Predigten Januar-Februar 2017

26. Februar – 8. Sonntag im Jahreskreis A – 2017 (Karnevalssonntag)

Evangelium: Matthäus 6,24-34

Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.

Wenn die Welt doch nur eine andere wäre
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika steht morgens auf, geht ins Bad, schaut in den Spiegel und sieht etwas, was er zuvor noch nie wahrgenommen hat: Ein Festkörper ragt zwischen seinen Schultern auf. Seine blonde Haarpracht war über Nacht ausgefallen und er bestaunte etwas, was anderen schon lange als „Kopf“ bekannt ist. Er will wissen, was sich darin verbirgt und fragt seinen engsten Berater Bannon, die ihm – wen wundert‘s – keine befriedigende Auskunft geben konnte. Daraufhin bemüht er kleinlaut seinen Vorgänger im Amt des Präsidenten. Innerlich widerständig, aber angesichts seiner Hilflosigkeit unruhig werdend ruft er Barack Obama an und fragt ihn, ob er wisse, was das sei, dieses runde Ding, das sich zwischen den Schultern erhebt.
Obama konnte ihm  die Auskunft geben, dass dieses Ding sich Kopf nennen würde und darin befänden sich Gehirnzellen, mit der der Mensch des Denkens fähig wäre.
Frauke Petry, bekanntlich schwanger, schenkt nach einer Frühgeburt einem Jungen das Leben, ist aber äußerst verwundert, dass dieser dunkelhäutig ist und schon von Geburt an beschnitten. Das gibt ihr doch sehr zu denken.
Thomas de Maiziére träumt, er stünde in einem dunkelbraunen Jackett mit großen Karos vor den Mikrofonen einer Pressekonferenz und spräche in einem deutsch angepassten sächsischen Tonfall zu den Journalisten und diese Stimme würde dem Tonfall des sächsischen Fraktionsvorsitzenden der AfD Gauland außerordentlich nahe kommen. Schweißgebadet wacht er aus diesem Albtraum auf. Die für den Tag angekündigte Pressekonferenz zu den neuen Abschiebegesetzen lässt er angsterfüllt ausfallen.
Über Nacht ist die Welt eine andere: Der Präsident der Vereinigten Staaten lernt das Denken, die AfD Vorsitzende freundet sich mit anders geprägten Menschen an und der Innenminister erinnert sich menschlicher Werte und der politischen Verantwortung, die daraus entspringt. Wir brauchen uns nicht mehr zu sorgen. Die Welt ist wieder im Lot. Vor allem ist sie wieder menschlich.
Zu schön, um wahr zu sein. Aber solche und ähnliche Schwärmereien werden wohl morgen bei den Karnevalsumzügen thematisiert. Menschen lassen sich weder von dem Schitt-Wetter noch von der Weltlage abhalten davon, zu tanzen, zu lachen, zu trinken und zu küssen.

Die Welt ist aber, wie sie ist – auch heute – und wir hätten allen Grund zu heulen und mit den Zähnen zu knirschen. Macht es da Sinn, der Welt, wie sie ist, die Stirn zu bieten? Diejenigen, die sich die Freude nicht verderben lassen trotz all des Beklagenswerten, machen mir Mut und ich reihe mich gern ein. Es braucht Widerstand, ernsten Widerstand, ja! Aber es braucht auch diese Trotzhaltung der Freude, die ja nicht nur Trotz ist, sondern eine wirkliche Alternative: ‚Wir lassen uns das Leben nicht verbieten‘! Es geht immer anders, wenn wir nur wollen und wenn wir – wie idealerweise an den Karnevalstagen – zusammenstehen, über Unterschiede und Hindernisse hinweg. Es gibt immer einen ‚Plan B‘. Wir müssen nur kreativ genug sein und uns unserer Träume und Phantasien erinnern.
„Macht euch also keine Sorgen“. Jesus hat Recht. Und er hat alles Recht, diese Ermutigung in die Welt hineinzurufen, denn er hat nicht aufgehört, daran zu glauben und darauf zu bauen, dass die Menschen die Fähigkeit haben und den Willen und den Mut, aus ihren Sorgen Neues, Menschliches, Friedliches, Weitsichtiges erwachsen zu lassen.
Also, lieber Herr Trump, liebe Frau Petry, lieber Herr de Maiziére, wir zeigen euch gern heute, morgen und übermorgen, dass Leben auch fröhlich, gelassen und ausgelassen geht und dass es eine Alternative gibt zu Abgrenzung, Ausgrenzung und Machtgier: zusammenstehen nämlich und sich einander einhaken und singen, tanzen, bützen. Karneval ist Ausnahmezustand, aber ein solcher Ausnahmezustand ist mir allemal lieber, als der Ausnahmezustand, den wir in der realen Welt derzeit erleben. Wir könnten versuchen, die Lebenseinstellung der tollen Tage in den Alltag übertragen, wo sich für alle sichtbar Cowboys und Indianer vertragen, muslimische Scheichs und katholische Kardinäle sich in den Armen liegen, Darth Vader und Obi-Wan Freunde werden.

Christoph Simonsen



19. Februar

Evangelim: Matthäus 5, 38-48

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

Vom anders sein
Da müsst ihr heute durch, ihr Maschinenbauer, Elektroingenieure, Mathematiker. Sollten Architekten, Geisteswissenschaftler oder auch Mediziner unter uns sein: ihr habt es heute ein wenig leichter mit meinen Gedankengängen. Ich mute euch heute nämlich nicht weniger zu als einen Streifzug durch die bildende Kunst.
Ich stand letztens vor einem Bild des spanischen Künstlers Joan Miro. In dem zur Ausstellung gehörenden Katalog sah man die Vorgabe des Bildes und das fertige Kunstwerk. Miro sollte eine vornehme adelige Frau proträtieren. Mein Kopf schwankte hin und her, ich sah das Foto und das Bildwerk; immer wieder gingen die Augen von rechts nach links und von links nach rechts. Wo bitte lag auch nur eine entfernte Ähnlichkeit zwischen dem Antlitz auf der Fotografie und dem Werk Miro’s?  Mit viel Phantasie ließ sich wirklich ein Gesicht erkennen, aber das Bild wird ansonsten dominiert von einem überdimensionalen Hut und den unbedeckten Brüsten der Frau. Dieses Bild wird mir zum Rätsel. Was trieb Miro dazu, das Äußere dieser auf der Fotografie doch so schönen Frau so zu verunstalten? Aus kunstgeschichtlichen Arbeiten über Miro weiß ich, dass er sich bei seinen Bildern nicht mit Unwichtigem abgibt; was er malt, hat Bedeutung und Gewicht. Seine Bilder möchten kein Schmuckwerk sein zur Dekoration; sie tragen bei zu einer Unterscheidung der Geister, möchten unmissverständlich zum Ausdruck bringen, wie die Welt ist und nicht, wie sie sein könnte oder sollte. Für Miro ist klar: Was in der Welt geschieht, muss akzentuiert, interpretiert werden, bedarf einer – wenn nötig auch: übertriebenen – Darstellung. Oder anders: Miro betreibt Gesellschaftskritik. Und so wird rasch deutlich, was Miro sagen will: Dem Adel Spaniens ist der Hut wichtiger als das Gesicht, die Darstellung der Äußerlichkeit hat mehr Wert als das Wesen des Menschen. Und die zweite herausfordernde Botschaft könnte lauten: Die Etablierten und Reichen sind gewillt, ihr Leben nur an Ihresgleichen, an ihre Kinder weiter zu geben anstatt es mit allen im Land zu teilen. Dafür bieten wohl die nährenden Brüste der Frau die Symbolik.
Unsere Zeit heute ist eine andere als die Lebenswelt von Joan Miro, der 1893 in Barcelona geboren wurde. Mir wäre es auch zu plump, mich jetzt in so eine oberflächliche Neid-Diskussion hineinzubegeben. Zu platt wäre es auch, Schuldzuweisungen zuzusprechen und die sogenannten Reichen alleine verantwortlich zu machen für das Schicksal der anderen. Gleichwohl: die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft driftet schon bedrohlich auseinander.
Das Bild von Miro lässt mich aus einem anderen Grund nicht los. Ich frage mich nämlich, ob dieses provokante Kunstwerk nicht auch mich selbst in Frage stellen möchte. Ich bin nicht adelig und ich glaube, ich kann auch ehrlich behaupten, nicht reich zu sein, und trotzdem fühle ich mich in Frage gestellt von diesem Bild. Zwei Fragen lassen mich nicht los: Bin ich ich, wenn ich anderen gegenüberstehe, oder spiele ich den, den andere –  je verschieden – , in mir sehen wollen. Authentizität ist das Stichwort; bin ich authentisch, traue ich mir und anderen zu, eigene Persönlichkeit, Subjektivität zuzulassen oder ist mir die Fassade der Rollen, in denen ich stehe, lieber? Der Anspruch, vollkommen zu sein, wird mich immer überfordern. Aber ich bin mir sicher, dass ich am ehesten diesem Anspruch nahe komme, wenn ich versuche, ich selbst zu sein. Und die andere Frage: gebe ich die Erfahrungen meines Lebens eher verhalten und kontrolliert an die mir vertrauten Menschen weiter, oder erlebe ich mich verschwenderisch und freizügig, Lebenserfahrungen, Lebensperspektiven, Lebenswünsche zu schenken?
Die Botschaft des Evangeliums heute ruft zu einem nahezu übermenschlichen Verhalten auf: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“. Aber was bedeutet das, vollkommen sein zu sollen? Wir sind doch Menschen, keine Götter. ‚Vollkommen‘ heißt dann wohl weniger perfekt, fehlerfrei, makellos zu sein, sondern wohl eher, wie ich es verstehe: authentisch, unverfälscht, subjektiv und substantiell echt. Bei diesem Bemühen, sich selbst treu bleiben zu sollen, darf ich aber niemals dem Trugschluss verfallen, mich höher einzustufen gegenüber anderen aufgrund meines Soseins, aufgrund meiner Religion, aufgrund meiner Zugehörigkeiten. Ich bin anders, weil ich ich und nicht du bin, aber ich bin nicht anders, weil ich katholisch bin, oder deutsch oder finanziell abgesichert.
Jesus lädt ein und fordert ein Möglichkeiten der Begegnung, die  nicht von Klassifizierungen geprägt sind und die sich nicht einengen lassen von einem Denken eines besser seins, ausgewählter seins, arischer seins. Jesu Botschaft, authentisch zu sein ist immer auch eine politische Botschaft. Sie ist hineingesprochen in unsere Welt, in unsere Zeit. Streitbarer und streitender Dialog ist unabdingbar, gehört zum Leben und gehört zum Glauben. Indem ich mich ins Spiel des Lebens bringe, meine Überzeugungen, meine Lebenserfahrungen, meine Werte, mein einmaliges So-Sein, werde ich zu einer Einladung für den anderen, auch sich einzubringen. So gestaltet sich Leben, gesellschaftliches und religiöses Leben. Und dann gilt es zu ringen, zu streiten, zu suchen nach einem Weg, nicht alleine durchs Leben gehen zu müssen.
Miro hat damals mit seinen Bildern nicht nur Farbe bekannt, er hat sich bekannt und seinen Wert der Gleichheit aller Menschen zur Diskussion gestellt. das Bild der adeligen Frau hat es an Deutlichkeit nicht mangeln lassen. Darin hat er der adeligen Dame die Maske ihres Standes weggenommen und sie dargestellt, wie sie wirklich ist. Ja, manchmal muss man den Menschen ihre Masken auch vom Gesicht nehmen oder sich selbst auch von anderen nehmen lassen, damit die Lüge und der Selbstbetrug ein Ende haben. Wenn wir auch nicht malen können, aber wir haben ganz gewiss andere Möglichkeiten, uns einzubringen in die gefährlichen Deutungshoheiten, die heute bestimmte Kreise in der Politik aber auch in der Kirche für sich in Anspruch nehmen, besser zu sein als die anderen. Denn besser sind wir grundsätzlich nie, weshalb die anderen auch nicht schlechter sein können. Aber wir sind je anders. Mit diesem Anderssein müssen wir leben lernen.

Christoph Simonsen
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12. Februar
6.Sonntag im Jahreskreis A – 2017

Lesung: 1. Korinther 2,6-10

Und doch verkündigen wir Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. Vielmehr verkündigen wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.

Die andere Weisheit
Paulus verkündigt „das verborgene Geheimnis der Weisheit Gottes“. Was verkündigen wir? Paulus verkündigt „das Große, das Gott denen bereitet, die ihn lieben“. Und was verkündigen wir?

Sind wir nicht alle viel zu sehr verwoben mit den planbaren, überschaubaren, berechenbaren Dingen des Lebens, als dass wir noch einen offenen Blick hätten auf Geheimnisse? Ist Gott für uns ein Geheimnis? Ein Geheimnis zeichnet sich aus durch seine Unverfügbarkeit. Ich habe den Eindruck, dass ganz viele Gott perfekt in ihr Leben eingebaut haben, dass sie wie selbstverständlich davon ausgehen, er sei eben doch immer verfügbar. Und ich schließe mich da selbst nicht aus. Wir planen doch Gott ständig ein in unsere Lebensabläufe und wir sind der festen Überzeugung, Gott zu kennen.
Noch ein anderer Gedanke: Wir leben in einer Welt der Giganterie und der Extreme, so dass uns Großes viel zu alltäglich erscheint als dass es uns überhaupt noch auffallen würde? Größe ist doch in unserem Denken mehr Standard denn Ausnahme.

Da bleibt die Frage: Was ist uns im Leben eigentlich noch ein Geheimnis, und was ist uns so groß, dass wir respektieren, es nicht fassen zu können?

Paulus ist ziemlich nüchtern in seiner Weltsicht; sie sei geprägt von Machthabern, denen Weisheit fehlt und die blind sind und taub gegenüber dem, was tatsächlich sinnerfüllend ist. Unsere Welt heute ist in vielen Bereichen nicht anders. Sie hängt der Überzeugung an, alles könne entdeckt, erforscht, erklärt, geregelt werden; und die Spezies Mensch hält sich für das Größte, was es gibt.
Paulus verkündigt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist. Er ist überzeugt davon, dass es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, die nicht in die Logik dieser Welt hineinpasst.

In der vergangenen Woche sprach ich mit zwei jungen aus Afghanistan Geflohenen, die sich mit mir auf die Taufe vorbereiten wollen, die Christen werden wollen. Sie kommen aus einer Welt, in der der Glaube bestrebt ist, die Machtstrukturen dieser Welt zu beeinflussen, sie sogar abzulösen und das mit allen Mitteln, auch mit den Mitteln der Gewalt. Glaube und weltliches Leben unterscheiden sich so durch nichts mehr voneinander. Beide wollen Herrschaft erlangen über den einzelnen Menschen, wollen ihn lenken und leiten nach ihren Vorstellungen. Unterdrückung ist das Ziel sowohl der weltlichen Herrscher als auch der sogenannten Gottesdiener.
In diesem Gespräch wurde ich sehr verlegen, denn ich musste den beiden jungen Menschen offenlegen, dass auch das Christentum eine solch unmenschliche Zeit erlebt hat, dass auch im Namen unseres Gottes Glaubenskriege geführt wurden und dass Hüter des christlichen Glaubens auch Herrscher über die Menschen sein wollten. Im Namen Gottes wurde zwangsgetauft und ein System von Unterdrückung manifestiert. In der vermeintlichen Gewissheit Gott zu kennen und in seinem Namen zu handeln wurden und werden Menschen versklavt und ihrer Selbständigkeit beraubt. Der Mensch, gleich, welchen Glaubens und welcher Tradition, ist immer der Gefahr ausgesetzt, sich selbst zu überschätzen.

Dem entgegen zu wirken, ist Paulus aufgetreten. Und nach ihm immer wieder andere Menschen. Menschen, die überzeugt waren davon, dass nur aus der Ehrfurcht Gott gegenüber und in der Achtung seines Geheimnisses und seiner Größe der Mensch dem Menschen Freund sein kann. Einzig die Ehrfurcht davor, dass Gott immer der geheimnisvolle, der andere, der Unverfügbare ist und die Einsicht, dass Weisheit nur in dieser Ehrfurcht aufblühen kann, vermag den Menschen vor sich selbst zu schützen. Eine solche Ehrfurcht vermeidet unsere menschlichen Allmachtgelüste, aus denen zum Beispiel so Sprüche entstehen wie „Amerika first“. Und auch dieser andere immer wieder gehörte Spruch „Allah ist groß“, würde vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Denn dieser pervertierte Glaubenssatz, der dazu missbraucht wird, Menschen zu massakrieren, hätte ganz andere Konsequenzen zur Folge, weil die Größe Gottes es ja gerade verbietet, dass der Mensch sich zum Herrscher über Leben und Tod aufspielt. Wer Gott groß sein lässt, der kann seine Feindbilder im Kopf und im Herzen ausradieren. Wem Gott ein wertvolles, zu hütendes Geheimnis ist, der findet den Mut, anders zu sein und anders zu leben und einen neuen Anfang zu wagen gegen die Machtverhältnisse dieser Welt.

Unserer Welt täte es gut, wenn wir uns eingeladen fühlten, eben dies zu verkündigen: „Das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“.

Christoph Simonsen

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Evangelium: Matthäus 5, 13-16Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.Versuch‘ s mal mit GemütlichkeitNein, ich bin nicht völlig durchgeknallt, das Thema des heutigen Gottesdienstes ist sehr wohl bei klarem Verstand gewählt: Versuch’s mal mit Gemütlichkeit‘. Es liegt mir völlig fern, euch abzuhalten, gewissenhaft für die anstehenden Klausuren und Prüfungen zu lernen. Ich will auch nicht unsere gottesdienstliche Feier missbrauchen, um euch unsere neue Lounge im Chico werbend ans Herz, so toll ich die natürlich auch finde. Und noch ein drittes Missverständnis möchte ich ausräumen: Es soll auch keine Aufforderung sein, die Hände jetzt einfach in den Schoß zu legen angesichts der Dramatik, mit der sich unsere Welt im Augenblick in Lichtgeschwindigkeit mit selbstgebauten oder angedrohten Mauern den Blick aufeinander zu versperren droht.Ich möchte euch vielmehr auf einen Dreiklang des Wortes aufmerksam machen, der sich mir aufgetan hat, als ich letztens mal wieder dieses Lied aus dem Dschungelbuch vor mich hin gesummt habe: Gemütlichkeit-Gemüt-Mut.Wenn wir das Wort ‚gemütlich‘ hören, dann denken nicht wenige fälschlicherweise an faulenzen, Füße hochlegen, Bierchen trinken, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, die Welt hinter sich lassen, oder was auch immer. Aber das Stammwort, das sich in dem Begriff ‚Gemütlichkeit‘ verbirgt, ist ‚Gemüt‘. Und ‚Gemüt‘ hat was mit Mut zu tun und zwar mit einem Mut, der nicht im Kopf beginnt, sondern aus dem Herzen erwächst.Gottlieb Fichte, ein Literat aus dem 18./19. Jahrhundert, hält das Gemüt für die ungeteilte, reine Mitte unserer Persönlichkeit. Wer ein reines Gemüt hat, wie man umgangssprachlich ja manchmal so sagt, der lebt aus einer Mitte, oder klarer, aus seiner Mitte. Wer aus solch einer Mitte lebt, den haut so schnell nichts um: Keine Prüfung, keine Weltszenarien der Angst und Verrohung und der kann entspannen, ohne sich den Verantwortungen zu entziehen, die das Leben ihm stellt. Der kann guten Gewissens Chillen, ohne sich den Pflichten seines Lebens zu entziehen und der hat darüber hinaus auch noch Zeit, dem nachzugehen, was man wohl ‚soziale Verantwortung‘ nennt.

zu müssen, das ja – äußerlich betrachtet – vernachlässigt wird.

Wie kann ich diese Mitte finden, wie kann ich sie schützen und stabilisieren? Mein Eindruck ist, dass so manchen diese Mitte verloren gegangen ist. Wir unterliegen immer wieder der Gefahr, uns zu vereinseitigen, Schlagseite zu kriegen, sozusagen, zu eindimensionalen Wesen zu schrumpfen, die eines gut können, vielleicht sogar sehr gut. Darauf werden wir alle getrimmt: in der Schule, wo Jugendliche sich lieber früher als später für Fachdisziplinen entscheiden müssen; in einer Hochschullandschaft, in der die Vielzahl der Studiengänge unübersehbar geworden sind; in einem Europa, das immer mehr zu einer Wirtschaftsgemeinschaft degeneriert anstatt sich seiner Wurzeln zu erinnern, eine Wertegemeinschaft zu sein.

Wie kann ich meine Mitte finden, die mir ein Zuhause schenkt, Ruhe und Gelassenheit, so dass ich mich frei fühlen darf und wirklich aus mir heraus rede, handele, lebe? Denn wenn ich aus mir heraus lebe, dann bin ich wirklich ich. Und wenn ich ‚ich selbst‘ bin, dann kann ich ruhig, gelassen auf alles schauen, was um mich herum geschieht. Wenn ich ‚ich selbst‘ sein darf, wenn mein Gemüt mir eine Gemütsruhe schenkt, dann kann ich reden und handeln, Gegenrede gelassen reflektieren und anderes handeln entspannt ertragen und mich in Beziehung bringen zu der Welt, in der ich lebe.

Wie kann ich diese Mitte finden, dieses Gemüt? Indem ich mich dessen erinnere, was Jesus seinen Freundinnen und Freunden damals gesagt hat und es auf mich übertrage: ‚Ich bin Salz und Licht‘. Ich muss es nicht erst werden, ich bin es. Ich bin Geschmack für andere; ich habe eine Leuchtkraft, die die Welt hell macht. Das muss ich mir nicht aneignen, verdienen, erarbeiten, das bin ich. Und ich bin es, weil es mir beste Mensch zuspricht, den es gibt, der Sohn Gottes. Gott spricht es mir zu. Ich bin Geschmack, ich bin Leuchtkraft, nicht weil ich glänzende Reden halten kann, nicht weil ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, sondern weil mir die Gabe von Gott geschenkt wurde, ‚ich‘ sein zu dürfen und seine Kraft in mir ist. Nicht die Klugheit, die ich mir angeeignet habe, macht mich zu dem, der ich bin, sondern der gute Geist Gottes, der wirklich in mir lebt, schenkt mir den Grund meines ‚ich‘.

Ich wünsche euch bei allem Stress, bei aller Verantwortung, die auf euch und auf uns liegt, diese Zuversicht, dass dieser Gott, dieser gute Geist mir alles Selbstbewusstsein schenkt, das ich zum Leben brauche. Dieses geschenkte Selbstbewusstsein trägt alle notwendige Kraft in sich, dem Leben zu trauen, auch in unseren Tagen und gelassen zu summen: „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit, und wenn ihr wollt, gern auch im Chico.

Christoph Simonsen – Predigt zum Semesterschlussgottesdienst am 5. Februar 2017


Lesung: 1. Korinterbrief 1, 26-31Seht doch auf eure Berufung, Schwestern und Brüder! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott. Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn; so heißt es schon in der Schrift.Widerstand: aber wie?Zwei Ansprachen im Januar 2017. Zwei Ansprachen, in ganz verschiedenen Kontexten, vorgetragen von zwei Menschen, die verschiedenen Generation angehören und in verschiedenen Welten leben. Zwei Ansprachen: Und doch der gleiche Ungeist, die gleichen bösartigen Worte, gespickt mit Lügen, Unterstellungen und Verurteilungen. Zwei Ansprachen im Januar 2017, die eine gehalten in Dresden von einem deutschen Geschichtsverdreher und die andere gehalten in Washington gehalten von einem Präsidenten, der nur sich selbst sieht und nicht die Bürde der Verantwortung, die ihm auferlegt ist.Zwei Menschen, die eines eint: andere Menschen zu be- und zu verurteilen, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Zwei Menschen, die bewusst und gezielt durch Lügen und Wahrheitsverdrehungen die Welt zu spalten drohen. Zwei Menschen, die Angst schüren auf der Basis einer Botschaft, die anderen seien Böse und sie alleine könnten retten, was sie verloren sehen.Zwei Ansprachen, zwei Menschen. Als Christinnen und Christen kann uns das nicht unberührt lassen. Unsere Überzeugungen, auch unsere Hoffnungen verpflichten uns, darauf zu reagieren. Ich als Christ kann dem, was ich in den letzten Tagen und Wochen mitverfolgen musste, nicht schweigend gegenüber stehen. Denn wer schweigt, wer ignoriert, was nicht mehr zu ignorieren ist aufgrund medialer Vernetztheit, der trägt mit Schuld daran, wenn verloren geht, schleichend vielleicht aber nichtsdestotrotz unaufhaltsam, was ein Leben in Freiheit Achtsamkeit füreinander ausmacht. Als sich nach dem zweiten Weltkrieg in unserem Land die Demokratie neu formte, da gab es einen Ausspruch, der heute wieder aktueller denn je ist: „Nie wieder“. Nie wieder Diktatur, Unfreiheit und Krieg. Dieses „Nie wieder!“ hat Menschen unterschiedlichster Herkunft und Lebenserfahrungen geeint. Diese Eintracht scheint heute verloren. Wo man hinschaut, ist der Hang zur Abgrenzung spürbar und der Drang, festzuhalten, was man hat. Das Glaubensleben ist vielfach ins Private zurückgedrängt und die eigenen vier Wände sind wichtiger als ein Dach für alle über dem Kopf. Unsere Welt verändert sich zusehends. Viele von uns spüren das. Und viele drängt es, dagegen zu wirken. Aber wie? Die geballte Arroganz und Geschichtsverdrehung einzelner Weniger scheint die Mehrheit zu lähmen. Für viele ist der Rückzug ins Private auch Ausdruck innerer Hilflosigkeit, dem entgegenzuwirken, was so machtvoll in Worten und Taten über unsere Gesellschaft hineinschwappt.Wie verhalte ich mich dazu, dass ein Mensch meiner Generation im Blick auf die Holocaust Gedenkstätte von einem Schandmal spricht und damit nicht nur die Erinnerungskraft dieses Ortes aushöhlt, sondern darüber hinaus die Millionen von Toten des Zweiten Weltkrieges beleidigt und unsere Mitverantwortung des „Nie wieder!“ in den Schmutz zieht? Wer die Erinnerung vergessen machen will, der wird der Zukunft Unheil bringen.Wie gehe ich mit meinem Zorn um, wenn ein Mensch, der der Mächtigste der Welt sein möchte, die Gefahren des Klimawandels als Unsinn darstellt und über Menschen so redet, als seien sie sein Eigentum und nicht ihm in Sorge anvertraut?Dummheit und Selbstüberschätzung kann man nur selten mit Argumenten entgegentreten. Wie verhalte ich mich zu alledem, denn ich muss mich verhalten, sonst könnte ich nicht mehr in den Spiegel schauen. Als Christinnen und Christen sind wir dazu berufen, ja aufgefordert, für eine Menschenwürde einzutreten, die allen ausnahmslos gilt.

Wie kann mein Widerstand, unsere Botschaft als Christinnen und Christen in der heutigen Zeit Wirkkraft zeigen, ohne dass wir unsere Werte und Ideale verraten? Wie ist Widerstand möglich, ohne sich von einem nur zu menschlichen Zorn leiten zu lassen, aber auch, ohne eine ins Nichtstun verfallene Demut an den Tag zu legen? Wie also Widerstand leisten gegen diese unsäglichen Reden, die nicht wenige beim Wort nehmen und ihnen Taten folgen lassen zum Schaden unschuldiger Menschen?

Paulus rät seiner Gemeinde, dass jede und jeder auf sich schauen möge, auf das, was sie und er können. „Schaut auf eure Berufung“. Jede und jeder von uns hat Fähigkeiten, der Welt und den Menschen gut zu sein. Diese gilt es zu entdecken und zu leben. Sich dafür Zeit zu nehmen, sich anzuschauen und zu fragen, was ist in mir, das anderen gut tun kann, daran sollte uns gelegen sein.

Er hat aber noch einen ergänzenden zweiten Rat parat: „Kein Mensch kann sich rühmen vor Gott“. Wir sollen uns also nicht nur unserer Fähigkeiten bewusst werden. Wer nur auf sie schaut, der verfällt schnell der Gefahr, der auch die beiden Redner anheimgefallen sind: Der Selbstüberschätzung und der Blindheit gegenüber den Gaben der anderen. Nein, wir sollen auch auf das schauen, was wir nicht können, wo wir der Unterstützung anderer bedürfen. Wir sollen und wir dürfen auch ja sagen zu unseren Schwächen und diese nicht verstecken, als würden sie uns entfremden von uns selbst. Im Gegenteil, auch sie gehören zu uns, machen uns aus und helfen uns, Kind Gottes zu sein. So ist es uns möglich, uns „des Herrn zu rühmen“. Wer sich seiner rühmt, der ist dankbar und demütig zugleich. Beide Eigenschaften fehlen denen, die gerade dabei sind, unsere Welt in ein neues Ungleichgewicht zu führen. Dankbarkeit und Demut sind denen fremd, die nur aus sich heraus reden und handeln und sich selbst zum Maßstab für alle anderen erheben.

Widerstand also wie: Indem ich mich einbringe mit meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten und zugleich meine Schwächen nicht verberge und um Rat und Hilfe bitte, wie ich meine Möglichkeiten ausbauen und meine Schwächen dezimieren kann. Widerstand, indem ich mich stelle, hinstelle. Widerstand, indem ich zeige mit meinen Fähigkeiten, dem Leben für alle weiten Raum zu geben und indem ich um Nähe der anderen bitte, wenn ich an meine Grenzen komme. Widerstand aber vor allem nicht nur gegen etwas, von denen, die immer nur gegen etwas sind, gibt es viele; Widerstand für etwas oder besser für andere. Und wer die anderen sind, davon spricht Jesus in seinen uns allen bekannten Seligpreisungen.

Christoph Simonsen,
Sonntag, 29. Januar 2017 – Lesejahr A, 4.Sonntag im Jahreskreis


Mut zur Wahrheit

Mit einem epochalen Konzert ist vor wenigen Tagen die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet worden. Diesem grandiosen architektonischen Wunderwerk, das hoch erhaben auf einen alten Hafenspeicher aufgesetzt wurde, sollte ein noch grandioserer musikalischer Ohrenschmaus folgen. Von Benjamin Britten bis Beethoven durfte kein Komponist fehlen. Das Eröffnungsprogramm war ein groß gehütetes Geheimnis. Durchgesickert war nur, dass es eine Uraufführung von Wolfgang Rhiem geben sollte, worauf alle am meisten gespannt waren. Der Komponist hat in seinem Werk verschiedene Texte des Dichters Hans Henny Jahnn vertont.
Hier, und deshalb erzähle ich das alles, war es unbedingt vonnöten, nicht nur der Musik zu lauschen, sondern auch auf den Text zu achten. Denn hier, für viele unbemerkt, wurden alle Gäste brachial aus den Sphären verzaubernder Klänge auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Hieß es doch in einer Zeile, dass mit der Musik der Schmutz der Wirklichkeit Einzug halten würde in dieses unbefleckte bauliche Wunderwerk. Der Mensch hinterlasse von nun an zerstörerische Spuren in diesem Gebäude, wenn sich der Stachel des Cellos in die Podiumsplanken bohrten, wenn das Kondenswasser der Posaunen auf den Boden rinnen würde und wenn die verklebten Kaugummis unter den Schuhen der werten Gäste die feingliedrigen Stufen der Treppen beschmutzten. Man sagt: Im Verlauf einer der Generalproben wäre eine Flasche mit Granatapfelschorle umgefallen  und hätte einen roten Fleck auf dem Boden hinterlassen, der nicht mehr ganz entfernt werden konnte. Dieser Fleck wird in die Geschichte eingehen als der erste Fleck im unbefleckten Gebäude der Elbphilharmonie.
Wolfgang Riehm hat es geschafft, eine ziemlich nüchterne Wahrheit in ein traumhaft schönes musikalisches Meisterwerk zu verpacken. Überall da, wo der Mensch hinkommt, da hinterlässt er Spuren. Mag etwas auch noch so perfekt und vollkommen sein, wir Menschen sind dem Schicksal unterworfen, allem Heilen, allem Ganzen und Vollkommenen allein dadurch, dass wir da sind, Narben, Risse, Verunreinigungen zuzufügen. Weil wir als Menschen unvollkommene Geschöpfe sind, ist alles, was um uns herum geschaffen ist, der gleichen Unvollkommenheit ausgesetzt.
Am vergangenen Sonntag hörten wir von der Sünde der Welt und von der Geistlosigkeit, mit der wir Menschen dieser Sünde immer wieder neu Vorschub leisten. Und wir hörten davon, mit welch schlichten Mitteln und Wegen wir oft neuen Geist, Gottes Geist in die Welt hineintragen können. Aber alle Mühe und aller guter Vorsatz können nicht verbergen, dass die Welt als Ganzes kaputt ist und schmutzig. Das ist die Tragik des Lebens: Wer immer sich an der Welt und am Leben erfreuen möchte, der muss zugleich der Wirklichkeit ins Auge schauen, dass diese Welt ein – ich meine dies im übertragenen Sinn- Drecksloch ist. Denn wir Menschen sind konstitutionelle Zerstörer sowohl dessen, was uns geschenkt wurde, als auch dessen, was wir selbst geschaffen haben.
Das klingt ernüchternd, frustrierend. Das soll es aber keinesfalls sein. Idealen hinterher hinken kann nur, wer auch welche hat. Deshalb tut es not, sich seiner Lebenswerte immer wieder neu zu vergewissern. Auch wenn wir immer hinter ihnen herlaufen werden, auch wenn wir ihnen nie gerecht werden: Ohne Werte und Ideale würden wir im Morast der Unmenschlichkeit gänzlich versinken. Ist es verwunderlich, dass in diesen Tagen ein sich selbst als Atheist bezeichnender Politiker wie Gregor Gysi auf die Dringlichkeit von Glaube und Religion verweist, ohne die Politik und Gesellschaft hilflos umherirren würden?
Ich darf noch einmal auf Wolfgang Riehm zurückkommen, den Komponisten der Hamburger Uraufführung. Er hat eine nüchterne Wahrheit in eine grandiose Musik gepackt. Ich bin mir allerdings sicher, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer mehr auf die Klänge der Musik geachtet haben als auf den dahinter liegenden Text. Das sei ihnen an diesem außerordentlichen Abend sicher auch vergönnt gewesen. Aber im alltäglichen Leben tut’s das nicht. Wichtige Botschaften sollten nicht versteckt werden, so nach dem Motto, man habe sie benannt, aber schön in Watte gepackt, auf das sie nicht so bitter wirke. Es braucht einen offenen Dialog, manchmal auch ein klares und klärendes Wort. Und eben das hören wir in der heutigen Lesung von Paulus. Er schreibt seiner Gemeinde in Korinth, wohlwissend, dass dort gerade mal wieder Streit und Kompetenzgerangel herrscht. Es ist, wie es ist: auch in einer christlichen Gemeinschaft geht es nicht anders zu als in der Welt insgesamt. Auch da geht es um Rechthaberei, Selbstbeweihräucherung und Machtgelüste. Paulus nennt all das beim Namen, verschweigt nicht den Streit. Zugleich aber erinnert er an das Ideal, dem sich die Christinnen und Christen verschrieben hätten: Jesus Christus, der die Menschen zu einen gesinnt war; der die Menschen in aller Unterschiedenheit geliebt und geachtet hat; der eine frohe Botschaft verkündet und gelebt hat, die Gräben zu überwinden und Differenzen auszuhalten vermochte in Achtung und Respekt vor der Einmaligkeit eines jeden Lebensentwurfes.
Ein Ideal unseres Glaubens ist die communio, die Gemeinschaft, in der Frieden und Eintracht herrscht und in der jeder und jedem mit Respekt begegnet wird; wo jedem Menschen die Chance gegeben wird, der zu werden, der er im Herzen Gottes ist, auch dann, wenn sein Lebensentwurf ein anderer ist als der seines Nachbarn. Wir alle wissen, dass dieses Ideal ein Traumgebilde ist, unerreichbar und weltfremd. Es aber deshalb aufgeben? Nein. Anstatt die Ideale über Bord zu werfen ist der glaubwürdigere und der nachhaltigere Weg, jedes kleine Mühen wahrzunehmen, wo Menschen diesem Ideal eine Chance geben, und dies in aller Unvollkommenheit. Die Elbphilharmonie, so traumhaft schön sie heute ist, sie wird immer wieder renovierungsbedürftig sein, aber die Musik, die dort ertönt, sie wird auch in 100 Jahren die Menschen verzaubern und betören. Dafür lohnt sich jede Mühe, sie immer wieder zu renovieren…Predigt am 22. Januar
Christoph Simonsen


  1. Sonntag im Jahreskreis A – 2017

Evangelium: Johannes 1, 29-34

Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekanntzumachen. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.

Gegen den geistlosen Alltag

Sünde muss irgendwie etwas mit Geistlosigkeit zu tun haben. Schließlich tat sich über den, der die Sünde der ganzen Welt wegnehmen sollte, der Himmel auf. Und Geist viel auf ihn herab. Geist scheint also die Grundlage dafür, der Weltsünde habbar werden zu können. Davon jedenfalls ist Johannes überzeugt.

Es tut uns, euch wie nicht weniger mir, also vielleicht mal gut, uns mit der Frage zu konfrontieren, wie viel Geistlosigkeit in uns steckt und wie viel Sünde also wir, ihr und ich, in die Welt hineinwerfen. Sünde scheint mehr zu sein als ein individuelles Vergehen. Eine Sünde, so verstehe ich den Evangelisten, eine Sünde beschmutzt das Ganze, reißt eine Wunde in die Welt. In der Folge dieser Überzeugung ist jedem einzelnen Menschen eine Verantwortung für das Ganze auferlegt. Du, ich, wir sind verantwortlich für diese Welt. Unsere Geistlosigkeit, unsere Gedankenlosigkeit, unsere Gefühlsarmut auch verletzt, was Gott gehört und was uns von ihm überantwortet ist. Die Konsequenz eines sündigen Verhaltens mag für das Subjekt, für euch und mich, ein schlechtes Gewissen nach sich ziehen, das weht tut im Herzen; aber dieser Schmerz steht in keinem Verhältnis zu dem Schmerz, der der Welt, dem Geschenk Gottes an uns, zugefügt wird. Gott kann unsere Begrenztheit gut aushalten, sein Band der Freundschaft ist immer stärker als unsere ganze Brüchigkeit. Aber woran Gott leidet ist die Tatsache, dass wir durch unser Verhalten der Schöpfung, den Menschen, den Tieren, den Pflanzen, Leid zufügen. Im Blick auf unsere Schuld steht nicht unser privates Seelenheil zur Disposition, sondern die Idee Gottes, die sich im Geschenk seiner Schöpfung offenbart.

Die allererste Frage, wenn es um schuldhaftes Verhalten geht, ist nicht, ob ich was Böses getan habe und wie ich wieder heil werde. In einer viel größeren Dimension geht es um das Ganze, um die Welt, um das Geschenk Gottes an uns. Es geht um die Erkenntnis, dass durch mich, durch unser Verhalten die Welt Anlass zum Weinen bekommt, weil ihr wehgetan wird. Die Ethik Gottes will uns einbinden in die Verantwortung für das Ganze, für seine Schöpfung und uns erinnern, mahnen auch, gewiss einladen und ermutigen, seine Schöpfung, sein Alles zu wahren, zu hüten. Die göttliche Ethik ist kein Verbotskatalog, sondern ein Gestaltungsauftrag. Und immer dann, wenn wir dieser Verantwortung, die uns Gott übertragen hat, nicht gerecht werden, versündigen wir uns an der Welt und also auch an ihm.

Ein Beispiel, das mir in der vergangenen Woche zufällig bewusst geworden ist, weil es in einem Radiobeitrag diskutiert wurde: 320.000 „Coffee to go“ Becher werden stündlich in Deutschland benutzt und anschließend weggeworfen. 7 Millionen und 680 Tausend Pappbecher werden täglich in Deutschland entsorgt. Darüber weint die Erde, weil sie im wahrsten Sinn des Wortes mit Dreck zugemüllt wird und darüber weinen viele Geschöpfe dieser Erde, weil sie ihrer Nahrungsgrundlagen entzogen werden. Wie einfach wäre es, wenn die Kaffeetrinker mit einem wiederverwertbaren Gefäß ihren Kaffee trinken würden und der Erde im wahrsten Sinn des Wortes Raum zum Atmen lassen würden. Das ist ein Beispiel für eine Weltsünde und für eine bodenlose Geistlosigkeit von uns Menschen. Eine Sünde, die der Welt unwiderruflichen Schaden zufügt. Eine Sünde, die in meinen Augen weit mehr der Vergebung bedarf als all die kleinen lässlichen Vergehen, die wir, wenn überhaupt noch in einem Beichtgespräch oder in einem flehenden stillen persönlichen Gebet Gott vortragen. Ein Beispiel für Geistlosigkeit, dem wir noch viele andere hinzufügen könnten. Ein Beispiel, das uns vor Augen führt, wie sehr wir des himmlischen Geistes bedürfen.

Es ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schlicht, wie einfach Geist Gottes in uns zur Wirkkraft kommen kann: Wir brauchen nur in unseren Rucksack oder in unsere Arbeitstasche einen wiederverwertbaren Becher hineinlegen, den wir zuhause mit wenig Aufwand und wenig Ressourcen wieder reinigen können und schon ist die Welt von einer Sünde befreit. Gottes Geist verdeutlicht und versichtbart sich im Alltäglichen, nicht im Ausnahmezustand heiligmäßiger Sphären. Gottes Geist will gesehen werden: „Das habe ich gesehen“, bezeugt Johannes. Gottes Geist ist alles andere als ein unfassbares Etwas, Gottes Geist ist ein fassbares Du in mir; ein göttliches Du in mir, das mir die Welt anvertraut.

Christoph Simonsen


Sonntag, 8.Januar – 2. Sonntag nach Weihnachten

Lesung: Jesaja 42,1-4.6-7

Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

Ein neues Jahr! Auch eine neue Hoffnung?

Ich bin kein Freund der Silvester-Knallerei; und dies nicht nur deswegen, weil meine Hunde Panik laufen und schon Tage vorher vor Angst zittern, weil sie den Schwefelgeruch in der Nase spüren. Ich finde diesen Run auf die Krabbeltische der Böller und Raketen unverantwortlich. Für mich ist jeder Cent hier rausgeschmissenes Geld, im wahrsten Sinn des Wortes. Und dann stand ich da in der Silvesternacht auf meinem Balkon zuhause und schaute mir das Feuerwerk an, das von allen Seiten den Himmel erhellte und ich merkte, dass ich mich trotz eines inneren lauten Widerstandes gegen diese Knallerei nicht abwenden konnte, zu schauen und zu staunen. Und ich erinnerte mich des ursprünglichen Gedankens, der sich hinter dem Feuerwerk zur Jahreswende verbirgt. Nämlich alles zu verbannen an Bösem, Schlechten, Traurigen, was uns Erdenkinder im zu Ende gegangenen Jahr davon abgehalten hat, frei und offen zu leben um dann mit Zuversicht in das neue Jahr eintreten zu können. Zu diesem Jahreswechsel konnte ich diesen Wunsch gut nachvollziehen, hab ich doch immer wieder zu hören bekommen, es sei kein gutes Jahr gewesen. So viel Krieg, so viel Vertreibung, so viele Tode, so viele persönliche Schicksale, so viel Hass, so viel Lüge, so viel Bitterkeit. Und ich selbst war auch nicht abgeneigt zu danken dafür, dass 2016 nun endlich der Geschichte angehörte. Wie oft hab ich mich in der Erinnerung selbst dabei ertappt gefühlt, zu klagen und zu jammern und wie oft musste ich mir im Rückblick selbst vorwerfen, eingestimmt zu haben in die in vielen Variationen aufgetretene neue Modeerscheinung, blindlings ohne zu überlegen für oder gegen etwas gewesen zu sein. Und wie schnell war auch ich dabei, verbale Rundumschläge auszuteilen! Nein: 2016 war kein ermutigendes Jahr. Kein Wunder, dass auch ich froh war, als es dann zu Ende war. Mit jeder Leuchtrakete, die ich mit meinen Augen gen Himmel verfolgte, verband sich die Hoffnung, dass 2017 ein wirklich neues Jahr werden möge.

Einige Minuten später, wieder im Warmen, spürte ich eine undefinierbare Traurigkeit in mir aufkeimen. Wenn ich mich so von diesem Jahr verabschiede, werde ich dann diesen letzten 366 Tagen wirklich gerecht? Mitnichten nein! Es gab so wunderschöne Augenblicke. Augenblicke der Zärtlichkeit; Augenblicke des tiefen Empfindens, sich verdankt zu wissen und geschätzt zu werden; Augenblicke des Trostes und des Glücks. Mir kamen wunderschöne Begegnungen in den Sinn, kleine unscheinbare Begegnungen, deren Einmaligkeit und Unvergesslichkeit erst in der Erinnerung aufstrahlen.

Nun hat also das neue Jahr begonnen. Wollen wir es so weiterführen, als sei nichts geschehen? Was geschieht mit den Erfahrungen des vergangenen Jahres, den bitteren wie den Schönen? War der Gruß, den wir dem neuen Jahr mit viel Aufwand entrichtet haben, wieder einmal ein belangloses „Hallo“, um dann zur Tagesordnung zurückzukehren? Haben wir wirklich die Absicht, das Unmenschliche mit den Raketen zu verjagen, um dem Menschlichen neuen Raum zum Atmen zu geben?

Überall höre ich, dass Veränderung Not tut. Alle Welt schreit nach Veränderung. Nicht nur ein neuer Anstrich, bildlich gesprochen; Grundsätzliches müsste sich ändern.

Hinter diesem Schrei erkenne ich zwei Urmerkmale menschlichen Daseins: Unzufriedenheit über das, was ist, und eine Sehnsucht nach Besserem. Und das ist gut so. Es ist gut, wenn uns diese innere Unruhe im Leben begleitet, uns ebenso verunsichert wie ermutigt. Ja, es muss sich wirklich etwas ändern. Aber es braucht dazu keinen neuen Urknall; es bedarf keiner unumkehrbaren Radikalität, wie sie manche in unserer Gesellschaft einfordern. Es braucht mehr Bedacht, mehr Achtsamkeit, mehr Gelassenheit. Eine Gelassenheit, die der inneren Überzeugung entspringt, dass leise Töne, kleine Gesten mehr bewirken als Revolutionen, die doch zumeist nichts anderes nach sich ziehen als Eliminierung und Ausgrenzung.

Auch Gott sehnte sich nach Veränderung; Weihnachten ist das große göttliche Fest der Veränderung. Gott erneuert die Welt, indem er nicht zu allererst das Böse ausrottet, sondern das Gute stärkt, das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Gott erneuert die Welt, indem er Recht bringt und nicht Unrecht verjagt. Insofern macht Gott es grundsätzlich anders als wir Menschen. Wir bekämpfen in erster Linie das Unrecht, bestrafen, fordern ein; Gott dagegen lebt vor, was dem Frieden und dem Schutz des Menschen dienlich ist. Gott denkt positiv, empfindet positiv, lebt positiv. Wir Menschen versuchen zu retten, indem wir vernichten, was uns im Wege steht. Gott dagegen rettet, indem er umarmt, was ihm in den Weg kommt.

In der Taufe Jesu bestätigt und bekräftigt Gott, dass der Weg Jesu, so anders er ist als der unsere, so abwegig er erscheint, so aussichtslos er unseren Erfahrungen gegenüber erscheint, der richtige Weg ist, der rechte Weg ist. Und auch für uns ein Weg sein kann im neu begonnenen Jahr 2017.

Christoph Simonsen