Kategorie: Unterbrechung-Mittendrin

Ausgesandt sein: zwischen Gehen und Bleiben

Ich bin hin- und hergerissen zwischen gehen oder bleiben angesichts des Zustands und Verhaltens meiner Kirche auf allen ihren Ebenen, Da trifft mich die Botschaft des Markus-Evangeliums von der Aussendung der Jünger (6,6-13):
Ich sei ein Ausgesandter und Bevollmächtigter. Ausgesandt die Botschaft vom Gottes Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens mitten hinein in die Krisen dieser Welt zu verkünden und damit die zerstörerischen Geister zu vertreiben. Ich soll das ohne Budget und Ausstattung tun, darauf vertrauend, dass man mich schon anhören wird. Sonst, weiterziehen und die Ignorant*innen spüren lassen, dass ihre Ignoranz Folgen haben wird.

„Die Zwölf machten sich auf den Weg und forderten die Menschen auf, ihr Leben zu ändern. Sie befreiten Menschen, die von bösen Geistern beherrscht waren, salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ (Mk 6,12-13)

Also einfach gehen? Nein, sondern zu zweit und einfach wird’s sicher nicht! Denn gehen heisst auch sich verabschieden, von dem, was bisher Heimat, Sicherheit und Geborgenheit war. Die Verbindung zu den Mitaufbrechenden bleibt und führt immer wieder zusammen zum Austausch und zu neuen Impulsen.

Die Kirchengeschichte erzählt von solchen Aufbruchsbewegungen in Krisenzeiten, in denen das Kirchenleben um sich selbst kreiste und die radikale Botschaft relativiert oder zur moralisierenden Drohbotschaft wurde, um die Freiheit der Kinder Gottes zu beschneiden: Charismatische Prophet*innen radikalisierten sich durch das Evangelium und gingen in die Welt, zu den Menschen, an die Ränder der Gesellschaft und verkündeten die befreiende Botschaft Jesu vom Gottesreich, das hier und jetzt gelebt werden will. Manchmal wirkten sie reformierend nach innen.
Heilung kommt von denen, die glaubwürdig die befreiende Botschaft verkünden und leben, in seinem Namen, begeisternd. Vor den Kirchentüren, an den Rändern der Gesellschaft, Heilung in Krisenzeiten.

Aufgabe der kirchlichen Gemeinschaft: Ort für Austausch, Kraft- und Quellpunkt, Heimat geistgewirkten, weltzugewandten Lebens.

Also Gehen – und immer wieder zurückkommen können.

GS 13. Juli 2021

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Wie geht es Dir?

… habe ich vor einigen Jahren einen Kollegen, der einige Wochen zuvor seinen Sohn verloren hatte, gefragt. Seine Antwort: Wieviel Zeit hast Du? hat mich sehr betroffen und nachdenklich gemacht mit welchen Floskeln ich Gespräche eröffne.
Um das Floskelhafte zu überwinden hänge ich “wirklich!” an. Denn es geht mir ja um die wirklichen Gefühle und Erlebnisse, die mein Gegenüber bewegen. Und es geht um Beziehung, um zuhören können, um den/ die anderen ernst nehmen. Und um sich Zeit für einander zu nehmen. Der Evangelist Lukas, von Beruf wahrscheinlich Arzt (Kolosserbrief 4,14) beschreibt Jesus als einen, der solche Begegnungen suchte, z.B. mit einem Blinden: Er nimmt sich Zeit für ihn, lässt sein Gegenüber selbst bestimmt zu Wort kommen, ganz aufmerksam ihm/ ihr zugewandt. “Was willst Du? Was soll ich Dir tun?” (LK 18,41) Die Frage, die Haltung ermöglicht es beiden Gesprächspartnern auf den Punkt zu kommen: Das will ich von Dir, das brauche ich wirklich – das kann ich für Dich tun, dazu bin ich bereit. Und das Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen ermöglicht diesem zu helfen. In der Beratungs- und Führungs-Philosophie des FACILITATION in Veränderungsprozessen gibt es einen (störenden) Grund-Satz: „Jeder gibt sein Bestes – immer!“
Diese Grund-Annahmen für menschliche Begegnung ermöglichen Veränderung, öffnen die Augen für das, was wirklich zählt. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Johannes 20,29)
GS 13. April 2021

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Begreifend Erkennen

“Das liegt doch auf der Hand!” meint “Bist Du eigentlich blind? schwer von kapee? begriffsstutzig?” Ungeduldig kommentieren wir besser Wissende für sie offensichtliche Erkenntnisse, um sie sofort zu verbreiten während sich bei den Angesprochenen, die Erkenntnis erst langsam wachsen muss.
In einer alten Ostergeschichte (Lukas-Evangelium 25,13-35) sind zwei solch Begriffsstutzige nach einer gemeinsam erlebten Enttäuschung auf dem Weg zurück in ihre Heimat. Immer wieder sprechen sie, wie in einer Selbsthilfe-Gruppe über ihr Erleben, tauschen ihr Empfinden aus, suchen nach Gründen, warum sie sich in einem, den sie für den von Gott gesandten Retter, den Erlöser der Welt gehalten hatten und dessen Bewegung sie angehörten, so getäuscht hatten. Er hatte kläglich versagt, war ganz menschlich als Gotteslästerer und Revolutionär von den Religionswächtern bei der Besatzungsmacht angezeigt worden und zum Tod am Kreuz verurteilt und hingerichtet worden. Er war für sie gestorben.
Sie sind enttäuscht, weil er als Heilsbringer versagt hat und weil sie ihm geglaubt und vertraut hatten und für ihn alles verlassen und aufgegeben hatten. Sie waren mit Jesu Tod auch persönlich am Ende.
Der Sinn des Ganzen und die Be-Deutung der Ereignisse, die sie erlebt hatten, wird ihnen erst in der Erinnerung an die alten Geschichten und Erfahrungen deutlich als Plan Gottes. Und sie scheinen immer noch Teil dieses Planes zu sein, denn sie spüren, dass der, den sie für immer tot glaubten in ihrem Erzählen und Nach-denken wieder Gestalt annimmt. Er wird Teil ihrer Weg- und Erzählgemeinschaft. Sein Leben mit ihnen und seine Botschaft werden wieder lebendig.
Letztlich begreifen sie das Phänomen seiner Auferstehung aber erst beim gemeinsamen Essen und an der Art und Weise, wie sie in Erinnerung an ihr letztes Zusammensein mit Jesus das Brot gebrochen haben und er ihnen den Auftrag gab, dies immer wieder im Gedenken an ihn zu tun.
Er gibt sich ihnen zu erkennen und sie erkennen ihn. Das geteilte Brot in ihrer Hand wird zum Zeichen ihrer Gemeinschaft mit dem in ihnen weiterlebenden Jesus, dem von Gott gesandten Messias.
Das Brot in ihrer Hand und die Erkenntnis daraus, dass er auferstanden ist, erinnert sie daran Gottes Willen zu tun, zu teilen und seine frei machende Botschaft von der Liebe Gottes, die auch den Tod übersteht weiter zu erzählen, sie in ihr Leben zu übersetzen und so an einer besseren Welt mitzuarbeiten.
Handgreifliche Zeichen brauchen wir Begriffsstutzigen, um zu Glauben!
GS 7. April 2021


jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

so auf dich vertrauend und glaubend
so auf dich setzend und hoffend
so dir nachfolgend

mit unseren möglichkeiten und
den deinen darin
wollen wir unser leben wagen

tag für tag
stufe für stufe
schritt für schritt
unser leben vor dem tod
du weist uns den weg zum leben

osterwärts

© manfred langner
(Auszug aus OSTERWÄRTS 2021)

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OSTERWÄRTS

aufstehen und mich dem leben in die arme werfen –
nicht erst am jüngsten tag,
nicht erst, wenn es nichts mehr kostet
und niemandem mehr wehtut.

luzia sutter rehmann

1
jesus
jüdischer bruder
herz gottes (klaus hemmerle)
liebhaber des lebens

du hast uns nicht zum zu-kreuze-kriechen berufen
du willst
dass wir uns am kreuz aufrichten
du liebst den aufrechten gang

du hast uns zugesagt
dass wir alle kreuze überleben und
dass wir unter den kreuzen unseres lebens
den kleinen und den großen
nicht zusammenbrechen werden

2
jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

seit dem ostermorgen
bricht an den enden jedes kreuzes
den kleinen und den großen
so dürfen wir glauben und vertrauen
der lebensbaum durch
bricht sich das leben
frühlingstrunken bahn
unaufhaltsam
in ein neues leben
in unaufhörliches
unverbrüchliches glück

für alle
auf immer

3
jesus
jüdischer bruder
herz gottes
liebhaber des lebens

so auf dich vertrauend und glaubend
so auf dich setzend und hoffend
so dir nachfolgend

mit unseren möglichkeiten und
den deinen darin
wollen wir unser leben wagen

tag für tag
stufe für stufe
schritt für schritt
unser leben vor dem tod
du weist uns den weg zum leben

osterwärts

© manfred langner

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Perspektive:wechseln

Seit einem Jahr bestimmt scheinbar nur ein Thema die täglichen Schlagzeilen, die Zusammensetzung der Talk-Shows und die Sondersendungen der öffentlich-rechtlichen TV-Sender.
Corona ist politisch und sozial viral, bringt unser Gesundheitssystem an die Grenzen und provoziert Verschwörungstheorethiker, Impfgegner und Staatsverweigerer als „Querdenker“. Da wo es um unsere persönliche Freiheit geht, fühlen wir uns bedroht, eingeschränkt, unterdrückt. Die Schutzmaske wird zum Maulkorb erklärt, die Versammlungsfreiheit zum in Kauf genommenen Super-Spreader-Event und Demonstrationen werden zu Gottesdiensten um etikettiert. Welchem Gott wird da gedient?
Das Virus und seine Mutationen bringt unsere Ordnungen, unser Sozial- und Konsumverhalten, sogar unsere Feste durcheinander – überall auf der Erde!
Es ist eine PANdemie, aber wir haben nur unsere Perspektive, unseren Nahbereich im Blick, der Rest verschwindet bestenfalls im Nebel, im schlimmeren Fall bauen wir Sichtschutzmauern.
Wenn wir den Blick doch mal von uns selbst lösen würden, über den Corona-Tellerrand hinaus auf die erschreckenden Veränderungen der „Klimakonstanten“, die Unterdrückung der Menschenrechte in autoritären Staaten und Pseudo-Demokratien und die aus allem resultierenden Flüchtlingsströme direkt vor unserer Haustür schauen würden.
„Was wäre, … wenn wir uns trauen würden, ein Herz zu haben? Wenn wir bereit wären, es uns und anderen unbequem zu machen? Lästige, aber notwendige Fragen zu stellen? Den Finger in die Wunde zu legen?
„Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung“ (2 Tim 4,2).
Das Wort der Befreiung verkünden, Wahrheiten aussprechen, die keiner hören will, zur Unzeit und hartnäckig, das war schon immer Prophetenart. Jetzt wäre es angebracht. Denn die Alleingelassenen brauchen Verbündete.“ – Petra Gaidetzka, MISEREOR
Es geht! Anders. – wenn wir die Perspektive:wechseln
GS 30. März 2021

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