Es braucht eine andere Kirche

Wozu braucht es Glaubensgemeinschaften? Welchen Zugewinn an Lebenssinn und Lebensqualität hat ein Mensch, der sich einer Gemeinschaft von Glaubenden anschließt? Als erstes würde man vielleicht sagen: Ein solcher Mensch ist nicht allein; er darf sich aufgehoben wissen in einer solidarischen, einander tragenden Gemeinschaft. Als zweites wäre wohl der Gedanke da: Jeder und jedem ist der Zuspruch gewiss: da ist ein Gott, der ihr und ihm vorbehaltlos zugetan ist.
„Schön wär’s“, sagen allerdings heute viele andere, die sich enttäuscht, entsetzt, angewidert abwenden, weil sie genau gegenteilige Erfahrungen gemacht haben oder leidend immer noch machen. Gründe dafür gibt es genügend: Eine Minderheit von mehr oder weniger im Leben stehenden Männern sieht sich von Gottes Gnaden her berechtigt, über Privatestes der Menschen urteilen zu können. Das Gebaren der Hirten, die ihr Dien-Amt in einer Weise verstehen, dass hinter dem Amt der Mensch total verschwindet, trägt auch nicht gerade dazu bei zu erkennen, dass sich das Göttliche gerade im Menschlichen offenbart. Was im Augenblick in unserer Kirche passiert, ist mit Worten eigentlich gar nicht mehr zu beschreiben. In Rom entscheiden 280, die Lebensmitte zumeist schon längst überschrittene Männer – und nur Männer – über das, was Jugendliche und junge Erwachsene zu interessieren hat; eine päpstliche Behörde, die sich „Bildungskongregation“ nennt, verweigert ein offenes und verantwortetes Forschen in der Theologie und bezeugt damit eindringlich, dass ihr die Bildung von Menschen schnurzpiep egal ist; ein deutscher Bischof setzt private Beziehungen zur Landesregierung ein, um einen Mann – wieder also ein Mann – seines Vertrauens (der auch noch aus seinem Bistum kommt) in einer theologischen Fakultät einzuschleusen und diskreditiert damit nicht nur einen anderen Wissenschaftler sondern auch das Entscheidungsgremium einer ganzen theologischen Fakultät. Das alles wird dann zugekleistert mit Sonntagssprüchen wie, man müsse sich vom Klerikalismus verabschieden und weltoffener den Lebenswirklichkeiten der Menschen entgegenschauen.
Ihr seht, ich rege mich maßlos auf und ehrlich gesagt, macht mir diese Kirche, die doch eine einfühlsame und auf Gott vertrauende Religionsgemeinschaft sein möchte, heute nicht nur Bauchschmerzen, sie bereitet mir geradezu Magengeschwüre. Da wundert man sich, dass die katholische Kirche immer überflüssiger wird in einer Gesellschaft, die so viele existentielle Fragen umtreibt und jede Unterstützung gebrauchen könnte, in der Sorge, das Menschliche nicht zu verlieren. Eine Religionsgemeinschaft: offen, einladend, zur Suche einladend, was Leben lebenswert macht, ist heute notwendiger denn je. Menschen zu verbinden, sie zu stärken in ihrer Persönlichkeit, ihnen in der Sinnsuche begleitend, nicht bevormundend zur Seite zu stehen. Auch in der Wissenschaft ist die Kirche alles andere als überflüssig. Sie könnte ermutigen, frei zu fragen und zu suchen, was dem Menschen wohl tut, was die Schöpfung Gottes lebendig hält; sie könnte vorangehen in der Gewissheit, dass wir keine Angst zu haben bräuchten im Blick auf die Zusage Gottes, mit uns zu gehen. Aber was macht unser Verein? immer genau das Gegenteil von dem, was ihre Stärken sein könnten. Sie isoliert sich selbst, bevormundet Gott und die Welt und kreist selbstverliebt um die, die sich Hirten nennen.
Ich erlaube mir heute, so impulsiv zu schnauzen und zu kritisieren, weil mich Bartimäus dazu ermutigt. Er schreit hinter Jesus her, und dabei ist ihm die wohlfeine Gemeinschaft der Jünger völlig egal. Was die von ihm denken, wird schnell klar; ruhig soll er bleiben, seiner Rolle gemäß am Rand stehen bleiben. Aber Bartimäus ist sich sicher, dass er dazu gehört, zur Gemeinschaft der von Gott Geliebten. Da mögen die etablierten Jünger sich noch so sehr darüber aufregen und versuchen, ihn mundtot zu machen. Bartimäus lässt sich nicht rauskicken. Blind, wie er ist, weist er die Gemeinschaft der Getreuen zielstrebig darauf hin, woran es ihnen mangelt: An dem Selbstverständlichsten, was Gott dieser Welt geschenkt hat, dass nämlich alle in gleicher Weise teilhaben an seiner Gnade und dass diese Teilhabe verpflichtet zu einer von jeglicher Rangordnung befreiten menschlichen Gemeinschaft. Sehvermögen, Hörvermögen, Mobilität ist wesentlicher Bestandteil dafür, teilhaben zu können am Ganzen. Und Bartimäus ist sich gewiss, als einzelner zur Gesamtheit dazuzugehören. Die Jünger Jesu bezweifeln das. Sie wollen ihn mundtot machen; erst durch die Intervention Jesu lassen sie sich eines Besseren belehren. Das muss man ihnen immerhin lassen: sie sind lernfähig. Jesus macht den Jüngern unmissverständlich klar: Der Schreihals gehört dazu, ohne ihn ist die Gemeinschaft nicht komplett. Der Aufschrei des Bartimäus: „Ich will wieder sehen können“ und der darin beinhaltende Wunsch, teilhaben zu können an der Gemeinschaft, verhallt nicht ins Leere. Jesus hört ihn und die Jünger müssen ihn respektieren.
Diese Glaubensbotschaft ermutigt mich, aufzuschreien. Aber einer allein genügt nicht. All die bisher still-Gestellten, die Abgewandten, die außen-vor-Stehenden, die von der Gemeinschaft Ausgesonderten: Sie müssen aufschreien, damit die zur Jüngerschar gehörenden aufmerken und umdenken, umschwenken. „Hab Mut, steh auf, er ruft dich“. Die Glaubensgemeinschaft muss erkennen, dass genau die auch dazu gehören, die von ihnen bisher links liegen gelassen wurden. Ansonsten… Aber das will ich mir gar nicht vorstellen. Irgendwie vertraue ich dann doch auf den, dessen Frage mich bis heute bewegt und berührt: „Was willst du, das ich dir tun soll,“ und geb die Hoffnung nicht auf, dass die inzwischen so blind gewordene Kirche den Mut hat, die Bitte auszusprechen: „Herr, ich will wieder sehen können“.
Christoph Simonsen

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