Mittendrin: Gott

Mittendrin: Gott

12. Juni  11. Sonntag im Jahreskreis C – 2016 
Evangelium: Lukas 7,36-8,3

In diesem Evangelium ist doch mal alles drin und dran, was unsere Welt heute auch auszeichnet: Pharisäer, Prostituierte, Geldverleiher, von Geistern besetzte Menschen, Kranke, Beamtenfrauen, und da mittendrin der Sohn Gottes. Die menschgewordene Wirklichkeit Gottes im wahrsten Sinn des Wortes mittendrin. Gott, schonungslos eingebunden in einer Welt, wie sie realer nicht dargestellt werden könnte.
Wie auch schon am vergangenen Sonntag werden wir heute wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Gott gegenwärtig ist im Konkreten, im Unbereinigten, im Weltlichen. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass er gerne genau in dieser Wirklichkeit, in dieser Welt gegenwärtig ist. Ja, Gott ist gern in der Welt des ungeschönten Seins. Genau da, wo das Leben ist, wie es ist, genau da ereignen sich die Wunder der Liebe. Gott packt die Welt nicht mit spitzen Fingern an, er sucht sich nicht die Rosinen aus dem Kuchen. Er sucht – und er findet – das Wunderbare, das Liebenswürdige, das Vorbildhafte im Verstrickten, im Sündigen, im Beladenen. Der gesetzesgläubige Pharisäer, der – wir wissen eigentlich gar nicht warum – den ungeliebten Jesus zu Tisch bittet; der Geldeintreiber, der – warum eigentlich – uneigennützig die Schulden erlässt; die Prostituierte, die – man glaubt es kaum – voller Sehnsucht nach Liebe ist; die Besessene, die – wer immer sich da überwinden musste – sich berühren lässt; die Staatsverdiener, die – man staune – ihre Frauen nicht gängeln. Sie alle sind Bild einer unvollkommenen Welt. Jesus maßregelt keine und keinen von ihnen, er kommt ihnen nahe und entlockt ihnen das Gute.
Und ich heute (vielleicht auch ihr): ich staune, dass Gott kein Ort, keine Situation, kein Mensch zu weltlich, zu unvollkommen ist, als dass er dort nicht mit Lust und Zuversicht einkehren mag. Die Welt, in der Gott zu finden ist, ist nicht sauber und überschaubar eingeteilt in Gut und Böse. Das Bild Gottes von dieser Welt ist kein Dualistisches. Gott solidarisiert sich nicht mit den einen um die anderen beiseite zu stoßen. Im Gegenteil: Er kehrt ein, nimmt teil und sucht so lange, bis er im Endlichen das Ewige findet, im Besessenen das Suchende, im Kranken das Heile, im Schuldhaften das Liebenswürdige, im Gewinnsüchtigen das Mitfühlende sieht. In der Welt, in der Gott ist, verändern sich die Dinge, die Sachverhalte; und viel wichtiger: die Menschen ändern sich.
Es ist nicht so, dass sich erst die Welt häuten, reinigen, umkehren muss, damit Gott ankommen kann. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Da, wo Gott hinkommt, verkehren sich die Verhältnisse und mit ihnen die Menschen.
Wir haben von Pharisäern ein vorgeprägtes Bild, eigennützig seien sie gewesen, blind gesetzestreu und selbstverliebt. Auch die Bilder von Huren und Dirnen in unseren Köpfen sind selten liebevoll und es gibt, glaube ich, mehr Witze über Beamten als Beamte selbst; und auch Besessene, heute würden wir vielleicht etwas höflicher sagen: Behinderte, sie müssen nicht selten in der Gesellschaft gegen Vorurteile ankämpfen. Aber genau die, von denen unsere Welt, unsere Gesellschaft vorgeprägte, oft misslich gestimmte Bilder im Kopf hat, sind im heutigen Evangelium diejenigen, die sich offen gezeigt haben für die Gegenwart Gottes. Das alles sagt Wichtiges aus über die Menschen; es sagt etwas aus über Gott. Vor allem aber ist es eine Anfrage an uns, inwieweit unser Weltbild, unser Menschenbild und unser Gottesbild einer Korrektur bedarf.

Christoph SimonsenPredigten

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