Normal?

Normal?

In dieser Woche begannen die ersten Lockerungen der Versammlungsbeschränkungen und schon wird der Ruf nach mehr! bzw. ungerecht! laut. Die Begründung: Freiheit! und Wirtschaft!

Die Sehnsucht dahinter ist die Rückkehr zur “Normalität”. Aber wohin will man dann zurück? Und was ist die (soziale) Norm, an der sich diese Normalität orientiert? Und wer legt diese als Norm fest?

Soziale Normen unterliegen immer dem sozialen Wandel und bringen (äußerliche) Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen zum Ausdruck. (WIKIPEDIA)

Unsere Gesellschaft und ich als ein Teil von ihr hat sich durch die Herausforderung des Virus verändert. Da ist die diffuse Angst vor Infektion und ihren möglicherweise tödlichen Folgen, der nahezu unmögliche Versuche sich und andere zu schützen, die existenzielle wirtschaftliche Not von Selbständigen und Unternehmen, …
Aber die bedrohliche neue Situation weckt auch viel Kreativität und unsere Gesellschaft entdeckt alte Werte wieder neu, wie Solidarität, Hilfsbereitschaft wildfremden Menschen gegenüber, die urchristliche Haltung tätiger Nächstenliebe … Werte und Haltungen, die verloren gegangen schienen als in unserer Gesellschaft noch alles normal (erfolgs- und profit-orientiert) lief.

Wollen wir wirklich zurück in dieses, unser normales Leben? Oder müssen wir das Normal erst mal für uns neu definieren?
Das neue normal wäre dann für mich vielleicht Achtsamkeit, Gelassenheit, Zeit für mich selbst und andere zu haben, … und auch etwas Neues, was ich in dieser Krisenzeit erst entdecke, ausprobiere und als bereichernd erfahre für mein Leben. Das ist die viel zitierte und oft schnell über die Lippen gehende Chance, die in der Krise steckt.

So verstehe ich auch das nachösterliche Evangelium des letzten Sonntages, wo es die Freunde Jesu –ja es sind diesmal wirklich mal wieder die Männer- nach dessen Tod und einer Zeit der Enttäuschung und Trauer wieder danach drängt ins normale Leben zurückzukehren. „Ich gehe Fischen“ und die anderen schlossen sich ihm an. Erfolglos!
Erst auf die Ermunterung eines Mannes, der in gebührendem Abstand am Ufer stand und den sie erst später als den auferstandenen Jesus erkannten, es nochmal zu versuchen haben sie Erfolg.

Die Reset Taste zu drücken und beim Reboot zu erwarten, das alles wieder „normal“ läuft scheint nicht zu funktionieren, sondern es bedarf der Aufarbeitung der Krisenerfahrungen um daraus das neue normal zu entwickeln. – Das gemeinsame Mahl steht erst am Ende dieses Prozesses und nicht am Anfang, wie es jetzt Kirchenführer vorschnell fordern und mit abstrusen Regeln (Normen) durchsetzen wollen.

Für ein neues Normal brauche ich und vielleicht auch unsere Gesellschaft wohl noch was Zeit – und eine Sicherheit, dass das Virus therapierbar ist.

Das Gebet von Reinhold Niebuhr passt in unser Suchen:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

GS 29. April 2020

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