkennen sie ihre Würde, ihre Größe, ihre Einmaligkeit. Und auch das Kind: in der Ehrfurcht der anderen ihm Gegenüber wird er erwachsen  und erkennt seinen göttlichen Auftrag und nimmt ihn an. Gott wächst in seiner Göttlichkeit und der Mensch erfährt, was Menschsein bedeutet in der Begegnung, im je anderen.

Deshalb sind wir aufeinander verwiesen. Deshalb ist Freundschaft, Vertrauen, Liebe viel mehr als nur eine Versüßung des Lebens, sondern vielmehr Grundvoraussetzung für Selbsterkenntnis und Menschwerdung. Wer Freundschaft, Vertrauen, Liebe verweigert oder missbraucht, der verschließt Menschen die Chance, sich so nahe zu kommen, dass sie im Einklang sein können mit sich selbst. Seien wir einander behilflich, dass wir in diesem neuen Jahr 2018 als Menschen leben können so, wie Gott uns gedacht und gemacht hat.  Schenken wir einander Vertrauen und Wertschätzung. Schauen wir einander an, so wie Gott uns anschaut: Mit Wohlwollen und der existentiellen Erwartung, auf diese Weise dem/der anderen wie auch sich selbst dienlich zu sein auf dem Weg der gottersehnten Menschlichkeit.

Das Wasser der Taufe mag uns erinnern und ermutigen, das Oberflächliche und äußerliche beiseite wischen, oder besser: waschen zu können und dem Herzen des Nächsten nahe zu kommen.

Christoph Simonsen

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  1. Advent im Lesejahr B – 2017
    17. Dezember

Lesung: Jesaja 61,1-2a.10-11
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe  und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde  und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, / er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt / und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt. Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor  und Ruhm vor allen Völkern.

Über das Absolute
„Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“; das ist eine These von Sr. Theresa Forcades. „Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“. Die spanische Benediktinerin bezieht sich auf das 25. Kapitel des Matthäusevangeliums, wir haben es vor einigen Wochen am Sonntag des Christkönigfestes gehört, ihr erinnert euch vielleicht. Jesus spricht vom Endgericht und verheißt den Menschen das Paradies, die in den Hungernden ihn, Jesus, den Gottessohn erkannt hätten. „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben“, sagt er und die Menschen fragen, wann sie ihn denn hungrig gesehen hätten. Darauf antwortet er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. „Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“. Dieser Gedanke, diese Überzeugung hat mich in den letzten Tagen intensiv begleitet. Schwester Theresa, der es um einen persönlichen Sinneswandel des einzelnen Menschen geht, im Blick auf die Armutssituation in unserer Gesellschaft, ist es in ihrem Vortrag gelungen, mich und viele andere anzusprechen gerade nicht dadurch, dass sie moralisch argumentiert hätte, so nach dem Motto, schämt ihr euch nicht, dass es euch im reichen Westeuropa so gut geht, während doch zur gleichen Zeit 50 Millionen Menschen allein in dieser reichen EU unter der Armutsgrenze leben müssen. Schlechte Gewissen machen keine guten Menschen. Nein, mit Druck und Moralin wird die Welt nicht freundlicher, friedlicher, sicher auch nicht gerechter.

Das Gedicht eines anderen Ordensmenschen, Anton Rotzetter bietet eine Alternative zu dem von uns Menschen oft so gern ausgeübten Druck, den wir gern einsetzen, um an unsere Ziele heranzukommen, und mögen sie noch so integer sein. Er schreibt:

Jeder Ochse weiß
wo er zuhause ist
Und jeder Esel spürt
wem er gehört
Nur wir Menschen
Irren heimatlos
Von Frage zu Frage
Von Haus zu Haus
Von Herr zu Herr
Von Götze zu Götze
So lass uns dich erkennen, Gott,
Als Mensch unter Menschen In wahrer Menschlichkeit.

Weil wir Menschen oft so planlos, heimatlos umherirren von Frage zu Frage, von Herr zu Herr, von Götze zu Götze, und dann meinen, wenn wir uns an Normen, Gebote, Gesetze festhalten, dann wird es besser gehen im Leben, verabsolutieren wir, was absolut nicht absolut ist: Wir absolutieren unser Denkvermögen und unsere Deutungsversuche von der Welt, in der wir leben. Was dabei herauskommt, sehen wir tagtäglich. Familien werden auseinandergerissen auf der Flucht und ein 2jähriges Kind erhält eine Einreiseerlaubnis, während den Eltern in der Türkei das Visum verweigert wird; oder wir unterstützen ein marodes System, wie das in Libyen zum Beispiel und sind mitverantwortlich dafür, dass unschuldige Menschen als Sklaven an reiche Clans verkauft werden.
„Es gibt nur zwei Absolute: Gott und Hunger“ Diese These von Sr. Theresa bildet einen radikalen Perspektivwechsel. Der Unverfügbare, der sich zur Verfügung gestellt hat und die anderen, die zur Verfügungsmasse dieser Welt geworden sind, sind die einzigen Absolute dieser Welt. Alles andere ist verhandelbar, veränderbar, einzig Gott und die menschliche Sehnsucht nach Sättigung nicht. Weihnachten wird erfahrbar im Nachahmen dessen, was Gott vorgemacht hat. Er wollte nichts anderes als sich hineinversetzen in das Leben der Menschen. Gott möchte sich einfühlen und hineindenken in unseren Lebensrhythmus, in das, was wir tun, was wir arbeiten, was wir fühlen und erleben. Wir Menschen machen Gesetze, um das Leben miteinander zu regeln, Gott fühlt sich ein in die Not der Menschen, um das Leben der Menschen zu heilen.

Weihnachten ist eben mehr als ein Wohlfühlfest; so vertraut all die schönen Traditionen zu diesem Fest sind, die mir ebenso wichtig sind wie sicher auch euch, sie treffen nicht den Kern dieses Geschehens. Weihnachten berührt erst wirklich, wenn wir erkennen, nein, besser: spüren, was wirklich absolut ist in unserem Leben: Gott und Hunger. Oder anders: Eine tiefe Freude über die Menschwerdung Gottes und eine nicht minder tiefe Antriebskraft, sich allem entgegenzustellen, was einem würdevollen Menschsein hier auf Erden im Wege steht.  Dann können wir für uns auch sagen: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe  und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde  und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“

Christoph Simonsen
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10. Dezember 2017
2. Advent

Lesung: Jesaja 40,1-5.9-11
Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden. Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, Alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott. Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her. Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Und sie gibt es doch: die Hoffnung
Da will einer was in Bewegung bringen, da in Jerusalem; da rüttelt jemand an die Gartenzäune der Enttäuschten und der Vergessenen und will echte Aufbruchsstimmung erzeugen. Ich geb zu, mir ist das alles ein wenig zu euphorisch, ich bin ja eher dem Nüchternen und Kognitiven zugetan. Diese Superlative sind mir erst mal zu viel. Allzu viel Gefühl und Nostalgie verunsichert mich, macht mich hilflos. Vielleicht muss ich an meinem überproportionierten Rationalismus arbeiten. Das mit der „verbeulten Kirche“, die Papst Franziskus letztens propagierte, liegt mir erheblich näher als das Geglättete, Begradigte, Geebnete; das wirkt auf mich eher unecht und gekünstelt. Leben ist eben nicht glatt.
Ich frag mich, warum mich dieser adventliche Text aus dem Jesaja Buch trotzdem immer wieder so berührt. Warum lass ich mich von dieser Sehnsucht so einspannen, dass alle Hürden überwunden werden, all die unzähligen Hügel des Lebens, die sich einem immer wieder in den Weg stellen? Dass all das Krumme begradigt wird, was sich durch die vielen Verbiegungen ergeben hat, die ich und wir immer machen müssen in unserem Leben? Und dass es grundsätzlich möglich ist, durch die Wüste zu gehen, ohne endgültig darin zu verrecken? Warum berühren mich diese Hoffnungsschimmer, die so unrealistisch sind und gegen alle Erfahrung sprechen, die mich das Leben lehrt? Warum überhaupt ist Hoffnung in mir? Wie kann Hoffnung leben in einer Welt, in der minütlich 6,25 Millionen Euro für Waffen ausgegeben werden, aber nur 0,5 Millionen Euro für soziale Projekte? Hoffnung ist so irreal wie der Weihnachtsmann am Heiligen Abend.
Aber sie ist da. Das ist verrückt, dass da eine Hoffnung ist, die fest daran glaubt, dass diese ganze verbogene, verbeulte, verlorene Welt dennoch gehalten, begleitet, getragen ist. Das ist verrückt! Aber so verrückt das ist, so real ist es auch. Alles, aber wirklich alles in unserer Welt spricht dagegen, dass aus diesem Sammelsurium von Interessen, Meinungen und Weltanschauungen eine Herde werden könnte, die sich mit Leib und Seele einem Hirten anvertraut. Aber dieser Hoffnungsschimmer war immer da. Obwohl von Anfang an ein Riss durch die Menschheit ging, schon zwischen Adam und Eva war es so, fanden sich immer welche, die fest daran glaubten, dass Frieden, Eintracht, Achtsamkeit möglich ist.

Diese unkaputtbare Hoffnung war immer da, schon im Jahr 740 vor Christus, als Jesaja seine ermutigende Botschaft in die Welt hineinrief und auch heute, da Menschen wie wir zusammenkommen und einander anvertrauen mit der Gewissheit, dass es mehr geben muss im Leben als Glühwein, Weihnachtsmann und Waffenstillstand an den Feiertagen. Es gibt eine Hoffnung, die in alle Wirklichkeiten des Lebens hineingreift und nicht tot zu kriegen ist.
Hoffnung ist nicht irreal, weltfremd, naiv. Weil Hoffnung nämlich einfach nicht tot zu kriegen ist, nicht wegzudenken, nicht wegzureden ist, ist sie auch real, wirklich. Und sie hat eine gestalterische Kraft. Diese Kraft einzubringen, liegt an uns. Wir sind Träger der Hoffnung. Gott hat sie unsterblich in uns hineingelegt, damit wir sie leben. Und damit wir wissen, wie das gehen kann, Hoffnungsträger sein, ist er selbst Mensch geworden, es uns vorzumachen, vorzuleben. Hoffnung leben in einer verbeulten Welt; anders leben in einer Welt, die immer in der Gefahr steht, dem Gleichschritt zu verfallen, mutiger Leben in einer Gesellschaft, in der wegzuschauen die Regel ist, eindeutiger Leben in einer Stadt voller Mehrdeutigkeiten.
Nein, diese Tage des Advent sind nicht dazu da, sich nostalgisch aufzuladen; sie sind uns geschenkt, um uns unserer gelebten Hoffnung zu vergewissern. Und es begleitet uns die Frage, ob wir leben, was wir hoffen.

Christoph Simonsen

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03. Dezember 2017
1. Advent

Lesung: Jesaja 63,16b-17.19.b; 64,3-7
Du, Herr, bist unser Vater, «Unser Erlöser von jeher» wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht mehr fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Eigentum sind. Reiß doch den Himmel auf und komm herab, sodass die Berge zittern vor dir. Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt außer dir, / der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen. Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist, / und nachdenken über deine Wege. Ja, du warst zornig; / denn wir haben gegen dich gesündigt, / von Urzeit an sind wir treulos geworden. Wie unreine (Menschen) sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind. Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, fest zu halten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen / und hast uns der Gewalt unserer Schuld überlassen. Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, / wir alle sind das Werk deiner Hände.

Geboren um zu leben
War das eben in der Lesung ein Gebet: „Du, Herr, bist unser Vater…“? Ja, das muss ein Gebet sein, die direkte Ansprache macht es unmissverständlich, da spricht jemand Gott an, direkt und dazu ziemlich unverblümt. Und auch noch auffallend frech. Das muss man sich mal vorstellen, der Beter macht Gott dafür verantwortlich, dass die Menschen so hart sind, von Gottes Wegen abirren, ihn nicht mehr fürchten. Starker Tobak, finde ich, Gott hat bitte selbst zu verantworten, dass die Menschen ihm nicht mehr treu sind. Und er, Gott, soll doch bitte mal ein Donnerwetter von oben ertönen lassen, dass die Berge vor ihm erzittern, also, wohl eher die Menschen als die Berge. „Bitte lieber Gott, mach, dass wir Menschen ein wenig braver werden und wieder Ehrfurcht vor dir haben“, so klingt das. Ziemlich naiv für einen erwachsenen Menschen.
Und dann wird dem Beter scheinbar bewusst, was er da gesagt hat und bemüht sich sehr, Gott nicht zu sehr zu erzürnen. Wir Menschen wüssten doch, dass es keinen anderen Gott gibt, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen und tun was recht ist. Und wir wüssten auch, dass wir wohl noch an uns arbeiten müssten, und nachdenken sollten über seine Wege, Und wir wüssten auch, dass wir eigentlich die sind, auf die er, Gott allen Grund hätte, zornig zu sein. Das Gebet mündet dann in der Erkenntnis: „Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“. Der Beter findet schlussendlich zurück zu einem angemessenen Maß und vermag sein Verhältnis zu Gott und überhaupt das Verhältnis der Menschen zu ihrem Gott wieder etwas ehrlicher einzuordnen.
In diesem ganzen Gebet erkenne ich so einen gewissen typischen Grundduktus von uns Menschen: Zunächst spielen wir den großen Zampano, dann erkennen wir, dass wir übers Ziel hinausgeschossen sind und bekennen ehrerbietig unseren Kleinmut, und zum Schluss sehen wir dann doch ein, dass wir Menschen eben doch nicht das Maß aller Dinge sind.
Ja, wir Menschen sind schon sehr von uns eingenommen und skeptisch sind wir von Natur aus, wenn wir uns in ein größeres Ganzes einordnen müssen. Dass wir uns auf andere einlassen, anderen Vertrauen schenken, uns anderen überlassen, das ist alles andere als selbstverständlich. Wir wollen die Macher sein, die Entscheider, die Zukunftsplaner, die Wegbereiter. Gut, dass wir so langsam begreifen, dass wir das alles nicht sind. Wir haben das Leben nicht wirklich im Griff, wir sind dem Leben oft ausgeliefert und uns gelingt es weiß Gott nur spärlich, dem Leben auf dieser Erde Sicherheit zu geben, geschweige denn Zukunft. Ich denke, ich kann mir ersparen, wo überall wir Menschen versagen, und da denke ich nicht an die anderen, ich rede von Euch und mir. An so vielen Stellen entgleitet uns das Leben und das nicht selten gerade deshalb, weil wir uns selbst immer wieder überschätzen. Selbstüberschätzung ist wohl eine der größten Übel, an denen die Schöpfung heute leidet.
Ich frage mich immer wieder, und da bin ich glaube ich nicht alleine, ob zu beten Sinn macht, denn kein Gebet nimmt mir die Verantwortung für mein Leben ab. Gleicht ein Gebet nicht eher einem Selbstbetrug, insofern der Eindruck erweckt wird, da wäre einer, der alles zum Guten richten könnte? Im letzten hängt doch tatsächlich alles an uns Menschen. Wer so denkt, den müsste das eben gehörte Gebet nachdenklich stimmen. Denn dieses Gebet lenkt die Aufmerksamkeit nicht zuerst nach oben sondern nach innen. Das Gebet ändert nicht etwas, das Gebet ändert mich, den Menschen. In der Tat, es hängt alles an uns, aber anders, als wir denken. Wer sich innerlich öffnet, ‚Gott, Vater, Herr‘ zu sagen; wer einmal den Blick weg von sich wendet und eine substantielle Begrenztheit in sich akzeptiert, der erfährt nicht nur eine neue Demut in sich, eine Ehrfurcht und Liebe zu seiner/ihren eigenen Unfähigkeit, der erfährt darüber hinaus auch eine große Weite und Freiheit, diese Begrenztheit mit Leib und Seele anzuerkennen. Aus dieser Ehrlichkeit wird dann eine neue Form der Verantwortlichkeit geboren, nämlich vor allem zu ehren, was uns anvertraut ist. Als erstes ehren, dann handeln und formen. Nicht die eigene Macht und Kraft wird die Welt heiler und menschlicher machen sondern die Ehrfurcht vor allem, was geschaffen und mir geschenkt und zur Verfügung gestellt ist.
Das Gegenteil von Selbstüberschätzung ist eben Ehrfurcht; Ehrfurcht, die das andere, den anderen groß macht, bringt das eigene Leben in Bewegung, in eine Lebensbewegung, die dem Großen, dem Ganzen, der Welt gut tut.
Heute, mit dem Beginn der Adventzeit, hätten wir die Möglichkeit, uns zu prüfen, ob wir auf das Christkind warten, das uns schöne Geschenke unter den Tannenbaum legt; dann können wir aber mit Gewissheit damit rechnen, dass wir schon wenige Tage wieder gefangen werden von den Strukturen dieser Welt und eintreten in den Konkurrenzkampf darüber, wer der Beste, Größte, Schönste, Wichtigste auf dieser Erde ist. Wir können aber die nächsten 24 Tage auch dazu nutzen, uns zu fragen, ob wir uns vielleicht betend anvertrauen mögen dem, auf dessen Menschwerdung wir zugehen und der uns ein Menschsein vorgibt, das nicht dem Trugschluss der Größe erliegt sondern die Größe der Demut offenlegt; einer Demut der Ehrlichkeit, wie sie der Beter zeigte, von dem wir eben gehört haben. „Wir sind der Ton, du bist unser Töpfer“.

Christoph Simonsen

 


Mai – November 2017

Fasten- und Osterzeit 2017

Januar – Februar 2017


Oktober – Dezember 2016

Dreifaltigkeitssonntag – September 2016

Fastenzeit – Pfingsten 2016

Januar – Aschermittwoch 2016

Oktober – November 2015

April – Oktober 2015

Januar-Ostern 2015


Advent und Weihnachten 2014

Oktober -Christkönig 2014

Juli-Oktober 2014

5. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A 2014  bis Semesterschluss 2014

Fasten- und Osterzeit 2014

2.-8. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A 2014


Advent- und Weihnachtszeit Lesejahr A 2013/ 2014

21.Sonntag bis Christkönig – Lesejahr C 2013

8.-15. Sonntag im Jahreskreis C – 2013

 Ostern bis Pfingsten 2013

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5. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A bis Semesterschluss

Ansprache zum Semesterschlussgottesdienst des Sommersemesters 2014. Tag des Endspiels der Fußball WM in Brasilien: Ich weiß, die Zeit ist knapp, bis spätestens 20.30 Uhr sollte der Gottesdienst beendet sein; viele brauchen ja sicher noch eine kleine Weile der emotionalen Vorbereitung auf das Spiel, und das Bier sollte dann auch fertig gezapft vor einem stehen. Ich …

Heute ist Heute

… Aber Glaube und Wirklichkeit, Hoffnung und Realität sind die zwei Seiten einer Medaille. Ein Glaube, der sich nicht den Tatsachen des Lebens stellt, mündet unweigerlich in Verdrängungsmechanismen, die vielleicht einen Augenblick erträglicher machen, aber nicht das Leben. Und ein Leben, das den Glauben ausschließt, ist der Trostlosigkeit ausgeliefert und der diktatorischen Macht der Stärke. …

Ostern bis Pfingsten 2013

Pfingsten 2013 Evangelium: Joh 14,15-16.23b-26 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm …

8.-15. Sonntag im Jahreskreis C – 2013

15. Sonntag im Jahreskreis C – 2013 Semesterabschluss des Sommersemesters 2013 Evangelium: Lk 10,25-37 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? Er antwortete: …

21. Sonntag bis Christkönig Lesejahr C 2013

Fest Christkönig im Lesejahr C – 2013 Evangelium:Lukas 23,35-43 Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm …

Advent- und Weihnachtszeit Lesejahr A 2013/2014

Taufe des Herrn – 2014 Matthäus 3,13-17 Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir? Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn …

2.-8. Sonntag im Jahreskreis A 2014

8. Sonntag im Jahreskreis A – 2014 (Karnevalsssonntag) Evangelium: Matthäus 6,25-34 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? …

Fasten- und Osterzeit 2014

4. Sonntag der Osterzeit A – 2014 Evangelium: Johannes 10,1-10 Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf …

Juli-Oktober 2014

lich und gewissenhaft ist, das Herz Gottes schlagen zu hören. Und wo das Herz Gottes schlägt, da bedarf es keiner Gesetzgebung mehr, keiner Verbote und Zurechtweisungen und schon gar nicht eines besserwissenden Zeigefingers. Unsere Kirche, davon bin ich überzeugt, befindet sich an einem Scheideweg, wo sich erweisen muss, ob sie mit Gott den Menschen zu …

Oktober – Christkönig 2014

Fest Christkönig 2014 – A – Evangelium Matthäus 25,31-46 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er …

Advent und Weihnachten 2014

Taufe des Herrn 2015 Evangelium: Markus 1,7-11 Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in …

Januar -Ostern 2015

Ostern 2015 Wir feiern das Leben in der Einsicht, dass uns der Tod nicht erspart bleibt. Wir sind ausgelassen und zuversichtlich trotz der ungeschönten Wahrheit, dass allem Leben ein Tod folgen muss. Wir freuen uns, als begrenzte Geschöpfe einer heilen Zukunft entgegen gehen zu können. Wir sind hoffnungsfroh in einer Welt, in der es jemals …

April bis Oktober 2015

29. Sonntag im Jahreskreis B – 2015 Evangelium: Markus 10,35-45 Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst. Er antwortete: Was soll ich für euch tun? Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern …

Predigten Advent – Weihnachten 2015

Taufe des Herrn 2016 Evangelium: Lukas 3,15-16.21-22 Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei. Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die …

Predigten Oktober – November 2015

Christkönig im Lesejahr B – 2015 Lesung: Daniel 7,2a.13b-14 Ich, Daniel, hatte während der Nacht eine Vision: Da kam mit den Wolken des Himmels  einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten / und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen / müssen ihm …

Predigten Januar – Aschermittwoch 2016

Predigt am 10. Feb. Aschermittwoch Lesung: Joel, 2,12-18 Auch jetzt noch – Spruch des Herrn: Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte und es reut ihn, …

Predigten Fastenzeit – Pfingsten 2016

Pfingstsonntag, 15. Mai Lesung Apostelgeschichte, 2,1-11 Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen …

Predigten – Dreifaltigkeitssonntag-September 2016

Sonntag, 11. September 2016 Evangelium: Lukas 15,11-32 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte …

Predigten Oktober bis Dezember 2016

Sonntag, 18. Dezember 4. Adventssonntag im Lesejahr A – 2016 Evangelium: Mt. 1,18-24 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie …

Predigten Januar-Februar 2017

26. Februar – 8. Sonntag im Jahreskreis A – 2017 (Karnevalssonntag) Evangelium: Matthäus 6,24-34 Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. Deswegen sage ich euch: Sorgt euch …

Fasten- und Osterzeit 2017

Evangelium zum 6. Sonntag der Osterzeit 2017- 21. Mai 2017: Johannes 14, 15-21 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, …

Predigten Mai – November 2017

34.  Sonntag im Jahreskreis A – 2017 Lesung: Ezechiel 34,11-12.15-17 Denn so spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere …

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