Sich der Verantwortung entziehen?

Wenn man Verbindendes zwischen den Ereignissen dieser Woche -Eröffnung der UN-Klimakonferenz (COP 23) in Bonn, Zwischenbilanz der Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition und das Martinsfest am 11. November- sucht, so ist es vielleicht der Begriff der Verantwortung.

Nach mühsamen Verhandlungen und erst unter dem Eindruck der ersten sichtbaren und spürbaren Folgen des Klimawandels (Anstieg der Meeresspiegel, zunehmende wetterbedingte Naturkatastrophen und des messbaren Anstiegs der Erderwärmung) verpflichteten sich die Unterzeichner-Staaten auf dem Klimagipfel 2015 in Paris darauf, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Es fehlten jedoch konkrete Regelungen zur Zielerreichung. Die COP 23 hat nun die Aufgabe, diese als „Regelwerk“ mit Textvorschlägen zu erarbeiten, das in einem Jahr auf der Folgekonferenz in Polen verabschiedet werden sollen. Dabei steht die Konferenz unter dem Druck der rasanten Erhöhung des CO2-Gehalts in der Erdatmosphäre und von weltweit 24 Mill. Umweltflüchtlingen (2016).

Trotz der Einigung von Paris, das von allen UN-Staaten (Syrien ist in dieser Woche beigetreten) getragen wurde, ziehen sich nun die USA, nach Regierungswechsel, aus der Verantwortung, indem sie die menschliche Beteiligung am Klimawandel leugnen und deshalb Selbstverpflichtungen auf gemeinsame Ziele zur CO2-Reduktion ablehnen.

Nach der Bundestagswahl haben vier Parteien die Verantwortung gegenüber den Wählern übernommen eine regierungsfähige Koalition zu bilden. Dazu müssen sie Abstriche von ihren Wahlversprechen machen und manche parteiideologische Barrieren und personelle Egoismen überwinden. Damit tun sich alle Beteiligten schwer und argumentieren oft mit dem von ihnen postulierten Wählerwillen. Wenn diese vier Parteien die Koalitionsverhandlungen scheitern lassen, aus der Verantwortung für eine regierungsfähige Mehrheit demokratischer Parteien fliehen, würden Neuwahlen und neue Koalitionsverhandlungen über Monate die Politik in Deutschland lähmen und dringend notwendige Entscheidungen -auch zu den Klimamaßnahmen- verhindern.

Martin, vor seiner Taufe römischer Soldat und fasziniert von der christlichen Lehre, verweigert für die ihm unterstellten Soldaten den Kriegseinsatz gegen die Germanen und will aus dem Dienst entlassen werden. Seine Begründung ist, er sei kein Soldat des Kaisers mehr, sondern Soldat Christi. Nach einer Zeit als asketischer Mönch, der besonders den Armen und Unterdrückten zugetan war, soll er zum Bischof von Tour geweiht werden. Aber er versucht vor diesem Amt zu fliehen, weil er sich für unwürdig findet. Der Sage nach verraten die Gänse, in deren Stall er sich versteckt, ihn durch lautes Geschrei (daher der Brauch des Gänsebraten-Essens an St. Martin). Als Bischof übernahm er politische Verantwortung in der Vermittlung zwischen römischer Besatzungsmacht und dem Frankenreich und setzte sich besonders für die Armen und Unterdrückten ein.

Als Christen sind wir herausgefordert Verantwortung für die Welt und für die Gesellschaft in der wir leben zu übernehmen. Wir sollen uns einsetzen für ein gutes Leben in Freiheit und Würde für alle auf diesem uns zur achtsamen Gestaltung und zur Bewahrung der göttlichen Schöpfung zur Verfügung gestellten Lebensraum Erde. Nur dann sind wir als Christen glaubwürdig.

Verantwortung übernehmen heißt sich öffentlich positionieren, sich outen, mit Ängsten, mit Fakten und vor allem mit realisierbaren Visionen.
Verantwortung übernehmen heißt in gleichem Maße aber auch konsequent der Vision entsprechend und den Vereinbarungen gemäß handeln. Das verlangt die Glaubwürdigkeit.

Ich glaube, das ist das Problem unserer Politiker und Kirchenleute, dass sie diese persönliche Glaubwürdigkeit vermissen lassen, anders als Martin, der deswegen heilig genannt wird, weil er sich sowohl politisch als auch persönlich seiner Verantwortung als Mensch und Christ gestellt hat. Das Bischofsamt wollte er nicht haben, man musste es ihm aufzwingen. Die Chancen in diesem Amt sich für ein gutes Leben für alle Menschen einzusetzen und Frieden zwischen den Völkern und Parteien zu wirken hat er erkannt – und genutzt zum Wohle aller.

Lasst uns also Verantwortung übernehmen, vielleicht noch zögerlich und unsicher, ob wir ihr gewachsen sind, in jedem Fall aber konsequent und glaubwürdig.

GS – 8. Nov 2017