Heimat ist irgendwo anders:

Das Volk Gottes hat es schwer; es kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es wurde und es wird bis heute entführt, besiegt, erniedrigt, ja sogar der Vernichtung sollte es ausgeliefert werden. Und fast wäre es gelungen: Sechs Millionen Juden wurden – es ist gerade mal 75 Jahre her – wie Abfall behandelt und entsorgt. Das Volk Gottes kommt nicht zur Ruhe – bis heute nicht. Es ist umzingelt von Menschen, von Völkern, die in Lauerstellung sind, es wieder zu vertreiben, wieder zu verjagen, wieder der Vernichtung preis zu geben. Heute aber: Heute ist das Volk Israel anders vorbereitet als zu vergangenen Zeiten; es hat – anders als damals -mächtige Verbündete und es hat Waffen, Atomwaffen, die ein Höchstmaß an Sicherheit gewähren sollen. Und es hat heute einen angestammten Ort; das Volk Israel hat ein Land, das ihm gehört: ein Heimatland mit Namen Israel. Wer könnte ihnen verdenken, dass sie ihr Heimatland hüten und verteidigen? Jeder Mensch, jedes Volk hat doch ein verbrieftes Recht auf Heimat.

Über das, was Heimat bedeutet, wird gerade viel geschrieben und diskutiert. Die einen verlieren ihre Heimat, die anderen verteidigen ihre Heimat. Um der Heimat willen werden Kriege geführt. Um der Heimat willen werden Grenzmauern hochgezogen. Um der Heimat willen werden Rüstungsetats aufgestockt. Um die Heimat zu schützen, werden sogar Gesinnungen aus der Erinnerung hervorgeholt, die längst überwunden schienen; völkische Gesinnungen werden wieder salonfähig. Und hier beginnt es, brandgefährlich zu werden, weil nämlich Volk und Heimat auf Gedeih und Verderb verknotet werden: Ein Volk – eine Heimat. So leiden heute das Volk der Palästinenser darunter wie ebenso das Volk der Juden, da sie doch an einem Ort dieser Erde gemeinsam leben müssen; die Kurden leiden darunter wie ebenso die Türken; Schiiten und Sunniten leiden darunter. Und auch wir leiden darunter, weil auch in unserem Land immer mehr Unfrieden herrscht ob der Frage, wer dazu gehören darf und wer nicht. Die ganze Welt darunter leidet, weil wir Heimat als etwas verstehen, was ausschließlich in einem abgeschotteten Zustand Wert besitzt. Kann ein Ort ‚Heimat‘ sein, vertrauter Lebensort, wenn er nur durch Gewalt, verbal oder sogar mit Waffen, aufrechterhalten werden kann? Und muss per Definition ein Ort immer nur einem Volk Heimat bieten?

„Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so beschrieb Jesus einmal seine Heimatlosigkeit. Nun also lag sein Haupt buchstäblich in einer Höhle; die Frauen waren auf dem Weg zu ihm. Der, der immer unterwegs war, hatte nun wenigstens im Tod seine Heimat, ewige Heimat gefunden, einen Ort der ewigen Ruhe. Und die wurde auch noch einem anderen genommen, wurde er doch in ein fremdes Grab gelegt Wenn die Frauen auch seinen Tod zu beklagen hatten, so gab es doch zumindest einen sicheren Ort, wo Trauer und Klage sich entfalten konnten. Aber wieder weit gefehlt: „Er geht euch voraus nach Galiläa“.

Es ist an der Zeit, dass wir uns vergewissern, was Heimat im Eigentlichen ist. Viele von uns sind sich gewiss, es muss eine irdische Heimat wie auch eine himmlische Heimat geben. Wir Menschen brauchen einen Ort, an dem wir verwurzelt sind, wo sich alles zusammenfügt, was wir zum Leben benötigen, wo wir ungefragt und wohlgemeint sein dürfen. Es braucht einen solchen Ort für die Zeit und auch für die Ewigkeit. Was aber ist, wenn Jesus dieses für uns Menschen scheinbar so wichtige, ja lebenswichtige Fundament in Frage stellt? „Ihr sucht Jesus von Nazareth? Er ist nicht hier“. Da, wo man ihn vermutet, wo er daheim ist im Tod, da ist er nicht. „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: er geht euch voraus nach Galiläa“. Dieser Dreischritt scheint eine neue Lebensdimension aufzuzeigen: Gehen – kommunizieren – suchen. Lebenssinn, ja sogar Lebensglück vollzieht sich nicht in einer Verortung, sondern vielmehr in einer neuen Bewegung und also in letzter Konsequenz auch in einer essentiellen Unruhe. Gott gönnt seinem Sohn auch nach seinem grausamen Tod keine ewige Ruhe. Der gern gewählte Trost ‚requiescat in pace‘ (Ruhe in Frieden) ist ein Trugschluss. Leben ist und bleibt immer in einem Unruhezustand und bleibt mit der Verantwortung verbunden, in Beziehung zu treten mit Neuem, Unvertrautem, Unverhofftem, Fremdem.

Wir sind das Volk Gottes, nicht ausgrenzend wir, als Christen, sondern wir, als Menschheit, und wir werden es auch in Zukunft nicht leicht haben, auch nicht leichter. Ostern, das Lebensfest, macht das Leben nicht ruhiger, gewisser, bequemer schon gar nicht. Denn wir sind gerufen, um zu gehen, uns im Austausch zu vergewissern und gemeinsam Ausschau zu halten, wo heute der Ort ist, wo wir ihm begegnen können. Unsere jüdischen Geschwister im Glauben feiern heute, da wir das Osterfest begehen, ihr jüdisches Pessachfest; sie erinnern sich an den Tag der Befreiung aus ägyptischer Gefangenschaft. Freiheit ist ein wunderbares Gottesgeschenk; jedoch ist dieses Gottesgeschenk verknüpft mit der Verantwortung, suchend wagend auf dem Weg zu bleiben. Der Weg aufeinander zu ist das Ziel: Juden und Christen, Palästinenser und Israelis, Schiiten und Sunniten, du und ich. Gott ist die Heimat, nicht ein Ort, ein Landstrich.

„In Galiläa werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat“. Diese Verheißung ist uns gewiss, aber wo unser Galiläa ist, das müssen wir schauen. Was wir auf diesem Weg gut gebrauchen können, das sind wohlmeinende Verbündete; was wir ganz gewiss nicht brauchen werden, das sind Waffen, welcher Art auch immer.

Christoph Simonsen

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