Josef

Josef

In unserer lieben Mutter Kirche haben ja in der Regel eher die Männer das Sagen, was ja durchaus auch zu kritischen Anmerkungen Anlass geben kann. Der mütterliche Anteil ist eher dürftig wahrnehmbar, dann vielleicht, wenn Mutter Kirche sich gnädig zu ihren Schäfchen herabbeugt und Vergebung zuspricht.
Ihr hört vielleicht einen leichten bissigen Unterton aus dem heraus, wie ich gerade in zwei Sätzen ein Kirchenbild konterkariert habe, was ich aber dennoch nicht für ganz falsch halte. Die Genderfrage wird ja zurzeit sehr kontrovers diskutiert. Oder sollte ich besser sagen: Die Genderfrage ist für die Verantwortlichen der Kirche gar keine Frage, weil die Geschlechterrollen indiskutabel festgelegt sind.
Im heutigen Evangelium steht nun auch wieder ein Mann im Mittelpunkt: Josef. Aber dem sind so gar nicht die typischen Männlichkeitstypologien zu eigen, die wir ansonsten von den Männern in Mutter Kirche kennen. Josef ist kein Dogmenverkünder, kein Ritenspender, kein Soutanenträger und „Menschen-auf-Abstand-Halter“, kein „Ich-hab-hier-das-Sagen-Mensch“, kein „Nur-ich-kann-Jesus-vertreten-Berufener“. Heute steht ein Mann im Mittelpunkt, der nichts zu sagen hat. Und wenn ich die entsprechenden Texte der Heiligen Schrift richtig kenne, dann sagt er auch tatsächlich nichts. Aber was hat ein Mann in der Kirche zu suchen, der nichts zu sagen hat? Und warum dann hat Papst Franziskus diesem Mann neue Ehren erwiesen, indem er angeordnet hat, dass im römischen Hochgebet er neben Maria und den Aposteln ausdrücklich mit Namen zu erwähnen sei.
Also, auch wenn selbst dieser Papst letztens die Genderfrage für unangemessen hielt, so scheint er mir dennoch zurückhaltend andeuten zu wollen, dass die Spezifikationen der Geschlechter auch in der Kirche durchaus variabel sein können. Josef, der Mann, schweigt, während Maria, die Frau, scheinbar die Hosen anhat. Sie ist es schließlich, die die Dinge in die Hand nimmt.
Da stellt sich mir die Frage: Wie stellt sich das Weihnachtsgeschehen aus der Sicht des Josef eigentlich nüchtern betrachtet dar? Seine Verlobte wird schwanger und er weiß von nichts. Und er fragt auch nicht. Er schweigt. Ein Mann also, der froh ist, noch irgendwie eine abbekommen zu haben und das mit Fassung trägt, was nicht zu ändern ist? Nicht ganz! Er wollte seine Verlobte nicht bloßstellen. Aber gefallen lassen wollte er sich auch nicht alles. Was bleibt? Sich klammheimlich aus dem Staub zu machen? Eins zeichnet Josef aus: Er denkt, bevor er handelt. Das ist auch nicht so unbedingt „Mann-typisch“. Zumindest kenne ich das von mir: Dass ich zuweilen schon mal was mache, bevor ich darüber nachgedacht habe, wie sinnvoll das ist. Ich erinnere mich an meinen alten Mathelehrer, der mir wiederholt früher sagte: „Christoph, erst denken, dann reden“. Meine Erfahrungen in den kirchlichen Strukturen sind da durchaus ähnlich, dass mehr gehandelt wird, als dass nachgedacht wird. Wer nachdenkt, der wird automatisch ruhig, besonnen, nachdenklich eben. Wer nachdenkt, der gesteht sich ein, Wissensdefizite zu haben. Franz Alt, der nachsichtige Journalist sagte einmal, dass er sich mehr eine lebenssuchende und weniger eine dogmatische Kirche wünschen würde.  Josef denkt also nach und bewahrt sich eine Ruhe, die ihn sogar gut schlafen lässt. Er schläft und er träumt. Träumer sind heutzutage ähnlich verpönt wie Gutmenschen. Wer träumt, der verlässt den Boden der Tatsachen, könnte man meinen. Ja das stimmt wohl auch. Aber wer zu träumen vermag, der öffnet sich neuen Welten, neuen Wahrheiten, unbewussten, unterbewussten Realitäten. Wer sagt denn, dass nur das wahr ist, wahrhaftig ist, was man mit den fünf Sinnen fassen kann? Träumer sind keine Spinner, Träumer sind Realisten der 4. Dimension.
Der Traum des Josef hat sehr reale Konsequenzen: Er macht, was man normalhin nicht macht; er verlässt Maria nicht. Und er sieht, was andere nicht sehen: Noch vor dem staunenden Besuch der Hirten, noch vor der jämmerlichen Angst eines Herodes, ja sogar noch vor allem Engel-Halleluja sieht er in dem unehelichen Kind ein Geschenk Gottes. Das sollten einem die Männer in der Kirche heute mal nachmachen: Vorreiter zu sein, eine neue Wahrheit zu erkennen, und nicht nur alte Wahrheiten zu verkünden.
Josef bleibt eine geheimnisumwitterte Persönlichkeit: Jenseits aller vorgegebener spießigen Bürgerlichkeit, behält er einen klaren Kopf und vertraut seiner inneren Stimme mehr als aller äußerlichen Moralität. Und Josef war ein Mann, der sich von Visionen leiten ließ. Die nackten Tatsachen (das nackte Kind in der Krippe) zwangen ihn zu einer nüchternen Bodenständigkeit ohne sich davon fesseln zu lassen.
Wenn wir jetzt mit großen Schritten auf Weihnachten zugehen, dann sollten wir nicht nur Maria bestaunen und das Kind verehren, wir sollten auch diesem Josef Respekt zollen, der die Rollenmuster des Lebens ziemlich in Frage gestellt hat in der Weise, wie er lebte und uns – mich zumindest – zur Nachdenklichkeit anregt, wie schnell und voreilig wir uns in Kirche und Welt von Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten leiten lassen, ohne vorher einmal nachzudenken. Predigt am 18. Dezember

Christoph Simonsen

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