Denk ich ans Universum in der Nacht

… (frei nach H.Heine)
Wenn der Tag zu Ende geht und ich versuche, die Anstrengungen des Tages so langsam abzulegen, wenn ich im Bett liege und die Gedanken immer noch kreisen, dann wird mir bewusst, dass ich der Sehnsucht der Welt, die nach Gerechtigkeit und Frieden schreit, nicht gerecht geworden bin – wieder einmal. Da wird mir dann wieder einmal klar, ich werde ihr wohl auch nie gerecht werden können. Jeden Tag aufs Neue erfahre ich, dass ich unvollkommen bin und die Welt auch leiden muss, weil ich so bin, wie ich bin. In dieser Welt zu leben ist und bleibt eine Zumutung, denn diese Welt ist unvollkommen und ungerecht, nicht zuletzt deshalb, weil ich so bin, wie ich bin: Ich werde der Welt nicht gerecht.

Auch in vielen christlichen Zirkeln, Gruppierungen, ja sogar letzte Woche in der Vollversammlung der Bischofskonferenz, überall diskutieren Menschen, wie diese Welt eine Bessere werden kann und wie unser Beitrag aussehen könnte dazu, dass die Menschen respektvoller, anerkennender miteinander leben. Diese Aufgabe scheint immer unlösbarer zu werden, weil oft die Geduld fehlt und der Mut. Natürlich gab und gibt es immer wieder Persönlichkeiten, die sich nicht resigniert zurücknehmen; in den Kirchen nennen wir sie: Heilige oder Selige, die gegen den Strom der Gesetzmäßigkeiten angehen und sich nicht mit dem Ist-Zustand der Welt zufrieden geben. Und selbstverständlich gibt es solche Idealisten nicht nur in den Kirchen, Gott sei es gedankt. Aber, nüchtern betrachtet, ist die Welt nicht wirklich heiler geworden, auch trotz so vieler wohlmeinender Persönlichkeiten.

Im heutigen Evangelium stellt Jesus den Hohenpriestern und den Ältesten die Dirnen und Zöllner entgegen. Warum tut er das? Menschen so bloßzustellen und in ihrer Unvollkommenheit so brachial zu entlarven. Ganz im Gegensatz seiner sonstigen Bemühungen, doch eigentlich Brückenbauer zu sein, trennt er heute, spaltet er. Er mutet den hohen Herren, die ansonsten anerkannt und gefürchtet sind, zu, sich die Dirnen und Zöllner zum Vorbild zu nehmen.

Sein Vorwurf ist evident: Die hohen Herrn (und Damen?) haben sich bequem eingerichtet und ihren Glauben den Verhältnissen angepasst. Sie haben Gottes Bild so lange zurecht gestutzt, bis er in ihr System hineingepasst hat. Um sich nicht den Anstrengungen auszusetzen, sich selbst in Frage zu stellen und stetiger Erneuerung gegenüber offen zu bleiben, haben sie ihr Bild von Gott und der Welt nahezu krankhaft verbogen, so lange, bis sie im Licht standen und die anderen eben im Dunkeln. So, wie die Hohenpriester und die Ältesten die Welt sahen, so war sie nicht und so ist sie nicht. Jesus entlarvt die Hüter des Glaubens als weltfremde und gottferne Individuen. Die heutige Situation ist da durchaus vergleichbar. Da sind nicht wenige, die uns vorgaukeln wollen zu wissen, wer und was gut und rein ist, wer wohin gehört und wie eine gottgnädige Weltordnung auszusehen hätte. Sie alle malen sich ihre Welt und radieren aus, was nach ihren Vorstellungen  nicht hineingehört.

Jesu Botschaft ist da wieder einmal eine revolutionär andere. Für ihn sind die Verachteten, die Missachteten die wirklichen Weltgestalter. Was für eine Botschaft! Menschen, für die das Leben kein Zuckerschlecken ist, die ihr Leben nicht glatt bügeln, sind die Vorbilder Jesu. Und das deshalb, weil sie ihr Leben in dieser konkreten Welt angenommen haben, mag es noch so problematisch und kompliziert sein. Sie leugnen nichts, weder ihre eigene Unvollkommenheit noch ihr Eingebunden sein in einer Welt, wie sie gespaltener nicht sein könnte.

Machen wir nicht auch immer wieder die Erfahrung, dass nur die Menschen den Mut haben, barmherzig und tolerant zu sein – auch und gerade in einer unbarmherzigen und intoleranten Welt, die uns ehrlich begegnen. „Ehrlich währt am Längsten“, heißt es in einem Sprichwort; nur ein ehrlicher Mensch ist auch des Lernens, ja der Umkehr fähig, so wie eben der zweite Sohn im vorgestellten Gleichnis.

Zur Ehrlichkeit gehört eben auch die Tatsache, dass das Leben in unserer Welt eine Zumutung ist, denn sie ist nicht so, wie sie sein sollte und könnte. Wer sich dieser Zumutung entziehen möchte, sei es, weil er die Augen verschließt vor der Realität, sei es, weil er diese Welt mit der Brechstange der Selbstherrlichkeit und der Selbstüberschätzung verändern möchte, wer immer sich dieser Welt entziehen möchte, er verschließt sich der Chance, Gott in gerade dieser Welt zu entdecken.

Ich mag manchmal schlecht schlafen angesichts der Verrücktheiten in unserer Welt, aber lieber unruhig schlafen als schlafen den Schlaf der Gerechtigkeit. Eine solche in den Schlaf wiegende Gerechtigkeit würde den Tod all derer nach sich ziehen, die heute noch nach Gerechtigkeit schreien.

Christoph Simonsen – Predigt zum 1. Oktober 2017

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