5. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr A bis Semesterschluss

Ansprache zum Semesterschlussgottesdienst des Sommersemesters 2014.
Tag des Endspiels der Fußball WM in Brasilien:

Ich weiß, die Zeit ist knapp, bis spätestens 20.30 Uhr sollte der Gottesdienst beendet sein; viele brauchen ja sicher noch eine kleine Weile der emotionalen Vorbereitung auf das Spiel, und das Bier sollte dann auch fertig gezapft vor einem stehen. Ich erzähl uns das Evangelium, das wir gerade gehört haben, ein zweites Mal, jetzt aber ein wenig auf unsere Situation übertragen:

Darauf wandte sich Jesus an die Fußballfans und an seine Mannschaft Sportverein Jerusalem 33 e.V. und sagte: Die Funktionäre der Fifa und des heiligen Sportbundes haben sich auf den Stuhl des Maradonna gesetzt. Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun. Denn sie reden nur, tun aber selbst nicht, was sie sagen. Sie legen den Verantwortlichen des Gastgeberlandes gewinnbringende Knebelverträge auf und verlangen Umsiedlungen und zerstörerische Eingriffe in die Natur; dabei tun sie bei allem so, als diene es nur der Verbundenheit des freundschaftlichen Spiels, verschweigen aber millionenartige Gewinne, die auf ihrem Konto landen.

Sie setzen sich bei den Spielen auf die Ehrentribüne und laden dazu noch die Politiker ein, die ihr angeschlagenes Image aufpolieren wollen , alle wollen so gesehen und gewürdigt werden, nehmen aber in Kauf, dass aufgrund der hohen Baukosten die Eintrittskarten für Normalsterbliche unerschwinglich sind.

Sie lassen sich ihr sogenanntes Ehrenamt durch immense Aufwandsentschädigungen entgelten, tun aber so, als geschehe alles aus Liebe zu diesem internationalen Freundschaftstreffen des Sports.

Sie paktieren mit den Großkonzernen der Welt ebenso wie mit den weltumspannenden Medien und kassieren für irre Knebelverträge, tun aber so, als sei ihnen nur daran gelegen, allen die Gelegenheit zu eröffnen, teilhaben zu können an diesem großen Sportereignis.

Sie nennen sich Retter des Sports, Vater der Spieler, Lehrer der Freundschaft, sind aber nichts von alledem. Ihr sollt euch aber weder Retter noch Vater noch Lehrer nennen, denn nur einer ist allen Retter und Vater und Lehrer.

 

Ihr Lieben, ihr habt gemerkt, worum es mir geht. Hoffe ich zumindest. Mich hat eine Mail sehr verunsichert, die wir in der KHG vor 3 Wochen erhalten haben. In dieser Mail fragt ein Mann sehr bestimmt, und in der Wortwahl vielleicht ein wenig überzogen, gleichwohl in der Sache sehr ernst, wie ich als Leiter der KHG es verantworten könnte, in einer Kneipe, die den Namen eines lateinamerikanischen Freiheitskämpfers trägt, öffentlich die Spiele der Fußball WM zeigen könnte aus einem Land, das unter den Vorgaben dieser Weltmeisterschaft sehr zu leiden hatte. Menschen wurden umgesiedelt, weil, zynisch gesagt, ihre Heimat als Parkplatz gebraucht wurde und Regenwälder wurden sinnlos abgeholzt und Stadien wurden für Unmengen von Geld restauriert oder neu gebaut, wo doch gleichzeitig die soziale Not im Land unerträglich ist. Und alle wissen, dass nach den Spielen das Geld nicht reicht, die Stadien zu unterhalten und so verrotten Millionen und Abermillionen sinnlos.

Mir ist dieser Vorwurf sehr nachgegangen. Die Kritik zielt in meinen Augen nicht darauf, einer fußballbegeisterten Fangemeinschaft die Freude am Fußballschauen zu nehmen; die zielt auch nicht darauf, dieses tolle Weltereignis insgesamt in Frage zu stelle; ja die zielt nicht einmal darauf, sich dieser profitgeilen Fifa in den Weg zu stellen, die so verantwortungsbewusst tut, im Letzten aber doch wohl der machtgierigste eingetragene Verein ist, der noch die Dreistigkeit besitzt, sich gemeinnützig zu nennen.

Nein, die Kritik, die mich trifft, ist meine eigene Oberflächlichkeit, über all das nicht im vorherein nachgedacht zu haben. Obwohl selbst sportlich doch eher unterbelichtet, habe ich mich mitreißen lassen von einer unreflektierten Euphorie, die Stimmung und Spaß und Party so in den Vordergrund stellt, dass der Blick auf das, was die Welt wirklich interessieren sollte, völlig außer Acht gelassen wird.

Mir ist bewusst geworden, dass das 7:1 der deutschen Mannschaft gegen Brasilien am besagten Abend in den Nachrichten einen höheren Stellenwert bekommen hat als die drohende Bodenoffensive der israelischen Armee auf den Gazastreifen, dessen zivile Bevölkerung schon zuvor völlig abgeschottet wurde, so dass nicht einmal die notwendigsten Lebensmittel eingeführt werden können. Werden die Weltnachrichten auch schon gemessen am Spaßfaktor? Und sind 11 zweifelsohne bewundernswerte Fußballspieler wichtiger als 30 Tote in der Ostukraine?

Ich will ganz sicher nicht das eine gegen das andere ausspielen: die Tragödie, die       menschlicher Engstirnigkeit entspringt und die Freude am Leben, die in der Sportbegeisterung ihren Ausdruck findet .

Ich will schon gar nicht die Stimmung versauern im Blick auf das Endspiel, das ich gleich hoffentlich ganz locker und fröhlich mit euch hier anschauen möchte.

Nein, ich will wirklich nicht die Dummheit der Menschen benutzen, um der Freude am Leben den Garaus zu machen.

Aber ich will beides im Blick behalten wollen und ich will mir dieses unauflösbaren Zwiespaltes bewusst bleiben. Und ich will darüber reden können und reden dürfen, dass ich oft und in vielen Situationen hilflos bin und keinen Ausweg weiß, dieser Widersprüchlichkeit angemessen zu begegnen.

Ich will sagen dürfen, dass ich gern feiere, auch angesichts des unauflösbaren Elends in der Welt. Ich will aber auch sagen dürfen, dass ich mich verpflichtet fühle, der Ungerechtigkeit und der Unmenschlichkeit mit meinen bescheidenen Möglichkeiten entgegenzustellen.

Und dazu suche ich Verbündete, und die suche ich hier in unserer Gemeinschaft. Wenn wir miteinander feiern, dann geht das in meinen Augen nur glaubwürdig und wirklich unverkrampft, wenn wir auch miteinander leiden, mit-leiden mit den Menschen in Palästina, in Syrien, in Osteuropa. Ich möchte dem Leid mit unserem Gesicht aus der Anonymität helfen, der Menschen in Palästina, in Osteuropa oder wo sonst in der Welt ansonsten ausgeliefert sind in der Überflutung der Nachrichten.

Ich will feiern, ich will aber auch kämpfen, selbst wenn es einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Wenn ich dafür begeistern könnte auch aus der Gewissheit unseres Glaubens heraus, dass Gott uns diese Welt anvertraut hat, dann wäre mir wohl und dann würde mein Feiern mit Euch gleich während des Spiels noch gelöster und unverkrampfter.

Cui bono – wem nützt es?

Abschlussmeditation zum Abend der Begegnung mit Lehrenden anlässlich der Heiligtumsfahrt 2014 in der Karlskapelle des Domes

Am Ende unserer Begegnung mag ein gewagter Ausblick stehen, denn die alte Frage des Cicero hallt auch in den heiligen Hallen des Domes nach und dringt all denen ins Ohr, die kommen, die heiligen Stoffe anzuschauen. So also auch uns: „Cui bono?“

„Wem nützt es?“ Wem nützen diese Tage des Pilgerns und Schauens? Die Frage nach dem Sinn und nach der Nachhaltigkeit sollte uns neugierig stimmen. Ich möchte Ihnen mit einer kurzen Antwort und einigen Anregungen Dank sagen für Ihre Neugierde, diesen Stoffen begegnen zu wollen. Dass so viele der Einladung des Bischofs heute gefolgt sind hat nicht wenige überrascht. Ich war da eher zuversichtlich, denn ich darf immer wieder erleben in der Begegnung mit den Studierenden, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Typus her sehr neugierige Menschen sind. Und das Geheimnis dieser alten Stoffe stimmt einfach neugierig.

Deshalb erst einmal die kurze einfache Antwort: Uns nützt es. Weil: Uns möchten diese Stoffe zu einer neuen Herausforderung werden. Uns können diese Tücher zu einer neuen Lebensanregung werden. Jenseits aller Emotionen, jenseits aller Feierstimmung könnten uns diese Tücher unseren Glauben und unsere Verantwortung neu und vertieft buchstabieren helfen in dieser Welt, so dass diese Tücher nicht (nur) uns frömmer machen, sondern vor allem unsere Welt menschlicher. Diese Welt könnte wieder als das wahrgenommen werden, was sie im Ursprung war und heute sein möchte: EINE Welt, eine Heimat für alle Menschen; eine Welt ohne Ausgrenzung, ohne Unterdrückung, ohne Diskriminierung, ohne Hunger und Gewalt. Irreal? Ja vielleicht, aber nicht sinnlos. Deshalb ist die Anschau dieser geheimnisvollen Stoffe so bedeutsam für uns, weil im Blick auf diese wundersamen Stoffe der Blick auf das Wesentliche aufzuscheinen vermag dem, der in die geglaubte Geschichte dieser Tücher hineinschaut.

Was könnten wir sehen (im Kleid Mariens)? Eine entfesselte Zärtlichkeit – Die Zärtlichkeit einer Frau, die die Welt so sehr benötigt, weil die potenzierte Übertreibung der Männlichkeit der zurückhaltenden Kraft der Frau kaum Chancen gibt in dieser Welt. Dies im Umfeld technisch geprägter Hochschulen ebenso wie in einer doch überwiegend männlich geprägten Kirche zu sagen, verdeutlicht die Brisanz dieser Aussage, die ja keine politische, sondern eine geistliche sein möchte.

Was könnten wir sehen (in den Windeln Jesu)? Eine entzauberte Göttlichkeit – die Zärtlichkeit eines solidarischen Gottes mit den Kleinen, mit jenen also, die ihre Begrenztheiten (und das heißt ja auch) ihre Unkenntnisse nicht verbergen. „Wissen ist Macht“, sagen die einen. „Demut ist machtvoll“ sagen die anderen. Menschlichkeit ist diesem Gott Wert, sich zu verschenken; die Würde des Menschen ist ihm sein Leben wert. Das könnte eine neue Herausforderung sein, Wissen und Demut in Beziehung zu bringen.

Was könnten wir sehen (im Lendentuch des Herrn)? Eine entblößte Unmenschlichkeit: Nacktheit beschämt heute nicht mehr nur, wenn wir dieses Wort biologisch verstehen, Nacktheit ist in Zeiten der unbegrenzten Transparenz in einem viel weiteren Sinne beschämend. Wer nackt ist, ist ausgeliefert.

Zu allen Zeiten ergötzte man sich zu gern an der Nacktheit der anderen. Das Lendentuch ist das letzte Zeichen der Würde. Wenn nicht gierig, so doch teilnahmslos hinnehmend, ergötzen sich die Menschen an der Ungeschütztheit der anderen.

Wer traut sich heute, dem Druck der Masse zu widerstehen und der Lust zu herrschen die Beherrschung und dem Wahn der Mehrheit die Demut der Minderheit entgegenzusetzen?

Was könnten wir sehen (im Enthauptungstuch des Johannes)? Eine enthauptete Macht: Im Tod hat einer der Macht die Stirn geboten, einer despotischen Macht, die den Menschen klein zu halten gewillt war und den Glauben der Menschen zu beherrschen versuchte. Mit Klarheit und entlarvender Hilflosigkeit vertraute dieser Eine der Verheißung des Magnifikats, dass die Mächtigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhöht, die Darbenden satt und die Gefolterten befreit werden.

„Cui bono?“ Wem nützt es, diese Tücher zu betrachten? Uns nützt es. Und der Welt, die zu schützen wir doch aufgerufen, in einem christlichen Kontext: berufen sind.

Uns allen wünsche ich (wenn Sie mögen) ein entspanntes und nachdenklich stimmendes Nachtgebet und danach eine Nacht, in der der Körper schlafen mag und die Ruhe findet, die er benötigt für die Anforderungen des neuen Tages. Die Psyche, unsere Seele, schläft nicht, sie arbeitet nach, was uns bewegt. Das möge uns in Bewegung halten. Glaube in Bewegung heißt auch: Leben in Bewegung.

Christoph Simonsen

Ansprache im Hochschulgottesdienst am 22.Juni, anlässlich der Aachener Heiligtumsfahrt 2014

Wird da nicht viel Tamtam gemacht? Vier Stofffetzen, vier alte Lappen, denen kaum noch anzusehen ist, welchen Zweck sie zu ihrer Zeit erfüllt haben. Braucht die Kirche so ein Spektakel, damit sie mal wieder positiv in Erscheinung treten kann? Statt „Brot und Spiele“ jetzt eben mal „Stoff und Spielchen“? Endlich mal wieder eine Möglichkeit, nicht mit Eskapaden und Negativschlagzeilen in die Öffentlichkeit zu kommen? Und braucht die Stadt Aachen so eine große Inszenierung? Wir haben doch WM zur Zeit und CHIO ist auch nicht mehr lange hin. „cui Bono? – Wem nützt es?“, frage ich uns.

Wem nützt es? Kurze einfache Antwort: Uns nützt es. Uns möchten diese Stoffe zu einer neuen Herausforderung werden. Uns könnten diese Tücher zu einer neuen Lebensanregung werden. Jenseits aller hochkochenden Emotionen, jenseits aller wohlfeinen Pontifikalämter könnten uns diese Tücher unseren Glauben buchstabieren helfen in dieser Welt, so dass diese Tücher nicht (nur) uns frömmer machen, sondern vor allem unsere Welt menschlicher.

So kann diese Welt wieder als das wahrgenommen werden, was sie im Ursprung war und auch immer bleiben wird: EINE Welt, eine Heimat für alle Menschen; eine Welt ohne Ausgrenzung, ohne Unterdrückung, ohne Diskriminierung, ohne Hunger und Gewalt.

Dieser Gedanke ist illusorisch, das weiß ich, denn diese Welt wird immer auch eine dunkle sein. Aber wir könnten sie zumindest in unserem Umfeld heller machen, freundlicher, gerechter. Diese Welt wendet sich zum Guten, wenn wir uns bewegen, wenn wir uns besinnen auf das, was unsere Verantwortung ist. Unser Glaube an den dreieinen Gott, ist immer ein Glaube für die Welt.

Glaube, der nur der Selbstbeweihräucherung und der Selbstbefriedigung der eigenen Frömmigkeit dient ist kraftlos, denn Glaube paart sich mit Verantwortung. Die Stoffe, die alle 7 Jahre dem Marienschrein entnommen werden, um sie uns zu zeigen, sind Sinnbild diese Glaubens für eine menschlichere Welt. Diese Tücher, wie alle Tücher, verhüllen, um zu schützen, was sie verbergen. Die Stoffe sind nicht das Wertvolle, was sie verhüllen, diesen Wert gilt es zu entdecken.

Das Kleid Mariens:

Bild der verhüllten Weiblichkeit. Für Gott ist die Frau nicht nur Mittel zum Zweck, sie ist mehr als biologische Notwendigkeit, um der Menschwerdung zum Durchbruch zu verhelfen. Die Frau ist Teil des Planes Gottes, Gott bindet sich an die Gesetze der Schöpfung; er unterwirft sich dem, was er selbst geschaffen hat. Er, der Ursprung alles Geschaffenen ist, tritt ein in seine Schöpfung, wird selbst Teil seines Liebeswerkes und er nimmt dazu den Weg, den alle Lebewesen gehen, um ins Leben zu gelangen.

Gott wächst im Leib der Frau, er bereitet sich vor auf das irdische Leben, nimmt sich 9 Monate Zeit, mit aller Konsequenz die Welt und die Menschen lieben zu lernen. Und Maria nährt ihn in dieser Zeit des Reifens, sie schenkt von ihrem Blut, von ihrem Atem, damit er, der kleine Gott, gedeihen kann. Maria, die Mutter, ist mehr als nur eine Gottesgebärerin, sie ist eine Gottesbegleiterin, eine Gottesgedeiherin. Das Kind, das in ihr wächst und gedeiht, nimmt all das auf, was eine Frau einem Ungeborenen schenkt. Maria ist die Mutter des Herrn, aber sie ist, wie jede Mutter, nicht nur Gebärerin, sie ist Partnerin im geheimnisvollen Schöpfungswerk der Menschwerdung.

Und als solche ist sie eben nicht nur Dienerin, nicht nur demütige Magd, wie sie oft in der Kirche betitelt wird, sie ist mehr, sie ist Partnerin im Erlösungswerk Gottes. Die Frau ist Partnerin im Erlösungswerk Gottes. Jede Erniedrigung, jede Einschränkung, die einem Menschen deshalb zuteilwird, weil er Frau ist, straft den Willen Gottes Lüge. Überall, wo Frauen diskriminiert werden, in Rollen gedrängt werden, minder bewertet, minder bezahlt werden, überall da übergehen wir den Respekt, den Gott der Frau zuspricht.

Das Kleid Mariens ist Bild der verhüllten Weiblichkeit. In Kirche und Gesellschaft darf die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht in Frage gestellt werden. Das Kleid Mariens ist eine Mahnung an alle Glaubenden, der Ungleichheit entgegenzuwirken.

Die Windel Jesu:

Bild der unvermeidbaren menschlichen Ausscheidungen. Windeln fangen auf, halten fest, was der Mensch ausscheidet. Weil das kleine Kind seine Muskeln noch nicht zu kontrollieren vermag, schützen die Windeln das Kind ebenso wie seine Umwelt. Wegwerfwindeln gab es damals noch nicht.

Die Windeln mussten gewaschen und getrocknet werden für die Wiederverwendung. Und unweigerlich kommen die Ausscheidungen ans Tageslicht. Windeln sind ein Synonym für Bedürftigkeit ebenso wie auch für Wahrheit. Der Mensch, nicht nur das unselbständige Kind, bedarf der Reinigung und dazu muss unweigerlich ans Licht, was den Menschen zuvor verschmutzt hat. Ungeschützt gesagt: Wir Menschen haben immer Dreck am Stecken, den reinen, unschuldigen Menschen gibt es nicht.

Aber wie verarbeiten wir diese Tatsache? Meist verdrängen wir sie oder wir beginnen, uns unsere Unredlichkeiten gegenseitig vor den Kopf zu knallen. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit: Das Wechseln der Windeln ist für die Eltern der sensibelste und dichteste Körperkontakt, den sie mit ihrem Kind haben. Sorgfalt, Liebe, Bereitschaft, sich einzufühlen in die Nacktheit des Kindes, all das ist Voraussetzung für ein liebevolles Wechseln der Windeln. Die Windeln als Bild der unvermeidbaren menschlichen Ausscheidungen sind ein Verweis darauf, dass der Mensch der immerwährenden Reinigung bedarf und dass diese nur mit großer Liebe mit hohem Einfühlungsvermögen geschehen kann. Die Windeln Jesu sind eine Mahnung an uns Glaubende, der Begrenztheit, der Schuld und der Notwendigkeit, sich immer wieder zu erneuern, behutsam, ja zärtlich zu begegnen.

Das Lendentuch Jesu:

Bild der verhüllten Schmerzen. Der Legende nach trug Jesus dieses Tuch während seiner Hinrichtung am Kreuz. Notdürftig bedeckt das Tuch die letzte Würde, die dem Sterbenden von den Schächern noch zugestanden wird. Das Lendentuch mag uns Glaubende eine mahnende Herausforderung sein, die Würde des Menschen, die selbst in unserem Grundgesetz als unantastbar deklariert wird, zur unerschütterlichen Priorität jeder Begegnung und all unseres Handelns und Redens werden zu lassen.

Das Enthauptungstuch des Johannes:

Bild aller verhallenden Lebensschreie der Menschen. Auf diesem Tuch wurde der enthauptete Kopf des Johannes den Mächtigen präsentiert. Die Macht siegte über die Freiheit des Wortes; die Macht spielte sich mal wieder zum Herrscher über die Freiheit der anderen auf, die zu glauben und zu leben wagten nach ihren Überzeugungen. Es liegt nahe, dass dieses Enthauptungstuch mahnt, zur Freiheit der Gedanken und der Glaubensüberzeugung der einzelnen Menschen.

Wie ich anfangs sagte: Die Stoffe sind nicht das Wertvolle, wertvoll ist, was sie verhüllen. Die Tage der Heiligtumsfahrt mögen uns neu zum Nachdenken anregen, ob unser Glaube der Welt wirklich dient.

Christoph Simonsen

 

Dreifaltigkeitssonntag 2014

Evangelium: Johannes 3,16-18

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

 

Das Gericht Gottes und die Einsamkeit des Menschen

Das klingt wie eine Drohung: „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet…“.Gut:       „Wer glaubt, wird nicht gerichtet.“ Da sind wir dann wohl gut auf der sicheren Seite, weil wir ja schließlich glauben. Mir geht trotzdem dieses Bild des Gerichts nicht aus dem Sinn. Wer schon einmal auf einer Gerichtsverhandlung war, der kann das Gefühl der Beklommenheit und der Verunsicherung sicher gut nachvollziehen. Gericht macht Angst, zumindest aber verunsichert es einen Menschen, wenn ihm eine Vorladung ins Haus flattert, wozu auch immer, gleich ob als Zeuge oder als Beschuldeter. Wie kommt Johannes dazu, das Leben vor Gott mit einer Gerichts-Situation zu vergleichen? ? Ist also die Welt ein Gerichtssaal, und die Intensität des Glaubens bestimmt maßgeblich über Freiheit oder Verurteilung der Vorgeladenen? Und wenn die Welt einem Gerichtssaal gleicht, ist das Leben einer Prüfung ähnlich? Das wünsche ich eigentlich keinem von uns, dass wir jeden Augenblick unseres Daseins unter Prüfungsstress stehen.

Und wenn es so wäre? Wenn es wirklich ein Leben nach dem Leben geben würde und wenn dieses Leben hier und jetzt nicht alles wäre, wohl aber eine Vorbereitung auf das andere Leben? Was wäre dann? Wie würde diese Erkenntnis Einfluss nehmen auf uns? Wer von uns hat sich mit dem Fest der Himmelfahrt Christi beschäftigt, das wir vor 10 Tagen gefeiert haben und das inzwischen zum Vatertag mutiert ist, feuchtfröhliche Begegnungen inklusive? Das eine Fest will den Blick in die Zukunft wagen, das andere eher den tiefen Blick ins Glas. Auf jeden Fall aber will der Vatertag der Sorglosigkeit und der Unbekümmertheit Raum geben. Ein Blick in die Zukunft verunsichert, der Blick ins Glas macht vergessen. Warum ist für viele Menschen der Blick in den Himmel so uninteressant geworden? Weil der Himmel vielleicht zu unsicher ist und wir Menschen keinen Einfluss auf ihn haben?

Ich gebe zu, mit der Himmelsperspektive ist viel Schindluder betrieben worden. Anstatt auf den Himmel zu zeigen, der uns staunen machen möchte, hat man auf die Hölle gezeigt, die uns in Angst versetzen sollte. Und mittels der Angst wurde das gläubige Volk von den vermeintlichen Hirten gefügig gehalten. Abhängigkeit wurde geschaffen, statt Freude zu predigen. Die Aussicht auf den Himmel – so oft die Botschaft der irdischen Himmelverwalter einschließlich der ewig gestrigen Moralapostel -, die sollte hart erarbeitet werden. Und vor dem Himmel, da war das Fegefeuer. Der Himmel, der war so weit von den Menschen entfernt wie das richtige Los mit 6 Richtigen. Und – um ein Bild aufzugreifen – nicht die Engel Gottes bewachten das Himmelstor, sondern selbsternannte irdische Wächter, sogenannte Glaubenshüter, die eher Gralshüter denn Glaubenshüter sind. Sie schrieben und schreiben Katechismen und Kirchengesetze, an die zu halten die Menschen geboten waren. Und immer eigensinniger und eigennütziger wurden die Worte der Hl. Schrift ausgelegt und gedeutet, so dass der Himmel für den normal Sterblichen kaum noch zu erreichen war. Wenn doch nur Gott der Richter wäre über das Reden und Tun der Menschen; aber immer selbstverständlicher spielten sich die Menschen zum Richter über die Gnade Gottes auf. Kirche ward immer weniger die große und freie Glaubensgemeinschaft und mutierte immer mehr zur Wachgesellschaft, wo eine den anderen bespitzelte und kontrollierte. Noch in diesem Jahrzehnt gab es einen römischen Aufruf, alle die bloßzustellen und an den Pranger zu stellen, die den Katechismus und die Botschaft des Glaubens eigenverantwortlich zu deuten versuchten und den Gehorsam den Kirchenoberen gegenüber verweigerten. Kirche offeriert sich als Straf- und Belohnungsinstanz. Aber immer mehr verweigern den Kadavergehorsam, erfahren sich mehr als Kinder Gottes denn als Schafe der Hirten. Schleichend und unauffällig, verliert die Glaubensgemeinschaft, die sich Kirche nennt, an Einfluss, die Menschen wollen nicht mehr nackte Systemkonformisten sein, denn Gott ist kein System und sein Gericht kein Strafprozess. Der Himmel ist eben nicht das große Zuckerstückchen am Ende des Lebens, das es zur Belohnung für die gibt, die auf Erden brav gewesen sind. Denn brav zu sein, gehorsam, gefügig zu sein, ist kein Adjektiv des Glaubens.

Und wenn es trotz missbräuchlicher und angsteinflössender Irritationen doch so wäre? Wenn das Wort der Hl. Schrift sich nicht beeindrucken ließe von menschlicher Missbräuchlichkeit und irrigen Himmelsbildern? Wenn es also doch ein Leben nach dem Leben geben würde und dieses Leben hier und jetzt nicht alles wäre? Welche Bedeutung hätte dieses Leben hier und jetzt und welche Bedeutung hätte der Himmel und wie verbindet sich Leben hier und jetzt mit dem Himmel?

Das Interesse, Fragen zu stellen, dürfte Wissenschaftlern nicht fremd sein und Konjunktive sollten doch eine Herausforderung sein für alle, die der Wahrheit näher kommen wollen. Glaube bleibt ein Axiom, Glaube lässt sich nicht beweisen. Müssen wir die Frage überhaupt stellen, die Frage nach Himmel, die Frage nach Gott. Das müssen wir natürlich nicht, wer sollte uns zwingen. Aber wir stellen sie uns immer wieder, auch ohne Zwang, weil sie einfach da ist. Die Frage nach Gott ist im Raum. Wir Menschen stellen sie tagtäglich. Wenn wir nach dem Sinn von etwas fragen, wenn das Leben selbst zur Frage geworden. Früher oder später fällt sie uns zu, einmal vielleicht nur, vielleicht auch immer wieder neu in verschiedenen Abschnitten unseres Lebens. Die Frage nach Leben intendiert die Frage nach Gott. Die Frage nach Leben – und so die Frage nach Gott – ersehnt Freiheit, eine Freiheit, die offen ist für Fragen und die Raum schenkt für neues und weites Leben; Freiheit, die Leben ermöglicht und Zukunft verheißt. Wer diese Frage nach dem Leben nicht aufnimmt, wenn sie sich einem entgegenstellt, sperrig vielleicht, vielleicht auch unscheinbar, der versagt sich seinem oder ihrem Leben und richtet sich selbst; richtet sich, weil er nicht wirklich lebt auf Zukunft hin, sondern verschlossen in sich bleibt.

„Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ oder anders: „Wer nicht fragt, wer nicht lebt, wer nichts ersehnt, der ist gerichtet. Nicht von anderen, sondern von sich selbst, weil er sich selbst einziger Maßstab ist. Das Urteil ist Einsamkeit. Einsamkeit ist die einzige Strafe, die Gott kennt. Und es ist zugleich die härteste Strafe, die einen Menschen treffen kann. Weil Gott in sich Beziehung ist, weil Gott Vater, Sohn und guter Geist ist, weil das Wesen Gottes ein dialogisches ist und im Dialog sich das Leben erst zu entfalten vermag, deshalb ist Einsamkeit die bitterste Enttäuschung, die einem Menschen zuteilwerden kann. Und selbst wenn diese Strafe eine Göttliche ist, der Mensch fällt dieses Urteil selbst über sich, denn Gott „hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das Leben hat“.

 

7.Sonntag im Jahreskreis A – 2014

Evangelium: Johannes 17,1-11a

Dies sagte Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast. Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast. Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten. Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast. Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir. Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.

 

Worte des Friedens und der Zuversicht

Das heutige Evangelium beschenkt uns mit einem wunderschönen Gebet. Jesus, unser Bruder und der Menschenfreund aller stellt sich mit seinem ganzen Leben hinein in das Licht seines Vaters. In moderner Sprache könnten wir vielleicht sagen, er reflektiere sein Leben vor Gott und versuche, sein ganzes irdisches Leben auf das Wesentliche zusammen zu führen. Worauf ist es angekommen, was war wichtig und bleibt wertvoll. Und im letzten ist Jesus unendlich dankbar für sein Leben, das er auf Erden leben durfte. In seinen Worten klingt ein großer Frieden mit. All das Schwere, all das Ungerechte, all das Mörderische, das ihm widerfahren ist, scheint vergessen und es überwiegt Dankbarkeit und Zuversicht.

Ich frage mich, wie dieser Jesus das schafft, so dankbar und zufrieden zu sein, trotz all der Missbilligung, die er in seinem irdischen Leben erfahren musste, trotz der Demütigungen und Grausamkeiten, die an ihm und um ihn herum geschehen sind. Ein Gebet, noch so innig gesprochen, kann doch die Wirklichkeit nicht vergessen machen, geschweige denn, diese aufheben.

Wir könnten uns doch schwarz beten, ohne dass damit die vielen Ungerechtigkeiten in der Welt und auch der Hunger der Vielen gestillt werden würde.

Diese Erfahrung mag schwer zu hören und noch schwerer zu ertragen sein, aber es ist wohl so: Ein Gebet ersetzt nicht das Leben. Schon der Hl. Benedikt (also der wirklich Heilige, nicht der Hl. Emeritus in Rom) hat das erkannt. Sein Grundsatz lautete: ora et labora, bete und arbeite. Und die Betonung liegt eindeutig auf dem „und“. Es heißt eben nicht: bete oder arbeite, sonder bete und arbeite. Das Gebet ersetzt nicht das Leben, aber was uns Jesus in seinem Gebet vor Augen führen möchte, ist dies: das Leben vermag aus dem Gebet heraus eine neue Gestalt zu finden.

Im Gebet bündeln sich alle Dimensionen des Lebens: Verstand und Gefühl, Erwachsensein und zugleich auch Kind-sein-wollen, alle meine Hoffnungen und genau so alle meine Enttäuschungen, Vergangenheit und Zukunft, Du und ich, Welt und ich, Endlichkeit und Ewigkeit, Gott und Mensch.

In einem Gebet, dem persönlichen wie auch dem gemeinsamen, trifft all dies aufeinander. Das Gebet ist das Bindeglied zwischen Sein und Werden.

Es möchte uns Kraftquelle sein, das Leben zu gestalten, und uns erkennen helfen, dass uns Verantwortung übertragen ist vom Schöpfer und zugleich eine Zusage geschenkt wurde, eine unverlierbare Zukunft in uns zu tragen.

In der Zeit des Betens dürfen wir erkennen: Alles Leben, mag es noch so banal und alltäglich sein, übersteigt diese Welt. Diese Welt, die Gott in unsere Hände gelegt hat, und die so unendlich wertvoll ist, sie ist nicht alles. Und weil sie nicht alles ist, brauchen wir an unseren Unfähigkeiten und Begrenztheiten nicht zu verzweifeln. Ebenso, wie uns das Gebet auf unsere Verantwortung für Gottes Schöpfung verweist, eröffnet es uns auch die neue Dimension des Himmels. Mein Leben, alles Leben ist nicht an diese Erde gebunden. Es gibt mehr, als wir Menschen uns je ausdenken könnten und wir sind reicher, als wir es uns überhaupt vorstellen können. Deshalb sagt Jesus auch an anderer Stelle: „Sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag hat seine eigenen Plagen.“

Das große Abschiedsgebet Jesu möchte unseren Blick weiten und uns helfen, aus dem klein-klein unseres Lebens herauszukommen. Im Blick auf die Zuversicht und Dankbarkeit Jesu möchte sich auch der Blick auch auf Leben weiten. Aus Enge wird Hoffnung. Hoffnung nämlich, dass ich am Ende meines Lebens das Schwere hinter mir lassen kann, nicht weil ich es vergessen und einfach abwerfen könnte, sondern weil ich es zu integrieren vermag in eine Hoffnung und einen Glauben, dass vor Gott alles Bestand hat und alles zum Wohle gereicht, wenn ich nur um eines bemüht war in meinem ganzen Leben: Nie zu vergessen nämlich, dass das Leben kein Besitztum ist sondern ein großes Geschenk.

Christoph Simonsen

 

5. Sonntag im Jahreskreis A – 2014

Evangelium: Johannes 14,1-12
Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

Geiz ist spießig, Geist ist geil
Die Botschaft des heutigen Evangeliums empfinde ich als eine große Ermutigung, mir die Fragen in meinem Leben zu stellen, auf die ich auch nicht im Entferntesten eine Antwort weiß. Fragen zu stellen, die mich überfordern, aber die ich nicht unterdrücken will, weil ich tief in mir weiß, dass ich mich ihnen stellen muss, wenn ich nicht seelisch verkümmern will. Die Fragen sind so alt wie die Menschheit. „Woher komme ich und wo gehe ich hin? Warum bin ich überhaupt? Ist die Welt reicher, weil ich da bin?“ Das sind die Fragen, die mich wirklich fordern.
Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich technisch völlig inkompetent bin und keine Ahnung habe, wie mein PC funktioniert; in diesem Fall kann ich mit meiner Dummheit ganz gut leben. Ich würde allerdings vor Scham im Boden versinken, wenn ich kapitulieren würde vor der Frage nach mir selbst, nach meinem Ursprung und meinem Ziel, nach dem Sinn meines Daseins und ich würde ganz und gar nicht mit einer selbst zu verantwortenden Dummheit leben können, dem Wunder meines Lebens und der  Frage nach der Wahrheit in mir und der Zukunft von mir ausgewichen zu sein. Die Frage nach dem Leben, nach dem, was meinem Leben Sinn gibt über die Grenze des Todes hinaus, dies ist die essentielle Frage, der ich mich stellen möchte. Wenn ich diese Fragen bedenke, da kribbelt viel mehr in mir, da wird mein Geist viel wacher und aufmerksamer als bei allen anderen Fragen, die sicher auch bedeutsam sind, die mich aber bei weitem nicht so anregen wie eben diese Frage nach dem Leben.
Es ist wohl kein Zufall, dass dieses heutige Evangelium ganz oft gelesen und betrachtet wird bei der Beerdigung eines Menschen. Im Blick auf Grenzen, zumal im Blick auf die letzte Grenze, da relativiert sich so manches, was sich vorher als wahnsinnig wichtig in den Vordergrund gestellt hat.
Heute, beim Lesen dieses Evangeliums, erwächst mir Mut, daran zu glauben, dass diese Fragen einen zwar nicht selten zweifeln lassen können, aber niemals zur Verzweiflung führen. Mit dem Mut, sich diesen Fragen zu stellen, wächst nämlich auch die Hoffnung, Antworten zu finden. Philippus schenkt mir diesen Mut und diese Hoffnung. Er fragt offen und ungeschützt und macht eine wunderschöne Erfahrung: so groß und herausfordernd die Fragen auch sein mögen, sie überfordern nicht. Wir wachsen an ihnen und reifen. Daran erinnert Jesus seinen Freund und auch uns.
Wir können reifen und wachsen an der Sehnsucht, die in uns lebt, an den Fragen, die uns umtreiben, an der Hoffnung und Ahnung, dass über uns hinaus eine Weite und Freiheit ist, die für uns bestimmt ist und die Gott uns schenken möchte, einfach so. Wir müssen nicht und nichts festhalten, wir brauchen uns an nichts zu klammern. Wir dürfen uns beschenkt fühlen, wir dürfen genießen, wir dürfen mit Tatendrang und Lust das Leben annehmen, aber nichts ist so wichtig, dass wir es so klammern müssten, als hätten wir nichts anderes. Der Weg Jesu, den er uns vorlebt, ist ein Weg der inneren Freiheit: Wer bereit ist, sich zu binden an den Vater, an Gott, der darf erfahren, dass er zutiefst ungebunden ist, frei von allem, was ihn einengt und in enge, vorgefertigte Lebensmuster hineinpresst. Sich an Gott binden, schenkt die Erfahrung, dass die Welt, so schön, so wertvoll, so wunderbar sie auch sein mag, zu klein ist. Jesus erinnert uns mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen daran, dass es mehr gibt, als die Welt allein uns geben könnte. Deshalb ist Geiz alles andere als geil, wie uns eine unvergessene Werbung weiß machen wollte; Geiz ist spießig, engstirnig und dumm. Der Geist aber, der führt in die Wahrheit, in die Freiheit und ins Leben. Deswegen dürfen wir mit allem, was wir haben, wuchern, brauchen es nicht für uns zu behalten; dürfen freigebig schenken. Dieser Geist, den uns Jesus verheißt, ist das große Geschenk Gottes an uns. Dieser Geist treibt uns an zu neuen Ufern, dorthin, wo Gott wohnt, der Gott, der sich nicht einengen und einsperren lässt in irgendwelche kleinkarierten Denkmuster, die sich kluge Werbedesigner einfallen lassen, mögen sie noch so verlockend sein. Geist-beschenkte Menschen lassen sich so schnell nicht beirren.
Christoph Simonsen

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