Geboren um zu leben

War das eben in der Lesung ein Gebet: „Du, Herr, bist unser Vater…“? Ja, das muss ein Gebet sein, die direkte Ansprache macht es unmissverständlich, da spricht jemand Gott an, direkt und dazu ziemlich unverblümt. Und auch noch auffallend frech. Das muss man sich mal vorstellen, der Beter macht Gott dafür verantwortlich, dass die Menschen so hart sind, von Gottes Wegen abirren, ihn nicht mehr fürchten. Starker Tobak, finde ich, Gott hat bitte selbst zu verantworten, dass die Menschen ihm nicht mehr treu sind. Und er, Gott, soll doch bitte mal ein Donnerwetter von oben ertönen lassen, dass die Berge vor ihm erzittern, also, wohl eher die Menschen als die Berge. „Bitte lieber Gott, mach, dass wir Menschen ein wenig braver werden und wieder Ehrfurcht vor dir haben“, so klingt das. Ziemlich naiv für einen erwachsenen Menschen.
Und dann wird dem Beter scheinbar bewusst, was er da gesagt hat und bemüht sich sehr, Gott nicht zu sehr zu erzürnen. Wir Menschen wüssten doch, dass es keinen anderen Gott gibt, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen und tun was recht ist. Und wir wüssten auch, dass wir wohl noch an uns arbeiten müssten, und nachdenken sollten über seine Wege, Und wir wüssten auch, dass wir eigentlich die sind, auf die er, Gott allen Grund hätte, zornig zu sein. Das Gebet mündet dann in der Erkenntnis: „Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“. Der Beter findet schlussendlich zurück zu einem angemessenen Maß und vermag sein Verhältnis zu Gott und überhaupt das Verhältnis der Menschen zu ihrem Gott wieder etwas ehrlicher einzuordnen.
In diesem ganzen Gebet erkenne ich so einen gewissen typischen Grundduktus von uns Menschen: Zunächst spielen wir den großen Zampano, dann erkennen wir, dass wir übers Ziel hinausgeschossen sind und bekennen ehrerbietig unseren Kleinmut, und zum Schluss sehen wir dann doch ein, dass wir Menschen eben doch nicht das Maß aller Dinge sind.
Ja, wir Menschen sind schon sehr von uns eingenommen und skeptisch sind wir von Natur aus, wenn wir uns in ein größeres Ganzes einordnen müssen. Dass wir uns auf andere einlassen, anderen Vertrauen schenken, uns anderen überlassen, das ist alles andere als selbstverständlich. Wir wollen die Macher sein, die Entscheider, die Zukunftsplaner, die Wegbereiter. Gut, dass wir so langsam begreifen, dass wir das alles nicht sind. Wir haben das Leben nicht wirklich im Griff, wir sind dem Leben oft ausgeliefert und uns gelingt es weiß Gott nur spärlich, dem Leben auf dieser Erde Sicherheit zu geben, geschweige denn Zukunft. Ich denke, ich kann mir ersparen, wo überall wir Menschen versagen, und da denke ich nicht an die anderen, ich rede von Euch und mir. An so vielen Stellen entgleitet uns das Leben und das nicht selten gerade deshalb, weil wir uns selbst immer wieder überschätzen. Selbstüberschätzung ist wohl eine der größten Übel, an denen die Schöpfung heute leidet.
Ich frage mich immer wieder, und da bin ich glaube ich nicht alleine, ob zu beten Sinn macht, denn kein Gebet nimmt mir die Verantwortung für mein Leben ab. Gleicht ein Gebet nicht eher einem Selbstbetrug, insofern der Eindruck erweckt wird, da wäre einer, der alles zum Guten richten könnte? Im letzten hängt doch tatsächlich alles an uns Menschen. Wer so denkt, den müsste das eben gehörte Gebet nachdenklich stimmen. Denn dieses Gebet lenkt die Aufmerksamkeit nicht zuerst nach oben sondern nach innen. Das Gebet ändert nicht etwas, das Gebet ändert mich, den Menschen. In der Tat, es hängt alles an uns, aber anders, als wir denken. Wer sich innerlich öffnet, ‚Gott, Vater, Herr‘ zu sagen; wer einmal den Blick weg von sich wendet und eine substantielle Begrenztheit in sich akzeptiert, der erfährt nicht nur eine neue Demut in sich, eine Ehrfurcht und Liebe zu seiner/ihren eigenen Unfähigkeit, der erfährt darüber hinaus auch eine große Weite und Freiheit, diese Begrenztheit mit Leib und Seele anzuerkennen. Aus dieser Ehrlichkeit wird dann eine neue Form der Verantwortlichkeit geboren, nämlich vor allem zu ehren, was uns anvertraut ist. Als erstes ehren, dann handeln und formen. Nicht die eigene Macht und Kraft wird die Welt heiler und menschlicher machen sondern die Ehrfurcht vor allem, was geschaffen und mir geschenkt und zur Verfügung gestellt ist.
Das Gegenteil von Selbstüberschätzung ist eben Ehrfurcht; Ehrfurcht, die das andere, den anderen groß macht, bringt das eigene Leben in Bewegung, in eine Lebensbewegung, die dem Großen, dem Ganzen, der Welt gut tut.
Heute, mit dem Beginn der Adventzeit, hätten wir die Möglichkeit, uns zu prüfen, ob wir auf das Christkind warten, das uns schöne Geschenke unter den Tannenbaum legt; dann können wir aber mit Gewissheit damit rechnen, dass wir schon wenige Tage wieder gefangen werden von den Strukturen dieser Welt und eintreten in den Konkurrenzkampf darüber, wer der Beste, Größte, Schönste, Wichtigste auf dieser Erde ist. Wir können aber die nächsten 24 Tage auch dazu nutzen, uns zu fragen, ob wir uns vielleicht betend anvertrauen mögen dem, auf dessen Menschwerdung wir zugehen und der uns ein Menschsein vorgibt, das nicht dem Trugschluss der Größe erliegt sondern die Größe der Demut offenlegt; einer Demut der Ehrlichkeit, wie sie der Beter zeigte, von dem wir eben gehört haben. „Wir sind der Ton, du bist unser Töpfer“.
Predigt am 03. Dezember
Christoph Simonsen

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