Das Risiko der unbequemen Mahner*innen

Da wird der Parteivorsitz der SPD plötzlich als “riskantester Politikjob” (Zeit-Online) bezeichnet.
Was macht einen Parteivorsitz risikoreich?
Ist es die Aufgabe der Integration und Leitung? Die Abhängigkeit von Stimmen und Stimmungen der Basis? Der Druck, geradezustehen für eine Politik, die von der Regierung gemacht wird? …
Oder ist dieser Job risikoreich, weil er erfordert “unbequeme Wahrheiten” zu verkünden und eine Vision von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität (Schrift am Eingangsportal der Parteizentrale) zu haben, aufrecht zu erhalten und immer wieder neu zu verkünden? Damit macht man sich nicht nur unbeliebtbei den (Volks-)Genossen und Glaubensgeschwistern, sondern läuft auch Gefahr gehasst, gestalkt, vertrieben, verfolgt, ja sogar mit dem Tode bedroht zu werden
Die Propheten in den biblischen Schriften des Alten Testamentes gingen dieses Risiko immer wieder ein, als unbequeme Mahner, als Deuter des Weltgeschehens und Erinnerer der göttlichen Gesetze. Sie verkündeten die Vision einer von Gott inspirierten und durch die Geschichte solidarisch begleiteten Volksgemeinschaft, die sich als Gottes auserwähltes Volk sah und zu einem Leben in Freiheit und Gerechtigkeit berufen war.
Diese Männer -und nur diese dokumentierten oder ließen von ihren Schülern ihre Botschaft niederschreiben, wobei die Geschichte des Volkes Israel auch prophetische Frauen wie Mirjam, die Schwester des Mose, die gleichberechtigt mit ihren Brüdern Mose und Aaron das Volk leiteten kennt- waren Leute aus dem Volk (griechisch Laos = Laien) keine Priester oder angestellte Hofpropheten.
Das gab ihnen existenzielle Freiheit, machte die Aufgabe aber schwieriger, weil Ihnen der Zugang zu den Kommunikationszentren und -Medien des Königreiches verwehrt war. Sie verkündeten also ihre Botschaft in den Zentren des Reiches auf den Versammlungsplätzen und Treffpunkten. Unermüdlich erinnerten sie an die Befreiung aus der Sklaverei und dass sich das Volk Israel und seine politischen Führer damit Gottes Führung und dem Leben nach den göttlichen Geboten verpflichtet hatten. Stattdessen wandten sich diese anderen Göttern zu, etablierten ausbeuterische Strukturen und handelten autokratisch.
Amos, ein Schafzüchter, verkündet daher im Auftrag Jahwes, des Gottes, der immer bei seinem Volke ist:

Ich, der HERR, fordere euch Israeliten auf: Kommt zu mir zurück, dann bleibt ihr am Leben! Ihr treibt mit der Gerechtigkeit Schindluder, ihr tretet das Recht mit Füßen! Ihr hasst jeden, der vor Gericht für das Recht eintritt, und wer die Wahrheit sagt, den verabscheut ihr. Von den Ärmsten nehmt ihr Pachtgeld und verlangt auch noch Getreideabgaben.
Ja, ich weiß, wie viele Verbrechen ihr begangen habt und wie groß eure Schuld ist. Ehrliche Menschen bringt ihr in Bedrängnis, ihr nehmt Bestechungsgelder an und lasst die Armen vor Gericht nicht zu ihrem Recht kommen.
Wer klug ist, der schweigt in dieser schlimmen Zeit.
Setzt euch für das Gute ein, allem Bösen aber kehrt den Rücken! Dann werdet ihr leben, und der HERR, der allmächtige Gott, steht euch bei.
Ja, hasst das Böse, liebt das Gute! Verhelft vor Gericht jedem zu seinem Recht! Vielleicht erbarmt sich der HERR, der allmächtige Gott, doch noch über euch. (Amos 5)

Die Propheten waren nicht korrumpierbar. Man konnte sie Einsperren, Foltern, sie isolieren, mit dem Tod bedrohen, aber in ihrer Botschaft waren sie unbeirrbar und mutig, um den Willen Gottes zu verkünden, auch wenn sie manchmal an der Ignoranz von Volk und Machthabern verzweifelten.
Dieses Standing und dieses Gottvertrauen auf göttliche Führung, der für die Menschheit ein Leben in Fülle will Joh 10,10) wünsche ich mir für die Mahner und Verkünder unbequemer Wahrheiten, für die Visionäre und Verantwortungsträger. Risikoreich sind unsere Entscheidungen für die Zukunft ohnehin.

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