Shitstorm anno dazumal

Wir müssen heute einem Schlagabtausch beiwohnen, wie er heutzutage leider keine Seltenheit ist. Der Tatort vom vergangenen Sonntag ist der beste Beweis dafür. Wer den Film nicht gesehen hat: Nachbarn tun sich zusammen, um einer Einbruchsserie in ihrer Siedlung entgegenzuwirken. Und da ist ihnen jedes Mittel recht, unter anderem auch ein Aufruf im Internet, der mit falschen Informationen Hass und Hetze schürt und die harmlose Einbrecherin, die selbst als osteuropäische minderjährige Frau unerwünschte Person im Land ist, zum gejagten Tier stempelt. Worte verkommen zur Waffe, Worte verletzen, vernichten, stellen Menschen ein für alle Mal bloß.
Menschen beäugen sich einander. Fremdbilder vom anderen werden zum alleingültigen Maßstab erhoben. Vorurteile werden zu Urteilen und alle Kraft wird darauf verwendet, eine Strategie zu entwickeln, die/den anderen auszuschalten. Begegnungen sind dann nicht mehr ergebnisoffen, sie sind nur noch Mittel zum Zweck.
Pilatus will eigentlich gar nicht mit Jesus reden. Das Gespräch ist ihm aufgedrängt worden. Die ganze Situation ist ihm unangenehm, er will eigentlich nur mit heilem Kopf aus dieser ganzen Geschichte herauskommen und das möglichst schnell und unauffällig. Ihm ist dieser Jesus zwar auch irgendwie suspekt, er versteht ihn nicht. Die Hohenpriester mögen ihren Streit mit diesem Jesus haben, und das Volk (wer ist eigentlich „das Volk“?) mag sich an ihm reiben, aber was hat er, Pilatus, damit am Hut? Für ihn ist dieser Jesus irgendwie ein religiöser Spinner, einer, der zu gut ist für diese Welt, einer der vielen, die nicht in das System hineinpassen; ihn aber deshalb verurteilen: wenn er damit anfangen würde, dann hätte er ja viel zu tun den lieben langen Tag. Aber der Shitstorm der Masse nimmt im letzten auch ihn gefangen. Er macht mit, ohne eigenständig zu denken, geschweige denn zu handeln.
Jesus ist das Gespräch mit Pilatus aufgenötigt worden. Er ist der Angeklagte, Pilatus ist der Richter. Von vornherein ist Jesus in der schlechteren Position. Er hätte allen Grund, auf der Hut zu sein, mit Bedacht zu reden. Ihm w eine Strategie gegönnt, aus dieser Lage wieder heil herauszufinden. Denn er kann sagen, was er will, er wird keine Chance bekommen. Und genau so ist es: Jesus hat keine Chance. Was immer auch passieren wird, er wird der Verlierer sein. Was immer er sagen wird, es wird ihn den Kopf kosten, bzw. das Genick brechen.
Zwei Menschen in einem sinnlosen Gespräch; deshalb sinnlos, weil der eine gelangweilt ist und der andere chancenlos. Es ist kein Gespräch auf Augenhöhe. Es ist ein Gespräch der ungleichen Verhältnisse. Es ist ein zutiefst sittenloses Gespräch.
In Pilatus und Jesus begegnen sich zwei Welten. Es ist wirklich so: Die Welt des Pilatus ist nicht die Welt des Jesus. Jeder ist in seiner Welt König. Sie stehen sich gegenüber, können einander berühren, wenn sie wollten, stehen auf demselben Grund, sind umgeben von den gleichen Mauern, atmen die gleiche Luft, hören die gleichen Geräusche um sich herum. Es bedarf keines Beweises, um sicher zu sein, dass sie in einer Welt leben; und doch trennen sie Welten. Pilatus ist König aus der Gnade des Kaisers, Jesus ist König aus der Gnade des Schöpfers. Der eine hat womöglich ein Zertifikat, unterschrieben vom Kaiser, der andere steht mit leeren Händen da. Der eine könnte mit Garnisonen sein Machtpotential unter Beweis stellen, der andere kämpft einsam und allein im ungleichen Wortgefecht.
Begegnungen dieser Art sind bis heute keine Seltenheit. Gespräche dieser Art sind an der Tagesordnung dieser Welt. Wir gestalten – seien wir doch ehrlich – auch solche Begegnungen. Wir entwickeln solche Schlagabtausche, führen Gespräche in ungleichen Welten, gleichwohl wir im gleichen Raum stehen. Die Frage ist, ob wir dem Anspruch genügen, Zeuginnen und Zeugen der Wahrheit zu sein. Der Wahrheit, die sich ohne Garnisonen und Machtkalkül behaupten kann. Legen wir Zeugnis ab für die Wahrheit, die sich auf Gott berufen kann. Wenn ja, dann wären auch wir Königinnen und Könige: nicht von dieser Welt, aber für diese Welt.
Christoph Simonsen

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