Maria Wiertz

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Heute beginnt der Weltuntergang

Am vergangenen Sonntag haben wir ja bereits des Heiligen Martin gedacht, diesem Edelmann, der zwar hoch zu Ross gesessen ist, sich aber nicht zu schade war, herabzusteigen, um einem Bettler die Hälfte seines Mantels zu schenken. So konnte der arme Mann sich wärmen – mitten im kalten Winter. Und ohne ein Geheimnis zu verraten, gleich nach unserem Gottesdienst dürfen wir uns noch einmal in unsere Kindheit zurück beamen, Sankt Martin Lieder singen und uns gemeinsam an der Erkenntnis erfreuen, wie schön es sein kann, wenn Menschen miteinander teilen, was sie haben. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt“ und auch das ist wahr: dann wird allen warm. Könnten wir dann nicht dankbar und zufrieden sein, wenn wir das erreicht haben: Eine Welt, in der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Hand in Hand miteinanderwalten und alle Menschen ohne Klassen- und Rassenunterschiede in Eintracht miteinander auskommen?

Sich dieser Aufgabe zu widmen ist doch Herausforderung genug angesichts einer Welt, in der so viele Menschen buchstäblich erfrieren, verhungern, verdursten und auf vielerlei Weise ausgestoßen am Rande stehen? Diese zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit zuerst überhaupt einmal als einen Makel wahrzunehmen und sich verpflichtet zu fühlen, dem mit allen Kräften entgegenzuwirken, hätten wir damit nicht genug zu tun und eine Lebensaufgabe aufgetragen bekommen – buchstäblich für ein ganzes Leben? Sollen wir uns dann auch noch mit Fragen beschäftigen, die unseren Horizont übersteigen und ins Unendliche führen?

Im ersten Zuhören erscheint es so, als würden uns die heutigen Worte Jesu nicht nur in eine andere Welt führen, sondern darüber hinaus auch in eine Mauer aus Angst und Bitterkeit einengen wollen. Wenn Himmel und Erde sowieso vergehen, was soll uns dann der arme Mann auf der Straße noch kümmern? Wenn sowieso alles Zugrunde geht, was Menschen sich füreinander aufbauen, warum sich dann noch mühen und anstrengen, dann soll doch jede und jeder machen was er und sie will. Zum Schluss werden doch eh alle in einen Topf geschmissen. Wenigstens bis dahin will man sich das Leben so angenehm wie möglich machen.
Weltuntergangsstimmung macht entweder zynisch oder ängstlich, und beide Befindlichkeiten werfen einen auf sich selbst zurück. Ein “Du” oder sogar ein “wir” findet keinen Platz mehr im Kopf und im Herzen; was einzig zählt ist die eigene Haut; nur so kann das Leben für einen noch Sinn machen. Weltuntergang, der ein absolutes Ende bedeutet, macht das Leben zu einem Überlebenskampf. “Nur die Harten kommen durch”. Das einzige, was wir brauchen, sind Schutzanzug und Boxhandschuhe.

Klar, dieses Szenario erschreckt uns alle. Aber spiegelt es nicht doch ein Stück unserer Wirklichkeit wieder? Vielen in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft gleicht das Leben doch einem Kampf, Erster, Bester, Größter, Erfolgreichster, Intelligentester zu sein oder zu werden. Die Qualität des Lebens misst sich an dem Platz, auf dem man steht: vorne oder hinten. Nichts gegen eine gesunde Portion Ehrgeiz und Selbstbewusstsein und auch nichts gegen ein gutes Quantum Leistungsbewusstsein. Aber wenn die Triebfeder all dessen ist, hier und heute deshalb das Beste herauszuholen, weil nur das hier und das heute zählt, dann bleibt nicht aus, dass unsere Erde zu einem einzigen Schlachtfeld wird, wo jeder gegen jeden kämpft.

Der Weltuntergang, den Jesus zeichnet, hat ein anderes Gesicht. Er malt nicht ein Bild vom Ende, sondern von der Voll-Endung. Nicht, dass das Leben an ein unweigerliches Ende kommt, ist vorrangig, sondern dass das Leben vollendet wird. Ohne die letzte Begrenztheit des Lebens zu verschweigen, verheißt Jesus aber darüber hinaus, dass alles Leben eben nicht nur endet, sondern voll-endet im wahrsten Sinn des Wortes. Das Leben endet voll. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus verheißener und geschenkter Zu-Gabe. So, wie der Feigenbaum nicht aus sich selbst heraus Frucht tragen kann, sondern nur, wenn er gepflegt wird, wenn er bewässert und beschnitten wird, so wird auch unser Leben Frucht bringen, wenn wir erkennen, dass wir bei all unseren Fähigkeiten immer auch bedürftige und auch abhängige Wesen sind und wir dann Frucht bringen, wenn wir unsere eigenen Möglichkeiten zu ergänzen bereit sind mit dem, was außerhalb unserer Kraft liegt. Voll-Endung ist kein Endpunkt, den man mit einem Datum benennen könnte; Voll-Endung ist Lebensaufgabe. Wer der Verheißung der Voll-Endung vertraut, der sieht das Leben als Gabe und Aufgabe. Voll-Endung ist Leben hier und jetzt; aber eben nicht einzig darum, das Leben für sich zu krallen und anzuhäufen, sondern um Frucht zu bringen. Frucht, die der Welt, die den anderen schmeckt und die Welt und die Menschen sättigt.
Deswegen sind nicht die Boxhandschuhe und der Schutzanzug die Garanten des Lebens, sondern die offene Hand und das offene Herz.
Der heilige Martin hat dem armen Mann seinen Mantel, mehr noch aber seine offene Hand und sein weites Herz geschenkt. Mir ist der heilige Martin nicht nur eine träumerische Kindheitserinnerung, mit ist er bis heute lebendiger Verweis darauf, dass ein Mensch, der auf die Voll-endung durch Gott vertraut, sich den Menschen und der Welt verpflichtet weiß.
Christoph Simonsen

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Als Mensch sind wir einander verpflichtet

„Lasst uns froh und munter sein und uns heut im Herrn erfreu’n. Lustig, lustig tralalarallalla; heut ist Martins Abend da“. Ich bin mir sicher, dass sich viele an dieses Lied erinnern. Ja, heute ist Martin’s Abend. Und ich hoffe, ihr habt heute frohe Augenblicke erleben dürfen. Dennoch: nein! Das Leben ist nicht lustig. Der Bettler, dem Martin ja bekanntlich einen Teil seines Mantels geschenkt hat, ist mehr als ein Sinnbild dafür, dass sich in unserer direkten Umgebung Menschen aufhalten, denen – um eine Erfahrung der Lesung wiederzugeben – die Vorräte des Lebens ausgegangen sind. Wir brauchen nur vor der eigenen Haustür der Khg zu schauen, da schlafen jede Nacht auf der Veranda des Chico zwei obdachlose Männer. Die Witwe aus Sarépta hat ein vergleichbar aussichtsloses Leben, sie und ihr Sohn: Einmal noch etwas essen, die allerletzten Lebensmittel, die letzten Mittel zum Leben also, genießen – und dann sterben, weil nämlich nichts mehr da ist, was leben lässt. Ob ein halber Mantel auf die Dauer das Leben sichert, ist da mehr oder weniger eine rhetorische Frage. Und auch der Kaffee, den Fr. Wolf oder Eveline oder Beate unseren beiden Übernachtungsgästen früh morgens ab und zu reicht, ist nicht mehr als ein Wermutstropfen, die kalte und ungemütliche Nacht zu beenden. Kurz nach neun, wenn das Chico öffnet, sind die beiden längst verschwunden und während des Tages machen sie sich im wahrsten Sinn des Wortes unsichtbar. Elend und Not will keiner gern sehen. Elend ist unappetitlich, schmutzig und ich selbst musste mich dabei ertappen, dass ich im Gespräch mit anderen zu der Überzeugung gelangt bin, dass die beiden Männer ihre wenige Habe – eine Schaumgummimatratze und einen Müllsack mit ein wenig Kleidung nicht einfach so über den Tag im Gebüsch liegen lassen dürfen. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr schäme ich mich dafür. Diese verdammten Güterabwägungen, was zählt mehr: Das Verständnis für das Einlagern dessen, was den beiden gehört und was das Gelände der Khg hinter dem Chico unschön aussehen lässt, oder eine geordnete Umgebung um unser Zentrum herum, was nicht abschreckend wirkt für unsere Gäste. Was zählt mehr: Der offene Blick auf das Elend unserer Gesellschaft oder eine vorgetäuschte Reinheit, die jeden Mitarbeiter des Ordnungsamtes das Herz höher schlagen lässt? Ich habe mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen für letzteres entschieden – und–dafür schäme ich mich heute, gleichwohl ich weiß, dass es wohl nicht anders geht, wenn wir nicht Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen wollen.

Über die beiden Texte des heutigen Tages ließe sich viel nachdenken und reflektieren. Mir ist heute eines wichtig: Elija und nicht anders Jesus haben etwas revolutionär Wichtiges gesehen und gewürdigt, was alle anderen wohl übersehen haben und auch nicht sehen wollten. Diese Frau hat sich in ihrer würdelosen Lebenssituation eine Menschlichkeit bewahrt, die beispiellos ist: Selber am Rande des Existenzminimums bewahrte sie sich trotzdem einen Blick für die Not anderer. Sie hätte allen Grund gehabt in sich zu versinken, aber sie bewahrte sich einen Blick für die Welt. Elija und auch Jesus haben alle anderen entlarvt, die sich für was Besseres gehalten haben, weil ihr Leben zwar äußerlich sauber und geordnet erscheint, im Inneren aber von Selbstüberschätzung zugemüllt ist.

So viele Gesellschaftssysteme und Ideologien haben sich schon daran versucht, die Armut zu besiegen und nur zu oft ist daraus neues Unrecht erwachsen. Es bleibt wohl die unbeantwortbare Frage im Raum stehen, ob wir je die Armut aus der Welt schaffen können. Was wir aber können: wir können ihr anders begegnen. Wir schließen von der Lebenssituation eines Menschen auf seinen Charakter, auf seinen Bildungsgrad, ja sogar auf seinen Wert in unserer Gesellschaft. Wenn wir in Erwägung ziehen, dass sich hinter der Fassade der sichtbaren Armut ein bewundernswerter Mensch verbirgt, ein Mensch, der sich seine Menschlichkeit bewahrt hat, ein Mensch, der nicht anders als man selbst Teil eines Ganzen ist, einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft und der in sich die gleiche Sehnsucht trägt wie man selbst, nämlich wahrgenommen und beachtet zu werden, dann, ja dann ist der erste Schritt getan, Armut nicht als ein Schicksal wahrzunehmen, das den einen ereilt und die andere – Gott sei Dank – nicht, sondern Armut als das anzusehen, was sie ist: ein menschliches Unrecht, dem jeder Mensch entgegenwirken kann, indem er tut, was menschlich ist. Und menschlich ist es, immer im anderen den Menschen zu sehen. Diese Menschlichkeit hat sich die Witwe aus Sarepta bewahrt und auch der Bettler am Straßenrand, der in Martin nicht zuerst den Ritter, den ‚hoch-zu-Ross-Sitzenden‘ gesehen hat, sondern auch den Menschen. Die Bereitschaft, die Fähigkeit zu teilen beginnt mit dieser Erkenntnis: Als Mensch sind wir einander verpflichtet, nicht mehr und nicht weniger.
Christoph Simonsen

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Es braucht eine andere Kirche

Wozu braucht es Glaubensgemeinschaften? Welchen Zugewinn an Lebenssinn und Lebensqualität hat ein Mensch, der sich einer Gemeinschaft von Glaubenden anschließt? Als erstes würde man vielleicht sagen: Ein solcher Mensch ist nicht allein; er darf sich aufgehoben wissen in einer solidarischen, einander tragenden Gemeinschaft. Als zweites wäre wohl der Gedanke da: Jeder und jedem ist der Zuspruch gewiss: da ist ein Gott, der ihr und ihm vorbehaltlos zugetan ist.
„Schön wär’s“, sagen allerdings heute viele andere, die sich enttäuscht, entsetzt, angewidert abwenden, weil sie genau gegenteilige Erfahrungen gemacht haben oder leidend immer noch machen. Gründe dafür gibt es genügend: Eine Minderheit von mehr oder weniger im Leben stehenden Männern sieht sich von Gottes Gnaden her berechtigt, über Privatestes der Menschen urteilen zu können. Das Gebaren der Hirten, die ihr Dien-Amt in einer Weise verstehen, dass hinter dem Amt der Mensch total verschwindet, trägt auch nicht gerade dazu bei zu erkennen, dass sich das Göttliche gerade im Menschlichen offenbart. Was im Augenblick in unserer Kirche passiert, ist mit Worten eigentlich gar nicht mehr zu beschreiben. In Rom entscheiden 280, die Lebensmitte zumeist schon längst überschrittene Männer – und nur Männer – über das, was Jugendliche und junge Erwachsene zu interessieren hat; eine päpstliche Behörde, die sich „Bildungskongregation“ nennt, verweigert ein offenes und verantwortetes Forschen in der Theologie und bezeugt damit eindringlich, dass ihr die Bildung von Menschen schnurzpiep egal ist; ein deutscher Bischof setzt private Beziehungen zur Landesregierung ein, um einen Mann – wieder also ein Mann – seines Vertrauens (der auch noch aus seinem Bistum kommt) in einer theologischen Fakultät einzuschleusen und diskreditiert damit nicht nur einen anderen Wissenschaftler sondern auch das Entscheidungsgremium einer ganzen theologischen Fakultät. Das alles wird dann zugekleistert mit Sonntagssprüchen wie, man müsse sich vom Klerikalismus verabschieden und weltoffener den Lebenswirklichkeiten der Menschen entgegenschauen.
Ihr seht, ich rege mich maßlos auf und ehrlich gesagt, macht mir diese Kirche, die doch eine einfühlsame und auf Gott vertrauende Religionsgemeinschaft sein möchte, heute nicht nur Bauchschmerzen, sie bereitet mir geradezu Magengeschwüre. Da wundert man sich, dass die katholische Kirche immer überflüssiger wird in einer Gesellschaft, die so viele existentielle Fragen umtreibt und jede Unterstützung gebrauchen könnte, in der Sorge, das Menschliche nicht zu verlieren. Eine Religionsgemeinschaft: offen, einladend, zur Suche einladend, was Leben lebenswert macht, ist heute notwendiger denn je. Menschen zu verbinden, sie zu stärken in ihrer Persönlichkeit, ihnen in der Sinnsuche begleitend, nicht bevormundend zur Seite zu stehen. Auch in der Wissenschaft ist die Kirche alles andere als überflüssig. Sie könnte ermutigen, frei zu fragen und zu suchen, was dem Menschen wohl tut, was die Schöpfung Gottes lebendig hält; sie könnte vorangehen in der Gewissheit, dass wir keine Angst zu haben bräuchten im Blick auf die Zusage Gottes, mit uns zu gehen. Aber was macht unser Verein? immer genau das Gegenteil von dem, was ihre Stärken sein könnten. Sie isoliert sich selbst, bevormundet Gott und die Welt und kreist selbstverliebt um die, die sich Hirten nennen.
Ich erlaube mir heute, so impulsiv zu schnauzen und zu kritisieren, weil mich Bartimäus dazu ermutigt. Er schreit hinter Jesus her, und dabei ist ihm die wohlfeine Gemeinschaft der Jünger völlig egal. Was die von ihm denken, wird schnell klar; ruhig soll er bleiben, seiner Rolle gemäß am Rand stehen bleiben. Aber Bartimäus ist sich sicher, dass er dazu gehört, zur Gemeinschaft der von Gott Geliebten. Da mögen die etablierten Jünger sich noch so sehr darüber aufregen und versuchen, ihn mundtot zu machen. Bartimäus lässt sich nicht rauskicken. Blind, wie er ist, weist er die Gemeinschaft der Getreuen zielstrebig darauf hin, woran es ihnen mangelt: An dem Selbstverständlichsten, was Gott dieser Welt geschenkt hat, dass nämlich alle in gleicher Weise teilhaben an seiner Gnade und dass diese Teilhabe verpflichtet zu einer von jeglicher Rangordnung befreiten menschlichen Gemeinschaft. Sehvermögen, Hörvermögen, Mobilität ist wesentlicher Bestandteil dafür, teilhaben zu können am Ganzen. Und Bartimäus ist sich gewiss, als einzelner zur Gesamtheit dazuzugehören. Die Jünger Jesu bezweifeln das. Sie wollen ihn mundtot machen; erst durch die Intervention Jesu lassen sie sich eines Besseren belehren. Das muss man ihnen immerhin lassen: sie sind lernfähig. Jesus macht den Jüngern unmissverständlich klar: Der Schreihals gehört dazu, ohne ihn ist die Gemeinschaft nicht komplett. Der Aufschrei des Bartimäus: „Ich will wieder sehen können“ und der darin beinhaltende Wunsch, teilhaben zu können an der Gemeinschaft, verhallt nicht ins Leere. Jesus hört ihn und die Jünger müssen ihn respektieren.
Diese Glaubensbotschaft ermutigt mich, aufzuschreien. Aber einer allein genügt nicht. All die bisher still-Gestellten, die Abgewandten, die außen-vor-Stehenden, die von der Gemeinschaft Ausgesonderten: Sie müssen aufschreien, damit die zur Jüngerschar gehörenden aufmerken und umdenken, umschwenken. „Hab Mut, steh auf, er ruft dich“. Die Glaubensgemeinschaft muss erkennen, dass genau die auch dazu gehören, die von ihnen bisher links liegen gelassen wurden. Ansonsten… Aber das will ich mir gar nicht vorstellen. Irgendwie vertraue ich dann doch auf den, dessen Frage mich bis heute bewegt und berührt: „Was willst du, das ich dir tun soll,“ und geb die Hoffnung nicht auf, dass die inzwischen so blind gewordene Kirche den Mut hat, die Bitte auszusprechen: „Herr, ich will wieder sehen können“.
Christoph Simonsen

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Gebt dem Tod seine Würde zurück

Es kommt nicht oft vor, dass man von einem Theaterregisseur zu einer Premiere eingeladen wird. Deshalb kann ich mich auch bis heute noch so gut an diesen grandiosen Abend im Bochumer Schauspielhaus erinnern. Heiner Müller’s Drama „Germania Tod: Berlin“ wurde aufgeführt. Ich hab mich an diesen unvergesslichen Abend diese Woche auch deshalb erinnert, weil ja gerade im Fernsehen die große Serie „Babylon Berlin“ gezeigt wird. Die Fernsehserie wie auch das Theaterstück ermöglichen einen düsteren Blick in die deutsche Geschichte.
in dem Drama von Müller sind einzelne aufeinanderfolgende Szenen aufgereiht, die jeweils unabhängig voneinander sind und Augenblicke der deutschen Geschichte interpretieren. Und in all diesen unterschiedlichen Szenen gibt es eine verbindende Persönlichkeit, die immer wieder in Erscheinung tritt – manchmal ganz leise, unauffällig, dann wieder plötzlich unerwartet mit großem Getöse, aber auch heiter und spielerlisch, dann wieder sarkastisch und plump. Immer wieder betritt er die Bühne, mal von vorn, mal von hinten, von rechts oder links, einmal sogar mit einem Seil von oben: der Sensemann. Der Tod ist ständig präsent auf der Bühne. Die politische Botschaft des Schriftstellers, der ja der linken Szene der ehemaligen DDR entstammte, war eindeutig: Deutschland hat immer wieder den Tod in die Welt hinausgetragen, angefangen beim tödlichen Streit der Nibelungen über die Kleinstaatenkriege hin zu den beiden Weltkriegen, ja sogar bis zu den politischen Auseinandersetzungen während des Nato-Doppelbeschlusses in den siebziger und achtziger Jahren. Der Tod spielt immer mit.

Und der Schriftsteller hat Recht damit. Der Tod ist nicht nur biologisch unausweichlich, er ist nicht nur schicksalhaft, viel zu oft ist er auch schuldbeladen. Es ist wie in dem Schauspiel: Irgendwie spielt er immer eine Rolle; man mag ihn in die Ecke stellen, man mag ich durch Siegesgeschrei überbrüllen wollen, man mag ihn sich zuweilen wegtrinken, man mag ihn aufs Mittelmeer verbannen, wo keine Kameras ihn dokumentieren können, man mag ihn an den Rand der Großstädte verbannen in noble Seniorenresidenzen, man mag ihn umbenennen dadurch, dass die Krankenkasse jetzt Gesundheitskasse heißt: Das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen den Tod anderer zu verantworten haben. Er mag noch so schnell wieder vergessen sein, wir können sicher sein, dass er uns wieder einholt.

Jonas, der Student, der sich Anfang dieses Jahres das Leben genommen hat: ich hab seiner im März hier im Gottesdienst gedacht. Wenn auch konkret kein anderer seinen Tod zu verantworten hat, so ist doch unzweifelhaft, dass er gestorben ist, weil ihm das Leben in dieser konkreten Welt zu schwer geworden ist. Wer erinnert sich heute noch an ihn? Der Journalist, der im Hambacher Forst ums Leben gekommen ist: auch seiner wurde hier im Gottesdienst bedacht. Gar nicht lange her, ein paar Wochen erst, aber wer hätte ihn heute noch im Gedächtnis? Zwei junge Iraner, die im Winter letzten Jahres in ihrer Heimat gehängt wurden wegen ihrer Homosexualität. Längst vergessen! Die ermordeten Männer, Frauen und Kinder der muslimischen Minderheit der Rohingya in Bangladesch. Weiß jemand heute noch von Ihnen? Die Christinnen und Christen in Saudi Arabien die bis heute verfolgt und aus fadenscheinigen Gründen hingerichtet werden. Ein Dreizeiler wert und vergessen. Der Tod ist immer dabei und so tragisch er ist, so vermeidbar ist er oft auch, weil er von uns Menschen zu verantworten ist. Natürlich nicht von uns persönlich, aber wenn ich so sagen darf, von unserer Spezies: der Menschheit an sich. Ich will hier sicher nicht einer kollektiven Schuld das Wort reden, worauf ich hinaus möchte, ist etwas anderes. Es bedarf heute und eigentlich immer so etwas wie einer kollektiven Scham. Scham und Ehrfurcht braucht es, damit der Tod wieder den Stellenwert im Leben erhält, den er verdient: Der Tod ist der Moment im Leben, in dem sich alles Leben verdichtet und in Würde seinen Höhepunkt findet als Hinübergang auf Gott hin. Die Toten, jeder einzelne und die unzähligen Vielen sind unserer Ehrfurcht würdig und wir Lebenden müssen uns dank einer ehrlichen Scham immer wieder neu unserer Verantwortung bewusst werden. Aber was noch wichtiger ist: in solch einer Ehrfurcht hätte Gott eine Chance. Er hätte die Chance, uns berühren zu können. Menschen, die sich der Hybris hingeben, über Leben und Tod entscheiden zu können, kann Gott nicht berühren.

„Lass uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit“. Diese Offenheit auf Gott hin ermöglicht es, die Chance der menschlichen Schwäche zu erkennen. Diese Offenheit auf Gott hin ermöglicht es, dem Tod Würde und Respekt entgegenzubringen und ihn nicht mehr als Mittel eigenen Machterhalts wahrzunehmen. Gott zeigt Mitgefühl dem gegenüber, der schwach ist.

Der Hebräerbrief ist wohl in der Sprache wie auch in seinen Gedanken der schwierigste Text in der Heiligen Schrift. Er gilt als der Text, der am tiefsten die Menschwerdung Gottes reflektiert. Gott ist immer der Andere, der Unbegreifliche, der außerhalb alles Weltlichen Existierende. Und zugleich ist er der Nächste, der Solidarischste, der Vertrauteste. Er ist der, der dem Menschsein am nächsten kommt und zugleich ist er der, der dem Menschen am wahrhaftigsten zeigt, wie unmenschlich er – der Mensch – ist, indem er – Gott – uns in vollkommener Weise das Menschsein vor Augen führt. Jedem Lebewesen möchte Gott ein unverwechselbares Leben wie auch ein nicht fremdbestimmtes Hinübergehen in die Himmel schenken. Jeder Tod, jedes Sterben, das verursacht ist durch Menschenhand aufgrund von Machtüberschätzung, Besitzanspruch und Egoismus ist ein Eingriff in die Hoheit Gottes. Jeder Tod aber, der würdevoll und dankbar ein Leben an sein Ende bringt, ist ein Hinweis auf das Erbarmen und die Gnade Gottes, und den Lebenden die Hilfe gewährt, dem Leben wie dem Tod mit Ehrfurcht und Respekt zu begegnen. Die Geschichte der Welt schenkt uns auch dafür konkrete Beispiele: Zum Beispiel das Leben und Sterben des Erzbischofs Oscar Romero, der in diesen Tagen heiliggesprochen wurde. Er ist erschossen worden von Soldaten, weil er die Würde der Ärmsten in seinem Dienst hervorgehoben hat. Die vielen unwürdigen Tode, die die Menschheit zu verantworten hat: Sie mögen uns heute Mahnung sein, Leben und Tod in gleicher Weise die Ehre zu erweisen, die sie verdienen.
Christoph Simonsen

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Fragen: Was und wie und wo

Da ging der Mann „traurig weg“. Und ich geh am besten gleich hinterher. Denn auch, wenn ich kein großes Vermögen habe, so besitze ich doch einiges: Kunstwerke zum Beispiel, von denen ich mich nie trennen würde; zudem fahre ich zweimal im Jahr in Urlaub, ich liebe gutes Essen und besuche gern ausgezeichnete Restaurants. Wenn ich auch nicht viel auf der hohen Kante habe, arm bin ich auf jeden Fall nicht und wenn ich sicher auch nicht geizig bin, so habe ich dennoch nicht den Ehrgeiz, meinen Lebensstil grundsätzlich ändern zu wollen. Die Konsequenz scheint also klar: Ich muss draußen bleiben, ich Kamel bin zu groß und zu behäbig für den Weg ins ewige Leben. Was ich hier sage, das meine ich sehr ernst, das ist jetzt kein Stilmittel für diese Predigt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Auftrag Jesu, alles zu verkaufen und es den Armen zu geben, überfordert mich. Versteht mich bitte nicht falsch, ich geb gern, aber ich vermag nicht, alles zu geben und es gibt Dinge, die würde ich nie freiwillig hergeben. Was also bleibt anderes, als zu Schweigen zu diesem Evangelium?
Andererseits habe ich vor diesem Mann eine sehr hohe Achtung. Sein Mut, nach den eigenen Lebenszielen zu fragen, seine Ehrlichkeit, mit den Tatsachen wahrhaftig umzugehen, die berühren mich. Ihn muss die Frage schon sehr unter den Nägeln gebrannt haben, man spürt geradezu seine Not. Er will wirklich seinem Leben Tiefe geben und Perspektive: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Er läuft auf Jesus zu, rennt, kann es kaum abwarten, eine Antwort zu bekommen; fällt vor Jesus auf die Knie, es bleibt offen, ob als Zeichen der Demut oder weil er einfach aus der Puste ist. Von der Beantwortung dieser einen Frage scheint alles abzuhängen: sein Leben, seine Zukunft, einfach alles. Er ist wirklich beseelt von dieser einen Frage: Was gibt meinem Leben Zukunft.
Wir wissen, wie die Begegnung mit Jesus endet: traurig und zerknirscht geht der Mann weg. Er war doch so guten Mutes, die Begegnung mit Jesus zu suchen. Die erste Antwort Jesu hat ihn noch bestärkt: Er hat vieles richtig gemacht; er hat ein verantwortungsvolles Leben geführt bisher und untadelig gelebt. Aber dann trifft es ihn knüppelhart: „Verkaufe alles, was du hast und geb es den Armen…“ „Da ging er traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen“.

So unbefriedigend die Begegnung endet, so sehr bin ich doch davon überzeugt: Die Haltung dieses Fremden könnte so etwas wie ein Semesterprogramm werden für uns: Die Erzählung des heutigen Evangeliums ruft uns dazu auf, uns an die Frage heranzutrauen, wie wir dem eigenen Leben Sinn geben können und wie wir eine Perspektive in unserem Leben finden können, die dankbar werden lässt gegenüber dem Leben. Natürlich stellen wir auch immer wieder Fragen, suchen immer wieder nach Antworten. Wir forschen nach dem, was unser Leben sicherer, nachhaltiger werden lässt. Aber stellen wir wirklich die richtigen Fragen. Stellen wir die Fragen, die uns bewegen, das Wertvolle, das Schöne, das Unvergängliche und Ewige des Lebens suchen? An den Hochschulen ist das Fragen und Suchen Alltagsgeschäft. Aber sind die Hochschulen alleine die richtigen Orte, um die richtigen Fragen zu stellen?
„Ich betete, und es wurde mir Klugheit gegeben; der Geist der Weisheit kam zu mir. Ich zog sie Zeptern und Thronen vor“. Wir hörten eben diese Worte aus dem Buch der Weisheit. Nun tragen Rektoren und Professoren sicher heute keine Zepter mehr und sitzen auch nicht auf Thronen. Aber es ist glaub ich nicht abwegig zu behaupten, dass sie manchmal so tun als ob. Wissenschaftliches Arbeiten ist nicht Vielen das wesentlichste Lebenselixier, aus dem heraus sie ihr persönliches wie ihr öffentliches Leben gestalten. Und derer gibt es noch viele andere innerhalb und außerhalb unserer Hochschulen: Menschen, die uns Ratschläge geben, welche Fragen zu stellen sind. Dabei bleibt doch virulent, ob dies die wirklich richtigen Fragen sind.
Weisheit und Klugheit sei notwendig, die Fragen aufkommen zu lassen, die wirklich wichtig sind. Weisheit und Klugheit ist aber etwas grundsätzlich anderes als Effizienz und Erfolgsversprechungen. Die Fragen, die uns wirklich in die Tiefe des Lebens führen, die erwachsen in der Stille – das Buch der Weisheit sagt ‚Gebet‘ dazu. In der Stille, in der Konzentration auf sich selbst und auf Gott hin, da finden sich die Fragen, die uns helfen das zu entdecken, was wirklich leben lässt. Die wirklich wichtigen Fragen entwickeln sich in uns selbst, wenn wir – wie es so schön heiß – in uns gehen. In der zweckfreien Zeit, wo nichts getan, nichts gedacht, nichts gesagt werden muss, wo ich einfach nur bin, wo ich vor Gott bin und bei mir bin, da tun sich die Fragen auf, die Leben in Bewegung bringen, nach vorne bringen.
Dieser außergewöhnliche Mensch Jesus, der in so außergewöhnlicher Weise aus der Beziehung zu Gott gelebt hat, dass sein Leben immer nur Vorbild sein kann im Wissen darum, dass kein anderer so konsequent zu leben vermag wie er: Dieser Jesus nun gibt dem Mann einen Ratschlag, der jeden überfordern muss, so wie er diesen wohlmeinenden Mann und mich und uns überfordert. „Geh verkauf alles, was du hast und geb es den Armen“. Aber er tut dies, so heißt es ausdrücklich, weil er ihn liebte. Weil er ihn liebte, überfordert er den Mann maßlos mit dieser Aufforderung, wohlwissend, dass diese maßlos ist. Nun geht der Mann traurig weg; aber wo geht er hin? Einfach so zurück in sein bisheriges Leben? Das glaub ich einfach nicht. Die maßlose – wenn auch liebevolle – Herausforderung Jesu wird diesen Mann begleitet haben. Er wird ins Nachdenken gekommen sein, vielleicht ins betende Nachdenken. Und er wird – da bin ich mir sicher – zweierlei erkannt haben: Zum einen: Haben bedeutet nicht automatisch leben. Zum anderen dann: Vertrauen und Liebe schenken eine grenzenlose innere Freiheit. Mit diesen beiden Erkenntnissen werde ich nun weggehen, in diesen Gottesdienst hinein und in das neue Wintersemester 2018/2019 und schauen, welche Fragen sich daraus für mich erschließen werden: Fragen aus mir heraus, Fragen, die meinem Leben eine Richtung geben auf die hin, die auch leben wollen, so wie ich.
Christoph Simonsen

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