Der zerbrochene Spiegel

Lange Zeit konnte ich, konnten wir, konnten die Politiker, Industriellen und Wirtschaftsführer den Klimawandel leugnen, ignorieren, verdrängen, obwohl die UN-Studie Global 2000 diese bereits Ende der 70er Jahre vorhersagte. Ja, um uns herum waren kleine Veränderungen spürbar: Wetterextreme, weniger Insekten und Vögel, Verschiebung der jahreszeitlichen Trocken- und Regenperioden, …
“Aber das gab’s doch immer mal wieder. Der Sommer, der nicht so wirklich ein Sommer war und der Winter, der zu warm war.”
Unsere Wahrnehmung spiegelte, was wir sehen wollten, eine intakte Umwelt, eine heile Welt. Und außerdem gab’s ja auch noch die Urlaubsparadiese, um uns an unberührter Natur erfreuen zu können.
Aber der Klimawandel ließ sich nicht länger leugnen, obwohl unser Wunsch-Spiegel nach wie vor anderes suggerierte.
Wie immer spürten es die armen Regionen des globalen Südens als erstes durch Ernteausfälle und Überschwemmungen; sie protestierte, aber der Protest wurde ignoriert. Al Gore der damalige US Vizepräsident veröffentlichte 2006 den Film “eineunbequemewahrheit” als “globale Warnung”. Die Reaktionen in den USA und zum Teil auch in den Industrienationen waren meist ignorant oder fatalistisch und unser Wunschspiegel zeigte ja weiterhin “Heile Welt”. Aber die Spiegelfolie zeigte erste Risse.
Mit Ignoranz des Klimawandels ließen sich 2016 noch die Präsidentschaftswahlen gewinnen und in der Konsequenz der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen vom Dezember 2015 einleiten.
“Wer nicht hören will, muss fühlen” könnte jetzt die hämische Reaktion auf die größte Unwetterkatastrophe seit Jahrzehnten in Texas sein (das Sufix Un- ist ja auch ein Etikettenprodukt unserer Spiegel-Sicht). Aber nein, eher ist Trauer und Solidarität mit den Opfern der US-Klima-Politik angebrachter, obwohl Donald Trump auch diese Solidarität noch euphemisierte als große Solidaritätsleistung des amerikanischen Volkes und so von dem Anlass als Folge des globalen Klimawandels abspaltete.
Jesus sagte vor 2000 Jahren zu seinen Zuhörern, die sich als Wetterkundler sahen: “Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?” LK 12, 54-57
Der Spiegel unserer Welt-Illusion ist zerbrochen und zerbrochene Spiegel sind nicht zu reparieren. Wir müssen uns den Realitäten stellen die der Spiegel bisher verdeckt hat und umgehend entsprechend handeln, indem wir (mindestens) die Vereinbarungen der Pariser Klimakonferenz vollständig umsetzen in weltweitem, solidarischem Handeln, um diese “wonderful world” (siehe Unterbrechung-Mittendrin vom 22.8.2017) auch für unsere Nachkommen lebenswert und schön zu erhalten. GS 29. August 2017