Maria Wiertz

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Urlaub: Nicht nur entspannend, sondern auch noch lehrreich

Heute in einer Woche sitze ich, so Gott will, an dem kleinen Yachthafen von Rovinj und schaue auf ein betörend schönes Altstadtszenario. Jenseits des Hafenbeckens erstreckt sich ein wunderschöner Platz im Halbrund, umgeben von verwittert erscheinenden alten Häusern, deren Putz in allen Grauschattierungen bei der untergehenden Sonne zu strahlen beginnen. Im ebenen Bereich laden kleine Restaurants und Bars zum Verweilen ein, in den oberen Stockwerken wohnen Menschen; die Fensterläden stehen alle offen, überall sind Leinen angehängt, in kürzester Zeit ist die frisch gewaschene Wäsche wieder trocken. Entspannung und Alltag berühren sich nahtlos aneinander. Hier ist das Leben mit Händen zu greifen. Jedes Haus, jedes Fenster bekunden, dass hinter den Fassaden ganz viel gelebt wurde und wird und die Bewegtheit des Lebens kann man nahezu mit den Augen aufsaugen. Und auch, wenn ich keinen der Menschen kenne, die dort wohnen, so kann man die Geschichte und die Geschichten leibhaftig spüren, die in diesen Häusern gelebt und erzählt werden. Häuser sind eben mehr als Wohnstätten; Häuser sind Lebensräume. In ihnen wird geliebt und gestritten, da wird gegessen und geschlafen, da wird erzählt und geschwiegen; und jedes Haus, mögen sie auch äußerlich uniform wirken, jedes Haus ist ein Unikat, weil die Bewohner*innen es einrichten auf ihre ganz verschiedenen Bedürfnisse hin mit je ganz verschiedenen Geschmäckern und ästhetischen Ansprüchen. Und wenn ich dann nach einem Glas Wein durch die engen Gassen schlendere, dann weiß und spüre ich, dass ich umgeben bin von einer unendlichen Fülle von Lebenserfahrungen und Lebensweisheiten.
Wundert es, dass die Lesung uns heute die Weisheit als einen Architekten vorstellt, der ein Haus baut, auf sieben Säulen gebaut. Natürlich ist die Zahl 7 ein bekannter symbolischer Hinweis: In sieben Tagen hat Gott der Legende nach die Welt erschaffen. In einem Haus, das die Weisheit baut, da ist volles und vielfältiges Leben und eine liebenswürdige Gastfreundschaft ist selbstverständlich. Auch den Unerfahrenen steht die Tür offen, denn im Innern kann jede und jeder gute Lebenserfahrungen sammeln.
Mit solch einem Anspruch der Vollkommenheit wäre wohl jeder menschliche Architekt überfordert. Deshalb hat wohl auch jedes Haus, das von Menschen gebaut ist, seine Tücken. Wir brauchen nur auf unser Khg Zentrum in der Pontstraße schauen: Was hat sich der Architekt wohl dabei gedacht, als er solch ein üppiges Foyer geplant hat, das erst mit zwei Höhenunterschieden von außen erreichbar ist und für Gehbehinderte Menschen eine absolute Überforderung darstellt? Dazu ist dieser Raum heute als Fluchtweg für inhaltliche Belange überhaupt nicht zu gebrauchen. Bei allem Bemühen, ein Haus zu bauen, das in Form und Nutzbarkeit vollkommen sein soll, wird dies wohl keinem Architekten gelingen. Dieser kleine eben gehörte Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter deckt sich in seiner Aussage mit dieser nüchternen Erfahrung menschlicher Unvollkommenheit: Aus eigener Kraft vermögen wir Menschen sicher Tolles und Schönes herrichten, aber so ganz ohne Fehler wird das nie sein.
Das Buch der Sprichwörter ist von seinem Wesen her ein poetisches Buch. Die Weisheit ist weniger eine menschliche Eigenschaft, die man sich mittels Wissen und Erkenntnis aneignen könnten; nein: Die Weisheit ist hier viel mehr ein Synonym für Gott selbst. Er persönlich ist der Architekt des Lebens; er schafft Raum zum Leben. Er lädt ein, er stärkt die Gäste, er beschenkt sie mit seinen Gaben. Gott selbst ist die Weisheit. Wer zu ihm kommt, wer seine Gastfreundschaft annimmt, der darf Anteil nehmen an den Gaben, die Gott zu eigen sind.
Ein guter Gastgeber vermittelt seinen Gästen, König zu sein. Der Gast ist König und der Gastgeber möchte den Gästen zu Diensten sein. Menschlich geradezu verrückt, ist eben das das Erkennungszeichen Gottes: dass er gibt, was er hat und sich gleichzeitig zurücknehmen kann. Wer sich von Gott einladen lässt zum Fest des Lebens, wer die Gastfreundschaft Gottes annimmt, der erkennt sehr bald seinen eigenen Wert und darf erfahren, wie würdevoll eigenes und anderes Leben ist. Die Bibel zeichnet immer wieder in anderen Bildern und Farben einen Menschen, der gerade in Gott Freiheit und Achtung findet. Wer sich in solch einer wunderbaren Achtung im Spiegel Gottes sieht, der erweist sich auch als ein dankbarer Mensch. Dankbare Menschen sind auch immer zufriedene Menschen und können ohne viel Aufsehen und Aufregung ihre Gaben und Fähigkeiten entfalten, ohne sich aufblähen zu müssen. Dankbare Menschen wissen um ihre Grenzen aber auch um ihre Gaben. So können wir im Blick auf Gott auch selbst in Anerkenntnis der eigenen Unvollkommenheit wunderbare und kreative Architekten des Lebens sein. In der Betriebsamkeit des Lebens mag das manchmal vergessen werden. Da ist es doch schön, dass es Zeiten des Urlaubs gibt, wo man sich dessen neu bewusst werden darf. Und noch schöner ist es, dann auch wieder dieses Gottesgeschenk der Würde und der Achtsamkeit mit anderen bewusster teilen zu können…Predigt am 19. August

Christoph Simonsen

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Brot ist für alle(s) gut

Zum dritten Mal nacheinander ist wieder von „Brot“ die Rede; wir haben in den beiden vergangenen Wochen den hohen Wert von Brot schon miteinander bedacht. Keinem Menschen darf ein Anrecht auf Brot als Grundnahrungsmittel verwehrt werden. Ein Mangel an Brot ist sozusagen ein Indiz dafür, dass unsere Welt gerechter und solidarischer werden muss, wenn sie denn dem Auftrag Gottes nachkommen möchte. Am vergangenen Sonntag haben wir uns miteinander daran erinnert, dass Gott selbst das Grundnahrungsmittel für uns sein möchte; Gott schenkt sich als Brot, er möchte unserem Leben Geschmack einverleiben, denn er möchte nicht nur irgendwie mitlaufen in unserem Leben, er möchte uns Kraftquelle sein. Heute hören wir im Evangelium, dass Jesus von sich sagt, er sei das lebendige Brot, das in Ewigkeit leben ließe; dafür würde er sich sogar selbst hingeben. Wieder ist also vom Brot die Rede; und wieder geht es um’s überleben, dieses Mal weniger im sprichwörtlichen als im übertragenen Sinn. Brot nährt nicht nur den Körper, schenkt nicht nur eine Zukunft hier auf der Erde; Brot weist auch über das Leben im Hier und Jetzt hinaus. Überleben alleine ist kein Leben, Leben braucht Sinn und Ziel; Leben braucht Perspektive: Perspektive über alles Machbare, Denkbare, Glaubbare hinaus. Davon zumindest ist Jesus überzeugt. Und noch etwas treibt ihn um: Der leibliche Hunger wie auch der seelische Hunger bedingen einander. Das ist bis heute offensichtlich, wenn religiöser Fanatismus schnurstracks in Verelendung und Vereinsamung führt. Ein Glaube, der Leib und Seele nicht in gleicher Maße sättigt, davon ist Jesus überzeugt, führt unweigerlich in Egoismus. Für einen angstfreien Glauben, für einen Glauben, der den Nöten der Menschen entgegenwirkt, dafür gibt er sein Leben hin.

Und dennoch: so klar wie unmissverständlich diese Botschaft auch ist, mir bereitet sie Kopfzerbrechen. Wie kann ich Ewigkeit ins Wort bringen, wenn schon die Zukunft hier auf der Erde im Dunkeln liegt? Als ich noch im Krankenhaus gearbeitet habe, da bin ich immer wieder von Menschen gefragt worden, die sich einer schweren Krankheit stellen mussten, ob ich ihnen denn sagen könnte, wie es nach dem Tod weitergehen würde. In dieser Zeit habe ich gelernt zu akzeptieren, dass es schwerer ist, eine Frage still im Raum stehen zu lassen, als rasch eine – womöglich sogar nur angelesene – Antwort weiterzugeben. Und ebenso sicher bin ich mir geworden, dass alle theologischen Antwortversuche solch einer existentiellen Frage nie gerecht werden könnten. So berechtigt diese Frage eines Lebens nach dem Tod ist, so gewiss ist, dass keine Antwort ihr angemessen wäre. Fragen solcher Art nach dem Leben und nach dem Tod durchziehen eine tiefe Sehnsucht; die Sehnsucht nämlich, dass das eigene Leben Wert hat und Wert bewahrt, dass es jenseits menschlicher Vorstellungskraft seine Würde behält. Kurzum: Bin ich irgendwann vergangen, weil ich vergänglich bin?

Ich habe sehr großes Verständnis für diese Sehnsucht, weil es nämlich für viele Menschen unerträglich ist, mit der Angst zu leben, vergessen zu werden, in die Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bis zum heutigen Tag zum Beispiel sucht meine Familie nach dem Grab meines Onkels, des Bruders meiner Mutter, der nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist: An wen sich erinnert wird, der ist geliebt.

Unser christlicher Glaube, nein ich bin mir sicher, aller Glaube zielt auf zwei wesentliche Eigenschaften: Der Gerechtigkeit in der Welt zu dienen und die Würde jedes einzelnen Menschen wie seine Liebesbedürftigkeit über alles andere hinaus wahr- und ernst zu nehmen. So ist dies die große Hoffnung, die uns der Glaube schenkt: Von Gott gerufen zu sein, diese Welt in seinem Namen zu gestalten und in gleicher Weise von Gott geliebt zu sein mit einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Liebe allerdings, die eines Beweises bedarf, ist schon vom Wesen her fragwürdig und deshalb ist auch der menschlich sicher berechtigte Wunsch eines Beweises der Ewigkeit vom Kern her schon bedenklich. Allein das Wagnis der Liebe vermag eine Möglichkeit zu eröffnen, hinter die Tür des Lebens zu schauen. Von Gottes Seite aus ist diese Offenheit der Liebe uns allen zugesprochen in der Liebestat Jesu. Eben dem Jesus, der in der Liebe zum Vater sein Leben gibt für das Leben der Welt…Predigt am 12. August

Christoph Simonsen

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Die Feier der Eucharistie ist eine immer wiederkehrende Herausforderung

Wir müssen so manches schlucken in unserem Leben, was uns nicht schmeckt. Jede und jeder von uns kennt das und keinem bleibt das erspart. Das mag uns ärgern und vielleicht sogar auch wütend machen, aber es gibt auch andere Runter-Schluck-Erfahrungen, wenn ich das so nennen darf. Wir schlucken unendlich viel runter und merken es nicht mal mehr, geschweige denn, dass wir es schmecken. Morgens schlucken wir unseren Tee oder unseren Kaffee zum Beispiel runter und nehmen den Geschmack gar nicht mehr in seiner Eleganz wahr. Das Zeug soll uns wach und fit machen, Geschmack ist nebensächlich.
Und jetzt stelle ich die unverschämte Frage: Schlucken wir auch Gott einfach so runter wie selbstverständlich? Er ist da, er gehört dazu, er wird von Generation zu Generation tradiert. Das ist ok, denn er ist ja ein ähnlicher Kraftspender und Fithalter, wie eben der Tee oder der Kaffee, eben nur nicht im physischen Sinn, sondern im geistigen. Aber schmecken wir Gott eigentlich noch wirklich? Nehmen wir ihn bewusst als Lebensnahrung für uns wahr?
Was glauben wir eigentlich, wenn wir – wie gleich auch wieder – die Schale mit Brot einander reichen und das Brot in die Hand nehmen, von dem es heißt, es sei das Brot des Lebens? Was heißt das, dass Gott gegenwärtig ist in dieser kleinen symbolischen Scheibe Brot und wieso soll darin eine Kraft liegen, die so stark ist, dass wir davon erfüllt leben können? Was schmecken wir eigentlich, was fühlen wir, wenn wir dieses Brot des Lebens herunterschlucken? Bei diesen Fragen geht es mir nicht um konfessionelle Spitzfindigkeiten, ob Gott real präsent ist in diesem Brot oder nur symbolisch. Hier geht es um die Frage, was ihr und ich glauben, wenn wir dieses Brot essen und den Wein schmecken. Was schmecken wir, wen schmecken wir? Sind das blöde Fragen, überflüssige Fragen, sind es vielleicht zu intime, persönliche Fragen? Wenn wir einen Menschen lieben, dann gibt es da welche, die sagen, der Freund oder die Freundin sei süß. Schmeckt Gott süß oder doch bitter? Ist Gott eher ein Grundnahrungsmittel oder ein Dessert?

Sich solchen grundsätzlichen Fragen zu stellen, finde ich anstrengend. Solche Fragen halten oft auf und nicht selten verunsichern sie auch und bringen das alltägliche Geschehen des Lebens gehörig durcheinander.
Die Menschen, denen Jesus im heutigen Evangelium begegnet, stellen auch Fragen. Über ihre Absichten mag man zweifeln, ob sie wohlwollend gemeint sind oder eher hinterhältig. Aber dass sie diese Fragen stellen und nicht einfach alles an sich und über sich ergehen lassen, sehe ich zunächst einmal positiv. “Wann bist du hierhergekommen? Welches Zeichen tust du?”. Es ist so: Jesus wirft Fragen auf. Die Art und Weise wie er lebt, wie er redet, wie er vor allem von Gott redet. Das übersteigt den Horizont vieler. Wer kann das auch in aller Tiefe verstehen, wenn er sagt: “ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern.”? Ich erinnere mich einer analytischen Aussage Freuds, dass die Psyche des Menschen niemals zufrieden zu stellen sei. Der Glaube an Gott ist eine menschliche Überforderung und muss jedem denkenden Menschen eine Herausforderung sein. Jedes Mal, wenn ich dieses Brot des Lebens in der Hand halte, spüre ich diese Herausforderung, darüber nachzusinnen, was Leben für mich ist. Alles im Leben dreht sich doch um Brot. Zwei Drittel der Menschheit hungert, weil es ihnen am Brot fehlt. Das heißt doch, es ist zu wenig Brotsubstanz in der Welt. Wenn ich das im Blick habe, dann wird mir ein wenig klarer, weshalb Jesus das Symbol des Brotes gewählt hat, um mir und uns zu zeigen, dass er sich und sein Leben an diese Welt verschenken möchte. Brot ist etwas Ungeheures. Es verweist auf die tiefste unerfüllte Sehnsucht des Menschen, auf seinen Hunger nämlich. Brot aus sich heraus allein ist schon heilig. Jedes Mal, wenn ich hier dieses Brot in der Hand halte und sehe, wie auch ihr dieses Brot ehrfürchtig in der Handfläche aufbewahrt, wird mir dies offenbar, dass wir alle hungrig sind nach einer letzten Hoffnung, die über alle Hindernisse des Lebens hinweg trägt. Und jedes Mal, wenn ich während der Kommunionfeier in die Runde schaue, wird mir wohltuend bewusst, dass wir alle den Ort gefunden haben, an dem dieser Hunger gestillt werden kann, nämlich in einer Gemeinschaft von Menschen, die es einander gut meinen.
Vielleicht geht diese Wahrnehmung manchmal verloren. Vielleicht wird – wie so vieles in unserem Leben – dieses Zeichen des gemeinsamen Mahles zu sehr zur Routine. Vielleicht schlucken wir Gott, wie anfangs behauptet, wirklich manchmal so herunter, ohne uns der Überforderung des Glaubens bewusst zu sein. Dieses Gottesgeschenk des Brotes ist für mich jedes Mal aufs Neue eine Überforderung. Und genau das ist die darin sich offenbarende Herausforderung: Das Brot, das ich in der Hand halte und dann esse, ist ein Gottesgeschenk. Dieser Gedanke fordert mich heraus, hinter die vordergründigen Wahrheiten des Lebens schauen zu wollen, und die überragende Wahrheit dahinter zu suchen, dass nämlich Gott das Leben für alle will. Wenn es Gottes Wunsch ist, meinen Hunger zu stillen und meine Hoffnung zu stärken; wenn es sein Wunsch ist, sich mit mir zu vereinen, dann offenbart sich in dieser den menschlichen Geist überfordernden Wahrheit die Herausforderung, genau dies auch zu versuchen, den Nächsten zu sättigen, seine Hoffnung zu stärken und die Menschen zu vereinen. Mit diesem Wunsch aus dem Gottesdienst herauszugehen in den Alltag, ist für mich eine große Herausforderung, auch wenn es immer eine bedrängende Überforderung bleiben wird. Jedes Mal aufs Neue…Predigt am 05. August
Christoph Simonsen

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Hunger grenzt aus

Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht darum, dass die Menschen satt werden sollen, viele Menschen, und im Kontext der beiden gehörten Geschichten soll es sogar darum gehen, dass alle Menschen satt werden sollen. Keiner soll hungern, alle sollen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und es ist auch genug da, aber zu Vieles ist in zu wenigen Händen, was will ein kleiner Junge mit 5 Broten und zwei Fischen.
Das ist eine nüchterne, aber realistische Beschreibung unserer Welt: Da sind Menschen, die hungrig sind, andere die genug haben und wieder andere, die diesen Zwiespalt wahrnehmen und etwas daran ändern wollen.
Es gibt wohl einen gewichtigen Unterschied im Blick auf unsere Lebenswirklichkeit und dem, was in den beiden Schriftworten des heutigen Sonntags dargestellt wird: In der Heiligen Schrift arbeiten alle Hand in Hand zusammen: die Bedürftigen, die Besitzenden und die, die wahrnehmen, was ist in der Welt los ist. Daran müssen wir arbeiten heute, hier und jetzt. Dieses Wunder des Achthabens aufeinander, das müssen wir stärken und die Aufgabe muss uns in Kopf und Herz geschrieben sein: Alle sollen satt werden, alle haben ein Anrecht darauf, menschenwürdig zu leben. Die Geschichten der Heiligen Schrift sind eben nicht in erster Linie heilig, es sind reale Lebensgeschichten. Und sie laden uns ein, nein: fordern uns heraus, unseren Standpunkt in dieser Welt zu finden: Wie wollen wir uns dazu verhalten, dass es Unrecht gibt in dieser Welt? Wir haben die Verantwortung zu schauen, wo wir stehen. Eines ist gewiss: Wir, die wir hier heute beisammen sind, stehen nicht auf der Seite der Hungrigen, vielleicht auf der Seite der Besitzenden, ganz gewiss aber auf der Seite derer, die sich einen Überblick darüber verschaffen können, wie es in unserer Welt aussieht. Wer unter uns hat den Mut zu sagen, dass genug für alle da ist; und wer unter uns lädt ein, alle mögen sich setzen, um zu essen und zu trinken, allgemeiner: um menschenwürdig zu leben?

Am vergangenen Wochenende sind Menschen in München auf die Straße gegangen, Menschen aller Couleur, die ihrer Sorge Ausdruck verleihen wollten, dass unsere Welt an einer neu aufbrechenden Form des Egoismus leidet und darunter zu zerbrechen droht. Sie haben unter anderem Claus-Peter Reisch zugehört, dem Lifeline-Kapitän, der Menschen mit seinem Schiff zur Lebensrettung geworden ist und der nun in Malta vor Gericht steht, weil er unrechtens gehandelt haben soll dadurch, dass er – und jetzt wird es sprachlich ganz gruselig – „ fremdes Menschenfleisch“ an Land gebracht habe. Dieses Wort ist dem italienischen Innenminister aus dem Mund gefallen. Bitterböser kann es nicht versichtbart werden: Weil wir nicht mehr Hand in Hand arbeiten, weil wir immer mehr auseinanderdriften in unserer Welt, weil jede und jeder einzelne nur noch damit beschäftigt ist, ihren/seinen eigenen Hunger zu stillen, deshalb ist unsere Welt so, wie sie sich heute zeigt: halbiert in einen Teil, der hungert und einen anderen Teil, der übersatt ist. Immer mehr wird es bis in unsere Sprachwahl hinein offensichtlich, dass Menschen zu einem Sachverhalt degradiert werden, die notwendigerweise verwaltet und abgewickelt werden müssen.

Ich komme noch mal auf den kleinen Jungen mit den fünf Broten und den zwei Fischen zurück. Er erkennt wohl, dass er zu viel hat für sich alleine und er stellt
ohne viel Aufhebens zur Verfügung, was er hat. Der Text gibt keinen Hinweis darauf, wie er reagiert, als er angesprochen wird: ob er sich genötigt fühlt, von seinem Abendbrot herzugeben oder ob er es aus freien Stücken tut. Auf jeden Fall gibt er her, ohne viel Aufsehens und ohne Widerstand. Er wird gefragt, und er reagiert offenherzig. Dass, was da ist, wird einfach gesegnet – und es genügt. Alle werden satt. Zu der Notwendigkeit eines heilsamen Zusammenspiels der Menschen gehört also noch ein weiteres, wichtiges Merkmal, damit unsere Welt heute wieder für alle zu einem guten Lebensort werden kann. Die Erkenntnis nämlich, Lebens-Mittel sind etwas Kostbares, sie sind des Segens würdig.

In kaum einem anderen Wort der Heiligen Schrift wird es offenkundiger als in diesem: Menschenwürde und Umweltschutz, das sind keine Hobby-Unternehmungen einiger grün-angehauchter Einzelkämpfer, vielmehr sind es die Wesensmerkmale unseres Glaubens. In der Erzählung heißt es dann weiter, dass alle sich hinsetzen. Alle ausnahmslos hatten Vertrauen darin, dass sie nicht sich selbst und ihrem Schicksal überlassen würden, hungrig ihre Wege gehen zu müssen. Das muss unsere Aufgabe sein: So zu reden, zu handeln, zu leben, dass Menschen Vertrauen finden, sich zu uns zu setzen. Wir alleine können sicher nicht alle Erwartungen erfüllen; aber wie gesagt, wenn wir ehrlich und kreativ Hand in Hand arbeiten, dann geht was. Dann kann der Hunger derer, die heute darben ein wenig mehr gestillt werden. Gemeinsam kreativ sein, dem sind keine Grenzen gesetzt. Hunger grenzt aus, teilen verbindet…Predigt am 29. Juli
Christoph Simonsen

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“Erneuerung” will ernst gemeint sein

Ab und zu, da tut es gut, Bilanz zu ziehen; sich etwas Zeit zu nehmen, zur Ruhe zu finden, sich einen Überblick zu verschaffen, wo man denn so gerade steht. Die Frage mag dann in einem aufkommen, ob die Werte noch tragen, nach denen man zu leben versucht, oder ob es überhaupt noch die richtigen Werte sind. In der Wirtschaft nennt man es Inventur, im Berufsleben Coaching, in der Glaubensgemeinschaft Exerzitien. Das tut dem einzelnen gut, aber auch den verschiedenen Gemeinschaften, in denen man so lebt und sich bewegt, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft. Und klar: Das tut auch der Kirche gut. Da passiert im Augenblick ja auch ganz viel. Das ist mir am vergangenen Sonntag bewusst geworden, nach dem Gottesdienst, als ich mit einigen Studierenden ins Gespräch kam. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wie es sich ergeben hat, aber plötzlich stand so ein Satz im Raum, wie: „So kann es doch eigentlich nicht weitergehen“. Und diese Aussage bezog sich auf den Zustand unserer Kirche. Da hat sich ein System verselbständigt, so empfinden viele; mit der Wirklichkeit des Lebens der Menschen hat die Kirche nur noch wenig Kontakt, wenn überhaupt. Da ist auf der einen Seite das Mühen von Papst Franziskus, der Kirche neues Leben einzuhauchen durch synodale Strukturen. Er ist der Überzeugung, dass wir Rücksicht nehmen müssen auf die kulturelle Vielfalt unserer Weltkirche, in der an einem Ende der Welt die Menschen eben anders ticken als am anderen; ganz andere Lebenserfahrungen prägen zum Beispiel einen jungen Menschen, der in Nairobi wohnt als den, der in London zuhause ist. Dieses Ansinnen, den einzelnen Regionen der Welt mehr Eigenständigkeit zu verschaffen, stößt auf gehörigen Widerstand vieler, denen die Angst im Gesicht geschrieben steht, jegliche Veränderung könne die vielbeschworene Einheit der Kirche gefährden. In unserem Gespräch spürte ich so eine gewisse Traurigkeit, aber auch Enttäuschung und auch Zorn angesichts der Frage, ob die Kirche denn in der Tat auch nur ein Machtsystem sei, in dem jeder sein Süppchen kochen will. Und in all dem Gemenge führt Papst Franziskus einen Kampf gegen Windmühlen.
„So kann es doch nicht weitergehen!“ In diesem Augenblick ist mir spontan der Gedanke herausgerutscht: ‚Es wird sich nur etwas ändern, wenn wir uns von der hierarchischen Struktur einer klerikalen Kirche verabschieden und wir uns als Volk Gottes, wir alle also gemeinsam, gleichberechtigt auf den Weg machen. Wir sind viel zu sehr fixiert auf die Ämterstruktur der Kirche und freuen uns viel zu wenig über die große Vielfalt der glaubenden Menschen, die unserer Kirche ein Gesicht geben.
Nun hat in unserem Bistum der Bischof ja gerade einen synodalen Prozess eingeleitet, der denen Gehör verschaffen möchte, die bisher nicht gehört wurden. Ich bin sehr gespannt und neugierig, wie sich dieser Gesprächsprozess entwickeln wird und ob er wirklich etwas zu verändern vermag.
Ja, es muss sich was tun; so wie es ist, so hat unsere Kirche keine Zukunft. Nicht wenige sind ja der Überzeugung, um ihren Glauben zu leben, bräuchten sie gar keine Kirche mehr; dies nicht, weil die Kirche ihnen gleichgültig geworden wäre, sondern weil sie ihnen nicht mehr glaubwürdig erscheint. Das muss uns doch zu denken geben. Ja, es muss sich etwas ändern, grundsätzlich, radikal, von den Wurzeln her.
Was wäre zum Beispiel, wenn nicht ich euch, sondern ihr mir von eurem Glauben erzählen würdet – mir und uns untereinander. Ich bin mir ganz sicher: Das würde ein sehr lebendiges Gespräch werden. Einander zuwenden und erzählen, wie wir unser Leben meistern, was wir erlebt, überstanden, gelernt haben in unserem Leben, und wie in all dem Gott vorgekommen ist – oder eben auch nicht. Da würde die Stunde nicht reichen, die wir uns sonntags Zeit nehmen, um Gottesdienst zu feiern. Gottesdienst verbindet ja immer zwei ganz wesentliche Momente unseres Glaubens miteinander: Zum einen hören wir Gottes Wort und feiern sein Liebesmahl, zum anderen tragen wir eben unser Leben vor Gott und voreinander in den Gebeten, in den Fürbitten. So geht das zusammen: Wort Gottes und Leben von uns Menschen! Im Hören und Erzählen, im Mit-Teilen eben. Glaubensvermittlung ist keine Einbahnstraße; wir können und wir müssen einander von unseren Glaubenserfahrungen erzählen.
Wir hören heute im Evangelium davon, wie Jesus einlädt, von den eigenen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen zu erzählen. Von Dorf zu Dorf sind die Jüngerinnen und Jünger gewandert und sind vielen Menschen begegnet, haben viel gehört und erfahren von den Lebensentwürfen der Menschen. Glaube geschieht in Begegnung. Von diesen Begegnungen haben sie nun einander erzählt.
Ich meine, diese Ermutigung passt gut in unsere Situation und in unsere Zeit. Jesus sendet die Jüngerinnen und Jünger aus, um Erfahrungen zu sammeln, wie die Menschen leben, wessen sie bedürfen, woraus sie leben, und demgegenüber haben sie erzählt von ihren Erfahrungen mit einem Freund, der ganz aus Gott lebt und sie so tief im Herzen reich macht. Ich bin mir sicher, dass da eine ganz große Schatzkiste gefüllt worden ist mit Lebens- und Glaubensgeschichten. Und dann hieß es eben wieder aufzubrechen, weil die Fragen, die Bedürfnisse, die Nöte der Menschen so bedrängend nahe gekommen sind.
Es mag paradox klingen, so schön es ist, sich – wie auch hier heute – der Ruhe hinzugeben, so gewiss ist es auch, dass wir wieder genötigt werden zum Aufbruch. Kirche ist ein Ort, auszuruhen, ganz sicher, Kirche ist ein Ort des Gebetes, mindestens genau so selbstverständlich, Kirche ist aber ebenso wichtig ein Ort der Auseinandersetzung über Grenzen und Schwierigkeiten hinweg. Wessen wir uns heute und morgen noch sicherer werden müssen: Kirche ist nicht Selbstzweck; sie darf niemals sich selbst genügen. Schon gar nicht ist sie Sklavin ihrer eigenen Geschichte. Sie ist Ort, wo Glaube und Leben, wo Gott und Welt einander berühren und einander bereichern. Wo immer sie diesen Auftrag nicht erfüllt, bedarf sie der Erneuerung. Und sie bedarf immer der Erneuerung, weil nämlich wir Kirche sind; und wie würde es um uns stehen, wenn wir stehen blieben? Leben und Glauben muss immer bedeuten: Fort-Schritt, nie Still-Stand, zu viele warten darauf, ernst genommen zu werden mit ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen. Predigt am 22. Juli
Christoph Simonsen

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