Maria Wiertz

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Eine Hochzeit ist nicht nur lustig sondern auch lehrreich

Ich fasse zusammen: Jesus, der kleine Wurm, dessen Geburtstag wir vor wenigen Wochen erst gefeiert haben, ist inzwischen größer geworden und darf jetzt schon ausgehen, wenn auch nur in Begleitung seiner Mutter. Zum ersten Mal kann er der Öffentlichkeit zeigen, wer und wie er ist. Und was macht er? Er verwandelt bei einer Hochzeitsfeier Wasser in Wein. Um es mal umgangssprachlich zu formulieren: ‚Klingt komisch, ist es aber nicht‘. Die Frage ist doch: Was will uns der Evangelist Johannes damit sagen, der ja an den Schluss der Erzählung – als Höhepunkt sozusagen – feststellt, dass der erwachsenen gewordene Jesus mit diesem ersten öffentlichen Auftritt ein Zeichen für die Herrlichkeit Gottes setzen wollte?
Sollte es einen direkten Zusammenhang geben zwischen der Herrlichkeit Gottes und der Qualität des Weines, der den Gästen einer Feier eingeschenkt wird? Da ich jemand bin, der die Worte der Heiligen Schrift sehr ernst, wenn auch noch lange nicht immer wörtlich nimmt, muss ich davon ausgehen, dass sich hinter dieser Botschaft in der Tat eine göttliche Wahrheit verbirgt.
Ich kann mich noch sehr gut an das erste Mal erinnern, als ich abends nach 20h ausgehen durfte. Es war keine Hochzeit, nur eine Fete im Pfarrheim, genau genommen: eine Maibowlenfete. Und seit diesem Abend kenne ich die Tücken einer Bowle sehr genau. Im Blick auf den heutigen Text wird mir klar, dass es einen gehörigen Unterschied gibt zwischen dem Wunsch, groß und stark erscheinen zu wollen oder eben herrlich.
Ihr könnt vielleicht erkennen, worauf ich hinauswill. Ich wollte als Teenie erwachsen daher kommen und hab die Bowle getrunken, als wäre es Apfelsaft und natürlich war das Ergebnis davon, dass ich nicht groß und stark daherkam sondern kindisch und albern. Ernst nehmen konnte mich in dieser Situation keiner mehr, geschweige denn, dass da noch jemand an mich glaubte. Wer den Glauben an sich selbst noch nicht gefunden hat und meint, ihn dann zu finden, wenn er sich in was auch immer ertränkt, der kann anderen keine Stütze sein, Festigkeit und Glaube zu finden.
Anders Jesus. Er will nichts sein, nichts gelten. Vielmehr hat er etwas vor Augen: Seine Stunde. Er ist sich dessen bewusst, dass sein Leben noch Veränderungen erfahren wird, dass er Geduld haben muss. Jesus kann warten, bis seine Stunde da ist, wo er zeigen kann, wer er ist und wie er ist.
Geduld ist nicht jedermanns Sache; ich spreche da durchaus auch aus eigener Erfahrung. Aber sie kann einen Weg bereiten, sich selbst besser zu erkennen und zu finden und sie verleiht eine innere Stärke, die Zeit richtig einzuschätzen, zur richtigen Zeit das richtige zu sagen und zu tun. Und richtig ist das, was Gott verherrlicht; und Gott verherrlicht, was den Menschen befähigt, an sich selbst zu glauben.
Die Geschichte geht aber ja noch weiter. Obwohl die Stunde Jesu noch nicht da ist, lässt Jesus sich von seiner Mutter bequatschen. Das Fest soll noch nicht zu Ende sein. Jesus setzt ein Zeichen und blamiert auf diese Weise den Gastgeber. Der Wein Jesu ist besser als der Wein des Hochzeitspaares. Mittelmäßigkeit sollte nicht das Ziel sein, wenn man durchs Leben geht. Das ist wohl der Grund, weshalb Jesus in Aktion tritt, um eben diesen Rat zu geben: Der Mensch ist zu mehr berufen, als zu Mittelmaß. Deshalb tat Jesus in Kana in Galiläa sein erstes Zeichen: Um dem Menschen zu zeigen, dass wir von Gott berufen sind, das Beste zu geben, was uns zu eigen ist und uns Zeit zu nehmen, Zeit für Stille, für Gebet, für Meditation, um zu erkennen, welch große Fähigkeiten uns geschenkt sind.
Christoph Simonsen

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Herzlichen Glückwunsch, Leonardo

Auch wenn das eigentlich zur Allgemeinbildung gehört, widersetze ich mich dieser Überzeugung heute einmal ausnahmsweise. Es soll ja bekanntlich Unglück bringen, vor dem eigentlichen Geburtstag einem Menschen zu gratulieren, aber ihm wird es ganz gewiss nicht mehr schaden, zumal schon seit geraumer Zeit berauschende Feste für ihn in Vorbereitung sind. Man sagt von ihm, er sei ein Allroundgenie, Künstler genauso wie Forscher und Wissenschaftler. Keine Frage war ihm zu absurd, keine Idee zu kühn, als dass er ihnen nicht nachgegangen wäre. Das schönste Bild der Welt: Er hat es gemalt. Täglich bewundern es 20.000 Menschen. Herzlichen Glückwunsch zu deinem 500. Geburtstag, Leonardo da Vinci. Aber wir sollten uns vor jeder Art der Verklärung hüten. Leonardo da Vinci war alles andere als ein Überflieger. Sein Weg war gezeichnet von Niederschlägen. Nicht alle haben ihn ernst genommen. Wie sollte man auch? Kann jemand zugleich Maler, Sänger, Physiker, Biologe, Konstrukteur sein? Und da war noch ein Stolperstein: Leonardo da Vinci lebte in einer Zeit des Umbruchs: Der Renaissance. Eine Zeit menschlicher Emanzipation begann. Leonardo wollte verändern, gestalten, schöpferisch tätig sein. Er hat nach außen versichtbart, was sich zuvor in dieser Fülle keiner getraut hat: Der Mensch ist nicht nur Teil der Schöpfung, er selbst gestaltet sie auch mit. Sein wertvollster Lehrer war Nikolaus von Kues. Die Cusaner unter uns wird es nicht wundern. In Gott seien alle Schätze der Wissenschaft verborgen, das war die Überzeugung des Cusaners. Und weil im menschlichen Intellekt der göttliche Ursprung fortwirke, könne es doch dem höchsten Künstler – Gott also – nicht gefallen, wenn die Herrlichkeit seiner Schöpfung unerkannt bliebe. Das war und ist der Motor allen menschlichen Forschens und Suchens. Und deshalb ist bis heute die
berühmte Zeichnung von da Vinci von Bedeutung: Ein Mensch streckt seine Arme und Beine und je nachdem, wie er sie hält, fügt sich der Körper exakt in ein Quadrat und in einen Kreis. Der Mensch: die Quadratur des Kreises. Der Mensch: Das Geschöpf einer kosmischen Ordnung und doch zugleich auch Schöpfer neuer Erkenntnisse und Weisheiten. Da Vinci, der Wissenschaftler, war dennoch nie zufrieden mit sich, so viel er auch erkannte und entwickelte. Das machte ihn aber nicht depressiv oder tatenlos. Je mehr er die Dinge der Schöpfung zu erforschen versuchte, um so klarer wurde ihm, dass eines unentdeckt und unerforscht blieb: Das Gemüt des Menschen, seine Gefühle, seine Seele. Er begann zu malen und versuchte, die Schönheit zu versichtbaren und das, was mit aller Rationalität nicht zu deuten und zu erklären war. Und seine Malerei reproduzierte nicht nur in der Weise, wie zuvor die Maler gearbeitet haben. Seine Pinselstriche erwirkten mehr eine Verschwommenheit auf den Bildern als klare Strukturen und Linien. Ihm war es nicht so wichtig, dass etwas auf dem Bild klar zu erkennen sein sollte. Nicht der Wiedererkennungswert stand im Vordergrund, sondern genau das, was keiner erwarten würde, sollte in den Blick der Betrachter geraten.
Und genau deshalb erzähle ich Euch das alles heute Abend, denn da Vinci hat einen Johannes gemalt, den keiner als Johannes auf den ersten Blick erkennen würde. Eben nicht den hageren lebensabgewandten Mann in einem Gewand aus Fell, sondern vielmehr einen schelmisch dreinschauenden, gut aussehenden jungen Burschen mit lockigem Haar. Und das Besondere dieses Bildes: Er steht vor einem gänzlich schwarzen Hintergrund und es scheint und nur sein Gesicht wird von einem geheimnisvollen Licht angestrahlt. Ein Mann, umgeben von größter Dunkelheit und dennoch schaut der Betrachter in ein Gesicht, das hell erstrahlt ist. Auch hier setzt da Vinci eine Überzeugung der Renaissance um, die den Menschen damals ganz neue Lebensofferten schenkte: „Der Mensch ist nicht fürs Elend geboren. Das will Gott nicht“. So wie der Künstler die Betrachter mit in seine Bilder hineinholen möchte, ihnen nicht nur die Rolle eines Betrachters zuspricht, sondern zur Beteiligung ermutigt, so will uns auch die Heilige Schrift hineinholen in ihr Geschehen. Die Heilige Schrift will nicht gelesen, sie will erlebt werden. Johannes der Täufer ist die Personifizierung dieser Glaubensbotschaft. So wie Gott in der Taufe zu Jesus sagt: „Du bist mein geliebter Sohn“, so sagt er es allen. Kinder Gottes sind wir, und dazu berufen, in seinem Namen die Schöpfung zu entdecken und all das, was noch in ihr verborgen ist. Der geöffnete Himmel ist ein Verweis auf diesen göttlichen Auftrag an uns Menschen, uns auszustrecken mit allen unseren Sinnen, mit allen unseren Gaben und Fähigkeiten, um zu erkennen, was das Leben lebenswerter macht, was dem Leben Zukunft schenkt.

Und dies nicht verbissen, verklemmt, gehemmt, sondern zuversichtlich, gelassen und fröhlich. Auch hier hilft uns Leonardo da Vinci. Er malte ein Bild mit Anna, der Mutter Jesu, die locker auf ihrem Knie sitzt, das eigene Kind – Jesus – in den Armen haltend, der nichts wichtigeres zu tun hat, als Johannes, seinen Cousin, der am Boden liegt und spielt, an den Füßen zu kitzeln. So leicht kann das Leben sein. Daran zu arbeiten, ist unsere Aufgabe heute.
Christoph Simonsen

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Irgendwie ist vieles anders

Irgendwie ist in diesen Tagen vor Weihnachten doch vieles anders. Da ist sicher, sichtbar für viele, wenn wir durch die Straßen gehen, ein spürbares Potential von Hektik, Unruhe, Nervosität. Andererseits: Es vergeht kaum ein Gespräch, wo man nicht zum Schluss zuspricht: ‚Übrigens, schöne Feiertage‘, oder ‚Wenn wir uns nicht mehr sehen, ich wünsch dir frohe Weihnachten‘. Bei allem Rummel, irgendwie ist auch ein wunderschön spürbares Maß an Aufmerksamkeit da und wir sind einander noch einmal anders zugewandt als sonst im Jahr. Irgendwie ist was anders in diesen Tagen.
Dieses ‚irgendwie‘ klingt zunächst banal, unverbindlich, oberflächlich. Ist es aber nicht. Es ist Ausdruck und Zeichen einer sehr schönen Hoffnung, einer gemeinsamen Hoffnung: Es geht! Es gelingt. Es gelingt, dass Menschen einander zuwenden, sich verbunden fühlen und einander in einer Weise begegnen, die etwas verändert.
Es gelingt, dass Menschen, miteinander ins Gespräch kommen und dieses Gespräch etwas in Bewegung bringt, was man so im ersten Moment gar nicht in Worte fassen kann. Da ist nicht mehr als ein stimmiges und tragendes Gefühl spürbar: aber dieser Augenblick, diese Begegnung, dieser kurze Blick bewirkt etwas. Herbert Grönemeyer spricht in seinem neuen Lied von „Sekundenglück“. „Es sind die einzigartigen tausendstel Momente. Das ist, was man Sekundenglück nennt.“ Kleine Momente, unverhoffte Geschenke, ein Blick, ein Lächeln: Und alles ist auf einmal anders.
Wir erregen uns immer wieder darüber, dass unsere Welt so starr, so nationalistisch starr, so ausgrenzend starr geworden ist, da ist es doch mehr als nur ein unbedeutendes Symbol, wenn wir Starrheit und Ausgrenzung in unserer kleinen alltäglichen Welt überwinden und einander einladend anschauen begegnen und im Kleinen einander und der Welt beweisen, dass das geht: In Verschiedenheit eine Verbundenheit zu erfahren. Wer, wie in diesen Tagen so oft, zusammen singt und betet und dabei ein Gespür dafür entwickelt, Unterschiedlichkeiten aufheben zu können, der kann auch mehr: Der kann auch zusammen in Frieden leben, nicht nur während eines Gottesdienstes. Wohin will mich diese Feier führen? Dahin, Starrheiten zu überwinden und zur Einladung für andere zu werden.
Wir hören heute, wie zwei Frauen einander begegnen. Die eine hat einen langen Weg zurückgelegt, von Nazareth in das Bergland von Judäa. Sie ist im wahrsten Sinn des Wortes über Berg und Tal gegangen, das schwangere Mädchen Maria. Sie ist über Höhen gegangen und durch Tiefen des Bewusstseins, des Denkens und Fühlens, des Hoffens und Befürchtens, der Angst und der Zuversicht. Menschen, die zu einer wirklichen Begegnung sind, zu einer wirklichen Begegnung und nicht nur zu einem Date, die erfahren, dass zu einem wirklichen Leben Höhen und Tiefen dazu gehören. Wenn wir hier auch nicht so viel voneinander wissen, so ahnen wir doch, dass auch zu unser aller Leben Höhen und Tiefen gehören, schöne und schwere Stunden. Indem wir hier miteinander feiern, tragen wir all das mit. Und das tut gut. Mir tut es gut und ich hoffe, euch nicht minder.

Die beiden Frauen, Elisabeth und Maria, sind in Hoffnung, sie tragen Leben in sich. Nur, wenn wir Leben in uns tragen, sind wir auch fähig, einander wirklich zu begegnen. Nur, wenn wir daran glauben, fähig zu sein dafür, einander Leben zu schenken, ereignen sich zwischen uns wirkliche Begegnungen. Zu einer wirklichen Begegnung gehört es nämlich, aufgeschlossen zu sein für neues, werdendes Leben.
So kurz vor dem Weihnachtsfest ist das mein Wunsch an uns alle: Dass wir einander so begegnen, dass wir des anderen Fruchtbarkeit erkennen.
Elisabeth sagt es zu Maria: „Selig, die geglaubt hat, dass in Erfüllung geht, was dir vom Herrn versprochen wurde.“ Sie erkennt, dass Maria ein wunderbares Leben in sich trägt: volles Leben, heilbringendes Leben, göttliches Leben. Und ich wünsche uns, dass wir das auch erkennen, wenn wir einander begegnen, dass wir wundersames Leben in uns tragen, das geboren werden möchte in unsere Zeit hinein, in unsere Welt hinein.
Das schönste Geschenk in diesen Tage könnte sein, wenn wir einander zusprechen in unseren Begegnungen: „Du bist gesegnet, denn du trägst neues Leben in dir. In diesem Sinne wünsche ich Euch fruchtbare und heilbringende Begegnungen und ein Leben schenkendes Weihnachtsfest.

Christoph Simonsen

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Ist ja noch was Zeit bis zum Fest

Es gibt Worte, die möchte man nicht hören. Die machen einen widerspenstig, erinnern daran, dass man eben doch ein kleiner Schweinehund ist. Von wegen zwei Gewänder, einen ganzen Schrank voll hab ich, und geteilt wird, was sowieso weg kann. Und was den Sold angeht, da beziehe ich mich doch lieber auf ein anderes Wort der Heiligen Schrift: „Wer arbeitet, hat auch Anrecht auf Lohn“. So wird ein Schuh draus, und dabei geht’s gar nicht in erster Linie um‘s Geld, ich will Anerkennung für das, was ich getan habe. Gehalt muss stimmen, aber die Connection nach oben sind mindestens ebenso wichtig. Kontaktpflege ist unabdingbar; gute Vernetzung ist heutzutage alles. Wenigstens misshandeln tu ich keinen, da bin ich sauber. Trotzdem, wenn die Spreu vom Weizen getrennt wird…. Sicher bin ich mir da nicht, wo ich da landen werde. Könnte so eine erste Reaktion sein auf das gerade Gehörte?
Es gibt Worte, die möchte man nicht hören. Sie erinnern einen an die permanent gelebte Unvollkommenheit und an die Angst vor den Konsequenzen des eigenen Handelns. Das ist nicht nett, so kurz vor Weihnachten den Finger in die Wunden gelegt zu bekommen. Nichts geht über ein sorgenfreies, unbekümmertes Fest. „Frieden den Menschen auf Erden“, wenigstens den eigenen Hausfrieden. Die Vorstellung, im nie erlöschenden Feuer zu verbrennen, die kann einem diesen weihnachtlichen Hausfrieden schon ziemlich madig machen.
Will genau das dieser komische Mann in der Wüste erreichen: den Menschen ein schlechtes Gewissen machen kurz vor Weihnachten? Er muss doch wissen: Drohungen erzeugen Abwehr. Menschen, die mir drohen, denen versuche ich aus dem Weg zu gehen, oder ich gehe in eine unliebsame Verteidigungshaltung hinein. Keine schöne Atmosphäre.
Tauchen wir etwas tiefer in die Geschichte ein, und da wird etwas Bemerkenswertes als Erstes deutlich: Die Leute, die da zu Johannes hingehen, die gehen ja freiwillig da hin; keiner zwingt sie. Es mag vielleicht ein wenig Neugierde da sein: mal gucken, was da für ein komischer Kauz in der Wüste lebt. Aber das allein kann das Interesse der Menschen nicht erklären. Sie hängen ihm ja buchstäblich an den Lippen und das sind sicher nicht alles Masochisten, die sich freiwillig die Seele in Stücke reißen lassen wollen. Johannes ist nicht zimperlich. Was wir heute nicht gehört haben ist, dass Johannes die Menschen vorher ziemlich gehörig zur Schnecke gemacht hat. Als Schlangenbrut hat er sie bezeichnet und dass sie dem Gericht Gottes nicht entkommen können; alle, die die Chancen ihres Lebens vertun, werden umgehauen und ins Feuer geworfen. Ja und das hören wir dann ja heute auch wieder. Johannes ist so richtig geladen. Und trotzdem: Die Menschen hängen an seinen Lippen und fragen dann, was sie tun sollen. Johannes hat den Menschen mehr als deutlich die Leviten gelesen, so richtig Tacheles geredet und sie hätten allen Grund, beleidigt abzuziehen. Wer lässt sich schon gern vor versammelter Mannschaft runterputzen?
Ein Satz im heutigen Evangelium erklärt vielleicht die Situation. „Das Volk war voll Erwartung.“ Das scheint zunächst höchst widersprüchlich. Die Johannes da fragten, das waren alles wohlsituierte Leute, achtsame Bürger, denen es gut ging, die ein sorgenfreies Leben führen konnten: Ehrbare Bürger, Soldaten, Zollbeamte.
So drastisch Johannes in seiner Wortwahl war, so charismatisch muss er gewesen sein. Mit mahnenden Worten ermutigen, das kann noch lange nicht jeder. Johannes ist das gelungen. Und wie? Er hat in den Menschen eine Erwartung geweckt, die in ihnen verborgen schon lebendig war. Sie haben sich nur nicht getraut, sich diese zuzugestehen. Die Menschen hatten ein festes Bild: von Gott, vom Leben, von ihrem Verständnis von Verantwortungsbewusstsein und Gerechtigkeit. Johannes gelingt es, die Menschen mitzunehmen und zugleich ihren Glauben zu weiten, hin zu einem Gottesbild, das unabhängig ist von Ritualen und Traditionen, hin zu einem Gott, der anders ist als je Menschen ihn sich vorstellen können, der anders ist und doch ihnen gleich, hin zu einem Gott, der verbindet, wo sie gewohnt waren, in Klassen und Rassen zu denken, hin zu einem Gott, für den Gerechtigkeit Auftrag ist, den anderen genauso im Blick zu haben wie sich selbst. Johannes bereitet den Weg, dass sich die Menschen von jahrhundertalten Traditionen befreien können und offen werden für die Frage, die allein Zukunft verheißt: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer uns wohl in diesen verbleibenden Tagen vor dem Weihnachtsfest mal die Leviten lesen kann, damit wir wieder auf das Wesentliche des Lebens gestoßen werden? Es sind ja noch ein paar Tage Zeit, dass wir in die Wüste gehen können.

Christoph Simonsen

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Die Frage nach Gott

Da gehen also Menschen hinaus in die Wüste, weil da jemand lebt, der ihnen etwas zu sagen hat. Da – abseits in der Wüste – lebt jemand, der eine große Anziehungskraft auf die Menschen hat. Solche Typen gibt’s heute auch. Aber Achtung: Es gibt auch Blender; Menschen also, die anziehend wirken, aber ihre Botschaft ist – anders als bei Johannes – nur Mittel zum Zweck, zum Zweck nämlich, sich selbst groß machen zu wollen. So war Johannes nicht. Er war für andere Vorbild, geradlinig, unverstellt, ein Mensch mit Charakter, ein Mensch, der bei anderen etwas aufwecken, ja aufrütteln konnte, gerade weil er von sich ablenkte und einen anderen in den Mittelpunkt stellte. Johannes hat den Menschen eine Ahnung davon vermittelt, dass es sich lohnt, auf einen anderen zu warten. Dies nicht in erster Linie, um daraus eigenen Profit zu gewinnen für sich selbst, sondern für das Ganze, für sich und die anderen. Seine Botschaft unterscheidet den Künder Johannes von Blendern heutiger Tage.
Johannes vermochte, den Menschen Unangenehmes zu sagen und sie zugleich zu würdigen, groß zu machen, nicht klein. Er rief sie auf, umzukehren; er traute ihnen zu, eine Kehrtwende machen zu können in ihrem Leben, Neues auszuprobieren und Gewohntes hinter sich zu lassen. Seine Botschaft war sicher nicht bequem, schon gar nicht banal, ganz gewiss war sie herausfordernd, wohl auch befremdlich. Aber trotzdem haben die Menschen ihm großes Vertrauen entgegengebracht; für sie war Johannes ein Mensch, der Vertrauen ausstrahlte und der etwas in ihnen hervorlockte, was in ihrem Leben vielleicht verloren gegangen war: Der Glaube daran, dass der Glaube an das Größere, Geheimnisvolle, Göttliche zum Leben dazu gehört. Glaube ist jedem Menschen einverleibt. Es gibt ohne Zweifel böse Taten, aber es gibt keine rundweg bösen Kreaturen, weil der Mensch als Mensch ein Glaubender ist. Menschen Glauben an das Gute, an die Gerechtigkeit, glauben daran, dass Leben Sinn hat und Sinn schenkt. Glaube zielt auf Gutes, Verheißungsvolles. Glaube ist orientiert auf eine erträgliche Zukunft. Ich kenne keinen, der an das Böse glaubt. Selbst wer Böses tut, der tut es, weil er damit etwas erreichen will, was in seinen Augen gut ist. Johannes sagt es allen Menschen auf den Kopf zu: ‚In Dir ist Glaube! Entdecke ihn neu in dir und lebe, was du glaubst‘.
Das klingt sehr theoretisch, so wie eine Formel. Und Formeln haben in der Regel wenig mit dem konkreten wirklichen und alltäglichen Leben zu tun. Aber vielleicht können wir ja an uns selbst einmal überprüfen, ob wir gläubige Menschen sind, Menschen also, die Gutes im Sinn haben, die eine Ahnung in sich tragen von einem glückenden und gelingendem Leben; Menschen, die Umwelt und Geschöpfe zu ehren vermögen. Ich bin mir felsenfest sicher, dass wir dieser Prüfung standhalten und erkennen, dass wir gläubig sind. Glaube ist, weil wir Menschen sind. Glauben ist so wie auch das Leben ist. Glauben ist in der Welt, so wie das Leben in der Welt ist. Welt ohne Glauben ist nicht. Glauben ist so selbstverständlich, wie das Leben selbstverständlich ist.
Es gibt kein Leben ohne Glauben und Glaube ohne Leben ist widersinnig, denn Glaube kann nur dort sein, wo auch Leben ist. Also gehören Glauben und Leben untrennbar zusammen.
Bei dem bisher Gedachten tut sich jetzt aber eine Frage auf: Wenn Glaube und Leben zwei Seiten einer Wirklichkeit sind, wenn Glaube und Leben in der Welt sind, weil ohne sie die Welt nicht wäre, ist dann nicht die Idee eines Gottes, zumal eines personalen Gottes, überflüssig? Genügt die Welt (sich) nicht, weil in der Welt Leben und Glauben ist, braucht es noch etwas, was außerhalb der Welt ist? Hier ist Johannes nun mehr als eindeutig: Doch: es braucht einen personalen Gott, damit die Menschen sich ihrer Personalität gewiss sein können.
An dieser Frage haben sich damals und scheiden sich heute die Geister. Es gibt die Überzeugung, dass die Welt, so wie sie ist, eine autarke Wirklichkeit ist. Zu Johannes‘ Überzeugung gibt es auch eine gegenteilige Behauptung, nämlich diese: Diejenigen, die mit der Begrenztheit der Welt unzufrieden sind, würden das Ideal eines Gottes erfinden, der vollendet, was in der Welt unvollendet ist, so dass in allem Unsinn doch noch die Hoffnung eines Sinnes liegen könnte. Andere hängen der Überzeugung an, dass Welt und Leben ein Zufallsprodukt innerhalb des Kosmos darstellen mit Anfang und Ende. Wieder andere sind unentschlossen, können sich die Existenz eines Gottes vorstellen, rechnen aber lieber nicht mit ihm.
Faktum bei allen Gedankengängen aber ist, dass der Begriff “Gott” in der Welt ist. Warum sollte der menschliche Geist einen Begriff und mit diesem verbunden eine Realität ins Wort nehmen, wenn damit nicht eine Verbindlichkeit verknüpft wäre.
Das ist wohl der Grund, warum seit Anbeginn der Welt die Frage nach Gott wach ist. Dass die Frage nach Gott im Raum ist, ist immer wieder Anlass dafür, die Existenz Gottes beweisen oder widerlegen zu wollen. So gibt es viele Bemühungen, die Existenz Gottes für unabdingbar zu halten. Der bekannteste Beweisversuch ist der ontologische Gottesbeweis des Thomas von Aquin. Und von ihm gibt es eine Reihe von Erläuterungen. Eine davon ist die Deutung durch den Bewegungsbeweis. Diese sagt: In der Welt ist überall Bewegung. Alles Bewegte wird von einem anderen bewegt, d.h. nichts kann sich selbst die erste Bewegung geben. Die bewegte Welt setzt einen von ihr verschiedenen Beweger voraus. Diese Gottsuche kann Naturwissenschaftler nicht unberührt lassen. Gott in der Stringenz menschlicher Logik beweisen zu wollen hat etwas Überzeugendes an sich, zumindest etwas nachdenklich Stimmendes. Die Existenz Gottes mit menschlichem Geist nachweisen zu wollen, das hat etwas. Aber es hat auch einen Haken: Denn wenn ich Gott mit meinem Geist beweisen kann, dann ist Gott unweigerlich ein Produkt meines Verstandes und damit unumgänglich auch an die Gesetze der Welt gebunden. Was aber an die Gegebenheiten dieser Welt gebunden ist, das kann doch nicht Gott sein. So widerlegen sich alle Gottesbeweise selbst. Gott zu beweisen beraubt ihn zugleich seiner Göttlichkeit, denn göttlich ist nur, was nicht menschlich ist.
Obwohl also der Begriff “Gott” in der Welt ist, kann seine Wirklichkeit doch nur außerhalb dieser Welt liegen, denn Weltliches kann nicht göttlich sein. Einzig die Tatsache, dass die Begrifflichkeit “Gott” in der Welt ist, weist in der Welt auf die Existenz Gottes hin. Gott muss also außerhalb dieser Welt sein. Alles, was in der Welt ist, vermag auf Gott hinzuweisen, ist Verweis auf Gott, aber niemals Gott selbst. Dass wir Menschen glauben, dass wir zum Guten und Heilen streben, dass wir von Sehnsucht erfüllt sind, dass wir nach Höherem und Größerem streben, all das verweist auf Gott und macht uns ein Leben lang zu Gott-Suchern. Johannes weckte in den Menschen damals diese Hoffnung neu, dass sie diesen Gott, diesen personalen Gott, diesen menschwerdenden Gott finden werden, wenn sie sich selbst wieder erkennen als erwartungsvolle Menschen, die aus eben dieser Erwartung heraus zu Unerwartbarem fähig werden, nämlich menschlich Mensch zu sein.
Christoph Simonsen

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