Von visionslosen Zeiten, Hörenden und Berufenen

Von visionslosen Zeiten, Hörenden und Berufenen

Lange habe ich diese biblische Lesung (1.Samuel 3, 1-10) nicht mehr im Gottesdienst gehört; vielleicht hatte ich nicht hingehört, war mit anderem, vermeintlich Wichtigerem beschäftigt, oder sie traf damals nicht meinen Nerv.

Aber diesmal kam alles zusammen. Ort, Zeit und Botschaft. Ich horchte auf, hörte hin und fühlte mich angesprochen:

“In jenen Tagen waren Worte des HERRN selten; Visionen waren nicht häufig.” Die Vorgeschichte erzählt von korrupten Priestern, die ihr Amt und ihre Macht auf Kosten der Glaubenden missbrauchen, statt auf Gott und seine Botschaft zu hören. – Visionslose Religionsführer -.
Samuel, ein junger Priesterschüler am Heiligtum, schlief dort und wurde von Gott*, dem Ich-Bin-Da-Bei-Euch angerufen. Nachdem sein Lehrer eine Ahnung davon bekommt, dass dieser Gott* etwas mit Samuel vorhat, fordert er ihn auf genau hinzuhören und zu antworten “Sprich Herr, Dein Diener hört!”

Meine Kirche beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mehr mit sich selbst und ihrer selbstverursachten Glaubwürdigkeitskrise. Sie ist visionslos geworden und gesellschaftlich irrelevant. Dem ICH-BIN-DA-Gott* ist die Menschheit aber nicht egal, sonst hätte er nicht vor 2000 Jahren den Menschensohn Jesus mit seiner befreienden Botschaft, dem Evangelium vom Gottes Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens in diese Welt gesandt.

An uns, an der Kirche ist es diese Botschaft immer wieder neu zu hören, sie glaubwürdig in jeder Zeit zu leben und zu verkünden.
Die zukunftsfähige Vision ist in der Welt. Und vielleicht sind es die jungen, unbekümmerten, als naiv abgetanen, nicht korrumpierten “Schüler”, die dieser alten Menscheits-Vision neue Power geben können, weil sie Hörende und nicht die Tradition Verwaltende sind und sich berufen fühlen die Zukunft der Welt zu retten. – Lasst uns genau hinhören und uns von der visionären Botschaft inspirieren zu zukunftsfähigem Handeln!

GS 19. Januar 2021

Wo kämen wir hin,
wenn jeder sagte,
wo kämen wir hin
und keiner ginge,
um zu sehen,
wohin wir kämen,
wenn wir gingen.

Kurt Marti – (1921 – 2017) Schweizer Pfarrer und Schriftsteller

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