Biblisch inspirierte Ansprachen

zu Johannes 10:
Ich aber bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen, das Leben in seiner ganzen Fülle.

Um es gleich vorweg zu sagen, diese Zusage Jesu „ Ich bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen, das Leben in seiner ganzen Fülle.« gehört zusammen mit der Vater-Unser-Bitte „Dein Wille geschehe“ zu den Reibe- und Hoffnungssätzen für mein Leben als Christ. Seit nun mehr als 50 Jahren begleiten sie mich und sind gleichzeitig Herausforderung und Hoffnung.

Johannes schreibt sein Evangelium 50 Jahre nach Jesu Tod für eine Gemeinde, die in einem multireligiösen Umfeld lebt und Antworten sucht worauf sie vertrauen kann, was ihrem Leben den besonderen, Mut machenden Sinn gibt. Sie fragen sich:
Wer ist dieser Jesus von Nazaret in Wahrheit und welche Bedeutung hat ausgerechnet er?
So sind die selbstbezeichnenden ICH-BIN-Worte (der Weg, die Wahrheit und das Leben) und das Gleichnis vom Guten Hirten als Antwort auf diese Grundfrage der Jünger und der christlichen Gemeinden zu verstehen.

An vielen Stellen der Evangelien begegnet Jesus dem Unverständnis der Menschen mit seiner Botschaft. Deshalb nutzt er Gleichnisse (der Evangelist nennt sie „Rätselrede“) aus der Lebenswelt seiner Zuhörer. Häufig sind seine Vergleiche der Landwirtschaft, der Fischerei oder dem Handel entnommen. Diese Gleichnis-Sprache unterscheidet Jesus von der eher juristisch oder philosophisch geprägten Sprache der Schriftgelehrten.

Im gesamten Orient war der Hirte ein weitverbreitetes Bild für den göttlichen und menschlichen Herrscher. Für Israel dagegen ist allein GOTT* der einzige und wahre Hirt seines Volkes.
Die wenigsten Christen heute haben mit Schafszucht und Landwirtschaft zu tun und so weckt diese biblische Bildsprache Assoziationen von dummen, blökenden Schafen und treusorgenden Hirten, die mit Hilfe ihrer Hunde die Schafe zusammenhalten und vor dem Feind, nämlich den Dieben und Wölfen und falschen Hirten außerhalb des Geheges schützen. Der Schafstall und das Schafsgehege sind der sichere Ort, der Save Place für die Gefahren, der die Herde außerhalb ausgesetzt ist.
Diese Bilder fanden nicht nur Eingang in die Christliche Kunst, sondern auch in die kirchliche Ordnungs- und Amtssprache, wenn von Hirten und Oberhirten als Synonym für Priester und Bischöfe auf der einen Seite und gläubigen Schafen als eher unmündigem Kirchenvolk auf der anderen Seite geredet und geschrieben wird. Z.B. in „Hirtenbriefen“, eine Art Newsletter zum Umgang mit den Gefahren außerhalb der Kirche, in der Welt.
Auch die Schäferhunde fanden Eingang in diese Kirchensprachwelt. So leiten die Dominikaner zwar ihren Namen vom Ordensgründer Dominikus ab, aber insbesondere während der Inquisition, die den Dominikanern zur Durchführung im päpstlichen Namen aufgetragen wurde, wurden die Inquisitoren von den verfolgten Reformatoren Domini Canes (Hunde des Herrn) genannt.
Und auch das Schafsgehege um den Schafsstall finden wir in der Kirchenamtssprache: ein umzäunter Bezirk heißt im Griechischen paroikia, vom dem unser Wort Pfarrei abgeleitet ist.

Das Gleichnis vom guten Hirten und den Schafen ist eingebettet in die Dauer-Auseinandersetzung Jesu mit den Schriftgelehrten und Pharisäern um die Deute-Hoheit des Willens Gottes mit seinem auserwählten Volk:
Wessen Auslegung der Gebote kann man glauben und vertrauen?
wie lebe ich diese Gebote, um den Willen Gottes zu tun?

Die Schriftgelehrten und Pharisäer waren eine religiöse Elite mit großem Einfluss auf den Tempelkult und die religiösen Machthaber.
Jesus war gegen diese etablierten religiösen Lehrer nur ein charismatischer Wanderprediger, ein Laie ohne Amt, der sich von GOTT* berufen fühlte den Willen GOTT*es zu einem Leben in Gerechtigkeit und Liebe zu verkünden und glaubwürdig zu leben. Er wollte die an GOTT* Glaubenden und auf ihn Vertrauenden wieder mit GOTT* versöhnen, um so das GOTT*es Reich, die neue Weltordnung zu verwirklichen.
Seine Botschaft ist:

Dem Guten Hirten geht es um die Schafe, um ihr Wohl;
den Dieben und Räubern geht es um die Ausbeutung der Schafe zu ihrem eigenen Wohlstand.
Der Gute Hirte kennt und sorgt sich um jedes Einzelne seiner Herde.
Die Diebe und die schlechten Hirten interessiert nur deren Verwertbarkeit zum eigenen Nutzen.

Der Gemeinde des Johannes und auch uns heute soll das Bild des Guten Hirten Orientierung geben in den philosophisch –theologischen Richtungsstreitigkeiten in einer multireligiösen Welt und den damit einhergehenden Heilsversprechungen und Machtansprüchen.
Wer Jesus nachfolgt und seine Botschaft vom GOTT*es Reich glaubt und entsprechend lebt, wird nicht Dieben, Räubern und falschen Hirten hinterherlaufen. Gemeint sind selbsternannte „Erlösergestalten“, die mit falschen Heilsversprechen und –ansprüchen auftreten.

Ein Beispiel dafür war in den vergangenen Wochen die Reaktion von Donald Trump auf die Friedensmahnung und die Abgrenzung Papst Leo’s, dass sich niemand für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf GOTT* berufen kann.
Trump veröffentlichte daraufhin ein KI-generiertes Bild von sich als heilendem Jesus im Nazarener-Stil. Die Botschaft war klar „ich bin der wahre Erlöser der Welt!“

Im Evangelium des Johannes ist „LEBEN“ ein Schlüsselwort, das Jesus auszeichnet. Es steht im Vorwort, dem Prolog des Evangeliums Joh 1,4: „in ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen“. Dann in der Mitte des Evangeliums Kapitel 10 –wie eben gehört-: „Ich aber bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen, das Leben in seiner ganzen Fülle.«
und im Schlusskommentar des gesamten Evangeliums in 20,30f: „wenn ihr festbleibt im Glauben, habt ihr durch ihn das wahre Leben“

Der verwendete Ausdruck „zoä“ statt „bios“ meint eine andere Qualität dieses Lebens als bloß das biologische, das physische Leben.
„Zoä“ steht für gottgeschenktes Leben, in einer tieferen, spirituellen Dimension, also einem Leben aus der Verbundenheit mit GOTT* – theologisch als Ewiges Leben bezeichnet. Wobei „ewig“ keine zeitliche Bezeichnung ist, sondern qualitativ und quantitativ gemeint ist.
Wir, also die, die heute Jesus, dem zum Leben Erweckten folgen und die seiner Botschaft vom GOTT*es Reich glauben wollen, müssen uns jede und jeder einzeln der Frage stellen,
was für uns dieses „wahre Leben, das Leben in seiner ganzen Fülle“ bedeutet,
wo wir es ansatzweise erleben
und welche Hoffnung wir damit verbinden.

GS 25. April 2026

Zu Kohelet 1 und Lukas 12
„Jesus spricht vom materiellen Überfluss und warnt vor Neid und Habgier, denn das hält uns ab „vor Gott reich zu sein“, d.h. sich zu engagieren für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens, in der es allen gut geht und in der alle „Leben in Fülle haben“ wie es im Johannesevangelium heißt.“

Da macht einer, der mit viel Mühe sich Wissen, Besitz, Erfolg und Macht erworben hat (er nennt sich König in Israel, was aber eine literarische Fiktion ist, um an der Autorität des weisen Salomon anknüpfen zu können), dieser Weise also macht sich Gedanken darüber, ob seine Nachfahren diese Mühe und Arbeit überhaupt zu schätzen wissen, oder ob sie nur nach Reichtum und Macht gieren. Und auf sich selbst blickend stellt er fest, dass ihm dieser Besitz auch nur Sorge, Ärger und schlaflose Nächte einbringt.

Wahrscheinlich war er, was man aus seinem Namen schließen kann, ein etablierter Philosoph und Lehrer im politisch-religiösen Machtzentrum Jerusalem vor 2300 Jahren. Er ist auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens, des Lebens in das er hineingeboren ist und an dessen Ende der alle gleichmachende Tod steht. Er kennt und reflektiert die orientalischen Weisheiten und Philosophien seiner Zeit, aber es befriedigt ihn nicht. Wenn alles eher zufällig ist (im wahrsten Sinne des Wortes), oder wie Kohelet es ausdrücken würde „Windhauch“, was bleibt dann als Sinn und Ziel seines/ unseres Lebens; wenn doch mit dem Tod alles aus ist und nur die Hoffnung darauf bleibt, dass es jenseits des Todes bei Gott (und an dessen Zuneigung zu den Menschen glaubt er), dass es erst jenseits des Todes eine Würdigung der Lebensverdienste gibt und auch eine Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht. (So auch sein Zeit- und Glaubensgenosse Hiob).

Während Kohelet in seinem öffentlichen Philosophieren meist fast depressiv daherkommt, ist sein Schluss aus all dem überraschend pragmatisch und lebensbejahend: Lebe jetzt und hier und genieße das, was Du von Gott geschenkt bekommen hast und Dir erarbeitet hast. Oder mit seinen Worten einige Verse später:

Ich hatte erkannt:

3,12 Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt,

13 wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, das ein Geschenk Gottes ist.

——

Drei Jahrhunderte später, Habgier und Streben nach Reichtum und Macht bestimmt immer noch die Gesellschaft, und so wird auch Jesus von seinen Volksgenossen mit der Frage des Besitzes konfrontiert.

Er, der genau wie sein Cousin Johannes als Wanderprediger durch die Gegend zieht ohne persönlichen Besitz und ganz auf die wohlwollende Unterstützung der ihm Begegnenden und ihm wohlgesonnenen Menschen angewiesen ist. Er grenzt sich von dieser Zumutung ab. Statt als Streitschlichter diesen individuellen Fall zu klären, wertet er das dahinter stehende Motiv: „Hütet Euch vor jeder Art von Habgier!“ und ich würde ergänzen Neid, denn das ist der Vorläufer der Habgier.

Und dann wird er noch radikaler: „Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.“

Spätestens da sind auch wir Bewohner der westlichen Industrienationen angesprochen mit unserem relativen Reichtum und unserem materiellen Überfluss und individualistischen Denken. Unsere Brüder und Schwestern in den Armenhäusern dieser Welt könnten von uns fordern diesen Reichtum, das gemeinsame Welt-Erbe zu teilen, denn letztlich ist ja nicht unser Verdienst, dass es uns überwiegend mehr als materiell gut geht.

Jesus spricht hier vom materiellen Überfluss und warnt vor Neid und Habgier, denn das hält uns ab „vor Gott reich zu sein“, d.h. sich zu engagieren für eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens, in der es allen gut geht und in der alle „Leben in Fülle haben“ wie es im Johannesevangelium heißt.

Was verbindet nun das Denken des Kohelet mit der Botschaft Jesu?

Es ist die Zufriedenheit mit dem, was mir  an Wissen, Können  und Vermögen zufällt, was ich mir erarbeite oder erwerbe. Ich soll  es als Geschenk begreifen und mit anderen teilen, um so gemeinsam ein gutes, ein glückliches Leben zu führen.

In der Vision des Buen Vivir der indigenen Völker Lateinamerikas, die genau dies als nachhaltiges Lebens- und Politikziel beschreiben wird diese biblische Botschaft aktualisiert. Das „Buen Vivir“ stellt das menschliche Zusammenleben nach ökologischen und sozialen Normen ins Zentrum seiner Philosophie. Gutes Leben bedeutet in diesem Kontext mehr als wirtschaftliches Wachstum und materieller Wohlstand. Zentral ist ein gemeinschaftliches Leben im Einklang mit und nicht auf Kosten der Natur und anderer Menschen sowie die Wahrung kultureller Identitäten.

Diese Vision hat die Vereinten Nationen im vergangenen Jahr bei der Fortschreibung der Weltentwicklungsziele, den so genannten Millennium Goals wesentlich beeinflusst.

Leben in Fülle – Buen Vivir,  lasst uns dafür arbeiten und es als Gottesgeschenk genießen.

Denn wie schreibt Kohelet vor 2300 Jahren: „Immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, ist das ein Geschenk Gottes.

GS

Denk-mal an Dich! – Anna-Oktav 2025

Als mir dieses Thema von der Vorbereitungsgruppe der diesjährigen Anna-Oktav aufgetragen wurde, dachte ich spontan: Das ist doch gerade das große Problem unserer individualistischen Gesellschaft, dass alle nur noch an sich denken. Und so erleben wir Egoismus, und Endsolidarisierung, auch oder vielleicht gerade in einer Gesellschaft, die sich gerne auf christlich-jüdische Werte beruft.
Wenn ich es aber positiv sehe, steckt im Thema die Aufforderung aufmerksam zu sein und wahrzunehmen was ich zum Leben brauche, wachsam zu sein, wie sich diese Welt und unsere Gesellschaft entwickelt und meinen Platz in ihr zu finden. Und für mich als Christ bedeutet es auch mich meiner Beziehung zu GOTT* dem ICH-BIN-DA bewusst zu werden und welche Konsequenzen dies für mein Leben in dieser Welt und in dieser Zeit hat.

Das Matthäus-Evangelium erzählt über den Kern der Botschaft Jesu und seinen Auftrag an uns Christen:

M  Lesung: Mt,22,37-40

Jesus antwortete auf die Frage eines Schriftgelehrten, der seine Rechtgläubigkeit auf die Probe stellen wollte, was denn das wichtigste Gebot sei:

»›Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!‹

38 Dies ist das größte und wichtigste Gebot.

39 Aber gleich wichtig ist ein zweites: ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!‹

40 In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

G – „wie Dich selbst“ überhören, bzw. überlesen wir oft, insbesondere wenn es um unser Engagement für andere, für die Nächsten, für unsere Gesellschaft geht.
Also GOTT*es Liebe, Nächstenliebe und Selbstliebe werden von Jesus als höchste biblische Gebote verkündet. Diese Liebe sollen wir leben „von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand“

Es geht für uns Christenmenschen in unserem Liebesmühen um eine Balance zwischen diesen 3 Polen Gott -Du –Ich oder anders gesagt: Die totale Hingabe an GOTT* oder der reine Altruismus oder purer Egoismus sind nicht der Wille GOTT*es mit uns Menschen, sondern diese 3 Ausrichtungen unseres Lebens sind von uns miteinander in eine ausgewogene Beziehung zu bringen.

Aber wie und wo finde ich diesen Ausgleich, diese Balance? Was hilft mir?

Von Jesus wird berichtet, dass er sich Rückzugszeiten und -Räume genommen hat. Dazu verließ er die Gemeinschaft der Freundinnen und Freunde, mit denen er seinen Weg und sein Leben teilte, um in Ruhe nachzudenken und zu beten. Er suchte die Einsamkeit und Stille, um sich der Nähe GOTT*es zu öffnen und mit ihm zu kommunizieren im nachdenkenden Gebet.

Diese Rückzugszeiten und die Kraft, die Jesus offensichtlich aus dem Gebet schöpfte war ansteckend. Sie weckte bei den Jüngerinnen und Jüngern den Bedarf nach einer solchen Spiritualität.

Wir lesen darüber im Lukas-Evangelium:

M  Lesung: Lk 11,1-4

1 Einmal hatte sich Jesus zum Gebet zurückgezogen. Als er es beendet hatte, bat ihn einer der Jünger: »Herr, sag uns doch, wie wir beten sollen! Johannes hat es seine Jünger auch gelehrt.«

2 Jesus antwortete: »Das soll euer Gebet sein: Vater! Mach deinen Namen groß in der Welt! Komm und richte deine Herrschaft auf!

3 Gib uns jeden Tag, was wir zum Leben brauchen.

4 Vergib uns unsere Verfehlungen, denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig geworden sind. Und lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden.«

G – Christinnen und Christen beten so bis heute hin bei ihren gottesdienstlichen Versammlungen.

Aber denken wir uns immer etwas dabei? Oder ist es wie bei so mancher Gebets-Routine –z.B. dem Rosenkranz-, dass wir das Gebet herunterleiern, ohne uns wirklich der Nähe GOTT*es bewusst zu sein? Davor warnt schon Jesus im Matthäus-Evangelium seine Jüngerinnen und Jüngern:

M – Leiere nicht gedankenlos Gebete herunter wie Leute, die Gott nicht kennen. Sie meinen, sie würden bei Gott etwas erreichen, wenn sie nur viele Worte machen.

G – Jesus scheint sich in seiner GOTT*eskommunikation nicht an feste Gebetszeiten gehalten zu haben, sondern seine Rückzugszeiten waren eher situativ, wenn er das Bedürfnis hatte allein zu sein mit GOTT*. Oder wenn ihm das menschliche Gedränge und die Erwartungen zu viel wurden. Im Englischen heißt Rückzug retreat und meint eine spirituell gefüllte Auszeit, in der Kirchensprache Latein nennen wir solche Auszeiten Exerzitien.

Rückzug, um sich einzuüben in ACHTSAMKEIT und sich der Nähe GOTT*es bewusst zu werden. – Ohne etwas leisten zu müssen, einfach nur ganz da sein.

Achtsamkeit auf mich und die Welt heißt unserer Lebenssituation, unserer Sorge, aber auch unserer Hoffnung und Freude einen Ort in unseren Gebeten, in unserer Kommunikation mit GOTT* zu geben.

Die daraus erwachsende Kraft und Erkenntnis der Nähe GOTT*es gibt den Suchenden Orientierung, ermöglicht Neuausrichtung und befähigt achtsames Sein und Leben in einer Welt, die im Umbruch ist. Die gemeinsamen humanitären Werte, die daraus resultierenden Rechte und Verpflichtungen werden von Autokraten und nationalen Egoismen ignoriert. Unsere Welt, das gemeinsame Haus ist bedroht von Klimakatastrophen, Hunger, Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und Diskriminierung, Kriegen,…
Dieses wahrzunehmen, aber auch die Sorgen der Menschen und deren Sehnsucht nach Sicherheit, Liebe und Frieden braucht Zeiten und Orte des Nachdenkens und auch des Wahrnehmens der eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte. Zeiten und Orte, um sich der Frage zu stellen, was willst DU, mitgehender GOTT* mit mir in und für diese bedrohte Welt.

Das Vater unser wird dann zum kooperativen Gebet achtsamer und motivierter Christinnen und Christen. Es wird zum Gemeinschaft stiftenden Gebet, zum Bekenntnis und Impuls gemeinsam mit GOTT*diese Welt zu verändern: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“ hier in unserer Lebenswirklichkeit.

Während meines Theologie-Studiums bin ich im Alten Testament auf den weisen, sein ganzes Leben nach dem Sinn des Lebens und nach Glück suchenden Kohelet aufmerksam geworden (-in den protestantischen Bibelübersetzungen wird er Prediger genannt-). Er sieht sich als von GOTT* in die Welt gestellt, um diese entsprechend den göttlichen Geboten zu gestalten. Aber all seine (und auch unsere) Bemühungen empfindet er als nur vorübergehend sinnvoll und wirksam, aber nicht nachhaltig glücklich machend. Oder wie er es formuliert „das alles ist Windhauch“ und so stellt er sich die Frage was letztlich als Sinn des Lebens bleibt und zieht als Fazit:

MKohelet 3

11 Gott hat für alles, was auf der Erde geschieht eine Zeit vorherbestimmt, zu der er es tut; und alles, was er tut, ist vollkommen. Dem Menschen hat er eine Ahnung von dem riesigen Ausmaß der Zeiträume gegeben, aber von dem, was Gott in dieser unvorstellbar langen Zeit tut, kann der einzelne Mensch nur einen winzigen Ausschnitt wahrnehmen.

12 Ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Das Beste, was der Mensch tun kann, ist, sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat.

13 Wenn er aber zu essen und zu trinken hat und genießen kann, was er sich erarbeitet hat, dann verdankt er das der Güte Gottes.

G – Kohelet scheint in seiner Lebensreflexion die Balance von GOTT*es-, Nächsten- und Selbstliebe gefunden zu haben – alles zu seiner Zeit, wie er betont.

Es ist an uns die uns geschenkte Zeit zu nutzen, achtsam unsere Welt wahrzunehmen und zu versuchen den Willen Gottes mit uns zu erkennen. Wir können darauf vertrauen, dass GOTT* mit uns ist, wenn wir seinen Willen ver-wirk-lichen und versuchen die Welt zu einem besseren Ort für alle zu mache.
Und so können wir trotz aller Unvollkommenheit, dieses uns geschenkte Leben in dieser wundervollen Welt genießen!

GS 2. August 2025

Warum ich noch … immer mich für das Reich Gottes einsetze
(Apostelgeschichte 4, 8-21)

Als die Anfrage kam mich an der Predigtreihe unter dem Titel „Warum ich (noch) … „zu beteiligen, klang für mich bei diesem Titel die Satzvollendung „… in der Kirche bin“ mit. Das traf nicht meine Fragen und nicht mein Selbstverständnis. Aber da ja jeder und jedem Angefragten offen stand diesen Titel für sich zu ergänzen möchte ich ihn heute Abend so für mich ergänzen und füllen: Warum ich noch … immer mich für das Reich Gottes einsetze

Dazu ein paar biographische Daten:

Aufgewachsen bin ich als Sohn eines Küsters und Hausmeisters in einer der größten Pfarreien der Stadt Essen.

Mein Lebensraum waren die Andreas-Kirche –wie die Anna-Kirche in den 50er Jahren vom Architekten Schwarz erbaut- und die pfarrlichen Einrichtungen drum herum. Eine katholische Blase mit Priestern, Nonnen, Jugendgruppen, Familienkreisen und allem, was katholisch sein Ende der 50er und in den 60ern ausmachte.

Das Kirchengebäude war für mich nicht nur Gottesdienstraum, sondern manchmal auch Spielplatz, später auch Kunst- und Musikraum – und immer öfter Rückzugs- und Besinnungsort.

Diese enge Verflechtung war auch mein Glaubens-Biotop und hat sowohl mein Kirche-Sein, als auch meinen Glauben nachhaltig geprägt.

Kennzeichnend dafür war die erlebte Gemeinschaft und die Aufbruchsstimmung des 2. Vatikanischen Konzils, die damals Priester wie Laien begeisterte und ein neues Kirchenbewusstsein ermöglichte – dort wo es umgesetzt wurde.

Parallel zu meiner religiösen Sozialisation in Familie und Pfarre wurde ich in meinem Schülerverband, der Katholischen Studierenden Jugend mit dem kritischen und politischen Katholizismus Anfang der 70er Jahre konfrontiert, mit den Ideen der Theologie der Befreiung aus Lateinamerika, mit der Taizé-Bewegung unter dem Leitwort „Kampf und Kontemplation“ und mit der Katholischen Friedensbewegung PAX CHRISTI. Mein Glaube wurde im besten Sinne politisch.

Nach der Schulzeit studierte ich Katholische Theologie als „Nicht-Berufener“, wie uns der damalige Essener Kardinal Hengsbach bei einem Gespräch mit Theologie-Studierenden an der Uni Bochum nannte.

Mein Glaubens-Biotop in dieser Zeit waren die Studierenden-Gemeinden in Bochum und Münster mit Bibel-Gesprächen und alternativen Gottesdiensten mit den Möglichkeiten sich intensiv mit seinen Fragen und mit seinem Glauben einzubringen

Nach dem Studium trat ich dann hauptamtlich in den kirchlichen Dienst als Stadtjugendreferent in Oberhausen, danach 20 Jahre hier in der Regionalstelle Düren als Pfarrgemeinderats- und Erwachsenen-Katechese-Referent und zuletzt 15 Jahre als Studierenden-Seelsorger in Aachen.

Seit 3 Jahren bin ich nun verrentet und beziehe eine kirchlicher Zusatzrente – aber ohne amtliche Verpflichtungen in der Kirche mehr.

Mein Glaube, so wie ich ihn verstehe muss auch alltag-täglich seinen Ausdruck finden in meinem Leben und in meinem sozialen, ehrenamtlichen Engagement. Deshalb war und bin ich seit nunmehr 55 Lebensjahren engagiert in der Eine-Welt-, Friedens- und Ökologiebewegung und in kirchlichen Gruppen der Jugendverbandsarbeit, in Familienkreisen, Pfarrgemeinderatsarbeit und die kirchliche Pastoral und Sozialarbeit fördernden Stiftungen und Vereinen. Seit mehr als 10 Jahren gestalte ich Wort-Gottes-Feiern in der Marienkirche und seit 7 Jahren mit anderen Engagierten die biblisch-inspirierten Gottesdienste Feierabend+ – 5-6 mal im Jahr, freitagabends in St. Marien oder an anderen öffentlichen Orten, und während der Pandemie auch als Online- Gottesdienst im Video-Konferenz-Format.

Warum tue ich das und was habe ich davon?
Das sind legitime Fragen an ehrenamtliches Engagement in Lebenswende-Zeiten wie Familien-Gründung oder dem Eintritt in die Verrentung und auch, wenn der Träger dieses Engagements in seinen Strukturen und seiner Praxis so unglaubwürdig wird, wie die katholische und auch die evangelische Kirche durch die Vertuschung sexuellen und geistlichen Missbrauchs, den Ausschluss sich berufen wissender Frauen von kirchlichen Ämtern, der Segensverweigerung für Paare, die nicht der kirchlichen Norm in ihrer Lebensform und Sexualität entsprechen.
Diese Fragen werden mir auch von Freunden, aus der Familie und von mir wichtigen Personen gestellt.

Deshalb

Eine Selbstvergewisserung:

Drei Kernsätze haben meinen Glaubens- und Lebensweg begleitet und sie sind immer noch Basis meines Engagements:

1.   Die Vater Unser-Bitte: Dein Reich komme und Dein Wille geschehe
seit einer durchwachten Gründonnerstags-Nacht in der Kapelle unserer Jugendbildungsstätte.

2.   Beim Studium des Johannes-Evangeliums, in dem Jesus mit Blick auf seinen Auftrag für die von GOTT* geliebten Menschen sagt:

Ich bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen – das Leben in seiner ganzen Fülle“ (Johannes 10,10)

3.   Und der Leitsatz für die pastorale Arbeit der Kirche, wie das 2. Vatikanische Konzil ihn in der Kirchen-Konstitution Gaudium et Spes formuliert:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“

Was bedeutet für mich heute Jesu Botschaft vom Reich GOTT*es und wie kann ich den Willen Gottes mit mir erkennen?

Das Reich GOTT*es ist ein Prozess, es wird Wirklichkeit da, wo christlich inspirierte Menschen versuchen es nach den Geboten der Bergpredigt von Gerechtigkeit, Versöhnung, Nächsten- und Feindesliebe, Solidarität mit den Armen, Unterdrückten und Ausgebeuteten zu leben.
Dem Willen GOTT*es nähere ich mich an, indem ich mich mit der biblischen Botschaft auseinandersetze im Lesen, mit anderen.
Indem ich das was ich verstanden habe teile, mich von ihnen inspirieren lasse und mich der Führung Gottes auf meinem Weg anvertraue, wie ein spiritueller Lehrer in Münster sagte und schrieb: „Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt“

In meinem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement habe ich versucht solche Such-Prozesse und Glaubensgespräche zu ermöglichen. Seit einigen Jahren ist auch das Internet ein solcher Ort, an dem ich auf meine Website besinnzeit.de versuche AlltagsSpirituelle Impulse zu setzen, die Glauben und Leben verbinden.
(Auf www.besinnzeit.de veröffentliche ich auch diese Ansprache)

Ich bin gekommen, um ihnen das wahre Leben zu bringen – das Leben in seiner ganzen Fülle“

Diese Zusage aus dem Johannes-Evangelium gibt mir Kraft und Hoffnung, wenn ich mal wieder resigniere, an mir selbst zweifle, das Gefühl habe versagt zu haben. Nicht ich bin der Weltenretter, von dem alles abhängt, sondern GOTT* meint es gut mit uns Menschen und er schenkt uns erfülltes Leben und ausreichend Liebe, dass wir auch andere lieben können und so dieser Welt Schalom, allumfassenden Frieden geben.

Der Selbstanspruch der Kirche:

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“
motiviert mich immer noch mich für menschenwürdige Lebensbedingungen und für ein Gutes Leben für alle auf diesem Planeten einzusetzen.

Konkret ist das für mich seit fast 25 Jahren das eine-welt-engagement, dessen Vorsitzender ich bin und in dem und mit dem wir versuchen zusammen mit unserem Partner der Caritas in Sambia/ Afrika jungen Menschen Bildung und Kultur-Austausch zu ermöglichen und den benachteiligten, kleinbäuerlichen Familien ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Darüber hinaus steckt in diesem Selbstverständnis des kirchlichen Auftrages für die Welt auch das Engagement gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Hass und Gewalt, wie wir sie gerade überall um uns herum und in vielfachen Formen erleben. Dagegen aufzutreten und mit anderen für gelebte Demokratie und eine offene, vielfältige Gesellschaft einzutreten  ist lebens-notwendiges, christliches Engagement – sei es gelegen oder ungelegen.

Wir haben vorhin in der Apostelgeschichte vom Prozess gegen Petrus und Johannes und dem Sprech- und Verkündigungsverbot des Gerichtes gehört.

Die Antwort der Apostel

»Entscheidet selbst, ob es vor Gott recht ist, euch mehr zu gehorchen als ihm!

Wir können nicht verschweigen, was wir gesehen und gehört haben!«
motiviert mich weiter für das Reich GOTT*es und für eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten zu engagieren.

Oder mit den Worten des Liedermachers Konstantin Wecker:

Ich singe, weil ich ein Lied hab,
Nicht, weil es euch gefällt.
Ich singe, weil ich ein Lied hab,
Nicht, weil ihr’s bei mir bestellt
Ich singe, weil ich ein Lied hab,
Nicht, weil ihr mich dafür entlohnt..
Ich singe, weil ich ein Lied hab,
Und keiner, keiner, keiner wird von mir geschont.
Ich singe, weil ich ein Lied hab.

GS 13. Mai 2024