3677

Wovon erzählt man am liebsten, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkommt? Vom Urlaub natürlich. Das möchte ich heute auch gern tun, wenngleich in dem, was ich erzählen möchte, auch ein unübersehbarer Wermutstropfen offenbar wird. Aber davon dann später.

Im Urlaub lernt man ja die interessantesten Menschen kennen. Ich saß also abends in einer Kneipe, hatte was zu essen bestellt und hörte die Gäste am Nachbartisch auch deutsch sprechen mit einem unüberhörbaren Ruhrpott Slang, der mir sehr sympathisch ist. Wir kamen schnell ins Gespräch, hörte ich doch, dass sie ihre Hunde im Wohnmobil alleine zurückgelassen hatten mit Rücksicht auf die Gaststätte, wo ja gewiss das Mitbringen von Hunden untersagt sei. Und beim Stichwort „Hunde“ kann ich natürlich meinen Schnabel nicht halten und mischte mich ein. Es kam, wie es kommen musste, dass wir uns für den nächsten Tag für einen gemeinsamen Hundeausflug verabredet haben. Fürs erste aber hatten wir einen wunderschönen entspannten Abend, der dann später in einer Kneipe am Hafen mit einem Glas Wein sein Ende fand. Schlussendlich begleitete ich die beiden noch zum Parkplatz. So weit, so gut.

Und jetzt der weniger urlaubsmäßige Teil dieser Begegnung. Irgendwann an dem Abend kam die unausweichliche Frage: „Und was machst du so beruflich?“ Meine selbstverständliche Antwort: „Ich bin Pfarrer und leite die katholische Hochschulgemeinde in Aachen“. Reaktion meines Gegenübers Lilly: Schallendes Gelächter. Und in das breite Lachen hinein die klare und unmissverständliche Frage: „Willst du uns verarschen?“

Nun bin ich mir schon bewusst, dass nicht jeder gleich in mir einen Monsignore erkennen kann und das ist mir auch ganz recht so. Dennoch aber hat mich diese Reaktion verunsichert. Ist es wirklich für andere so unvorstellbar, dass ich in einem kirchlichen Dienstverhältnis stehe?

Seit Mittwoch schwebt eine Zahl wie ein Damoklesschwert über der deutschen Kirche: 3677. 3677 Missbrauchsfälle in 68 Jahren. 3677 Menschen, die von Vertretern der Kirche misshandelt und missbraucht wurden. Und das ist nur die offiziell bekundete Zahl: 3677. Schändlich, sträflich, unentschuldbar. Diese Zahl schlug mir einige Tage nach dem besagten Gespräch ins Gesicht. Und ich kann nicht verstehen, dass nun Offizielle unserer Kirche sich darüber entrüsten, dass der besagte Bericht frühzeitiger als gedacht in die Öffentlichkeit geraten ist. Vertreter der Bischofskonferenz, ja sogar der Präsident des Zentralrates der Katholiken – ein Laie – beklagt sich über diese mediale Indiskretion. Anstatt froh zu sein, dass nun alles ans Licht kommt, so deutlich und so rasch wie möglich, beweinen sich diese Vertreter wieder einmal selbst, dass sie nicht das Heft des Handelns in der Hand haben. Ja, die Kirche ist ein System, das auf Macht aufbaut, und eben nicht auf die Macht der Liebe und des Vertrauens, sondern auf der Macht der Stärke und der selbstgemachten Strukturen, und wer diese hinterfragt, der wird gerügt. Genau hier liegt das Übel: Man gibt sich zerknirscht, will aber sich selbst und die eigenen Strukturen und Lebensmaßstäbe nicht hinterfragen. Vom personalen „ich“, sind die Vertreter der Kirche zum majestätischen „Wir“ übergegangen: „Wir müssen besser hinschauen; wir müssen um Entschuldigung bitten; wir müssen beten und büßen…“. Wer ist denn dieses „Wir“? Es sind zum einen konkrete Menschen, die unschuldige, ja oft sogar unmündige Menschen seelisch und körperlich geschändet haben und es sind zum anderen konkrete Vorgesetzte, die Akten haben verschwinden lassen, die gehört, und dann doch überhört haben, die den Mantel des Schweigens über schändliche Taten gelegt haben. Und das alles, um den Systemerhalt der Kirche zu sichern. Das System ist wichtiger als der Mensch, selbst wenn dieses System Menschen zu Opfern macht.

Es scheint, ich sei von meinen Urlaubserzählungen abgewichen. Aber mitnichten! Das Lachen und das Staunen meiner neuen Bekannten mit Namen Lilly über meinen Beruf klingt in mir nach und aus ihrem Lachen wird in mir innerlich ein Weinen. Mir klarer als je zuvor, dass ich mich schäme für meine Kirche und fast selbst den Glauben daran verloren habe, dass in dieser Kirche der Gott gelebt und gepredigt wird, der eben keine hierarchischen Strukturen, keine Uniformen, überhaupt keine Vorrangstellung, welcher Art auch immer, für sich selbst in Anspruch genommen hat. Gott, der aufruft, nicht nur die Schuld beim anderen anzuprangern, sondern immer auch – und das zuerst – bei sich selbst.

Ein Blick auf das heutige Evangelium bringt mich noch mehr zum Nachdenken. „Für wen halten die Menschen mich“, fragt Jesus seine Freunde. Und die ersten Antworten müssen ihn sehr enttäuscht haben. Du bist wie…, du gehörst zu der Gruppe, zu der Glaubensgemeinschaft, zu der Sorte von Menschen. Und weil du dich dort einbindest, deshalb bist du unser Freund, unser Vertrauter. Das war nicht die Antwort, die Jesus hören wollte. Die Jünger hatten im Sinn, ihr Freund Jesus sei so abgehoben, heiligmäßig, außerordentlich, so wie es die großen Propheten waren. Aber selbst die waren nicht so, sie wurden erst in der Tradition dazu gemacht. Mit diesen Antworten ist Jesus unzufrieden und sie machen ihn traurig; und er ist noch unzufriedener mit seinen Freunden, denn auch sie wollen ihn, Jesus, in eine Schublade stecken. Erst Petrus erkennt die Bedeutung dieser Frage. „Du bist der Sohn Gottes“. Jesus ist ein Kind Gottes, weil er so ist, wie er ist, und nicht, weil er anderen ähnelt oder anderen nachgeeifert hätte, sondern nur, weil er seinem Vater sein ganzes Vertrauen schenkt. Und mit diesem Vertrauen aus eigener Verantwortung und mit ganzer Überzeugung redet und handelt. Er ist kein Paragraphenreiter, kein Moralist, er ist nicht mal Priester, er ist einfach nur Mensch, ein ganz und gar menschlicher Mensch.

Die ersten Stellungnahmen vieler Verantwortlicher unserer Kirchen nach der Veröffentlichung des Berichtes über die Missbräuche sprachen davon, dass die entsprechenden Gewalttäter das Bild der Kirche beschmutzt hätten. Nein und noch einmal nein! Sie haben die Seelen von Menschen zerstört. So lange die Kirche sich selbst wichtiger nimmt als die Menschen, so lange ist sie auf dem Holzweg. Nicht nur die Täter tragen Schuld in sich im Blick auf die missbräuchlich benutzten Menschen; ebenso trägt die Kirche Schuld. So lange sie Menschen in einer Art bevormundet, dass sie sich nicht frei entfalten und entwickeln zu können, der oder die zu sein, die sie in ihrem Wesen sind und deshalb auch z.B. in ihrer sexuellen Entwicklung fehlgeleitet sind, so lange sollte die Kirche lieber schweigen und sich selbst prüfen, als den Stab über andere zu brechen.

Und was heißt das für uns, für euch und für mich? Wir sollten uns selbst immer die Frage stellen, wer wir wirklich sind und ob wir wirklich die oder der sind, die Gott im Herzen tragen; den Gott, der jedem Menschen die Freiheit und die Verantwortung gibt, erfüllt und befreit zu leben.

Christoph Simonsen, Predigt am 16. Sept. 2018

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