Beten statt sprechen

So über den Daumen gepeilt: Wie oft haben wir wohl schon das Vater-Unser gebetet, oder besser: gesprochen? Denn das scheint mir eine bedeutsame Frage zu sein, ob das, was wir sprechen immer auch ein Gebet ist. Wann wird das, was ich spreche oder denke, zu einem Gebet?
Wieso baten die Jünger Jesus darum, sie das Beten zu lehren. Wussten sie bis dahin nicht, wie das geht: beten? Was Besonderes haben die Jünger wahrgenommen, als sie Jesus beim Beten beobachtet haben, so dass sie ihn ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt danach fragten?
Und mich bewegen noch andere, existentiellere Fragen: Wozu überhaupt beten, machen wir doch seit Menschengedenken die Erfahrung, dass die Welt keinen Zoll besser geworden ist, ob mit oder ohne Gebet? Kein Gebet ändert etwas am Lauf der Welt.
Ich bewundere die Verlässlichkeit der vielen Menschen, die immer wieder für den Frieden beten und für eine Welt ohne Krieg und Terror. Mir fällt dies immer schwerer angesichts der Wirklichkeiten, die unsere Welt tagtäglich unmenschlicher, ungerechter und friedloser werden lassen. Kein Gebet der Welt macht die Welt wieder zu dem, was sie im Ursprung war im Schöpfungsgedanken Gottes. In diesen Tagen lese ich, dass Papst Franziskus zu einem Weltgebetstreffen nach Assisi einlädt. Wenn nicht genau vor 30 Jahren einer seiner Vorgänger eben dies schon einmal getan hätte, ich wäre begeistert. Aber jetzt, nach 30 Jahren eine Wiederholung des vorherigen vorzunehmen, wer könnte glauben, dass dies die Welt verändert? Hat Gott doch sehr bewusst die Verantwortung für die Geschicke in der Welt in des Menschen Hand gelegt. Wenn Gott heute die Gebete der Menschen hört, muss er dann nicht – sehr banal formuliert –  denken: ‚Ihr habt euch den Mist selber eingebrockt, also rückt ihn auch wieder zurecht‘. Wer könnte Gott verdenken, so zu denken? Ist das Gebet also was für weltfremde, womöglich sogar weltabgewandte Illusionisten? Für Menschen, die sich lieber in eine Traumwelt zurückziehen, um sich der Wirklichkeit nicht stellen zu müssen? Birgt das Gebet womöglich sogar die Versuchung in sich, der Welt entfliehen, die Augen vor der Wirklichkeit verschließen zu wollen? Ja, dieser Versuchung unterliegt das Gebet, zweifelsohne. Sich einzig auf das Gebet zu verlassen, kann auch Ausdruck einer grenzenlosen Verantwortungslosigkeit sein.
„Herr, lehre uns beten“, mit dieser Bitte gingen die Jünger auf Jesus zu, als dieser von einem Gebet zurückkam. Sie haben wohl nicht gehört, was er gebetet hat, aber sie haben es gesehen. Das scheint mir eine nicht unwichtige Beobachtung zu sein. Das Gebet hat den Menschen Jesus in seiner Erscheinung verändert. Wenn sich auch durch ein Gebet nicht die Welt verändern lässt, offensichtlich verändert es aber den Menschen, der betet. Seine Einstellung zum Leben, zur Welt ändert sich. Das Gebet verdichtet ein Vertrauen zu Gott. Es hilft, falsches Klammern, dumpfe Verkrampfung zu lösen. Wenn zwischen Mensch und Gott liebendes Vertrauen ist, dann ist nicht vorrangig bedeutsam, dass er gibt, was ich mir wünsche, dann ist wichtig, dass er ist, dass er in meinem Leben ist. Das Gebet möchte einem Eintauchen in eine liebende Beziehung gleichen. Und liebende Beziehung verändert immer, verändert den, der liebt und der sich geliebt weiß.
Um Gottes Reich zu bitten ist dann kein spektakuläres Geschehen, so als ob sich alles ändern müsste; als ob das eine Reich zusammenfallen müsste, damit ein anderes entstehen könne. Gottes Reich ist nicht etwas Fernes, Entrücktes, noch Ausstehendes; vielmehr ist Gottes Reich da. Gottes Reich ist in Menschen Herz. Sich ihm anvertrauen, das zieht eine neue Weite des Herzens nach sich, so dass der Mensch mit einem vollen und weiten Herzen leben kann. So eng die Welt auch sein mag, das Leben wird weit – und des Menschen Sein, das Reden, das Handeln wird getragen von dieser Weite. Durch menschliche Weite vermag auch die Welt weiter zu werden.
Das Gebet verändert nicht die Welt. Aber die Welt wandelt sich durch Menschen, die aus dem Gebet heraus der Engstirnigkeit in der Welt die Weite eines neuen Vertrauens gegenüberstellen. Ob das Vater Unser, dass wir sprechen, ein Gebet ist, misst sich wohl an der Frage, ob die Worte uns in der Weise treffen, dass durch uns die Welt weiter wird … Predigt am 24. Juli
Christoph Simonsen

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